Vor einigen Tagen sehe ich, wie ein Mann seine brennende Zigarette in einen Gully wirft. Kein Blick nach rechts oder links, keine Sekunde des Zögerns. Eine kleine, beiläufige Bewegung.
Einen Augenblick lang überlege ich, ob ich etwas sagen soll. Wäre das jetzt meine Verantwortung, nur weil ich es gesehen habe? Ich entscheide mich dagegen. Es ist früh, meine erste Gassirunde, und der Ärger, der mir bevorstünde, scheint mir sicherer als die Wirkung, die ein Satz von mir hätte.

Fast täglich auf meinen Waldspaziergängen mit meinem Hund. Links und rechts vom Weg liegen Kippen im trockenen Laub. Es ist Sommer, es ist heiß, jeder weiß, wie schnell hier etwas brennen kann. Trotzdem liegt der Müll da. Nicht versteckt, nicht hastig weggeworfen. Einfach liegen gelassen.
Zwei Szenen, dieselbe Geste. Beides ist verboten, das eine als Ordnungswidrigkeit, das andere als Verstoß gegen das Waldgesetz. Bußgeld droht in beiden Fällen. Und doch wirkt in beiden Momenten, als gelte das Verbot nur für andere, nicht für sie selbst.
Zwei kleine Szenen. Und doch beginnt genau dort die größere Frage, die Frage nach der Verantwortung.
Was Verantwortung eigentlich meint
Verantwortung heißt zunächst etwas Einfaches: für das eigene Handeln einstehen, für Entscheidungen und das, was aus ihnen folgt. Wer verantwortlich ist, muss Rechenschaft ablegen können, vor sich selbst, vor dem eigenen Gewissen, vor dem Gesetz, vor der Gesellschaft. Drei Fragen stecken darin, die sich nie ganz trennen lassen: Wer trägt sie? Wofür genau? Und vor wem muss er oder sie dafür einstehen?
Am Anfang steht die Eigenverantwortung, das Einstehen für die eigenen Taten und die eigenen Bedürfnisse. Der Mann am Gully trägt sie in diesem Moment allein. Es gibt ein Gesetz, das sein Handeln ahndet, sollte ihn jemand melden. Aber niemand tut es, auch ich nicht. Bleibt nur sein eigenes Gewissen. Und meines, für meine eigene Entscheidung, zu schweigen.
Politisch und gesellschaftlich wird es komplizierter, weil dort die Frage nach dem Wofür und dem Vor-wem selten eindeutig beantwortet ist. Ein Politiker trägt Verantwortung, wofür genau, vor wem konkret? Ein Konzern ebenso. Je größer der Kreis, desto leichter lässt sich die Rechenschaft verwässern, bis von ihr nur noch das Wort übrig bleibt.
„Verantwortlich ist, wer gewählt hat, der Gott ist unschuldig“ (aitia helomenou, theos anaitios) — Platon in Politeia 617e
Wofür sich Verantwortung noch lohnt
Schon in der Antike wusste man, dass Verantwortung nicht am Ende beginnt, sondern am Anfang, bei der Wahl selbst. Platon erzählt am Schluss seines Werks Politeia den Mythos des Er: Seelen, die vor ihrer Wiedergeburt aus vorgelegten Lebensmustern wählen müssen, aus Bildern eines möglichen Lebens. Und dann fällt der entscheidende Satz: Verantwortlich ist, wer gewählt hat. Nicht die Umstände, nicht die Herkunft, nicht der Gott, der die Wahl überhaupt erst ermöglichte.
Laut Platon brauchen wir dazu etwas, zwischen dem wir wählen können. Platons Seelen sehen zuerst die Muster möglicher Leben, dann erst wählen sie. Fehlt dieses Bild, fehlt auch die Wahl, und mit ihr die Verantwortung. Der Mann am Gully hatte in diesem Sinn nichts vor Augen, das ihm gezeigt hätte, wofür sein Handeln zählt, außer der eigenen Bequemlichkeit in diesem Moment.
Genau das ist die Frage, die sich heute in größerem Maßstab stellt. Nicht nur, ob Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Sondern, ob sie überhaupt noch ein Bild haben, für das sich diese Übernahme lohnt.
Was Max Weber schon wusste
Platon zeigt, was der Wahl vorausgeht. Max Weber zeigt, was ihr folgen muss. In seinem Vortrag Politik als Beruf unterscheidet er zwischen zwei Haltungen: der Gesinnungsethik, die allein auf die reine Absicht schaut, und der Verantwortungsethik, die nach den tatsächlichen Folgen des eigenen Handelns fragt. Wer gesinnungsethisch denkt, sagt: Ich habe nach meiner Überzeugung gehandelt, das Ergebnis überlasse ich der Welt. Wer verantwortungsethisch denkt, fragt weiter: Was habe ich damit ausgelöst, auch dort, wo ich es nicht beabsichtigt habe?
Der Mann am Gully handelt in gewisser Weise gesinnungsethisch, nur ohne die Ethik. Er hat eine Absicht, seine Zigarette loszuwerden, und überlässt der Welt, was daraus wird. Ob ein Funke im trockenen Wald landet oder Gift ins Grundwasser sickert, gehört für ihn offenbar nicht mehr zur eigenen Handlung.
Weber schreibt für Politiker, aber sein Maßstab reicht weiter. Er sagt im Grunde: Gute Absichten sind billig zu haben. Verantwortung beginnt erst dort, wo jemand bereit ist, auch für das einzustehen, was er nicht wollte, aber verursacht hat.
Wenn Verantwortung zu Macht wird
Und doch erleben wir gerade eine andere Bewegung. Nicht das Verschwinden von Verantwortungsbewusstsein, sondern seine Verschiebung in eine ältere, vertrautere Lesart. Verantwortung wird dort übernommen, wo sie Kontrolle verspricht, und dort verweigert, wo sie nur Rechenschaft verlangt. Wer Macht ausübt, nennt das gern Verantwortung. Wer für die Folgen des eigenen Handelns geradestehen müsste, ohne dabei etwas zu gewinnen, findet plötzlich gute Gründe, warum gerade jetzt nicht der richtige Moment ist.
Diese Verwechslung hat eine lange Geschichte. Patriarchale Ordnungen haben Verantwortung immer auch als Herrschaftsanspruch verstanden: Wer bestimmt, trägt vor niemandem Rechenschaft ab außer sich selbst. Genau diese Lesart kehrt zurück, in Unternehmen, in politischen Ämtern, manchmal auch im Kleinen, in Familien und Vereinen. Verantwortung wird zum Vorwand für Zugriff, nicht zur Grundlage von Rechenschaft.
Das Ergebnis ist eine merkwürdige Schieflage. Es gibt genug Menschen, die gern mehr Einfluss hätten, im Namen der Verantwortung. Und zu wenige, die bereit sind, für das einzustehen, was aus ihrem Handeln folgt, ohne dass ein Gewinn dabei herausspringt.
„Verantwortung ist ein Resonanzraum, aus dem für das eigene Leben etwas zurückkommen muss.“ —Judith Barbolini, Studienleiterin rheingold.institut
Anfang Juli habe ich an einem Webinar teilgenommen, in dem das Marktforschungsinstitut Rheingold zusammen mit der ifp – Executive Search. Management Diagnostik eine neue Studie zum Thema Verantwortung vorstellte, eine breit angelegte Befragung quer durch die Generationen. Was dort zur Sprache kam, bestätigte einiges von dem, was sich am Gully und im Wald nur andeutet, nur eben im größeren Maßstab.
Was dabei besonders auffiel, war weniger die Frage, ob Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Sondern die Frage, wofür. Befragte aller Generationen taten sich schwer, überhaupt zu sagen, was gesellschaftliche Verantwortung im größeren Rahmen bedeuten soll, ältere ebenso wie jüngere. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einer Art Ratlosigkeit. Ein Zukunftsbild, das trägt, fehlt, und zwar über alle Altersgruppen hinweg.
Und wo dieses Bild fehlt, zieht sich Verantwortung dorthin zurück, wo sie noch etwas zurückgibt. Für viele der Befragten war das die Arbeit, der einzige Bereich, in dem Einsatz noch sichtbar wird, in dem eine Struktur vorgibt, was zu tun ist, und in dem am Ende manchmal noch eine Rückmeldung kommt. Gesellschaftliche Verantwortung dagegen bleibt diffus, ohne Adresse, ohne Echo.
Das erklärt auch, warum die Generationen sich gegenseitig defizitorientiert betrachten. Jede sieht bei der anderen ein Versagen, wo eigentlich nur unterschiedliche Bilder von Verantwortung fehlen, oder unterschiedliche Enttäuschungen darüber, dass keines davon mehr trägt. Es ist kein Charakterproblem einer Generation. Es ist ein gemeinsamer Mangel an geteilter Richtung.
Was eine Demokratie ohne Echo verliert
Was hier auf dem Spiel steht, ist mehr als eine einzelne Zigarette oder eine einzelne Enttäuschung. Demokratie funktioniert nicht allein über Gesetze und Institutionen. Sie braucht eine gelebte Verantwortungskultur, Menschen, die das Gemeinsame mittragen, auch dann, wenn kein unmittelbarer eigener Vorteil dabei herausspringt. Genau diese Bereitschaft ist es, die sich gerade zurückzieht, dorthin, wo sie noch etwas einbringt, in die eigene Familie, den eigenen Job, den eigenen Garten.
Was zurückbleibt, wenn dieser Rückzug zur Regel wird, ist Fatalismus. Nicht Wut, nicht Protest, sondern die stille Überzeugung, dass sich ohnehin nichts mehr ändern lässt. In der Studie war das an einem Satz besonders deutlich zu spüren: „Mir ist Deutschland zu fremd geworden. Ich hätte das nie gedacht, aber mich hält hier eigentlich nichts mehr.“ Kein Zorn darin, eher Erschöpfung. Und genau diese Erschöpfung ist gefährlicher als Wut, weil sie sich nicht wehrt, sondern einfach aufgibt.
Der Mann am Gully und der Mensch, der innerlich mit dem Land abgeschlossen hat, tun im Kern dasselbe. Beide haben sich aus der Mitverantwortung für das große Ganze verabschiedet, der eine für die zehn Meter Straße vor ihm, der andere für ein ganzes Land. Der Unterschied ist nur die Größe der Bühne, nicht die Haltung dahinter.
Demokratie stirbt selten an einem einzelnen großen Bruch. Sie erodiert an der Summe kleiner Rückzüge, an der stillen Übereinkunft, dass das Gemeinsame Sache der anderen ist, der Politik, der Institutionen, der nächsten Generation. Fatalismus ist deshalb keine Randerscheinung. Er ist leiser als Extremismus, aber er wirkt genauso zuverlässig, nur langsamer.
Die kleine Frage danach
Der Mann am Gully hat wahrscheinlich nie über irgendeine Verantwortung oder Demokratie nachgedacht, als er seine Zigarette losließ. Er wollte nur weiter, an einem gewöhnlichen Morgen, ohne dass ihn etwas daran erinnerte, dass sein Handeln über die nächsten zehn Meter hinausreicht. Ich bin weitergegangen, mit meinem Hund, in Richtung Wald, wo mich die nächsten Kippen schon erwarteten.
Verantwortung zu übernehmen ist unbequem. Viele sind froh, wenn andere das übernehmen. Beliebt macht man sich damit selten, eher das Gegenteil. Oft folgen Beschimpfungen und Beleidigungen, die Medien sind voll davon. Auch ich habe an jenem Morgen kurz abgewogen, ob es mir das wert ist, ob ein Satz an einen fremden Mann den möglichen Ärger aufwiegt. Ich habe mich dagegen entschieden.
Genau diese Abwägung, still und alltäglich, ist vermutlich die eigentliche Übung. Nicht das große Zukunftsbild zuerst, sondern die kleine Frage an jenem Morgen, ob es meine Sache gewesen wäre.
Sie war es. So wie es an jedem Morgen aufs Neue jemandes Sache ist, nur meistens niemandes.

Titelbild wurde mit ChatGPT erstellt.