Es ist der 8. August und in Frankfurt ist es drückend heiß. Ich besuche mit einer Freundin das Städel Museum. Die Kühle der Räume ist zunächst eine Erleichterung. Ich glaube, ich bin heute zum ersten Mal in diesem Museum. Erstaunlicherweise ist es überhaupt nicht voll, obwohl es das letzte Wochenende der hessischen Sommerferien ist. Wir kaufen Tickets.


Das in Berlin ansässige dänisch-norwegische Duo Elmgreen & Dragset arbeitet seit den 1990er-Jahren zusammen und zählt zu den einflussreichsten zeitgenössischen Künstlern. Ihre Werke verbinden Skulptur mit Installation und beziehen sich häufig auf Architektur. So entstehen Umgebungen, die soziale Strukturen sichtbar machen. Ihre figurativen Skulpturen bringen erzählerische Impulse in die Räume und laden das Publikum zum Geschichtenerzählen ein.
Gleich hinter der Kasse befindet sich der erste Ausstellungsbereich, die Sammlung der Gegenwartskunst. Ich stehe mitten in einem Restaurant. Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, dass dies bereits Teil der Arbeiten des Künstlerduos Elmgreen & Dragset ist. Gedämpftes Licht, Wolkenbilder an den Wänden und blaue Stühle um gedeckte Tische. An einem von ihnen saß eine junge Frau, die offenbar in ein FaceTime-Gespräch vertieft ist. Sie sieht so realistisch aus, dass ich mehrmals genauer hinschauen musste, von mehreren Seiten. Auch dann bin ich mir nicht so ganz sicher, ob sie sich nicht doch gleich bewegt.
Elmgreen & Dragset erklären diese Illusion nicht, sondern lassen uns mit ihr allein. Alles sieht nach Leben aus, ist aber vollständig arrangiert.





Über eine große Treppe erreichen wir das Untergeschoss. Die Arbeit, die uns hier gleich erwartet, heißt „Garden of Eden, 2022“ und ist alles andere als ein Garten Eden. Es ist eine Installation, die ein verlassenes Großraumbüro inszeniert. Zu sehen sind Reihen identischer grauer Bürokojen, jede mit demselben HP-Monitor, derselben schwarzen Tastatur und demselben Drehstuhl. Die Wiederholung selbst ist die Aussage: ein System der Arbeit, das keine Unterschiede vorsieht. Und doch hinterlassen die Beschäftigten kleine persönliche Spuren: eine Marionette in Tracht an der Trennwand, eine Krawatte über der Stuhllehne oder eine kleine Büste mit der Aufschrift „Das Kapital” neben einem Taschenrechner.




Gleich hinter der Treppe, beziehungsweise unter dieser, kreist ein einzelnes Gepäckstück unaufhörlich auf einem klassischen Flughafen-Förderband. Das Bild ist so vertraut, dass man sofort dieses Wartegefühl assoziiert, ohne dass spezifische kulturelle Zuschreibungen nötig wären. Die einsame Reisetasche wird so zum Sinnbild angehaltener Zeit und zu einem Objekt, das in einem endlosen Kreislauf gefangen ist.
Auch bei mir als Betrachterin verschwimmen die Grenzen zwischen echt und inszeniert, das merke ich beim Durchgehen der weiteren Räume im unteren Bereich der Gegenwartskunst. Die Arbeit „Social Media (Terrier), 2022“ habe ich zunächst überhaupt nicht dem Künstlerduo zugeordnet. Es zeigt ein rotierendes Kinderkarussell, an dessen Rand ein Terrier sitzt. Das Hündchen blickt in die „Gartenhallen“, fast so, als betrachte es die Werke um sich herum.
Die schwarz-weiße Spirale auf der Drehscheibe des Karussells erinnert an das Rotorelief von Marcel Duchamp oder die deutsche Strömung ZERO. Deshalb hielt ich die Arbeit zunächst für einen Teil der ständigen Sammlung. Es passte dort perfekt rein. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass sie ebenfalls von Elmgreen & Dragset stammt.


Nun geht es in den ersten Stock des Museums zur Sammlung der Alten Meister. Auf dem Weg dorthin steht an der Brüstung im Treppenhaus eine weitere Figur, ein Mann mit einer Kamera vor dem Gesicht: „The Examiner, Fig. 2, 2023“. Die Arme auf das Geländer gestützt, fixiert er durch den Sucher Marc Chagalls 1959 entstandenes Gemälde „Commedia dell’arte“. Elmgreen & Dragset spielen hier mit zentralen Fragen der Kunst: Was ist Original und was Reproduktion, wer ist Betrachter und wer der Betrachtete?



Besonders reizvoll ist der Eingriff in die historische Sammlung des Museums. Zu sehen ist ein Junge, der auf dem Parkett kniet und vertieft in Tischbeins Gemälde „Goethe in der römischen Campagna” aus dem Jahr 1787 zeichnet, das über ihm hängt. Die Arbeit heißt „The Drawing, Fig. 2, 2022”. Die Szene wirkt so authentisch, dass ich mich zu dem Jungen hinunterbeuge. Das Gemälde selbst trägt seine eigene kleine Irritation bei: Bei genauerem Hinsehen hat Goethe auf dem Bild zwei linke Füße, eine bis heute ungeklärte Merkwürdigkeit.


Nur wenige Schritte weiter, in der Skulpturensammlung, sitzt eine schwarz patinierte Bronzeplastik, „60 Minutes, 2025“, auf einer Waschmaschine, die Beine überkreuzt, die Hände gefaltet im Schoß und den Blick gesenkt. Nur der Sockel verrät den Bruch mit den anderen klassischen Skulpturen im Raum. In unmittelbarer Nähe steht beispielsweise August Rodins Skulptur „Eva” aus dem Jahr 1881.


In einem hinteren Bereich des ersten Stockwerks, dort wo die beiden Wendeltreppen zur dachterrasse führen,, hängt „The Artist, 2026” hoch oben an einer Trapezstange. Diese hyperrealistische Skulptur hält sich nur an einem Arm, ein Moment extremer Instabilität. Vor der Frankfurter Skyline steht diese zerbrechliche Figur im Kontrast zur wirtschaftsorientierten Kulisse aus Glas und Beton, zwischen individueller Verletzlichkeit und den Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft.
Erst beim Betrachten meiner eigenen Fotos später fällt mir auf: Auf dem weißen T-Shirt der Figur ist ja ein durchgestrichenes Kamerasymbol aufgedruckt. Fast könnte man meinen, das Fotografieren vor diesem Werk sei verboten, obwohl fast niemand vorbeigehen wird, ohne ein Foto zu machen.




Ich habe an diesem Nachmittag nicht alle Arbeiten des Künstlerduos persönlich gesehen. Die Hitze des Tages macht müde, auch wenn die Museumsräume angenehm kühl waren. Außerdem liegt ein Teil der Ausstellung im Liebieghaus, das ein Stück weiter entfernt ist. Ich lasse es heute dabei bewenden.
Was ich aber aus der Ausstellung mitnehme: Sehen ist nie neutral. Das Gehirn sucht im Gesehenen nach dem Bekannten, nach dem, was es schon kennt und einordnen kann. Genau das rufen die Arbeiten von Elmgreen & Dragset hervor. Die Bedeutung, die wir den Dingen geben, liegt nicht allein in den Dingen selbst. Sie entsteht durch den Ort, den Zusammenhang und den eigenen Blick. Wer die Ausstellung verlässt, trägt deshalb keine eindeutige Botschaft mit sich, sondern eine geschärfte Aufmerksamkeit für das, was sonst leicht übersehen wird.
Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse
20. Mai 2026 bis 17. Januar 2027
Städel Museum, Frankfurt am Main
