Heute startet die 15. Berlin Art Week – Happy Birthday! Fünf Tage, über 125 Orte, mehr als 300 Veranstaltungen.Die Jubiläumsausgabe ist die bislang umfangreichste, wobei Vollständigkeit hier kein sinnvolles Ziel sein kann.
Ich besuche die Berlin Art Week seit 15 Jahren fast jährlich. Was mich an ihr interessiert, ist nicht die Illusion, alles sehen zu können. Mich interessiert der Moment, in dem sich entscheidet, was aus der Überfülle heraus sichtbar wird. Welche Arbeit wird weitererzählt? Welche Ausstellung wird Gesprächsthema? Welche künstlerische Position erhält plötzlich Aufmerksamkeit und was bleibt trotz Qualität unbeachtet?
In dieser Woche eröffnen die großen Institutionen Ausstellungen, die uns noch Monate begleiten werden. Für mich liegt die eigentliche Dringlichkeit daher in den Formaten, die bald wieder verschwinden: in Performances, Projekträumen, temporären Kooperationen und an Orten, die nur für wenige Tage zu Kunstorten werden.
Dieser Text ist deshalb keine Liste von Pflichtterminen. Er ist ein Auftakt zur Beobachtung. In den kommenden Tagen möchte ich genauer hinschauen: auf das, was erzählt wird, auf das, was leise bleibt, und auf die Frage, welche Gegenwart dieser Stadt vielleicht eine Zukunft hat.

Wer sich vorab orientieren möchte, findet im täglichen Berlin-Art-Week-Newsletter jeden Morgen aktuelle Programmhinweise. Auch Instagram @berlinartweek ist eine gute Anlaufstelle. Den vollständigen Programmkalender, Informationen zu Tickets, Öffnungszeiten und Barrierefreiheit sowie die interaktive Map gibt es auf berlinartweek.de. Das Journal zur Art Week bietet zusätzliche Hintergründe zu Künstler:innen und Projekten.
Zentraler Treffpunkt ist der Berlin Art Week Garten am Kulturforum mit Standorten an der Gemäldegalerie und der Neuen Nationalgalerie. Dort läuft während der Festivalwoche ein kostenfreies Open-Air-Programm; außerdem ist dort das limitierte Jubiläumsbooklet erhältlich. Ein limitiertes Booklet zum 15. Jubiläum der Berlin Art Week ist während der Festivalwoche im Berlin Art Week Garten erhältlich.
In 125 Museen, Privatsammlungen, Projekträumen, Galerien und auf der Kunstmesse Positions Berlin Art Fair werden aktuelle Entwicklungen der Gegenwartskunst präsentiert.
Die Berlin Art Week ist keine Kunstmesse mit festem Rundgang, sondern ein über die Stadt verteiltes Gefüge. Ihre interessantesten Momente entstehen oft dort, wo sich Kunst nur vorübergehend einnistet: in einer Hotelsuite, im U-Bahnhof, im historischen Kochhaus eines Klinikums, im Kino, im Sommerbad oder in einem Raum, der nach wenigen Tagen wieder verschwindet.
Gerade diese Formate haben eine andere Zeitlichkeit als die großen Eröffnungen. Man kann sie nicht auf später verschieben. Wer eine Performance verpasst, kann sie oft nur noch als Foto, Video oder Erzählung anderer sehen. Wer einen Projektraum nicht besucht, findet vielleicht wenige Wochen später nur noch eine leere Adresse oder ein neues, anderes Programm vor.
Das macht sie nicht automatisch wichtiger als institutionelle Ausstellungen. Aber es macht sie dringend. Und es verschiebt den Blick: weg vom Abhaken der bekannten Namen, hin zur Frage, welche künstlerischen Arbeiten und Räume gerade erst um Aufmerksamkeit kämpfen.

Die Stadt als Ausstellungsraum
Besonders deutlich wird diese Offenheit in der Sektion „Featured“. Rund 30 von einer Jury ausgewählte Projekträume, Sonderinitiativen und künstlerische Kooperationen verteilen sich über ganz Berlin, von Lichtenberg bis Westend. Die Formate führen in U-Bahnhöfe, Hotelsuiten, Kinos, Kliniken und andere Orte, die für kurze Zeit zu Ausstellungs- und Aufführungsräumen werden.
Sichtbar werden dabei unterschiedliche Stimmen. Internationale Namen, aber auch Kunststudent*innen und Initiativen der freien Szene. Höhepunkt ist die ›Featured Night‹ am Freitagabend, dem 11. September, mit stadtweiten Eröffnungen, Performances und Partys bis in die Nacht. Wer nur einen Abend für Entdeckungen abseits der etablierten Häuser reservieren möchte, sollte ihn hier einsetzen.
Mich interessiert an „Featured“ weniger die Idee des Geheimtipps als die Frage, welche Arbeit wir in den nächsten Tagen weitererzählt werden? Welche Initiative findet ein Publikum über die eigene Szene hinaus? Und welche Position bleibt womöglich unentdeckt, obwohl sie eine präzise oder notwendige künstlerische Sprache gefunden hat?
Performances – Kunst, die nicht bleibt
Die zweite große Dringlichkeit der Woche liegt in den Performances. Sie entziehen sich der Routine des Ausstellungsbesuchs, weil sie nicht einfach auf einen späteren Termin verschoben werden können. Sie geschehen in einer bestimmten Zeit, mit bestimmten Körpern und einem bestimmten Publikum.

Die Reihe „Perform!“ auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie geht in ihre fünfte Ausgabe. Zu sehen ist unter anderem Trisha Browns „Walking on the Wall“ von 1971, das während der Berlin Art Week täglich performt wird, sowie eine neue Präsentation der KDV Performance Group / Kianí Del Valle. Am Sonntag ergänzen Josh Johnson, Miriam Kongstad und Deva Schubert das Programm.
Weitere wichtige Positionen sind die Premiere von Ersan Mondtags und Nadim Sammans „Alternde Meister“ in der Gemäldegalerie, Sophia Süßmilchs „Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“ und Theresa Reiwers „Internet Explorer“ am HAU Hebbel am Ufer sowie JJJJJerome Ellis im Haus am Waldsee. Die haubrok foundation schließt die Woche am Sonntag mit „Another Sunday Afternoon for Berlin Art Week“ ab.
Die Performances zeigen, dass Kunst nicht nur gesehen, sondern gehört, körperlich erlebt und mit anderen geteilt wird. In einer Woche der Eröffnungen und schnellen Ortswechsel setzen Performances der Logik des Durchlaufens einen Moment von Anwesenheit entgegen.

Was wird bleiben?
Die großen Häuser zeigen während der Berlin Art Week, was bereits institutionell abgesichert ist oder langfristig angelegt wurde. Die Ausstellungen sind wichtig – gerade weil sie Zeit für eine zweite und dritte Begegnung lassen.
Doch Sichtbarkeit ist kein Qualitätsurteil. Nicht alles, was laut wird, bleibt. Und nicht alles, was leise bleibt, ist weniger relevant. Nach vielen Jahren Berlin Art Week erinnere ich mich oft nicht zuerst an die Namen, die ohnehin gesetzt waren, sondern an Räume, die ich zufällig gefunden habe, an Arbeiten, die damals noch niemand einordnen konnte, oder an eine Performance, die nur ein einziges Mal stattgefunden hat.
Nicht jede dieser Entdeckungen musste sich später „bestätigen“. Aber genau darin liegt der Wert einer solchen Woche: Sie ermöglicht Begegnungen mit Kunst, bevor der Markt, die Institution oder der Kanon entschieden haben, wie wichtig sie sein soll.
Institutionelle Kraft der Große Häuser und großen Namen
Die großen Eröffnungen der Woche sollte man dennoch nicht übersehen – man muss sie nur nicht alle in die fünf Festivaltage pressen. Ihre Stärke liegt darin, dass sie bleiben und Zeit für einen ruhigeren Besuch geben.
In der Neuen Nationalgalerie eröffnet Maurizio Cattelan mit Night”, seine erste große Einzelausstellung in Deutschland. Für mich ist dies sicherlich ein Highlight. Die Ausstellung läuft vom 10.9. bis zum 7.3.2027. Es bleibt also auch außerhalb der Berlin Art Week noch Zeit. Die Eröffnung mit eigenem Performance-Programm ist allerdings sicherlich ein Besuch in dieser Art Week wert.
Ryuichi Sakamoto im Hamburger Bahnhof: Ab dem 11.09.2026 öffnet die erste große Europa-Retrospektive des im Jahr 2023 verstorbenen Komponisten und Künstlers mit dem Titel „seeing sound, hearing time”. Ryuichi Sakamoto gilt als Pionier der elektronischen und experimentellen Musik, der die Grenzen zwischen Klang, Film, Performance und bildender Kunst immer wieder neu definierte. Läuft bis zum 23.05.2027.
Ergänzend positionieren sich noch weitere Häuser mit gesellschaftlich aufgeladenen Themen, die sehenswert sind.

Der Gropius-Bau hat sich gerade von der Abramović-Ausstellung verabschiedet und zeigt ab heute die Ausstellung „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960” Läuft bis bis zum 17.1.2027. Die Kunst mit der Migrationsgeschichte, die mit der Geschichte eines Berliner Stadtteils verknüpft ist.
Das Haus der Kulturen der Welt, das immer wieder fester Bestandteil der Berlin Art Week ist, zeigt die Berlin-Edition der 36. Bienal de São Paulo mit dem Titel „Nicht alle Reisenden folgen Wegen – Humanität als Praxis“ (12.09.–06.12.2026) und bringt damit internationale Positionen nach Berlin.
Im diesem Jahr erzählen die großen Häuser besonders eindrücklich von geteilten Geschichten, Migration und Zeitlichkeit und machen die Art Week so zu einem Ort politischer Selbstverortung.

Markt und Sammlung: Positions, Gallery Night und „Meet the Artist“
Mit der Positions Berlin Art Fair in Tempelhof, der Gallery Night und den Open Houses der privaten Sammlungen zeigt die Berlin Art Week auch ihre markt- und sammlungsbezogene Seite. Die Positions Berlin Art Fair bringt mehr als 90 internationale Galerien zusammen; die Gallery Night aktiviert 54 Berliner Galerien mit Eröffnungen und erweiterten Öffnungszeiten. Mit „Discovering Collections!“ werden am Samstagabend der Berlin Art Week private Sammlungen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Weitere renommierte Privatsammlungen öffnen am Samstag und am Sonntag ihre Türen mit neuen kuratierten Ausstellungen oder besonderen Zugängen. Unter anderem die Boros Collection, Fluentum, die Kienzle Art Foundation, die Miettinen Collection, die Sammlung Hackelsberger, das Feuerle Puig House und das Achim Freyer Kunsthaus ihre Türen. Die Julia Stoschek Foundation verabschiedet sich mit einer Closing Week von ihrem Berliner Standort. Beim Format ›Meet the Artist‹ geben Künstler*innen im Gespräch mit Sammler*innen aus erster Hand Einblicke in ihre Werke, u. a. bei der Sammlung Ivo Wessel im Taut-Haus am Engelbecken.
Diese Formate ermöglichen besondere Einblicke. Zugleich stellen sie Fragen nach Zugänglichkeit, Förderung und Macht: Wer kann Kunst langfristig ermöglichen? Welche Galerien und Sammlungen fördern Karrieren über die kurze Aufmerksamkeit eines Festivals hinaus? Und welche Räume bleiben trotz aller Öffnung exklusiv?
Durch die Stadt gehen – Geführte Touren
Wer sich ohne festen Plan auf den Weg machen möchte, kann die kuratierten Routen der Berlin Art Week nutzen. Sie führen durch verschiedene Stadtteile, darunter Mitte, Neukölln, Kreuzberg, Charlottenburg und West-Berlin, und verbinden die Veranstaltungen räumlich miteinander. Die Touren entstanden gemeinsam mit dem Museumsdienst Berlin.
Mein Rat für diese Woche: Nicht zu viel vornehmen. Einen festen Termin wählen, dazwischen Zeit für Umwege lassen und auch den Räumen folgen, die nicht schon vorab als große Highlights markiert wurden.
Die großen Ausstellungen bleiben. Die temporären Projekte schließen wieder, die Performance endet, die zufällige Begegnung lässt sich nicht wiederholen. Vielleicht ist gerade das ihr Wert: Sie erinnern daran, dass die Zukunft der Kunst nicht erst beginnt, wenn etwas anerkannt ist. Sie beginnt dort, wo jemand einen Raum öffnet, ein Risiko eingeht – und ein Publikum bereit ist, hinzusehen.
Ich werde in den kommenden Tagen deshalb nicht nur schauen, was erzählt wird. Ich werde auch darauf achten, was leise bleibt.
Es gibt viel zu entdecken. Enjoy!
