Gloria Steinem speaking with supporters at the Women Together Arizona Summit at Carpenters Local Union in Phoenix, Arizona, September 2016. @wikipedia.org

Ein langes Leben ist kein Denkmal – ein Nachruf auf Gloria Steinem

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„When you’re lucky enough to have lived a long life, as I have done, your role is to remind us how far we have come.“

Gloria Steinem

Gloria Steinem schrieb diesen Satz in ihrem letzten Essay für den New Yorker. Er klingt zunächst nach Rückschau, nach der milden Selbstvergewisserung einer 92-Jährigen. Doch Steinem formuliert ihn nicht als Einladung, sich mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Sie formuliert ihn als Aufgabe: Wer lange gelebt hat, trägt auch Verantwortung dafür, sich an das zu erinnern, was erkämpft wurde, und daran, wie wenig davon selbstverständlich ist

Am 2. September 2026 ist Gloria Steinem im Alter von 92 Jahren in New York gestorben.

Steinem war zweifellos eines der Gesichter des amerikanischen Feminismus: Sie war Journalistin, Aktivistin, Rednerin, Mitbegründerin von Ms. und Mitinitiatorin zahlreicher Organisationen. Sie wusste, dass Gleichheit nicht einmal errungen und anschließend verwaltet wird. Sie ist ein Verhältnis, das sich in Gesetzen, Löhnen, Körpern, Familien, Redaktionen und in den Geschichten zeigt, die eine Gesellschaft über Frauen erzählt. Und sie wusste, dass eine Bewegung nicht dadurch größer wird, dass sie eine einzelne Frau zur Statue erhebt.

Gerade deshalb wäre es falsch, Gloria Steinem allein als Denkmal des Feminismus zu betrachten. Ihr eigentliches Vermächtnis besteht weniger in der Ikone als in einer Methode: Recherche mit politischer Analyse zu verbinden, persönliche Erfahrung ernst zu nehmen, Öffentlichkeit herzustellen und Sprache als Organisationsmittel zu nutzen.

Gloria Steinem hat den Feminismus nicht erfunden. Doch sie hat ihm eine öffentliche Stimme, eine journalistische Form und ein Gesicht verliehen.

Dass sie zur Personifikation der Frauenbewegung wurde, ist Teil ihrer Geschichte. Gleichzeitig bestand sie immer wieder darauf, dass keine Bewegung an einer Person hängen darf. Das war vielleicht ihr wichtigster und produktivster Widerspruch.

Ihr langes Leben ist kein Denkmal, sondern ein Auftrag

Es bedeutete, die Erinnerung an erkämpfte Veränderungen lebendig zu halten. Für Steinem war Erinnerung keine nostalgische Geste, sondern eine politische Praxis. Sie machte deutlich, dass gesellschaftlicher Wandel möglich ist und widersprach der bequemen Annahme, er sei unumkehrbar oder bereits vollendet.

Wer die Kämpfe um reproduktive Selbstbestimmung, gleiche Bezahlung, politische Teilhabe und die Anerkennung geschlechtsspezifischer Gewalt über Jahrzehnte begleitet hat, weiß: Rechte können ausgeweitet werden – und sie können wieder unter Druck geraten. Erinnerung bewahrt dann nicht bloß, was gewesen ist. Sie schärft auch den Blick dafür, was verteidigt, weitergedacht und neu erkämpft werden muss.

Gloria Steinem hat diese politische Erinnerung nicht nur in Reden und Büchern bewahrt. Sie hat ihr auch eine publizistische Form gegeben.

Gloria Steinem wurde 1934 in Toledo, Ohio, geboren. Ihre Kindheit war geprägt von den unsteten Lebensverhältnissen ihrer Familie und den Reisen mit ihrem Vater, der als Antiquitätenhändler mit seiner Tochter durch die Vereinigten Staaten zog. Als sie zehn Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden.

Später beschrieb Steinem diese frühen Jahre als eine Schule des Beobachtens: Sie lernte, unterschiedliche soziale Wirklichkeiten wahrzunehmen, Übergänge zu bewältigen und sich in wechselnden Umgebungen zurechtzufinden. Besonders prägend war für sie das Leben ihrer Mutter Ruth.

Ruth Steinem hatte als Reporterin und Redakteurin gearbeitet. Als Ehefrau und Mutter gab sie diese Arbeit, ihr Umfeld und vieles von dem auf, was ihr wichtig war. Gloria Steinem erkannte darin später nicht nur eine private Tragödie, sondern auch die Erfahrung gesellschaftlicher Enge: Was geschieht, wenn eine Frau auf eine Rolle festgelegt wird, in der ihre Fähigkeiten, ihre Arbeit und ihr eigenes Leben keinen Platz mehr haben?

Lange glaubte Steinem, ihre Mutter sei psychisch krank gewesen. Später stellte sie die Frage anders: War ihre Mutter krank – oder war ihr „Geist gebrochen“ worden? Diese Frage leugnet weder Krankheit noch die Härte ihrer Kindheit. Sie richtet jedoch den Blick auf die sozialen Bedingungen, die Frauen daran hindern können, ein eigenes Leben zu führen.

Von Ohio über Indien nach New York

Nach ihrem Studium am Smith College reiste Steinem mit einem Stipendium nach Indien. Dort erlebte sie eine Gesellschaft, die sich von der amerikanischen unterschied, und bewegte sich in politischen Zusammenhängen, in denen Armut, soziale Hierarchien und koloniale Nachwirkungen keine abstrakten Themen waren. Diese Reise erweiterte ihren Blick über die Geschlechterordnung hinaus und führte sie zugleich zurück zu der Frage, wie gesellschaftliche Verhältnisse das Leben einzelner Menschen bestimmen.

Ihre Arbeit führte sie in eine Medienwelt, in der Frauen entweder eine dekorative Funktion hatten oder über als „weiblich“ geltende Themen schreiben durften. Mit ihrer Reportage über eine Anstellung als Playboy-Bunny machte sie sichtbar, wie systematisch Frauenkörper, Arbeitskraft und Abhängigkeit miteinander verbunden waren.

Von der Reporterin zur Aktivistin

Ende der 1960er-Jahre begann sich aus der Reporterin eine politische Autorin zu entwickeln. Mit ihrem 1969 für New York geschriebenen Essay „After Black Power, Women’s Liberation“ wurde sie zu einer wichtigen Stimme der Frauenbewegung. Steinem argumentierte nicht aus einer vermeintlichen Distanz heraus. Sie verband Beobachtung und Analyse – und bestand darauf, dass Erfahrungen, die als privat oder nebensächlich galten, gesellschaftliche Ursachen hatten.

Ms. als Gegenöffentlichkeit

Steinem blieb nicht bei der publizistischen Intervention. So gehörte sie 1971 zu den Mitgründerinnen des National Women’s Political Caucus, der Frauen beim Einstieg in die amerikanische Politik unterstützen sollte. Im selben Jahr erschien Ms. zunächst als Sonderausgabe des Magazine New York. 1972 wurde es eigenständig. Zu den Mitgründerinnen und Gründungsredakteurinnen gehörten unter anderem Patricia Carbine, Letty Cottin Pogrebin, Marlo Thomas und Dorothy Pitman Hughes. Ihre Arbeit war für den Erfolg des Projekts ebenso entscheidend wie Steinems öffentliche Bekanntheit. Das Magazin schuf eine neue Öffentlichkeit für Themen, die in etablierten Medien marginalisiert oder privatisiert wurden: Dazu gehörten Abtreibung, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, Arbeit, Mutterschaft, der weibliche Körper und politische Repräsentation. Ms. wurde zu einem Ort, an dem Frauen nicht länger nur Zielgruppe, Leserinnen oder Gegenstand waren, sondern Autorinnen und Produzentinnen von Öffentlichkeit.

Steinem wurde das bekannteste Gesicht von Ms., doch das Projekt war nie die Leistung einer einzelnen Frau.

Steinem sah Medien nicht nur als Transportmittel für Inhalte. Für sie waren Medien selbst ein politischer Raum. Denn wer entscheidet, was gedruckt wird, wer sprechen darf und welche Erfahrungen als relevant gelten, der entscheidet immer auch darüber, welche Wirklichkeit gesellschaftlich existiert.

Das Persönliche als politische Erkenntnis

Steinem sprach erst spät ausführlicher über ihre eigene Abtreibung im Jahr 1957, als sie 22 Jahre alt war. Sie verband diese Erfahrung mit einem politischen Konflikt, der für viele Frauen nicht theoretisch, sondern existenziell war.

Ihr Feminismus beruhte deshalb auf einer Bewegung vom Privaten ins Öffentliche. Was einer einzelnen Frau widerfährt, ist nicht notwendigerweise ein individuelles Versagen oder persönliches Schicksal. Es kann Ausdruck einer Struktur sein. Diese Übersetzung – vom Erlebten zur Analyse – gehört zu den nachhaltigsten Leistungen der feministischen Bewegung.

Ihre Bücher als politische Werkstatt

Gloria Steinem hat uns mehr als nur ein politisches Vermächtnis hinterlassen: Sie hat eine Sprache für Erfahrungen geschaffen, die vorher unausgesprochen blieben, und damit das Denken ganzer Generationen verändert. Ihre Bücher sind keine theoretischen Abhandlungen, sondern erzählte Erfahrung, durchdrungen von Neugier, Humor und einer tiefen Aufmerksamkeit für das Leben anderer. Und genau das macht sie so lesenswert.

Wer Gloria Steinem heute lesen möchte, sollte nicht bei der Ikone beginnen. Am unmittelbarsten begegnet man ihr in ihren eigenen Texten: in der Genauigkeit der Reporterin, in ihrem Misstrauen gegenüber bequemen Erklärungen und in der beharrlichen Frage, wie aus dem, was einzelne Menschen erleben, eine politische Wirklichkeit wird.

Das Mockup wurde mit ChatGPT erstellt.

Outrageous Acts and Everyday Rebellions (1983) zeigt sich diese Stimme in ihrer beweglichsten Form. Die Sammlung aus Reportagen, Essays und Reden macht Steinems Arbeitsweise sichtbar: Sie begann nicht mit einer großen Formel, sondern mit einer Szene, einem Gespräch oder einer Zumutung. Aus dem Alltag entwickelte sie eine Analyse, nicht, um das Private zu überhöhen, sondern um dessen gesellschaftliche Organisation offenzulegen. Wer verstehen möchte, weshalb ihre Texte weit mehr als nur die Begleitmusik einer Bewegung waren, sollte hier beginnen.Englisch: Picador, 448 Seiten. Taschenbuch, 20,85 Euro. Deutsch: Unerhört: Reportagen aus „Ms.“, ROWOHLT Taschenbuch.

Revolution from Within: A Book of Self-Esteem (1992) führt an einen unbequemeren Ort. Darin fragt Steinem nach Selbstwert – ein Begriff, der im politischen Schreiben schnell nach Individualpsychologie klingt. Doch ihr Interesse gilt nicht der Optimierung des Ichs. Vielmehr untersucht sie, wie Abwertung von außen nach innen wandert und wie Geschlecht, Herkunft, Klasse oder rassistische Zuschreibungen das Bild prägen können, das Menschen von sich selbst entwickeln. Das Buch ist bis heute aktuell, gerade weil es eine offene Frage hinterlässt: Was kann persönliche Selbstermächtigung leisten – und was kann sie niemals an struktureller Veränderung ersetzen? Englische Ausgabe: Open Road Media, 384 Seiten, Taschenbuch 20,94 Euro. Deutsche Ausgabe: „Was heißt schon emanzipiert. Meine Suche nach einem neuen Feminismus“ (1995), Knaur Taschenbuch, 384 Seiten, ca. 28,00 Euro. Gibt es aber schon viele Es gibt aber schon viele gebrauchte Ausgaben, die wesentlich günstiger sind.gebrauchte Ausgaben wesentlich günstiger.

In My Life on the Road (2016) erzählt Steinem schließlich keine Aufstiegsgeschichte. Sie beschreibt darin Reisen, Begegnungen, Wahlkämpfe, Gespräche und politische Allianzen. Entscheidend ist nicht die Bühne, auf der sie spricht, sondern das, was davor und danach geschieht: die Arbeit in Gruppen, das Zuhören und die langen Wege zu Menschen, deren Erfahrungen in keinem Leitartikel vollständig zum Ausdruck kommen. So wird dieses Buch auch zur Korrektur der Ikone. Es zeigt eine Frau, die berühmt wurde, ohne ihre politische Arbeit auf ihre eigene Berühmtheit zu reduzieren. Die 2016 bei btb erschienene deutsche Ausgabe, übersetzt von Eva Bonné, umfasst 384 Seiten. Taschenbuch, 28 Euro.

Am 22. September 2026 erscheint ihr letztes Buch „An Unexpected Life: A Memoir”. Vorerst nur als englische Ausgabe mit 256 Seiten. Das Taschenbuch kostet 28,00 Euro.

In einem posthum veröffentlichten Netflix-Interview aus dem Februar 2025 formulierte sie ihr eigenes Vermächtnis bescheiden. ie hoffe, als jemand in Erinnerung zu bleiben, „der versucht habe, die Welt ein wenig gleicher, mitfühlender, fröhlicher und humorvoller zu machen“.

Genau das hat sie getan. Danke, Gloria.

Gloria Steiner in dem Netflix-Interview aus dem Februar 2025 , veröffentlicht am 3. September 2026.

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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