Am 30. Juli war der diesjährige Erdüberlastungstag. Daher werde ich heute mal etwas politischer hier im neusten kultur*letter für die kommende Woche. Zuviel prasselt gerade gleichzeitig auf uns ein.
Für Deutschland heißt das, das wir bereits seit dem 10. Mai rechnerisch mehr Natur verbrauchen, als sich in diesem Jahr erneuern lässt. Der Erdüberlastungstag ist jedoch weder ein exaktes Untergangsdatum noch eine moralische Rechenaufgabe für Einzelne. Er ist ein Symbol für ein aus dem Gleichgewicht geratenes Verhältnis. Wir leben, wirtschaften und konsumieren, als hätten wir mehr als einen Planeten zur Verfügung. Laut Global Footprint Network entspricht der globale Bedarf im Jahr 2026 rechnerisch 1,73 Erden.

Dass der Stichtag diese Jahr früher liegt als 2025 (24. Juli), ist keine gute Nachricht. Laut WWF basiert die Verschiebung hauptsächlich auf überarbeiteten Daten und nicht auf einem nachhaltigeren Verhalten. Auf vergleichbarer Basis ist der Ressourcenüberverbrauch so hoch wie nie zuvor.
Und dann noch das: Der Sommer 2026 brachte laut Copernicus den heißesten Juni seit Beginn der Messungen mit sich. In Teilen Frankreichs und Spaniens wurden Bodentemperaturen von über 50 Grad gemessen. Während wir über diesen Sommer sprechen, sterben bereits Menschen an seinen Folgen. Laut dem letzten Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts werden die hitzebedingten Todesfälle in Deutschland bis zum 19. Juli auf rund 9.800 geschätzt, mehr als in jedem Gesamtjahr seit 2016. Für die europäische Hitzewelle Ende Juni reichen die Schätzungen von über 10.000 registrierten bis zu rund 20.000 modellierten Todesfällen. (Reuters, journalmed, climate.europa) Hitze ist keine sommerliche Unannehmlichkeit. Sie ist eine Frage von Gesundheit, sozialer Ungleichheit und politischer Vorsorge. Historisch gesehen war der Sommer die Jahreszeit der Erholung, da Hitze etwas Vorübergehendes war: Man saß die Ferienwochen aus, bis der Herbst kam. Jetzt wird der Sommer jedoch zunehmend zur Gefahrenzone für einen wachsenden Teil der Bevölkerung, besonders für ältere Menschen, Pflegebedürftige und Menschen ohne Rückzugsort.
Klimapolitik ist deshalb keine Frage individueller Moral und auch kein Lifestyle-Thema für die richtige Trinkflasche. Sie ist eine Verteilungsfrage. Wer kann sich schützen? Wer trägt die Folgen?
Derweil wirkt die politische Führung in Deutschland, als ließe sich diese Realität wegmoderieren – durch Verschieben, Relativieren und die Beschwörung von „Technologieoffenheit“. Dabei ist die physische Realität nicht verhandelbar. Die Klimakrise ist nicht die düstere Kulisse einer fernen Zukunft. Sie ist der Sommer, in dem wir gerade leben.
„Merzschmerz: das Gefühl, dass eine Regierung noch unsozialer ausfällt, als man ihr ohnehin zugetraut hätte.“ – Paula Piechotta, Grünen-Bundestagsabgeordnete
Ich bin dieser Tage auf Instagram über ein Wort gestolpert: Merzschmerz. Geprägt hat es die Grünen-Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta, um das Gefühl zu beschreiben, dass eine Regierung noch unsozialer ausfällt, als man ihr ohnehin zugetraut hätte. Der Kontext war ein anderer, nicht direkt die Klimakrise. Das Prinzip dahinter, so empfinde ich es, ist jedoch dasselbe: Gerechtigkeit.
Die Klimakrise und die soziale Frage lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Wer den ökologischen Umbau ohne soziale Absicherung plant, stößt auf Widerstand. Wer hingegen soziale Sicherheit gegen Klimaschutz ausspielt, produziert eine doppelte Ungerechtigkeit. Nicht alle können sich eine Wärmepumpe, ein Elektroauto oder eine kühlere Wohnung leisten. Mit „Merzschmerz” lässt sich ausdrücken, dass diese Regierung Härte offenbar bereits für Politik hält.
Kultur kann einen Waldbrand nicht löschen und keine Emissionsbilanz reparieren. Aber sie kann etwas, das Politik und Alltag gern verlernen: Wahrnehmung organisieren. Sie gibt uns die Bilder, Geschichten und Worte, um nicht wegzusehen und zu begreifen, dass diese Gegenwart nicht einfach passiert, sondern gemacht wird. Sie wird gemacht. Auch durch das, was wir dulden. So, das musste jetzt mal hier raus!
Der Tag, an dem wir zählen
Der fröhliche Teil des heutigen kultur*letters: Ich habe heute Geburtstag. Damit gehört uns, liebe Juli- und August-Geburtstagskinder, jene Jahreszeit, in der die Welt nach draußen drängt – auch wenn es dort gerade sehr heiß ist. An meinem Geburtstag denke ich über ein Ritual nach, das so selbstverständlich wirkt, als sei es naturgegeben: dass wir ausgerechnet den Tag unserer Geburt jedes Jahr zu einem kleinen Fest machen.
Ein Geburtstag ist zunächst einmal eine Wiederkehr. Ein Tag im Kalender, der uns daran erinnert, dass unser Leben nicht nur aus To-do-Listen, Nachrichten und Terminen besteht, sondern eine Geschichte hat, einen Anfang, eine Dauer und eine unverwechselbare Perspektive auf die Welt. Morgen werde ich ein Jahr älter sein, nicht dramatisch, vielleicht auch nicht unbedingt klüger, aber mit einem weiteren Jahr im Gepäck. Das ist mehr, als eine Zahl behaupten kann.

Dass Menschen Geburtstage feiern, ist keineswegs selbstverständlich. Erst Kalender machten es möglich, eine Geburt jährlich wiederzufinden. Die frühesten überlieferten Feiern galten zudem nicht dem gewöhnlichen Leben, sondern den Herrschenden. Geburt, Krönung und göttliche Legitimation gingen ineinander über. Der Geburtstag war lange eine öffentliche Inszenierung von Rang und Macht und nicht, wie heute, eine private Kerzenrunde.
Die Römer entwickelten dann die Gewohnheit, Angehörige, Freund:innen und Schutzbefohlene am Tag ihrer Geburt mit Mahlzeiten, Gebeten und Gaben zu ehren. Darin steckt eine fast moderne Idee. Ein Mensch wird geboren. Und er wird durch Beziehungen gehalten. Geburtstag zu feiern bedeutet also nicht nur: „Ich bin ein Jahr weiter.” Es heißt auch: Wir sehen dich. Du bist noch da. Du gehörst zu uns.
Erst im 19. und 20. Jahrhundert wurde der individuelle Geburtstag zu dem Familienritual, das wir heute kennen: verbunden mit Kuchen, Kerzen, Blumen und Geschenken. Vielleicht sollten wir von diesem Tag aber nicht erwarten, dass er besonders glücklich, gesellig oder spektakulär ist. Sein eigentlicher Wert liegt darin, dass er die Selbstverständlichkeit unterbricht. Heute darf ich mich feiern, denn es ist mein Ehrentag. Darum gratuliere ich heute mal allen, die in den nächsten Wochen Geburtstag haben: den Sommerkindern, den Feiermüden, den Feierfreudigen, denjenigen mit großen Tischen und denen, die lieber einen langen Spaziergang machen. Möge euer neues Lebensjahr kein Optimierungsprojekt werden, sondern ein Raum, in dem ihr weiterwerdet – eigensinniger vielleicht, genauer, freier im Urteil und gut begleitet.
So viel also zum Geburtstag. Schauen wir auf das Wochenende und die kommende Woche. Zum Auftakt in den August kuratiere ich dir deshalb wieder das Beste aus Literatur, Ausstellungen, Kino und kulturellen Debatten: passend zum Wochenende, passend zu dir.
„Design schafft Kultur. Kultur schafft Werte. Werte bestimmen die Zukunft.“ – Robert L. Peters
Ausstellungstipps der Woche
SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, „The World Through AI“ | Ist KI-Kunst überhaupt Kunst? Kurator Antonio Somaini beantwortet diese Frage mit einem „Nein, aber“: Nicht die KI ist die Künstlerin, sondern ein Mensch, der sie als Werkzeug, Material oder Gegenüber nutzt. Rund 30 internationale Künstler:innen, darunter Hito Steyerl, Trevor Paglen, Kate Crawford und Holly Herndon, zeigen in 40 Arbeiten, wie KI die Wahrnehmung, die Erinnerung, die Arbeit und die politischen Bilder verändert – und was das kostet: an Wasser, Strom und an rassistisch verzerrten Trainingsdaten. Besonders eindrücklich ist die Kritik an der Formel „KI-Kunst”, die suggeriert, eine Maschine hätte eigene Autorschaft, während in Wahrheit Menschen Modelle trainieren, Prompts entwickeln, Bilder verwerfen und einordnen. Die Ausstellung ist noch bis zum 20. September im Gabriel-Riesser-Weg 3 in Frankfurt zu sehen. Für mich der politischste Sommer-Tipp dieser Ausgabe. Ich bin nächste Woche in Frankfurt und werde berichten.

Hamburger Bahnhof Berlin, „A Thousand Times Berlin“ | 2026 feiert der Hamburger Bahnhof sein 30-jähriges Bestehen mit einem vielseitigen Jahresprogramm. Erfolgreiche Formate wie „Open House” oder „Berlin Beats” werden fortgeführt und erweitert. „Tausendmal Berlin” ist seit Juni zu sehen. Berlin ist untrennbar mit der historischen Teilung der Stadt, konkurrierenden Erzählungen und der Komplexität unterschiedlicher Zugehörigkeiten verbunden. Über 70 Werke von mehr als 50 Künstler:innen erzählen nicht eine, sondern viele Geschichten Berlins seit 1989: Subkultur trifft auf Teilungsgeschichte, globale Krisen auf die Frage, wer in dieser Stadt dazugehören darf. Besonders im Gedächtnis bleibt Cemile Sahins Videoinstallation „BB – Born to Bloom“, die Schweizer Alpenbilder und kurdische Bergregionen zu einem schnellen, popästhetischen Bilderstrom montiert und die Frage aufwirft, wer Landschaft als Idylle sehen darf und wer sie als umkämpften Ort erlebt. Die Ausstellung ist seit dem 12. Juni in der Invalidenstraße 50 in Berlin zu sehen und ist auf längere Dauer angelegt. Es ist kein Pflichtprogramm, das man abarbeitet, sondern eine Ausstellung, in der man sich treiben lassen und wiederkommen kann.

Carl Grossberg im Von der Heydt-Museum, Wuppertal. Carl Grossberg, ein Sonderfall der Neuen Sachlichkeit, malte Industrie und Architektur mit kühler, fast fotografischer Präzision. Menschen kommen in seinen Bildern kaum vor. Die Retrospektive zeigt erstmals Material aus dem lange verschlossenen Nachlass seiner Töchter, darunter vermutlich sein letztes Gemälde, das kurz vor seinem Suizid im Jahr 1940 entstand.
Für diese Ausstellung bin ich eigens nach Wuppertal gefahren, habe zum ersten Mal die Schwebebahn genutzt, das Elternhaus Friedrich Engels besucht und mir die Tanzstätte des Pina-Bausch-Tanztheaters angeschaut. Über all das habe ich einen eigenen, ausführlicheren Artikel geschrieben, da ein kurzer Absatz hier im Kulturletter dem Besuch nicht gerecht wird. Den ganzen Bericht über Grossberg, Wuppertal und die Schwebebahn kannst du hier lesen. Zur ersten Einstimmung habe ich ein kurzes Video erstellt.
„Kino ist die moderne Art zu schreiben, ihre Tinte ist das Licht.“ – Jean Cocteau
Kinotipps – Flucht nach vorn, Flucht ins Bild
Diese Woche treffen im Kino zwei sehr unterschiedliche Formen der Überforderung aufeinander: Peter Parker muss in einer Welt bestehen, die ihn vergessen hat, während Pedro Almodóvar von Trauer, Kreativität und der schwierigen Frage erzählt, wie viel Leben Kunst verwerten darf. Beide Filme handeln auf ganz verschiedene Weise von Identität nach einem Bruch.
Mit „Spider-Man: Brand New Day“ kehrt Tom Holland als Peter Parker zurück, allerdings unter radikal veränderten Vorzeichen. Nachdem die Welt ihn vergessen hat, lebt Peter anonym in New York und kämpft ohne die vertraute Nähe zu MJ und Ned, ohne den Rückhalt der Avengers und ohne das große technische Sicherheitsnetz. Der Film verspricht somit eine Rückkehr zum verletzlichen, straßennahen Spider-Man: ein junger Mann mit Geldsorgen, Einsamkeit und einer Verantwortung, die größer ist als seine Möglichkeiten.
Regie führt Destin Daniel Cretton. Neben Tom Holland sind unter anderem Zendaya, Jacob Batalon, Sadie Sink, Jon Bernthal, Mark Ruffalo und Michael Mando zu sehen. Zugleich kündigt der Film eine neue, schwer fassbare Bedrohung für New York an und deutet an, dass Peter selbst eine unerwartete Veränderung durchläuft. Das klingt nach einem Blockbuster, aber auch nach einer Figur, die lernen muss, ohne Applaus und Wiedererkennung zu handeln. Seit dem 30.7. im Kino. Trailer.

Meine zweite Empfehlung für diese Woche ist der neue Film von Pedro Almodóvar. Der spanische Film „Bitteres Fest“ ist Kino der Doppelungen: bitter, farbig, elegant und ganz auf das verwickelte Verhältnis von Erfahrung und Erzählung konzentriert. Im Zentrum steht Elsa, eine Werbefilmerin, die sich nach dem Tod ihrer Mutter in Arbeit und Reisen flüchtet. Zwanzig Jahre später verarbeitet der Regisseur Raúl ihre Geschichte in einem Drehbuch und der Film beginnt, Wirklichkeit, Erinnerung und Autofiktion bewusst ineinanderzuschieben.
Mit Bárbara Lennie als Elsa und Leonardo Sbaraglia als Raúl versammelt Almodóvar vertraute Themen in neuer Konstellation: Trauer, Begehren, Krankheit, kreative Blockaden und die moralische Ambivalenz künstlerischer Aneignung. Wer darf wessen Schmerz erzählen? Wann wird aus einer Erinnerung ein Stoff und wann wird ein Mensch darin nur noch zur Figur?
Ein Almodóvar-Film ist kein realistisches Alltagskino, sondern ein präzise komponiertes Gefühlsuniversum. Farben, Räume, Kleidung und Requisiten sind bei ihm nie bloß Dekoration, sondern erzählen das, was die Figuren nicht sagen können oder nicht sagen wollen. Almodóvar verspricht mit seinen Filmen, dass Kunst und Leben ineinandergeraten. In seinen Geschichten geht es immer wieder um Kreativität, unerfüllte Wünsche und die Frage, ob Schmerz erzählbar ist, ohne die Person hinter dem Schmerz zu verraten. Ich liebe seine Filme. Seit dem 30. Juli im Kino. Mein Must-see. Trailer.

„Eine gewisse Anzahl von Müßiggängern ist notwendig zur Entwicklung einer höheren Kultur.“ – Miguel de Unamuno
Es sind Ferien: Zeit, mal nichts zu tun
Die Ferien sind die perfekte Zeit für Muße. Nach Informationsüberlastung, Hitze und „Merzschmerz” ermöglicht die Muße, einfach einmal nichts zu tun. Nichtstun als bewusste Verweigerung gegen das Diktat der ständigen Verfügbarkeit. Nach all den Nachrichten, der politischen Zumutung und dem Gefühl, dass die Welt unablässig nach unserer Aufmerksamkeit greift, möchte ich heute eine Lanze für die Muße und den Müßiggang brechen.
Ferien sind die beste Gelegenheit dafür. Die Tage verlieren ihre gewohnte Taktung, E-Mails dürfen mal unbeantwortet bleiben, Termine verschwimmen und ein freier Nachmittag muss nicht begründet werden. Muße ist keine Belohnung für erledigte Arbeit. Sie ist ein Zustand, in dem wir uns der Logik entziehen, uns selbst ununterbrochen optimieren, erklären und zur Verfügung stellen zu müssen. Das geht übrigens auch ohne Ferien, beispielsweise am Wochenende.
Das klingt vielleicht zunächst einmal privat. Ist es aber nicht. In einer Aufmerksamkeitsökonomie, die jede freie Minute in Klicks, Reaktionen, Daten und Kaufimpulse übersetzen will, wird Nichtstun zur kleinen Form des Widerstands. Wer sich Zeit nimmt, nicht sofort zu reagieren, nicht permanent informiert sein muss und nicht alles produktiv verwerten muss, schützt sich vor Erschöpfung und verteidigt die Fähigkeit, überhaupt noch wahrzunehmen.
Natürlich ist Muße nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Wer Care-Arbeit leistet, in Schichten arbeitet, finanziell unter Druck steht oder in einer zu heißen Wohnung lebt, kann sich das Nichtstun nicht einfach verordnen. Genau deshalb sollten wir es nicht als Wellness-Privileg missverstehen, sondern als gesellschaftliche Frage betrachten: Wer hat Zeit? Wer darf sie sich alles nehmen? Und wessen Erholung muss stets von der Arbeit anderer ermöglicht werden?
SUMMER BOOK: Zwei Bücher für den Leerlauf
Passend zu dem Theme habe ich zwei Bücher für meine „Sommerbuch-Empfehlung“ herausgesucht.
Das erste Buch ist „Muße – Vom Glück des Nichtstuns” von Ulrich Schnabel. Es ist ein kluges und gut lesbares Plädoyer gegen die Beschleunigungsgesellschaft. Darin ist Muße eine bedrohte Ressource: Arbeitsdruck und permanenter Kommunikationszwang lassen uns kaum noch zur Ruhe kommen. Dabei zeigen Hirnforschung und Psychologie längst, wie sehr Phasen absichtslosen Nichtstuns Regeneration und Gedächtnis fördern und Voraussetzung für Kreativität sind. Schnabel beschreibt Muße nicht als Passivität, sondern als das, was Gedanken ihren eigenen Weg finden lässt. Auf 259 Seiten zeigt er, wo wir auch heute noch Inseln der Muße finden können. Ein Teil der Muße, so der Autor, ist es, dieses Buch auf die althergebrachte Art zu lesen: von vorn nach hinten. Ulrich Schnabel: Muße. Vom Glück des Nichtstuns. Pantheon, 2012. 288 Seiten. 16 Euro.
Meine zweite Empfehlung ist das Buch Nichts tun – Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen von Jenny Odell. Das Original ist auf Englisch. Es ist radikaler, politischer und heute vielleicht noch dringlicher. Die Künstlerin und Autorin fragt darin, wie wir unsere Wahrnehmung aus dem Zugriff von Plattformen, Werbung und permanentem Effizienzdruck zurückerobern können. Mit „Nichts tun” ist kein Rückzug aus der Welt gemeint, sondern genaues Hinschauen und die Wiederentdeckung lokaler Beziehungen, der Natur und der gemeinsamen Öffentlichkeit. Was passiert mit uns, wenn Aufmerksamkeit, wie beispielsweise in den sozialen Medien, zur Ware wird? Und wie können wir uns entziehen, ohne uns aus Verantwortung und gesellschaftlicher Wirklichkeit zu verabschieden? Diese Fragen stelle auch ich mir selbst. Jenny Odell: Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Aus dem Englischen von Annabel Zettel. C. H. Beck, 2021. 296 Seiten. 24 Euro.

„Wasser verändert in uns etwas“ – Dr. Wallace J. Nichols
Diskurs & Diskussionen: Wasser ist unser Lebenselixier
Jede Woche setze ich mich in dieser Rubrik „Diskurs & Diskussionen“ mit einem speziellen Thema auseinander, weil ich finde, dass wir alle dringend gemeinsam darüber sprechen sollten.

Kennt ihr das? Sobald man den Kopf unter Wasser taucht, wird alles leiser. Der Alltag rückt in den Hintergrund und man hört nur noch den eigenen Atem. Ich hatte als Kind den großen Luxus, zuhause ein eigenes Schwimmbad zu haben, und ich war auch immer eine sehr gute Schwimmerin. Während meines Studiums war ich regelmäßig im Münchner Olympiazentrum schwimmen: Brust, Kraulen und Delfin. Auch meine Großeltern gingen jeden Tag schwimmen, Sommer wie Winter. Es war ihr Lebenselixier. Beide wurden knapp 100 Jahre alt.
Die Wissenschaft hat aus diesem Gefühl sogar eine Theorie entwickelt: die „Blue Mind Theory“. Sie erklärt, warum uns Wasser guttut und weshalb wir uns in seiner Nähe oft ruhiger, kreativer und glücklicher fühlen. Mit dieser Frage beschäftigte sich der verstorbene Meeresbiologe Dr. Wallace J. Nichols. Seine Antwort fiel eindeutig aus: Ja, Wasser verändert etwas in uns. Es begleitet uns Menschen seit jeher, sichert unser Überleben, prägt unsere Landschaften und spielt eine zentrale Rolle in unserer Entwicklungsgeschichte. Deutschlandfunk.de hat hierzu 2021 einen Podcast veröffentlicht.
Und jetzt kommen auch noch die vielen neuen KI-Rechenzentren hinzu, die große Mengen an Grundwasser verbrauchen und die Wasserqualität vor Ort belasten. Die globalen Prognosen zeigen, dass die Welt in eine kritische Phase steuert, die Fachleute zunehmend als „Water Bankruptcy”, als strukturelle Wasserinsolvenz, bezeichnen. Im Januar 2026 erklärte ein UN-Bericht offiziell den Eintritt in diese Ära: Der Verbrauch und die Erschöpfung von Grund- und Oberflächenwasser übersteigen vielerorts die Regenerationskapazität der Natur – an manchen Orten inzwischen unumkehrbar. Damit sind wir wieder beim Erdüberlastungstag. Wasser ist Leben. Doch Verschmutzung, Klimakrise und Übernutzung bedrohen unsere wichtigste Ressource.Lasst uns unser Lebenselixier schützen! Seid sparsam und achtsam!
Das war der kultur*letter für diese Woche. Er ist ein bisschen länger als sonst, aber es gab auch viel mitzuteilen. Inzwischen haben fast alle Bundesländer Ferien, ab Montag zieht Bayern nach. Habt alle eine gute Zeit und kommt gut in die nächste Woche! Wir lesen, sehen und hören uns dann wieder. Bleibt neugierig! Bleibt zugewandt.
Das Titelbild wurde mit ChatGPT und canva.com erstellt. © Ruth-Janessa Funk