DC-Open 2026: Ein Wochenende zwischen Köln und Düsseldorf

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Vom 4. bis 6. September eröffnet die DC-Open die Kunstsaison in Köln und Düsseldorf. Seit 18 Jahren starten die beiden Rheinstädte gemeinsam in die Kunst- und Kultur-Herbstsaison. DC-Open beweist, dass regionale Verbundenheit auch global relevant sein kann. Du musst nicht überall dabei sein. Aber du kannst sehr bewusst wählen, wo du dich zeigst, zuhörst und mitsprichst. Genau darum geht es beim DC-Open: nicht um Vollständigkeit, sondern um Qualität. Rund 50 Galerien in Köln und Düsseldorf öffnen ihre Türen. Die DC-Open-Previews finden am Freitag von 18 bis 21 Uhr statt. Am Samstag öffnen die beteiligten Galerien von 13 bis 19 Uhr, am Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Die wahre Kunst liegt jedoch im Kuratieren deiner eigenen Route.

Meine Route: Samstag Köln, Sonntag Düsseldorf

Ich weiß, wie überwältigend die Auswahl sein kann. Das kenne ich sehr gut aus Berlin. Dort startet nächste Woche die 15. Ausgabe der Berlin Art Week mit einem vollen Programm. Mehr dazu gibt es in einem anderen Beitrag. Die DC Open ist allerdings mein erstes Mal.

Mein Vorschlag Tag 1 in Köln
und für Tag 2 in Düsseldorf

Köln bringt dieses Jahr historische Schwergewichte, radikale Gegenwart und fotografische Präzision zusammen. Düsseldorf setzt auf Malerei, digitale Bildwelten und die Frage, wie Wirklichkeit heute überhaupt noch dargestellt wird. Das ist eine kluge Arbeitsteilung zwischen zwei Städten, die sich sonst gern gegenseitig erklären, warum die jeweils andere etwas nicht versteht. Ein Highlight gibt es unter Instagram: @dc_open und eine Karte mit den einzelnen Stationen findet ihr auf der Website von DC-Open.

Wir können nicht alles sehen, vor allem nicht an einem Wochenende. Zum Glück bleiben die Galerien ja auch nach dem Wochenende zugänglich. Ich schlage vor, das zu tun, was ich selbst tun würde, und werde das Wochenende deshalb teilen: Samstag Köln, Sonntag Düsseldorf. Meine Empfehlung lautet: drei bis maximal fünf Stationen pro Tag, mit einer langen Kaffeepause oder Mittagspause. So vermeidet man Hetze und hat noch Zeit für das eine oder andere Gespräch. Aber einige Galerien haben natürlich auch schon am Freitag ab 18 Uhr ein spannendes Eröffnungsprogramm. Gute Vorschauen findest du immer auf den entsprechenden Instagram-Accounts, die ich hier mit verlinkt habe.

Samstag, 5. September – Köln

Köln – übrigens meine Geburtsstadt – ist der Tag für Körper, Erinnerung und Material. Die Route lässt sich gut zwischen Innenstadt, Belgischem Viertel und Hahnenstraße organisieren.

11 Uhr: Ser Serpas im Kölnischen Kunstverein

Die DC-Open öffnet offiziell erst ab 13 Uhr. Wer vormittags schon in der Stadt unterwegs ist, dem empfehle ich als Start in das Kunst-Wochenende den Kölnischen Kunstverein mit Ser Serpas‚ „Sonderbare Tage”. Die 1995 geborene Künstlerin arbeitet mit Sperrmüll, Metall und Holz und schafft daraus politische Gedichte in Skulpturform. Ihre Arbeiten sind roh, expressiv, persönlich und zugleich präzise austariert – wie politische Gedichte in drei Dimensionen. Serpas baut keine dekorativen Räume, sondern Situationen, in denen man die eigene Zuschauerrolle plötzlich unangenehm deutlich spürt. Ihre Arbeit zeigt, wie nah Horror, Pop und gesellschaftliche Erschöpfung beieinanderliegen.
Kölnischer Kunstverein, Hahnenstraße 6, Köln. 4. September bis 13. Dezember 2026.

Ser Serpas – sonderbare Tage

Warum gerade hier anfangen? Weil diese Ausstellung eine klare Tonlage setzt: Sie verlangt Aufmerksamkeit und bietet kein dekoratives „Kunst-am-Wochenende“-Gefühl. Stattdessen konfrontiert sie mit den Rändern einer Gegenwart, die sich permanent selbst inszeniert. Wenn du deinen Tag hier beginnst, hast du eine Referenz, an der du die anderen Stationen messen kannst. Für den Samstag empfehle ich, nicht später als um 11 Uhr zu kommen, damit du in Ruhe durch die Räume gehen kannst, bevor der Trubel in den Galerien einsetzt.

12:30 -13 Uhr, kurze Mittagspause in der Neustadt

Nach Ser Serpas brauchst du vielleicht etwas Abstand. In der Neustadt gibt es gute Möglichkeiten für Lunch und Kaffee, ohne dass du lange Wege hast. Nimm dir bewusst Zeit, um das Gesehene sortieren zu lassen. Empfehlungen: Café Luz, Brüsseler Straße 66, direkt am Brüsseler Platz gelegen, bietet es Specialty Coffee, Brunch, Lunch und Drinks. Die Atmosphäre ist locker, das Publikum gemischt und die Karte bietet vegetarische und vegane Optionen. Geöffnet samstags und sonntags. Eine weitere Empfehlung ist das Vevi, Brüsseler Straße 29, ein kleines, liebevoll eingerichtetes Vintage-Café mit komplett veganer Karte. Es ist eher klein, eher gemütlich, eher „Wohnzimmer“ als „Szene“.

Ab 13 Uhr: Louise Bourgeois in der Galerie Karsten Greve

Die Ausstellung „Bourgeois“ mit rund 50 grafischen und skulpturalen Arbeiten aus den Jahren 1947 bis 2008 ist noch bis zum 7. November zu sehen. Sie ist für mich ein absolutes Muss. Nach Serpas‘ rohen, fundmaterialbasierten Räumen ist das eine produktive Kontrastierung: Bourgeois arbeitet ebenfalls mit Körper und Erinnerung, jedoch in einer ganz anderen Formsprache. Ihre „Personnages” sind stelenartige Figuren, die wie eingefrorene Biografien im Raum stehen. Es sind Erinnerungsarchitekturen an die Familie, an Manhattan und an die Figur der Mutter.
Die Galerie Karsten Greve (nahe Dom, Drususgasse 1–5) zeigt Louise Bourgeois‘ „Personnages“-Serie. Vom 4. September bis 7. November.
Instagram: @galeriekarstengreve 

Ohne Titel, 2004, Wasserfarbe auf Papier, 56,5 x 75,2 cm. Foto: Christopher Burke, New York. Courtesy of Galerie Karsten Greve, Köln ǀ Paris ǀ St. Moritz

Ab 14:30 Uhr: Mother of Pearl in der Galerie DREI

„Mother of Pearl“ ist eine Gemeinschaftsausstellung – für eine Galerie eher ungewöhnlich. Die Künstlerinnen Heidi Bucher, Helena Huneke, Willa Wasserman und Mira M. Yang verschieben den Fokus noch einmal: von individuellen Biografien zu Fragen von Hülle, Stoff, Schutz und Verletzlichkeit. Nach Bourgeois und Serpas ist dies keine Wiederholung, sondern eine dritte Perspektive auf denselben Komplex. Galerie DREI, Gertrudenstraße 24-28, 50667 Köln, bis zum 24. Oktober 2026.
Instagram: @drei_koeln

Ca. 16 Uhr: Isabella Séville Fürnkäs bei Clages im Belgischen Viertel

„Flower Play“ von Isabella Séville Fürnkäs bewegt sich zwischen Zeichnung und Malerei, Traumsequenz und Porträt. In ihren großformatigen Arbeiten kreisen die Themen Erinnerung, innere Bilder und Beziehungen. Das klingt zunächst sanft, kann aber sehr präzise sein. Die interessantesten Bilder über Nähe entstehen selten dort, wo Menschen einander eindeutig gegenüberstehen. Fürnkäs interessiert sich für den Moment davor und danach, für das Unklare. Die Ausstellung in der Galerie Clages, Brüsseler Straße 5. läuft noch bis zum 7. Oktober. Instagram: @isabellafuernkaes 

Isabella Séville Fürnkäs I Unpredictible Liars Revolt I 2022 I Mannequin, spray paint, metal, fabric I Dimensions variable

Kurze Pause gefällig?

JWenn ihr noch weitergehen wollt, könnt ihr euch jetzt noch eine kleine Pause gönnen. Direkt um die Ecke von Clages würde ich hierfür den Brüsseler Platz empfehlen. Von der Brüsseler Straße 5 aus seid ihr in wenigen Minuten dort. Nach Isabella Séville Fürnkäs‘ stilleren, traumartigen Bildern könnt ihr dort gut aus dem Galerierhythmus herauskommen. Meine erste Wahl ist das Café DiMi, Brüsseler Straße 3/4. Wenn du etwas mehr Zeit hast, ist das Café Belgique am Brüsseler Platz 16 auch nur wenige Gehminuten entfernt. Wenn du eher Kuchen, Kaffee und eine etwas verspieltere Atmosphäre suchst, passt auch Miss Päpki am Brüsseler Platz 18.

Ab 17/18 Uhr: Galerie Rehbein und/oder Galerie Julian Sander

Wenn du noch Zeit und Energie hast, passt die Rehbein Galerie (Große Brinkgasse 31, 50672 Köln) mit Stephan Melzl gut, wenn du Malerei sehen möchtest, die sich weder in nostalgischer Geste noch im schnellen Trend erschöpft.
Instagram: @rehbeingalerie.

Stephan Melzl, The Boys‘ Club, 2026, Öl auf Holz / Oil on wood, 65 x 50 cm

Die Galerie Julian Sander (Bonner Straße 82, 50677 Köln) ist die perfekte Ergänzung für alle, die nach so viel Gegenwart noch einmal auf August Sander (Fotografie) und seine bis heute scharfe Beobachtung der Gesellschaft schauen möchten. Beide liegen in Laufnähe zueinander. Instagram: @galeriejuliansander.

August Sander: Facetten eines Werkes

Für den ersten Galerie-Tag in Köln würde ich mich allerdings nicht zwingen. Vier gute Ausstellungen können mehr auslösen als acht halb gesehene.

Nach Rehbein und Julian Sander musst du nicht weit laufen, um den Tag kulinarisch ausklingen zu lassen. Das Hase in der St.-Apern-Straße ist nur wenige Minuten entfernt – eine Kölner Institution, die seit 1997 zeigt, dass Kontinuität und Anspruch sich nicht ausschließen. Hier lässt sich bei einem angenehmen Abendessen sortieren, welche Eindrücke der Tag hinterlassen hat. Das Hase ist samstags durchgehend bis 24 Uhr geöffnet.
Du findest das Hase Restaurant in der St.-Apern-Straße 17 in 50667 Köln, also in der Altstadt-Nord zwischen Neumarkt und den Ringen.


Sonntag, 6. September – Düsseldorf

Düsseldorf ist der perfekte Ort für Kunstbegeisterte, die sich Zeit für Bilder nehmen möchten, die Malerei schätzen und sich für institutionelle Ausstellungen interessieren, die man nicht in neun Minuten erledigt hat. Plane den Sonntag anders als in Köln: weniger Galeriehopping, mehr Zeit in einzelnen Ausstellungen.

Auch die DC-Open beginnt am Sonntag erst um 13 Uhr. Das K21 hat dagegen bereits ab 11 Uhr geöffnet. Es eignet sich somit ideal als erster Programmpunkt in Düsseldorf, bevor die Galerien öffnen.

11 Uhr: Jon Rafman im K21

Die Ausstellung „Main Stream Media“ von Jon Rafman ist noch bis zum 27. September zu sehen und versammelt Arbeiten aus fast zwei Jahrzehnten. Die Ausstellung führt durch Rafmans Auseinandersetzung mit Internetkultur, Games, KI-generierten Bildern und immersiven Installationen. Der 1981 geborene kanadische Künstler gilt als Archäologe des Internets. Seine immersive Schau ist ein „Jurassic Park des Web 2.0” mit bedruckten Tapeten, Teppichen und humanoiden Liegestühlen. Es ist keine White-Cube-Show, sondern ein KI-Trip, der philosophisch wird.

K21 Jon Rafman; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Diese Ausstellung würde ich mir unbedingt ansehen, gerade weil sie nicht so tut, als ließe sich das digitale Leben von der Kunst fernhalten. Rafman kennt die schmutzigen Archive des Web 2.0: Plattformen, Avatare, Meme-Ästhetik, Einsamkeit, Begehren und algorithmische Überforderung. Wer noch immer der Meinung ist, digitale Bilder seien lediglich ein Zusatzprogramm zur „eigentlichen“ Kultur, erhält hier eine fundierte Widerlegung.

Gib dem K21 mindestens 90 Minuten Zeit. Es wäre absurd, eine Ausstellung über die zerstreute Wahrnehmung der Gegenwart selbst zerstreut anzusehen.
K21, Ständehausstraße 1, Düsseldorf. Läuft noch bis zum 27. September.

Ca. 13 Uhr: Mittagspause in der Carlstadt

Nach Rafman braucht es eine Pause außerhalb des Bildschirms – auch wenn es sich nur um den Bildschirm der Kunst handelt. Die Carlstadt eignet sich gut für einen Kaffee oder ein Mittagessen, bevor es zurück in den Galerienbetrieb geht. Eine gute Anlaufstelle ist auch das Museums-Café Pardo’s im K21.

Für den Nachmittag lohnen sich die folgenden drei Galerien. Bedenke, Kunst wird nicht besser, wenn man sie im Eiltempo konsumiert.

Ab 13:30 Uhr: Vivian Greven und Lambert Maria Wintersberger bei Kadel Willborn

„Fruit of the Loom“ bringt die Kunstlerinnen Vivian Greven (@viviangreven) und Lambert Maria Wintersberger (@lmwintersberger) zusammen. Obwohl sie einen Altersabstand von 44 Jahren trennt, sucht die Ausstellung nicht nach einer bequemen Generationenerzählung, sondern nach einer gemeinsamen Bildsprache rund um Körper, Oberfläche und Verletzlichkeit.

Es ist eine Ausstellung für all jene, die mit der vorschnellen Rede vom „neuen“ und „alten“ Blick auf den Körper nichts anfangen können. Grevens glatte, digital anmutende Körperbilder treffen auf Wintersbergers oft direktere, unruhigere Figuration. Dazwischen entsteht keine Einigung, sondern eine produktive Störung.
Die Ausstellung ist noch bis zum 13. Oktober in der Galerie Kadel Willborn,  Birkenstraße 3, 40233 Düsseldorf-Stadtbezirk 2, zu sehen. Instagram: @kadelwillborn

Ab ca. 16 Uhr Marcel Dzama bei Sies + Höke

In „Into the Blue“ zeigt Marcel Dzama neue Zeichnungen und Gemälde. Seine Figurenwelten zitieren Theater, Surrealismus, politische Karikatur und Märchen, ohne sich auf eine dieser Kategorien festlegen zu lassen.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Andrea Rossett

Dzama bildet einen guten Gegenpol zu Rafman. Während Rafman Bilder aus den digitalen Kellern des Internets verwendet, bezieht sich Dzama auf die lange Geschichte von Zeichnung, Kostüm, Maskerade und Groteske. Seine Arbeiten erinnern daran, dass das Absurde keineswegs erst mit den sozialen Medien begonnen hat. Die Ausstellung „Marcel Dzama“ (@marceldzama) bei Sies + Höke (@sieshoeke) ist noch bis zum 2. Oktober zu sehen.

Optional für alle, die noch mehr wollen …

Wer nach Kadel Willborn und Sies + Höke zeitlich noch eine vierte Station schafft, kann bei Ruttkowski;68 (@ruttkowski68) die beiden Künstler Fabian Treiber (@fabian_treiber) und Michael Günzer (@michaelguenzer) sehen. Die beiden Künstler beschäftigen sich mit Bildern, die bereits eine Geschichte haben. Fundstücke, malerische Übermalungen, visuelle Erinnerungen und die Frage, wann ein Bild eigentlich „fertig“ ist.

Fabian Treiber und Michael Günzer

Für einen längeren Abschluss lohnt sich auch die Fahrt nach Flingern zur Sammlung Philara (Birkenstraße 47 A, 40233 Düsseldorf). Die Sammlung hat sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Caption: Margarete Jakschik Her Song (2019 / 2023)
Copyright: Margarete Jakschik
Courtesy: Margarete Jakschik, Sammlung Philara

Wenn du lieber eine Museumsausstellung besuchen möchtest, ist der Kunstpalast am Ehrenhof in Düsseldorf eine gute Alternative. Er hat ebenfalls bis 18 Uhr geöffnet. Du könntest am Sonntagvormittag theoretisch schon mit dem Kunstpalast beginnen (er öffnet um 11 Uhr), statt mit dem K21, bevor die Galerien um 13 Uhr öffnen. Die Ausstellung „In Szene gesetzt” (Made-in-Düsseldorf-Reihe) wäre dann gut als erste Station des Tages machbar. Der Kunstpalast liegt zentral am Ehrenhof und ist somit gut erreichbar, bevor du in den Galerienbetrieb wechselst.


Ein Wochenende, das nachhallt

Das DC-Open ist kein Pflichtprogramm. Es ist eine Einladung, sich bewusst auszuwählen – und dabei auch etwas auszulassen. Du wirst nicht alle 50 Galerien sehen. Du wirst nicht jede Vernissage miterleben. Und das ist gut so.

Du musst nicht alles an einem Wochenende sehen. Du kannst auch wiederkommen.

Das DC-Open markiert den Start in die Herbstsaison, nicht ihr Ende. Viele der genannten Galerien haben auch in den folgenden Wochen geöffnet und die Ausstellungen laufen teilweise noch bis weit in den Oktober, November oder Dezember hinein. Wer also am Wochenende keine Zeit hat oder lieber in Ruhe zurückkehren möchte, kann das jederzeit noch tun.

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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