Viele Menschen sitzen an einer Sommertafel und feiern bei einen Abendessen. Dabei prosten sie sich zu.

kultur*letter #27 – Wie belastbar ist eine Gesellschaft?

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Diese Woche habe ich für dich weniger Termine kuratiert als sonst, dafür aber mehr Diskussionsstoff. Passend zum Wochenende, passend zu dir. Da nicht alles in diesen einen Text hier hineinpasst, gibt es die ausführlichen Texte nun unter den jeweiligen Links zum Weiterlesen und Vertiefen.

Eine Nachricht jagt die nächste. Das Gefühl des Weltchaos ist nicht neu, sondern verdichtet sich nur immer weiter. Wo sind eigentlich die guten Nachrichten? Aber das ist ein anderes Thema. In der letzten Woche dominierten für mich drei Erzählungen: Leistungsfähigkeit, Kontrollverlust und Selbstbehauptung.

Gesellschaftlich ging es dabei fast immer um Sicherheit im weiteren Sinne. Themen waren unter anderem wirtschaftliche Stabilität, soziale Gerechtigkeit, viele anstehende Reformen, das Vertrauen in die Politik und die Frage, ob der Staat überhaupt noch handlungsfähig ist. Die britische Presse urteilt hart über den deutschen Kanzler: Deutschland zerfalle leise. Das fand ich ziemlich erschreckend, nicht weil es falsch ist. Zwischen Absicherung und Ermüdung, zwischen Sprachlosigkeit und Ohnmacht bewegt sich die deutsche Gesellschaft derzeit. Nicht die lautesten Streitpunkte sind das eigentliche Thema. Es geht um die Frage, wie viel innere Belastbarkeit eine Gesellschaft noch hat.

So viel erst einmal zum Rückblick, der für mich gleichzeitig auch den Ausblick bestimmt. Denn diese Woche beginnt für mich mit der Frage, was Verantwortung bedeutet, wenn Ohnmacht zum Normalzustand wird.

Demokratie und Verantwortung

Anfang Juli nahm ich an einem Webinar zur Vorstellung einer neuen Studie zur Verantwortungskultur in Deutschland teil. Im Mittelpunkt stand die Frage: „Was braucht es, damit Menschen Verantwortung übernehmen?” Denn obwohl wir viel über Verantwortung reden, meinen wir dabei meistens die der anderen. Verantwortung wird gerne beschworen, aber selten selbst übernommen. Die Ergebnisse der Studie und meine Gedanken dazu habe ich in einem eigenen Text ausgeführt. Verantwortung: Wer trägt sie, wer nicht?

Für mich beginnt Verantwortung auch bei den kleinsten Formaten. Letzte Woche habe ich die Petition gegen die Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes unterschrieben, diese Woche die Petition für ein Verbot der AfD. Allein wird die Last oft zu schwer. Gemeinsam werden wir lauter, und genau diese Gemeinschaft wird immer seltener. Die brauchen wir jetzt aber dringender denn je.

Konkreter wird Mitbestimmung gerade bei einer kleinen, schönen Aktion. Der Rat der Europäischen Zentralbank hat zehn Entwürfe für die neuen Euro-Scheine vorgestellt, fünf mit Vögeln und Flüssen, fünf mit Personen und Kultur. Auf der Vorderseite sollen bedeutende europäische Persönlichkeiten oder Vögel zu sehen sein. Auf der Rückseite sind EU-Gebäude und Szenen aus der europäischen Kultur zu sehen, zum Beispiel Bibliotheken oder öffentliche Plätze. Bis die Scheine im Portemonnaie landen, werden noch Jahre vergehen. Dafür sollen neue Sicherheitsmerkmale sie besser vor Fälschung schützen. Über die Website der EZB kann jeder seine Favoriten wählen. Meine Tochter hat mir den Link geschickt und ich habe sofort meine Stimme abgegeben. Sie findet die Scheine mit den Vögeln gut, denn das erinnert sie daran, wie wichtig unsere Umwelt und Natur sind. Ich finde, das ist ein toller Gedanke. Hier gehts zur Umfrage.

Diese Designs stehen zur Auswahl. Screenshots des 5-Euro-Scheins aus der Umfrage.

Senat spart, UdK Berlin blutet aus

Wirklich sprachlos gemacht hat mich letzte Woche der Sommerrundgang 2026 der Universität der Künste (UdK) Berlin. Der diesjährige Rundgang war nicht nur ein Fest der Abschlussarbeiten, sondern spiegelte auch die Situation einer Institution wider, die unter politischem Sparzwang ächzt. Statt uneingeschränkter Öffnung von Ateliers, Werkstätten und Bühnen gab es strenge Auflagen für die Abschlussparty, verkürzte Öffnungszeiten und Protestaktionen. Mehr dazu in meinem Artikel: Was ist da los in Berlin – UDK-Rundgang 2026?

Zwei Antworten auf diese Sprachlosigkeit habe ich in den Büchern von Peter Modler gefunden. Mehr dazu im Lese-Tipp weiter unten.

„Worte wie Demokratie und Freiheit sind nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte“ —Theodor Heuss

Ausstellungen

Letzte Woche war ich in Essen und habe dort gleich zwei Ausstellungsorte besucht.

Zunächst war ich im Museum Folkwang, wo ich mir die aktuelle Gustave-Courbet-Ausstellung angeschaut habe. Courbet war ein Maler, der sich weigerte, die Wirklichkeit zu beschönigen. Die Ausstellung ist somit mehr als eine klassische Retrospektive. Sie zeigt den Realisten als Rebell, der mit Alltag, Körper und politischer Haltung die Kunst seiner Zeit aufbrach. Meine Rezension über die Ausstellung lest ihr hier: Gustave Coubert im Folkwang in Essen.

Danach bin ich zum Rundgang 2026 der Studierendenarbeiten der HBK Essen weitergezogen. Das Ausstellungskonzept habe ich ehrlich gesagt nicht vollständig verstanden – das passiert, wenn man sich vorher nicht gut informiert. Die Hochschule hat nämlich einen neuen Campus, der sich in der St.-Gertruden-Kirche befindet. Plötzlich stand ich nämlich mitten im ehemaligen Kirchenschiff. Das war allerdings schon sehr beeindruckend. Sich jedoch durch die Ausstellung selbst zurechtzufinden, empfand ich als etwas mühsam. Hier ein paar Eindrücke.

Kommendes Wochenende schaffe ich es hoffentlich auch nach Wuppertal: Die Carl-Grossberg-Ausstellung im Von der Heydt-Museum steht schon länger auf meiner Liste. Weitere Infos zur Ausstellung.

Im Berliner Bode-Museum sorgt seit Ende Juni ein Porträt für ungewöhnlich hohe Besucherzahlen: Rund 900 Menschen kommen täglich, das sind 85 Prozent mehr als im Juni-Durchschnitt. Das berichtet Der Spiegel. Warum? Wegen Angela Merkel und ihrem Porträt. Gemalt hat es der deutsch-französische Künstler Jérémie Queyras, der sich 2022 im Alter von 28 Jahren handschriftlich bei ihr beworben hatte. Bei der Enthüllung sagte Merkel, sie habe Abstand gebraucht und wollte Freude an dem Prozess haben, statt einen weiteren Punkt auf ihrer To-do-Liste abzuarbeiten. Ein Kanzlerinnen-Bild als Besuchermagnet in einer Woche, in der viele genau nach dieser Art von Führungsfigur fragen. Das Porträt ist noch bis zum 4. Oktober im Bode-Museum in Berlin zu sehen.

Hier noch ein kurzer Ausstellungstipp mit Promifaktor: Der kanadische Schauspieler Keanu Reeves (wir kennen ihn alle als Neo aus „Matrix”) hat am 16. Juli seine Partnerin und Künstlerin Alexandra Grant zur Eröffnung ihrer ersten Einzelausstellung in einem deutschen Museum begleitet. Die Ausstellung mit dem Titel „Ein Stern genügt, um an das Licht zu glauben” ist noch bis zum 11. Oktober im Neuen Museum Nürnberg zu sehen. Reeves an ihrer Seite sorgt für den erwartbaren Promi-Effekt. Der eigentliche Kern liegt jedoch in Grants großformatigen Papierarbeiten, die literarische Texte in Bilder übersetzen und die sich als Vermittlerin weiblicher Stimmen verstehen.

Zu guter Letzt ist da noch der Nebel. In der Neuen Nationalgalerie in Berlin wird „Fog Sculpture in the Sculpture Garden” von Fujiko Nakaya gezeigt. Sie arbeitet seit Jahrzehnten mit Nebel als skulpturalem Material. Die Installation reagiert auf die Architektur von Mies van der Rohe und wird stündlich aktiviert. Im Skulpturengarten steigen Nebelformationen auf, verschmelzen und lösen sich wieder auf. Wer Nakayas Arbeit auf Instagram verfolgt, sieht meist die Pariser Fassung in der Bourse de Commerce. Die Berliner Version lohnt jedoch den Umweg. Videovorschau.

Screenshot: Instagram Account @neuenationalgalerie

Kino ist ein Ort, an dem wir gemeinsam sehen, was uns einzeln trifft.

Weiter geht es mit Kinotipps. Der erste Tipp kommt aus Berlin und ist kein klassisches Kinoprogramm, wie man es aus einem Stadtteilkino kennt, sondern ein kuratiertes Sommerformat an der Schnittstelle von Fotografie, visueller Kultur und Film.

C/O Berlin macht den Sommer wieder zum einem besonderen Kinomoment: Bei der MUBI Summer Night im Rahmen von The Lure of the Image gibt es an drei Samstagen Open-Air-Kino in den Innenhof des Amerika Hauses. freie Ausstellung am Abend, Drinks und danach Gespräch oder DJ-Set. Das Format ist weniger bloß Filmvorführung als ein kleiner Salon im Hinterhof, in dem Bilder, Gegenwart und Publikum direkt ineinandergreifen.

Sommerkino in C/O Berlin im Rahmen der Ausstellung „The Lure of the Image“.

Los geht es am 25. Juli mit „The Piano Accident“ von Quentin Dupieux, einer bitterbösen Satire auf Social Media und Sensationslust: Eine für schockierenden Content bekannte Frau zieht sich nach einem Unfall in eine Berghütte zurück, bis eine Journalistin sie zu erpressen beginnt. Am 1. August folgt „Hysteria“ von Mehmet Akif Büyükatalay, ein Filmdreh gerät außer Kontrolle, nachdem die Verbrennung eines Korans die Crew aufwühlt. Zum Abschluss läuft am 8. August „We’re All Going to the World’s Fair“ von Jane Schoenbrun, ein Coming-of-Age-Horrorfilm über digitale Selbstinszenierung, gefolgt von der MUBI Summer Night mit freiem Eintritt, Drinks und DJ-Set. Einlass jeweils ab 20 Uhr, Eintritt frei. 

Mein zweiter Tipp für Ende Juli in ganz Deutschland ist ein breiterer Kinoblick: „The Invite“ Es handelt sich dabei nicht um einen lauten Film, sondern um ein elegant gebautes Kammerspiel über die Schieflage der Ehe, das aus einem Abendessen ein kleines gesellschaftliches Mikroskop macht. Regie führte Olivia Wilde nach einem Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones. Wilde setzt auf ein feines Zusammenspiel aus Peinlichkeit, Witz und latenter Kränkung, wodurch der Film seine Spannung erhält. Was zunächst wie eine leicht frivole Nachbarschaftskomödie beginnt, kippt Schritt für Schritt in eine präzise beobachtete Studie über Begehren, Selbstbild und die Müdigkeit von Beziehungen. Penélope Cruz und Edward Norton bringen dabei genau jene Mischung aus Souveränität und Irritation mit, die den Abend im Film immer wieder aus dem Gleichgewicht bringt. Das Remake der spanischen Erfolgskomödie „Sentimental” mit Seth Rogen, Olivia Wilde als Schauspielerin, Penélope Cruz und Edward Norton startet am 30. Juli in den deutschen Kinos. Trailer

„Wer nur argumentiert, verliert.“ – Peter Modler

Lesetipps der Woche

„Manchmal braucht man einen extremen Anstoß, damit der Groschen fällt.“ Das schreibt Peter Modler in der Einleitung zu „Wenn Höflichkeit reinhaut“, das 2022 erschienen ist. Meinen Anstoß fand ich auf Instagram: Unter einem politischen Kommentar empfahl jemand das weitere Buch von Modler „Mit Ignoranten sprechen“ als Lesetipp. Es ist zuerst 2019 erschienen und seit diesem Jahr in einer neuen Auflage verfügbar.

Zwei rote Bücher liegen auf einem Tisch. Daneben ein Wasserglas mit Eiswürfel und einer Scheibe Zitrone. Beide Bücher sind von demselben Autor Peter Modler. Das Buch links hat den Titel "Wenn Höflichkeit reinhaut" und das Buch rechts daneben "Mit Ignoranten sprechen".
Lesetipps der Woche. Das Bild wurde mit Hilfe von ChatGPT erstellt.

Das Buch beschreibt, warum gute Argumente in Machtsituationen oft nicht ausreichen. Modler zeigt, wie Menschen in Politik, Unternehmen und im Alltag nicht durch Inhalte, sondern durch kurze Sätze, Unterbrechungen, Themenwechsel und demonstrative Gelassenheit die Oberhand gewinnen. Wer nur argumentiert, kann manchmal gegen jemanden verlieren, der Sprache als Waffe benutzt.

Dazu passt auch meine zweite Buchempfehlung von dem Autor perfekt: „Wenn Höflichkeit reinhaut” geht einen Schritt weiter. Es beschreibt Meetings, Gruppen und Debatten, in denen wenige den Ton bestimmen und andere verstummen. Höflichkeit ist für ihn keine weiche Tugend, sondern eine Verteidigungsstrategie: den Gesprächsrahmen so zu schützen, dass ein fairer Austausch überhaupt noch stattfinden kann.

Modler beschreibt besonders genau die Ohnmacht, die einen in solchen Situationen überfällt. Oh, wie gut ich diese kenne! Sie ist bei ihm aber kein persönliches Versagen, sondern die typische Reaktion, wenn man mit Argumenten antwortet, während die andere Seite längst mit Dominanz arbeitet. Gerade gebildete Menschen halten dann an der Hoffnung fest, ein weiteres Argument könnte die Lage noch drehen, und unterliegen dadurch erst recht.

Herabsetzende, sexistisch gefärbte oder demonstrativ dominante Sprache trifft uns Frauen besonders häufig – in der Politik, im Beruf und in öffentlichen Debatten. Modler bietet dafür keine moralische Beruhigung. Er zeigt, wie man den eigenen Rang nicht kleinredet, die Rechtfertigungsfalle erkennt und eine Grenze setzt, ohne sich selbst zu verlieren.

Beide Bücher lehren keine Härte um der Härte willen. Sie handeln von der Rückeroberung von Handlungsmacht in Gesprächen, in denen man sonst sprachlos bliebe – Situationen, die ich gut kenne. Deshalb sind sie meine beiden Lese-Tipps für diese Woche.
Mit Ignoranten sprechen / Wenn Höflichkeit reinhaut

„The face is not a thing but a situation“ – Simone de Beauvoir

SundayTalk & Diskurs

Weekend-Essay-Titel des New Yorker.

Für mich gehört inzwischen auch der „Weekend Essay” des „New Yorker” zum Wochenende dazu. In der letzten Ausgabe ging es um Schönheitsoperationen. Jia Tolentino, die vor sieben Jahren den Begriff „Instagram Face” prägte, beschreibt in ihrem am 13. Juli 2026 erschienenen Artikel „Our Plastic-Surgery Nightmare”, wie kosmetische Eingriffe zugleich unauffälliger und extremer werden und wie genau das unseren Bezug zur Wirklichkeit brüchig macht. Ihr zentraler Satz lautet: „Das Gesicht löst sich vom Menschen, und der Mensch löst sich von der Seele.“

Ein Artikel, der es in sich hat – und das nicht nur, was die 25 Minuten Lesezeit betrifft. Was wäre, wenn wir plötzlich alle gleich aussehen würden – Männer wie Frauen? Wenn alle Schönheitsoperationen die gleiche Vorlage hätten? Wenn ein Gesicht nichts mehr über das gelebte Leben erzählt? Mit diesen Fragen habe ich mich in einem eigenen essayistischen Kommentar auseinandergesetzt. Alles über den Essay von Tolentino und meine Gedanken dazu könnt ihr hier lesen: Instagram Face: Die Ästhetik der Unlesbarkeit.

Das war der kultur*letter für diese Woche. Falls ihr schon in die Sommerferien unterwegs seid wünsche ich euch eine wunderschöne Zeit. Ansonsten kommt gut in die nächste Woche! Wir lesen, sehen und hören uns dann wieder. Bleib neugierig! Bleib zugewandt.


Das Titelbild ist mit canva.com erstellt.