Lange kannte ich Wuppertal nur aus Erzählungen. Eine Familie, die eine Textilbandfabrik in der Stadt besaß, verbrachte mehrere Jahre ihre Ferien im Hotel meiner Großeltern. Sie hatten eine Tochter, mit der ich in diesen Wochen viel Zeit verbrachte. Mehr wusste ich über die Stadt nicht. Später wurde Wuppertal für mich, wie für viele andere auch, durch Pina Bausch und ihr Tanztheater wieder ein Begriff, vor allem durch Wim Wenders‘ Dokumentation.
Am Sonntag, dem 26. Juli, fuhr ich zum ersten Mal selbst hin. Anlass war der Besuch der Carl-Grossberg-Ausstellung im Von der Heydt-Museum. Die Führung durch die Ausstellung war erst für 15:30 Uhr gebucht, sodass ich vorher Zeit hatte, die Stadt ein wenig zu erkunden. Ich fuhr mit der Schwebebahn, zum ersten Mal in meinem Leben. So besuchte ich das Elternhaus von Friedrich Engels in Barmen, das heute ein Museum ist, und ging am Opernhaus vorbei, in dem das Tanztheater von Pina Bausch zu Hause ist.
Ein Tal der frühen Industrielandschaft
Vor meiner Fahrt nach Wuppertal hatte ich ein wenig über die Geschichte der Stadt gelesen. Dabei stieß ich schnell auf die Jahreszahl 1784, in der im Wuppertal die erste vollmechanische Baumwollspinnerei auf dem europäischen Kontinent entstand. Barmen und Elberfeld wuchsen im 19. Jahrhundert zu einem der großen Textilzentren Europas heran. Die Region war auf Bänder, Garne und Färbereien spezialisiert und exportierte ihre Produkte in die ganze Welt. Zeitgenossen nannten die Region damals das „Deutsches Manchester“. 1863 wurde in Barmen eine Farbenfabrik gegründet, aus der später das Unternehmen Bayer hervorging.
Zu dieser Zeit rückten die Fabriken immer näher an die Wohnviertel heran. Um die Jahrhundertwende stieß das enge Tal dann an seine Grenzen und es war kaum noch Platz für Straßenbahnen. Deshalb wurde 1901 die Schwebebahn eröffnet: eine Hängebahn, die über der Wupper und der Bundesallee verläuft. Sie wurde zum ikonischen Symbol einer modernen, technisch selbstbewussten Industriestadt.
Die Stadt selbst gibt es unter diesem Namen erst seit 1930, vorher heißen die Städte Barmen und Elberfeld. 1929 schlossen sie sich mit Cronenberg, Ronsdorf, Vohwinkel und Teilen Beyenburgs zusammen. In Barmen wird übrigens 1820 Friedrich Engels geboren, der später gemeinsam mit Karl Marx das „Kommunistische Manifest” schreibt. In seinem Elternhaus verbindet sich die Geschichte der Textilfamilie Engels mit den sozialkritischen Analysen, die Engels und Marx gemeinsam entwickelt haben.
Von der Heydt-Museum Wuppertal
Kurz vor 15 Uhr machte ich mich auf den Weg zur Carl-Grossberg-Ausstellung im Von der Heydt-Museum. An der Kasse wurde ich mit Namen begrüßt – ich hatte telefonisch reserviert. Überrascht hat mich die Höflichkeit, mit der mich die Dame dort empfing. So etwas erlebt man heutzutage leider viel zu selten. Bis zum Beginn der Führung blieb noch etwas Zeit, die ich im Treffpunktbereich verbrachte. Dort lagen Bücher aus, und ich blätterte die letzte Viertelstunde ein wenig in einer Biografie Eduard von der Heydts.
Wuppertal war für diesen Nachmittag also mehr als nur der Ort einer Ausstellung. Grossberg und von der Heydt stammen beide aus Elberfeld und sind beide mit der Stadtgeschichte verwoben, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Ich fragte die Frau, die uns durch die Ausstellung führte, nach diesem Zusammenhang. Sie erklärte, das Museum sei aus einer bürgerlichen Wuppertaler Stiftungsgeschichte hervorgegangen. Es wurde 1902 als Städtisches Museum Elberfeld eröffnet und erhielt erst 1961 den heutigen Namen, aus Dankbarkeit gegenüber August und Eduard von der Heydt, die das Haus über Jahre mit Schenkungen und Unterstützung geprägt hatten.
„Ein Jahr, bevor die Neue Sachlichkeit ihren Namen bekam, hatte Grossberg sie schon gemalt.“
Architektur als erster Denkraum
Die Führung durch die Ausstellung folgte der Chronologie von Grossbergs Leben und Werk. Sie begann mit einem jungen Mann, der 1913 in Aachen und Darmstadt Architektur studierte, was der Erste Weltkrieg unterbrach. Grossberg wurde an der Westfront eingesetzt, im Schützengraben verschüttet und war seither körperlich und seelisch gezeichnet. 1919 schrieb er sich in Weimar ein, zunächst an der Hochschule für Bildende Kunst, die wenige Wochen später im neu gegründeten Staatlichen Bauhaus aufging. Anders als von der Schule vorgesehen, wollte Grossberg am Bauhaus kein Baumeister, sondern Maler werden. Sein wichtigster Lehrer wurde Lyonel Feininger. 1921 verließ er die Schule im Zusammenhang mit einer Krise, die sich an Walter Gropius‘ Führungsstil entzündete.
Schon damals zeichnet sich ab, dass Grossberg kein Maler des großen Gefühlsausbruchs ist, sondern der kontrollierten Weltoberfläche. Seine Bilder zeigen technische Räume, Fassaden und Perspektiven, die wie durch ein Lineal gezogen wirken. Grossberg gehört zur Neuen Sachlichkeit, bleibt darin aber ein Sonderfall, da seine Bilder oft eine beinahe unheimliche Ruhe ausstrahlen.
Sommerhausen: Rückzug und Neuorientierung
Nach seiner Zeit am Bauhaus ließ sich Grossberg 1921 in Sommerhausen bei Würzburg, einem Weinort, nieder, wo er bis 1940 wohnte. 1923 heiratet er die Violinistin Mathilde Schwarz. Sein erstes Maschinenbild, „Stillleben mit Turbine”, entsteht im Jahr 1924. Im selben Jahr erhält er seinen ersten Auftrag aus der Industrie von einer Würzburger Druckmaschinenfabrik. Eine Studienreise nach Amsterdam und Zandvoort im Jahr 1925 bringt eine Klärung, die man seinen Bildern seitdem ansieht: geometrische Schärfe und kräftige, beinah kühle Farben. In den späten 1920er Jahren wird Grossberg so zu einem gefragten Maler der Industrie, was ihm auch ein sicheres Einkommen für seine vierköpfige Familie verschafft. Er zeichnete und malte Produktionsräume großer Betriebe, darunter, wie mir bei einer Führung erzählt wurde, auch eine Weberei in Wuppertal-Elberfeld. 1928 und 1929 ist er in zwei Themenausstellungen zu „Kunst und Technik” in Essen und Berlin vertreten. Seine Bilder wirken fotografisch genau, glatt aufgetragen, ohne erkennbaren Pinselstrich, fast mechanisch in ihrer Wirkung. Menschen kommen darin kaum vor.

Das Entscheidende an Grossberg ist nicht nur, was er malt, sondern auch, wie er es ordnet. Bei ihm werden Architektur und Industrie zu klaren, fast abgekühlten Ordnungsformen, die zugleich etwas Brüchiges haben. Diese Bilder wirken wie Apparate der Wahrnehmung: Sie machen sichtbar, dass die moderne Welt nicht einfach „da“ ist, sondern gebaut, gelenkt und verdichtet wird. Das Museum beschreibt diese Werke als Ausdruck eines „neuen, fotografischen Sehens“ und verweist damit auf die Nähe zur Fotografie.
Industrie als Auftragswelt
1934 erhielt Grossberg vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda den Auftrag für ein Wandgemälde mit dem Titel „Industrielandschaft“, das auf der Berliner Ausstellung „Deutsches Volk, Deutsche Arbeit“ gezeigt wurde. Ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus ist das jedoch nicht. Grossberg und seine Frau galten als Gegner des Regimes und waren in ihrem Umfeld sogar als „Kommunisten“ verschrien. Wenn er staatliche Aufträge annahm, dann tat er das, um seine Familie durchzubringen, nicht aus Überzeugung. In diesem Teil der Führung hingen auffällig viele Bilder mit Berlin-Bezug, eine Stadt, in der meine Großmutter in dieser Zeit geboren und aufgewachsen ist. Ich selbst habe fast siebzehn Jahre dort gelebt. Seine Bilder bleiben in dieser Zeit formal so streng wie zuvor, aber die Motive werden unruhiger, kälter und in ihrer Wirkung bedrohlicher. Grossbergs Spätwerk ist keine NS-Kunst. Es entsteht jedoch in ihrem Schatten, und genau darin zeigt sich, wie brüchig jene sachliche Moderne war, die sich politisch nie ganz einhegen ließ.
Das letzte Gemälde
Im letzten Raum der Ausstellung erwartet uns das vermutlich letzte Gemälde von Carl Grossberg. In einer Vitrine liegt ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Eine der Seiten trägt das Datum des 30. Januar 1933 – den Tag, an dem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Daneben hängt ein Gemälde, das einen Wolkenkratzer, eine geflügelte Fabelfigur auf einem Vorbau sowie einen Mann allein auf einer Straße vor einer Industriekulisse zeigt. Im Zuge der aktuellen Grossberg-Retrospektive kam erstmals Material aus dem lange verschlossenen Nachlass der beiden Töchter Grossbergs hinzu, darunter offenbar auch das zuletzt entstandene Bild. Die Führung deutete dieses Bild als Abbild des seelischen Zustands des Künstlers. Museumsdirektor Roland Mönig sagte der Wuppertaler Rundschau, durch den Zugang zum „seit 30 Jahren verschlossenen Nachlass“ habe man Carl Grossberg „ganz neu kennengelernt“.
Am 10. September 1940 war Grossberg als Fahrer in einen Autounfall auf einer Landstraße bei Laon in Frankreich verwickelt. Sein Beifahrer, ein Freund, starb dabei. Ein Kriegsgericht befasste sich mit dem Unfall. Lange Zeit stand in seiner Biografie, auch er sei bei diesem Autounfall ums Leben gekommen. Erst das Material aus dem Nachlass ermöglichte eine neue Interpretation. Grossberg nahm sich am 19. Oktober 1940 das Leben, nachdem er einen Autounfall überlebt hatte, bei dem ein Freund starb, und nachdem ihm offenbar ein Kriegsgerichtsverfahren drohte.
Traumbilder: Der Riss in der Sachlichkeit
Mit diesem Wissen ging ich nach der Führung noch einmal in den Raum mit den Traumbildern zurück. Ein Maler, der sich das Leben nimmt, ist etwas anderes als einer, der bei einem Autounfall stirbt. Und ja, hier wirkte alles anders als in den Räumen mit den Industriebildern. Während dort Ordnung und Strenge herrschten, lösten sich hier die Formen. Die Führung hatte von einem deutlichen Bruch in dieser sonst so kontrollierten Bildsprache gesprochen. Besonders die frühen Aquarelle mit ihren Gespensterfiguren, die schon in Grossbergs Weimarer Zeit entstanden waren, blieben mir jetzt im Gedächtnis. Sie erinnerten mich an die Illustrationen zu „Das kleine Gespenst” von Otfried Preußler: dieselbe schwebende, halb kindliche, halb unheimliche Erscheinung. Eines der ausgestellten Bilder aus dieser Zeit, „Die Elemente” von 1931, kam 1952 als Geschenk Eduard von der Heydts in die Sammlung des Museums, in dem es heute hängt. Grossberg war 46 Jahre alt, als er starb.
Noch ganz berauscht von der Ausstellung und der Führung ging ich zu Fuß zu meinem Auto zurück, das einige hundert Meter vom Museum entfernt auf einem Parkplatz stand. Dann machte ich mich auf den Heimweg, die Fahrt dauerte vierzig Minuten. Grossbergs Bilder zeigen die Moderne als eine Ordnung von Stadt und Technik: kühl, exakt, ohne Menschen. An diesem Sonntag hatte ich sowohl die Stadt gesehen, wie sie heute daliegt, als auch die Bilder eines Mannes, der sie vor hundert Jahren mit unbestechlichem Blick festhielt – bis zu jenem letzten Bild, das zeigt, was seine Ordnung am Ende nicht mehr halten konnte.






