Collage aus Frauen- und Männerporträts mit unterschiedlichen Gesichtszügen und Hauttönen, die durch eine ähnlich makellose, optimierte Ästhetik fast austauschbar wirken. Das Motiv visualisiert das sogenannte Instagram Face.

Instagram Face: Die Ästhetik der Unlesbarkeit

in CULTURE & PEOPLE/Essay/Kommentar by

Zu meinem Wochenende gehört auch der „Weekend Essay” des „New Yorker”. Ich mag diese Art von Texten, und diesmal war es ein Essay über Schönheitswahn und Schönheitsoperationen in den USA mit dem Titel „Our Plastic-Surgery Nightmare”. Die Autorin Jia Tolentino, die vor sieben Jahren den Begriff „Instagram Face” geprägt hat, beschreibt, wie kosmetische Eingriffe immer unauffälliger, aber auch extremer werden. Dadurch bröckelt unser Bezug zur Realität. Gleichzeitig werden Gesichter immer makelloser und sehen sich immer ähnlicher. Tolentino schreibt übersetzt: „Das Gesicht löst sich vom Menschen, und der Mensch löst sich von der Seele.“

Tolentino beschreibt, wie das Internet Menschen zunehmend in Waren zerlegt und wie dieses Prinzip inzwischen auch das Gesicht erreicht hat, das lange als Zugang zu unserer Menschlichkeit galt. Diese Verschiebung wird kaum noch an den Eingriffen selbst sichtbar: Die neuen Facelifts wirken so unauffällig, dass nicht die Alterung, sondern die Operation verschwindet. Die Zahlen zeigen, wie schnell sich das durchsetzt. 57 Prozent der befragten Chirurgen in den USA berichten von mehr Patientinnen unter 30. Fast 50.000 Botox- und Filler-Behandlungen wurden 2024 sogar bei unter 20-Jährigen in den USA gezählt. Auch Suchmaschinen normalisieren diesen frühen Zugriff: Die KI-Übersicht zu „Facelifting in den Dreißigern” rät in den USA eher zu als ab. Ich probiere dieselbe Suche in Deutschland aus. Das Ergebnis fällt zurückhaltender aus, vermutlich weil hierzulande weniger Artikel und Anfragen zu frühen Eingriffen kursieren, aus denen eine KI-Übersicht schöpfen kann. Am Ende beschreibt Tolentino, wie visuelle KI diese Angleichung festschreibt. Bildgeneratoren lernen aus „schönen” Gesichtern, die sich alle längst ähneln, und schreiben daraus einen neuen, engeren Maßstab dessen fest, was als „Schönheit” gilt.

„Das körperliche Selbst zieht sich in den glänzenden Panzer der Ware zurück und fragt sich, ob es jemals erkannt werden wird.“

Interessanterweise bleiben auch Männer davon nicht verschont. Tolentino beschreibt, wie Frauen im Netz inzwischen offen über das Aussehen von Männern urteilen – in einem Ton, der lange Zeit umgekehrt üblich war. Ein Teil der Männer reagiert darauf mit einer eigenen Optimierungsszene: dem sogenannten Looksmaxxing. Diese ist radikaler und kälter als alles, was Frauen an Schönheitsdruck kennen. Der dabei geäußerte Wunsch zielt letztlich zurück in eine Zeit, in der Männer selbst bestimmten, wonach Frauen beurteilt wurden, und nicht umgekehrt.

Im letzten Drittel des Essays wechselt Tolentino ins Philosophische. Sie zitiert Umberto Eco und Augustinus und fragt sich, ob sie sich vor diesem Schönheitsideal überhaupt retten kann. Über Hegel und die Kunsttheoretikerin Elaine Scarry führt sie einen Gegenentwurf ein: Echte Schönheit ist das, was Verlangen zurückweichen lässt, weil das Schöne sich als frei und unabhängig von unserem Zugriff zeigt – nicht das, was Begehren auslöst.

Von dort aus macht sie einen Bogen zu ihrem eigentlichen Punkt: Genau dieser Gegenentwurf ist für die Tech- und Schönheitsindustrie wertlos. Das Gesicht soll keine intimen, unverwechselbaren Informationen mehr tragen, sondern als Konsumleitfaden funktionieren. Für diese Industrien wäre es am profitabelsten, wenn der Blick, der vom Gesicht ausgeht, nur noch sich selbst sucht und der Blick, der auf ein Gesicht trifft, aufhört, überhaupt etwas Menschliches zu suchen.

„Ein Gesicht, das nichts mehr verrät, erzählt auch nichts mehr über ein gelebtes Leben.“

Was mich an diesem Text am meisten umtreibt, ist nicht die Schönheitsoperation an sich. Ich kenne genügend Frauen über 50, die sich Hyaluron spritzen lassen, Botox verwenden oder sich die Schlupflider liften lassen. Hätte ich welche, wäre ich vermutlich selbst eine Kandidatin dafür. Das ist für mich keine Frage von Schönheitswahn, sondern eine freie Entscheidung, die ich niemandem madig mache. Vor allem nicht ab einem bestimmten Alter.

Schönheitswahn beginnt für mich woanders: beim Zwang, bei der Angst vor jedem Makel, bei der Wiederholung, die nie genug ist. Und genau diese Grenze verschwimmt gerade, weil die neuen Eingriffe von außen kaum noch zu erkennen sind. Wer entscheidet frei, wer handelt aus Angst? Von außen sieht beides gleich aus.

Problematisch finde ich, wie früh dieser Zwang inzwischen greift. Gerade in den Zwanzigern und Dreißigern, wenn die äußerliche Attraktivität am größten ist, fühlen sich viele nicht schön genug und schon zu alt. Am anderen Ende der Alterskette feiert Kris Jenner ihr eigenes Halslifting mit 70 als „transzendentale, lebensverändernde Erfahrung“. Zwischen diesen beiden Polen bleibt für kaum jemanden ein Alter übrig, das einfach nur akzeptiert wird. Meine Reaktion auf Jenner: Sind wir zu alt, fallen wir raus, aus dem Leben, aus der Gesellschaft, aus Instagram. Noch bin ich jung genug, um drinnen zu bleiben. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die praktisch kein Alter mehr unangetastet lässt?“

Dieser Druck ist nicht neu. Schon Naomi Wolf schrieb 1990 in „The Beauty Myth“: „The beauty myth is not about women at all. It is about men’s institutions and institutional power.” Auch bei mir zu Hause war das Aussehen nie nur eine Frage der Äußerlichkeit. Das Aussehen ihrer Töchter wurde von meiner Mutter und meiner Großmutter kritisch überprüft und bewertet. Mein Wert wurde an meinem Aussehen gemessen, der Rest war Beiwerk. Schließlich sollte man einen Mann zum Heiraten finden.

„Welche Geschichten darf ein Gesicht heute noch zeigen“

Gegen dieses alte Muster arbeiten heute einzelne öffentliche Stimmen an – mit sichtbarem Erfolg. Die Schauspielerin Rachel Ward (Instagram@rachelwardofficial), einst die Schönheit aus „Die Dornenvögel“, postet seit Jahren gegen den Jugendwahn und für sichtbares Altern. Das frühere Supermodel Paulina Porizkova (Instagram@paulinaporizkov) tut dasselbe und richtet sich dabei explizit gegen den Botox-Zwang. Beide zeigen, dass Widerstand gegen dieses Bild öffentlich verhandelbar geworden ist und nicht nur privates Bedauern bleibt.

Und dann ist da noch die andere Seite, die der Artikel ebenfalls beschreibt. Männer erleben inzwischen dieselbe Abwertung über ihr Äußeres durch Frauen, mit derselben Härte, mit der Männer über Jahrtausende hinweg über Frauen geurteilt haben. Ich kann mir dabei ein mildes Lächeln nicht verkneifen. Das Ergebnis sehe ich in der Sehnsucht mancher Männer nach der guten alten Zeit, in der sie selbst dieser Herabsetzung nicht ausgesetzt waren, während sie Frauen weiterhin über deren Äußeres abwerten.

Das in dem Essay von Jia Tolentino beschriebene Ausmaß war mir vor der Lektüre nicht so bewusst. Wie so oft sind die USA uns darin eine Nasenlänge voraus. Vielleicht ist das auch ein Trost: Systeme, die einen Sättigungspunkt erreichen, erzeugen irgendwann eine Gegenbewegung. Es gibt bereits erste Ausschläge in diese Richtung: Body Neutrality, das bewusste Zulassen von Unperfektem auf Instagram und die Rückkehr zum sichtbar gealterten Gesicht. Ob sich daraus ein Gegentrend entwickelt, der den aktuellen Wahnsinn tatsächlich beendet, oder ob wir uns lediglich an eine neue Norm gewöhnen, bis auch diese sich erschöpft, weiß ich nicht. Eine spannende Frage für mich bleibt, was Simone de Beauvoir darauf antworten würde.


Der Essay erschien am 13. Juli 2026 im New Yorker. Tolentino hatte vor sieben Jahren bereits den Begriff „Instagram Face“ geprägt, dieser Text baut darauf auf.