Zurück aus der Sommerpause kommt hier wieder dein wöchentlicher kultur*letter. Zeit also für ein Update zu den wichtigsten Themen in der Kultur-Welt und darüber hinaus. Du wirst kurz und knapp auf den neuesten Stand gebracht.
In der letzten Woche wurde mir ein Begriff in meinen News-Feed gespielt: „Blaustrumpf” und die „Blue Socking Society”. Ich war sofort von dem Begriff begeistert. Er entstand im 18. Jahrhundert als Bezeichnung für eine intellektuelle Gruppe und wurde später, während der aufkommenden Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, für gebildete Frauen verwendet. Nicht als Kompliment, sondern als spöttischer Kampfbegriff. Warum galten gebildete Frauen einst als Bedrohung? Aber irgendwie tun sie das ja heute noch. Meinen Essay über Blaustrümpfe, weibliche Bildung, alte Vorurteile und die Lust am eigenen Denken könnt ihr hier lesen. Ich wäre gern ein Blaustrumpf. Vielleicht möchtet ihr ja auch ein „Blaustrumpf” sein?
Und hier sind auch schon meine Tipps für die kommende Woche.
Ausstellungen
Ich war zwischenzeitlich für ein Wochenende in Frankfurt am Main. Wie im letzten kultur*letter angekündigt, habe ich mir dort die Ausstellungen im Städel Museum und in der Schirn angeschaut. Besonders begeistert hat mich die Ausstellung „The World Through AI“ in der Schirn, die definitiv sehenswert ist. Für einen Vorgeschmack findet ihr hier eine ausführliche Besprechung mit Videos zu beiden Ausstellungen.
Elmgreen & Dragset im Städel: Wenn das Museum seine Ordnung verliert
Mit „Stillleben mit Gemüse“ verwandelt das Künstlerduo Elmgreen & Dragset das Frankfurter Städel Museum in ein Spiel zwischen Wirklichkeit und Illusion. Skulpturen, Installationen und Interventionen begegnen den Werken der historischen Sammlung und lassen vertraute Räume plötzlich fremd erscheinen.
Ein Restaurant ohne echte Gäste, ein verlassenes Büro, scheinbar zufällige Gegenstände und Figuren, die erst auf den zweiten Blick als Kunstwerke erkennbar werden. „Stillleben mit Gemüse“ ist eine Einladung zum genauen Hinsehen. Mein ausführlichen Bericht zur Ausstellung. Die Ausstellung geht noch bis zum 17. Januar 2027.
Frankfurter Schirn Kunsthalle, „The World Through AI“
Wer bei KI vor allem an Chatbots, Bildgeneratoren und ein wenig Zukunftsrauschen denkt, sollte nach Frankfurt fahren. Die Schirn zeigt Algorithmen als das, was sie längst sind: Systeme aus Rohstoffen, Energie, unsichtbarer Arbeit, kolonial geprägten Archiven und Bildern, die über Menschen urteilen wollen. Besonders klug sind die historischen Zeitkapseln im ehemaligen Gebäude der Dondorf-Druckerei. Zwischen Khipu, Setzkasten und Gesichtstafeln wird klar: Die Gegenwart der KI hat eine lange Vorgeschichte von Sortierung, Kontrolle und Verwertung. Keine Technikschau, sondern ein guter Anlass, den eigenen Blick zu misstrauen. Mein ausführlichen Bericht zur Ausstellung. Noch bis zum 20. September 2026.
Tatort Berlin: Lange Nacht der Museen

Berlin bereitet sich in der kommenden Woche auf die Lange Nacht der Museen vor. Mit einem umfangreichen Programm beteiligen sich die Staatlichen Museen zu Berlin am Samstag, 29. August 2026 an der 44. Langen Nacht der Museen. Unter dem Motto „Crime in Berlin“ öffnen von 18 Uhr abends bis 2 Uhr morgens insgesamt 75 Berliner Museen ihre Türen. Mit einem Ticket können Besucher*innen mehr als 750 Events erleben – darunter Führungen, Lesungen, Workshops, Talks und Performances. Spartickets gibt es bis zum 16. August 2026 für 15 Euro, ermäßigt 12 Euro.
Bühne: 75 Jahre Berliner Festspiele
Die Berliner Festspiele feiern ihr 75-jährigen Bestehen. Der August steht daher ganz im Zeichen dieses Jubiläums. Seit 1951, als erstmals die Berliner Festwochen und die Internationalen Filmfestspiele Berlin als „Schaufenster des freien Westens“ stattfanden, sind sie untrennbar mit der bewegten Geschichte Berlins, Deutschlands und der Welt verbunden und haben sich seitdem zu einer internationalen Plattform für zeitgenössische Kunst entwickelt.
Ein Höhepunkt im Jubiläumsjahr ist das Wochenende vom 27. bis 30. August mit einer Vielzahl an Veranstaltungen: die Eröffnung des Musikfest Berlin in der Philharmonie Berlin, die Thementage Reflexe & Reflexionen im Haus der Berliner Festspiele, eine Musikperformance von Gabriele Stötzer und Exterra XX / Künstlerinnengruppe Erfurt auf dem Dach des Gropius Bau und der Beginn des urbanen Kunstprojekts What If Berlin des japanischen Künstlers Akira Takayama auf der Berliner Ringbahn. Letzteres bildet außerdem den Startpunkt für Focus Japan. Zudem bietet sich die letzte Gelegenheit, die Ausstellung Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition im Gropius Bau zu besuchen. Ein umfangreiches Program und jede Menge los in Berlin.
Für mich liegt ein besondere Fokus auf den Thementagen Reflexe & Reflexionen, die bereits zum drittem Mal stattfinden. Kuratiert werden die Thementage erneut von der Politologin Saba-Nur Cheema und dem Historiker Meron Mendel. Unter dem Titel Die große Unordnung widmet sich die aktuelle Ausgabe in verschiedenen Diskursformaten der Frage nach der Zukunft offener Gesellschaften in einer Zeit geopolitischer Unordnung.
Bei der diesjährigen Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen kommen unter anderem Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, die Journalistin und Autorin Nesrine Malik, Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel sowie der ehemalige Präsident Chiles Gabriel Boric zu Wort. Erstmalig werden zudem die Ergebnisse eines Schulprojekts von und mit Berliner Schüler*innen in Form einer Ausstellung im Festspielhaus präsentiert. Mein absolutes Go-tos.
Bei der diesjährigen Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen kommen unter anderem Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, die Journalistin und Autorin Nesrine Malik, Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel sowie der ehemalige Präsident Chiles Gabriel Boric zu Wort. Erstmalig werden zudem die Ergebnisse eines Schulprojekts von und mit Berliner Schüler*innen in Form einer Ausstellung im Festspielhaus präsentiert.
Literatur
Kann ein Buch ein ganzes Leben umlenken? Manchmal genügt eine Geschichte, um einem Leben eine Richtung zu geben. In Gregor Sanders Roman „Troja, später Nachmittag“ ist es Homers Ilias, die den jungen Heinrich Schliemann nicht mehr loslässt. Aus dem Pfarrerssohn aus Ankershagen wird ein weit gereister Kaufmann, Millionär und schließlich der Mann, der das sagenhafte Troja finden will. So wird Troja in diesem Roman zu mehr als einem archäologischen Ziel. Die antike Stadt steht für Heimkehr, Erinnerung und die Hoffnung, dass sich ein verfehltes Leben im Rückblick doch noch zu einer großen Geschichte fügen lässt. Sander verbindet historische Fakten mit literarischer Freiheit und fragt, wie viel Wahrheit in einer selbst erfundenen Biografie steckt.

„Troja, später Nachmittag“ ist ein opulenter, unterhaltsamer Roman über einen Mann, der die Welt bereist und dabei immer wieder zu seinen frühen Träumen zurückkehrt. Eine Geschichte über Bücher, die uns prägen, über Liebe, die nicht einfach verschwindet, und über die gefährliche Versuchung, das eigene Leben größer zu erzählen, als es vielleicht war.
Gregor Sander: „Troja, später Nachmittag“. Penguin Verlag, 320 Seiten, 24 Euro. Seit dem 19. August 2026 im Handel.
Diskurse & Diskussionen
Wenn Algorithmen Kinder krank machen: Ein Prozess, der uns alle angeht
In Oakland, Kalifornien, läuft seit dieser Woche einer der folgenreichsten Prozesse der digitalen Ära: 29 US-Bundesstaaten haben Meta verklagt, weil Instagram und Facebook bewusst so konstruiert worden seien, dass sie Kinder und Jugendliche abhängig und psychisch krank machen. Die Forderungen sind existenziell: Bis zu 1,4 Billionen Dollar Schadensersatz, dazu strukturelle Änderungen, wie das Abschaffen des Endlos-Scrollens, der Like-Funktion und der Alterskontrollen.
Parallel dazu zeigen deutsche Daten ein alarmierendes Bild: Laut der aktuellen DAK-Mediensucht-Studie hat sich die pathologische Nutzung sozialer Medien unter 10- bis 17-Jährigen seit 2019 mehr als verdoppelt – von 3,2 auf 6,6 Prozent im Jahr 2025. Das sind mehr als 1,4 Millionen betroffene Kinder und Jugendliche allein in Deutschland.
Der Whistleblower Arturo Béjar, ehemaliger Meta-Mitarbeiter, sagte diese Woche im Gericht aus: Junge Nutzer bekamen 100- bis 400-mal mehr schädliche Inhalte angezeigt, als die offiziellen Meta-Statistiken erfassten. Das Unternehmen habe gewusst, was passiert – und nicht gehandelt.
Aber ist das wirklich nur ein Meta-Problem? Oder haben wir als Gesellschaft eine Generation aufwachsen lassen, deren Aufmerksamkeit zur Handelsware wurde – ohne Alternativen zu schaffen? Der Soziologe Harald Welzer sagt: „Wir brauchen gute Räume, in denen sich Jugendliche wieder treffen können, um gemeinsam über Dinge zu reden.“ Momentan sind diese Räume vor allem durch Social Media besetzt.
Ich habe dazu einen längeren Essay geschrieben, der den Meta-Prozess, die Forschung zur Suchtmechanik, das Thema Langeweile und Welzers Idee der „guten Orte“ verbindet. Zum Weiterlesen: „Klage gegen Meta: Dopamin, Design, Algorithmen“ auf Circus Magazine
Und das war es auch schon für diese Woche. Habt noch alle ein wunderbares Wochenende. Die Hitze macht Pause oder ist spgar erstmal überstanden. Kommt gut in die nächste Woche! Wir lesen, sehen und hören uns dann wieder. Bleibt neugierig! Bleibt zugewandt.
