kultur*letter #31

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Herzlich Wilkommen zurück, liebe Kultur-Freundinnen und Freunde!

Der Herbst rückt immer näher. Die Kultur bereitet sich auf die neue Saison vor. Hier sind wieder einige Kulturthemen, die in den letzten und kommenden Tagen Aufmerksamkeit erregen.

In den letzten Tagen hat mich der Tod von Gloria Steinem sehr bewegt. Sie hat das Frauenbild in den USA und weltweit maßgeblich verändert. Sie war das bekannte Gesicht der amerikanischen Second-Wave-Feministinnen.
Ihre Forderungen waren damals radikal und sind es im Grunde heute noch: gleicher Zugang zu politischer Macht, gleiche Bezahlung, Beteiligung von Männern an Haushalt und Kindererziehung, Selbstbestimmung über den eigenen Körper einschließlich des Zugangs zu Abtreibungen sowie Schutz vor Gewalt durch Männer. Als Mutter zweier Söhne und einer Tochter berührt mich ein Satz von ihr besonders: „Wir haben damit begonnen, unsere Töchter wie unsere Söhne zu erziehen … doch nur wenige haben den Mut, unsere Söhne wie unsere Töchter zu erziehen.“ Was für ein wunderbarer Mensch! Danke Gloria. Hier ist mein Nachruf auf Gloria Steinem zum WeiterlesenEin langes Leben ist kein Denkmal – ein Nachruf auf Gloria Steinem

Kunst spricht gleichzeitig unsere Gefühle und unseren Verstand an.

Kunst spricht uns an, noch bevor wir sie verstehen. Sie berührt etwas in uns, das älter ist als unsere Urteilsfähigkeit. Vielleicht ist es eine Farbe, die uns an einen Sommertag aus unserer Kindheit erinnert. Oder eine Form, die etwas in uns zum Stillstand bringt. Wir wissen nicht immer, warum ein Bild uns in seinen Bann zieht, aber wir spüren, dass es etwas mit uns zu tun hat. Kunst löst Gefühle und Erinnerungen in uns aus. Manchmal kann sie dann auch ein Ort sein, an dem wir uns selbst besser verstehen.

Genau das kann ein Museum. Laut einer aktuellen Metastudie von Trupp und Kollegen aus dem Jahr 2025 besuchen wir Museen vor allem, weil wir das gute Gefühl haben möchten, etwas Neues gelernt zu haben. Außerdem hilft uns Kunst dabei, unsere Gesellschaft besser zu verstehen. Kultureinrichtungen sind Orte, an denen wir innehalten können.


Bereits das bloße Betrachten von bildender Kunst steigert nachweislich das psychische Wohlbefinden und fördert ein tieferes Gefühl von Sinn und persönlichem Wachstum.

Trupp, M. D., Howlin, C., Fekete, A., Kutsche, J., Fingerhut, J., & Pelowski, M. (2025)

Das ist keine romantische Übertreibung, sondern empirisch belegt. Katherine N. Cotter und James O. Pawelski von der University of Pennsylvania beschreiben Kunstmuseen als „Institutions for Human Flourishing” – als Orte, an denen Menschen nicht nur Bildung erfahren, sondern auch emotional und psychisch gestärkt werden. Kunst reduziert Stress, baut Ängste ab und hilft dabei, schwierige Emotionen in einem geschützten Rahmen zu verarbeiten.

Vielleicht liegt hier eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit: Kultureinrichtungen nicht nur als Orte der Bildung zu verteidigen, sondern auch als Orte der Heilung anzuerkennen. In einer Welt, die immer schneller, lauter und fordernder wird, sind Kunstmuseen Räume, in denen wir wieder zu uns kommen können – eine Art Schutzräume für unsere psychische Gesundheit. Das sollten wir ernst nehmen und dafür kämpfen, dass diese Räume für offen bleiben – für alle.
Hier meine Ausstellungs-Highlight im September 2026.

In Nordrhein-Westfalen startet die Kunstwelt dieses Wochenende in die neue Saison

Die DC-Open eröffnet am Wochenende (4.-6.September) die Kunstsaison in Köln und Düsseldorf. Seit 18 Jahren starten die beiden Rheinstädte gemeinsam in die Herbstsaison. Die DC-Open zeigt, dass regionale Verbundenheit global relevant sein kann. Rund 50 Galerien beteiligen sich. Der Schlüssel zum Erfolg ist die individuelle Routenplanung. Mein Motto lautet: Qualität statt Vollständigkeit. Meinen Vorschlag für das Wochenende findet ihr hier: DC-Open 2026: Ein Wochenende zwischen Köln und Düsseldorf.

Frankfurt Gallery Weekend 2026

Auch in Frankfurt ist an diesem Wochenende viel los. Die Stadt hat derzeit ohnehin viele tolle Ausstellungen und Neueröffnungen zu bieten. Mit dem Frankfurt Gallery Weekend geht es an diesem Wochenende in die 32. Runde. Über 50 Kunstorte – Galerien, Offspaces und Stiftungen – öffnen an drei Tagen ihre Türen. Vom 4. bis 6. September 2026 wird Frankfurt somit zum Knotenpunkt der Gegenwartskunst. Rund 30 geführte Art Walks in deutscher und englischer Sprache laden dazu ein, verschiedene Kunstviertel zu erkunden. Bei diesen kuratierten Touren mit Kunsthistoriker:innen werden Zusammenhänge hergestellt, Hintergründe erzählt und Verbindungen gezogen. Parallel dazu finden am Freitagabend die Art.Street.Concerts statt. Open-Air-Konzerte an verschiedenen Standorten, die vom britisch-deutschen Jazzmusiker Timothy Roth kuratiert werden. Musik und Kunst im öffentlichen Raum laden dazu ein, die Stadt anders zu erleben.

Übrigens startet nächste Woche die Berlin Art Week. Das Kunstprogramm ist mir seit Jahren sehr vertraut. Passend dazu gibt es in der kommenden Woche rechtzeitig meine Vorschläge der Must-sees und Must-goes. Also bleibt dran!

Jetzt im Kino: Vaterland

Auf der Kinoleinwand sind vertraute Gesichter zu sehen: Hans Zischler in der Rolle von Thomas Mann und Sandra Hüller als dessen älteste Tochter Erika im viel beachteten Film „Vaterland“. Regisseur Pawel Pawlikowski erzählt die Geschichte ihrer gemeinsamen Rückkehr aus den USA ins Nachkriegsdeutschland. In Cannes hatte sein Drama den Regiepreis gewonnen – mein Kinotipp der Woche! Kinostart 3. September.

Debatten & Diskurse: Die Ohnmacht der Gerechtigkeit

Vor einigen Monaten schrieb ich über „Machtlosigkeit und Gerechtigkeit“, das schmerzhafte Gefühl also, dass rechtliche und moralische Ansprüche in der Praxis oft wirkungslos verpuffen. Damals ging es mir um strukturelle Ohnmacht, um das Versagen von Institutionen und um die Diskrepanz zwischen Prinzip und Realität.

„Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.“

Martin Luther King Jr.

n den vergangenen Tagen wurde mir in meinem Instagram-Feed eine ZAPP-Reportage des NDR über den selbsternannten Plagiatsjäger Stefan Weber angezeigt. Die Reportage zeichnet über Monate hinweg ein Bild, das weit über Einzelfälle hinausweist. Stefan Weber, ein Kommunikationswissenschaftler aus Österreich, bietet seit Jahren gegen Bezahlung Plagiatsprüfungen an. In seinem Angebot ist auch eine optionale Pressearbeit enthalten, also die aktive Platzierung von Vorwürfen in den Medien. Er inszeniert sich als unabhängiger Kämpfer für wissenschaftliche Redlichkeit, arbeitet aber zugleich für politische Kampagnen. Zu seinen Auftraggebern zählen das rechte Portal NIUS und die AfD.

Die Mechanik ist stets die gleiche: Die Vorwürfe werden so terminiert, dass sie kurz vor Wahlen oder wichtigen Personalentscheidungen ihre Wirkung entfalten, wie im Fall von Annalena Baerbock, Robert Habeck, Frauke Brosius-Gersdorf oder Mario Voigt. Die Medien springen auf, verbreiten die „Rohdaten” oft ohne Einordnung und beschädigen so den Ruf der Betroffenen – selbst wenn Universitäten sie später entlasten oder Gerichte die Vorwürfe als haltlos einstufen.

Ein besonders eindrücklicher Fall ist der des Münchner Rechtsmediziners Matthias Graw: Hier entpuppten sich die Plagiatsvorwürfe als Racheakt eines Bestatters, der ein eigenes Verfahren gegen Graw verloren hatte und ein eigens gefälschtes Buch diente als „Beweis“. Laut der Reportage hat Weber für diesen Auftrag Honorar verlangt und eine Bild-Platzierung als „unentgeltliche Leistung” im Kostenvoranschlag geführt. Das Gericht sprach Graw frei, doch der Imageschaden blieb bestehen.

Plagiatsjäger sind die Kopfgeldjäger des 21. Jahrhunderts.

Lothar Struck (Der Satz stammt aus einem Artikel auf Medienwoche.ch, 2022)

Was mich an dieser Reportage am meisten berührt, sind weder die technische Seite der Plagiatssoftware noch die juristische Grauzone von Textübereinstimmungen. Es ist die menschliche Spur, die sie hinterlässt, sowie die damit einhergehende Machtlosigkeit.

In der Video-Reportage spricht die ZAPP-Reporterin Lisa Beusch mit Betroffenen, die ihre Worte wie Wunden beschreiben: „Ihre Anfrage hat mein Trauma wiederbelebt, als ob ein Albtraum niemals enden würde. Er hat mir alles geraubt.“ Eine andere Betroffene, die nach Webers Vorwürfen die Wissenschaft verließ, weinte am Telefon, als wäre der Vorwurf erst gestern erhoben worden, obwohl er zehn Jahre zurücklag.

Ein zentraler Befund der Reportage betrifft die Medien selbst. In Webers System fungieren sie gleichzeitig als Multiplikator, Marktplatz und Zielscheibe. Journalist:innen berichten unter Zeitdruck, übernehmen „Rohdaten” ohne Einordnung und treiben so die Skandalisierung weiter an. Ein Journalist sagt im Film, Weber finde „wahnsinnig viel”, aber die Einordnung müsse danach durch Universitäten und Journalist:innen erfolgen. Genau dieser Schritt unterbleibt jedoch oft, da die Sorgfaltspflicht dem öffentlichen Interesse und dem Nachrichtenzyklus geopfert wird.

Des Menschen Sinn für Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zur Ungerechtigkeit aber macht Demokratie notwendig.

Reinhold Niebuhr (US-amerikanische Theologe und politische Philosoph)

Hier wird für mich wieder deutlich, was ich in meinem Essay über die Ohnmacht der Gerechtigkeit zu beschreiben versucht habe. Gerechtigkeit ist nicht allein eine Frage von Regeln und Verfahren, sondern auch eine Frage der Haltung, der Verantwortung und der Bereitschaft, Komplexität auszuhalten, statt sie in einfache Narrative zu pressen.

Gerechtigkeit braucht Zeit, Differenzierung und institutionelle Unabhängigkeit. Sie braucht Medien, die nicht nur verbreiten, sondern einordnen. Sie braucht eine Öffentlichkeit, die nicht jeden Vorwurf als Schuldspruch behandelt, sondern als das, was er im Zweifel ist: eine Behauptung, die geprüft werden muss.

Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt. In einer Zeit, in der politische Kampagnen gezielt Plagiatsvorwürfe als Waffe einsetzen, Medien zu Multiplikatoren von Inszenierungen werden und Gerechtigkeit oft weniger zählt als die richtige Inszenierung von Schuld, ist jede Stimme auch ein Akt der Selbstbestimmung.

Nicht-Wählen ist keine Option. Das schwächt die Demokratie und überlässt anderen die Entscheidung.

An diesem Sonntag geht es nicht nur um Politik. Es geht um die Frage, welche Art von Öffentlichkeit wir wollen: eine, die auf Zerstörung setzt oder eine, die auf Wahrheit, Sorgfalt und menschliche Würde baut.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen noch ein wunderbares Wochenende, genießt die „Kunst”, erholt euch und kommt gut in die nächste Woche! Wir lesen, sehen und hören uns dann wieder. Bleibt neugierig! Bleibt zugewandt.


KI-Transparenz-Hinweis.

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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