An diesem Wochenende ist es wieder einer dieser heißen Tage in Frankfurt. Schon der Weg zum Museum ist eine kleine Strapaze. Heute ist Sonntag und wir besuchen die Ausstellung „The World Through AI” in der Schirn. Wir hatten eine Führung gebucht, was sich als sehr gute Entscheidung herausstellte, denn für diese Ausstellung braucht man Zeit und Aufmerksamkeit. Ohne Führung wäre es wesentlich mühsamer gewesen, die Ausstellung vollständig aufzunehmen und zu verstehen.



Anschließend saßen wir noch im Museumscafé, kühlten uns mit einem Getränk ab und sprachen über das Gesehene und Gehörte. Das gehört ebenfalls zu einem gelungenen Ausstellungsbesuch: Man verlässt die Räume nicht mit einer klaren Meinung, sondern mit einer Reihe von Fragen. Einige davon beginnen bei den Bildern an den Wänden. Andere führen sehr schnell zu uns selbst. Das war bei dieser Ausstellung nicht anders. Hier ist mein ausführlicher Besuchsbericht.
Die Zukunft hat immer eine Vorgeschichte
Der Titel „The World Through AI“ lässt zunächst eine Ausstellung über eine Technologie erwarten. Tatsächlich geht es jedoch um etwas Größeres: um die Art und Weise, wie sich Wahrnehmung, Wissen, Erinnerung, Arbeit und politische Entscheidungen verändern, wenn immer mehr Lebensbereiche durch algorithmische Systeme vermittelt werden.
Zu sehen sind rund 40 Werke von etwa 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Die Ausstellung umfasst Videoinstallationen, Fotografien, Grafiken, Skulpturen und interaktive Arbeiten. Sie wurde vom Pariser Jeu de Paume entwickelt und in Frankfurt gemeinsam mit der Schirn realisiert. Kuratiert wurde sie von Antonio Somaini gemeinsam mit Katharina Dohm und Cornelia Eisendle.
Ich finde die kuratorische Entscheidung, KI nicht als isoliertes Zukunftsthema zu behandeln, sehr klug. Denn KI beginnt nicht erst mit ChatGPT. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ wurde bereits 1955 geprägt. Was wir heute darunter zusammenfassen, reicht von Erfassung und Erkennung über Klassifizierung und Vorhersage bis hin zu Generierung und automatisierter Entscheidungsfindung.
Die Ausstellung fragt deshalb nicht: Kann eine Maschine denken? Das wäre beinahe schon eine zu kleine Frage. Sie fragt: Was geschieht mit unserem Denken, wenn Maschinen immer häufiger vorgeben, was sichtbar, wahrscheinlich, relevant oder erinnerungswürdig ist?


Die Cloud hat einen Körper
Unser Rundgang beginnt mit der Einsicht, dass KI keineswegs immateriell ist. Die viel beschworene Cloud schwebt nicht über den Dingen. Sie steht in riesigen Datenzentren, verbraucht Strom und Wasser, erzeugt Wärme und benötigt Rohstoffe, Kabel, Prozessoren und Wartung.
Timo Arnalls Film „Internet Machine“ von 2014 führt in die Räume eines spanischen Datenzentrums. Die Kamera bewegt sich langsam durch eine Architektur aus Racks, Kabeln und Maschinen. Dazu kommt ein gleichmäßiges Summen. Kein dramatischer Soundtrack, keine futuristische Überhöhung. Gerade diese Nüchternheit ist wirkungsvoll. Das Internet erscheint nicht als grenzenloser, schwereloser Raum, sondern als Industrieanlage.
Man beginnt, die eigene alltägliche Nutzung anders zu betrachten. Eine kurze Frage an eine KI, ein hochgeladenes Bild, eine automatische Übersetzung: All das wirkt leicht, fast körperlos. Hinter dieser Leichtigkeit stehen jedoch Gebäude, Energie, Wasser und menschliche Arbeit. Die Ausstellung nimmt dem Digitalen seine hübsche Unsichtbarkeit.
Agnieszka Kurants Werke führen den Gedanken in eine andere Richtung. In „A.A.I. (System’s Negative) No. 6“ werden Termitenhügel in der namibischen Wüste mit Zink ausgegossen. Übrig bleiben negative Abdrücke der unterirdischen Gänge. Diese Skulpturen erinnern an neuronale Netzwerke, Korallenriffe oder organische Computersysteme. Sie zeigen eine kollektive Intelligenz, die ohne zentrale Steuerung auskommt.

AGNIESZKA KURANT. Geboren 1978 in Lódż (Polen)
A.A.l. (System’s Negative) No. 6 (2016). Negativabgüssen aus flüssigem Zink, das in verlassene Termitenhügel in der namibischen Wüste gegossen wurde.

AGNIESZKA KURANT. Nonorganic Life 2 (2023) In den Gemälden der Serie Nonorganic Life untersucht Agnieszka Kurant die Mischung aus biologischen, mineralischen und synthetischen Materialien, aus denen aktuelle Computersysteme bestehen.
Die Termitenkolonie wird hier nicht als primitive Vorstufe menschlicher Intelligenz vorgeführt. Sie erscheint als eigenständige Form gemeinsamen Wissens. Das ist ein wohltuender Perspektivwechsel. Vielleicht müssen wir den Begriff der Intelligenz erweitern, statt ihn immer wieder an menschlicher Sprache und menschlichem Bewusstsein zu messen.
Die Zeitkapseln machen den Unterschied
Besonders eindrücklich fand ich die „Zeitkapseln“, die sich durch die Ausstellung ziehen. Die Zeitkapseln sind wahrscheinlich der klügste kuratorische Einfall der Schau. Sie machen aus einer Gegenwartsausstellung einen historischen Raum.
In vitrinenartigen Schaufenstern liegen Bücher, Bildtafeln, Karteien, historische Dokumente, Fotos, Drucksachen und technische Geräte. Sie wirken zunächst wie kleine Kuriositätenkabinette. Die Zeitkapseln retten die Ausstellung vor dem Reflex, KI als singulären Epochenbruch zu behandeln. Sie demonstrieren, dass sich die gegenwärtige Technologie aus älteren Praktiken speist: Zählen, Sortieren, Kartieren, Normieren, Kopieren, Bewerten. Sie erinnern daran, dass die Gegenwart der KI eine lange Vorgeschichte besitzt.
Diese historischen Schaufenster verhindern, dass wir KI als magischen Sprung in eine völlig neue Welt missverstehen. Die Technik ist neu. Das Bedürfnis, Wirklichkeit zu ordnen, zu speichern, zu berechnen und verfügbar zu machen, ist es nicht.

ZEITKAPSEL Text- und Bildverarbeitung,
aktuelle KI-Modelle für die Text- und Bildverarbeitung haben ihre Wurzeln in einer langen Geschichte von
Techniken zur Erstellung und Reproduktion von Texten und Bildern.

Techniken der mechanisierten Textverarbeitung sind nach wie vor Teil dessen, was Marshall McLuhan in den frühen 1960er-Jahren als „Gutenberg-Galaxie“ bezeichnete.

ZEITKAPSEL zur „Mechanical Turk“.
Genealogie der Mikroarbeit.
Die Vorstellung eines Menschen, der sich hinter der Maschine verbirgt, hat einen symbolträchtigen Vorläufer im „Mechanical Turk“
Wenn das Gesicht zur Datenfläche wird
Ein Raum widmet sich der Gesichts- und Emotionserkennung. Hier wird der Besuch unangenehmer, weil man selbst zum möglichen Material der Systeme wird.

JULIEN PRÉVIEUX. Geboren 1974 in Grenoble (Frankreich).
Serie Les Inconnus connus inconnus (2018)
Julien Prévieux arbeitet in „Les Inconnus connus inconnus“ mit der Technik der sogenannten „Eigenfaces“. Ursprünglich wurde dieses Verfahren zur Gesichtserkennung entwickelt. Prévieux wendet es auf Personen an, die ihre Identität verborgen, verändert oder gewechselt haben: politische Oppositionelle, Geflüchtete, Schauspielerinnen und Schauspieler oder historische Figuren. Die daraus entstehenden Porträts sind verschwommen und kaum zu identifizieren.
Trevor Paglens interaktive Videoinstallation „Faces of ImageNet“ geht näher an den Körper der Besucherinnen und Besucher. Eine versteckte Kamera nimmt das Gesicht auf. Auf dem Bildschirm erscheint es zusammen mit Begriffen, die aus dem umstrittenen Datensatz ImageNet stammen. Die Kategorien können diskriminierend, stereotyp oder beleidigend sein. Die Arbeit bestätigt diese Zuschreibungen nicht. Sie macht sichtbar, welche Vorurteile in Trainingsdaten und Bildsystemen gespeichert sind.
Video: Trevor Paglen „Faces of the ImageNet“ (2022)
Gerade hier zeigt sich, warum eine Führung hilfreich war. Ohne die Erläuterung könnte man die Arbeit als interaktiven technischen Gag abtun. Mit dem Wissen um die Herkunft der Begriffe verändert sich die Situation. Es geht nicht um die Frage, ob eine Maschine unser Gesicht erkennt. Es geht darum, welche gesellschaftlichen Vorstellungen in ihre Kategorien eingehen und mit welcher Autorität diese Kategorien dann auftreten.
Die unsichtbaren Hände
Eine Ausstellung über KI, die nur über Algorithmen und Maschinen spricht, würde einen entscheidenden Teil der Wirklichkeit ausblenden: die Menschen, die diese Systeme trainieren, korrigieren und am Laufen halten.
Die Schirn-Ausstellung ist dort am besten, wo sie den Mythos der immateriellen, neutralen und autonomen KI zerstört.
Die Arbeiten von Kate Crawford und Vladan Joler zeichnen die materiellen und menschlichen Bestandteile eines Systems wie Amazon Alexa nach. Hinter der einfachen Frage nach dem Wetter stehen Rohstoffe, globale Lieferketten, Software, Datenzentren, Sprachaufnahmen und Arbeitsprozesse. Hierzu gibt es auch eigens ein Website alculatingempires.net.

Genealogy of Technology and Power Since 1500“ (2023)
© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Foto: Norbert Miguletz
Die Zeitkapsel zum „Mechanical Turk“ führt diese Geschichte zurück ins 18. Jahrhundert. Der berühmte Schachautomat schien selbstständig gegen Menschen zu spielen. Tatsächlich saß ein Schachmeister verborgen in seinem Inneren. Der Automat war eine Illusion. Der Mensch hinter der Maschine blieb unsichtbar.
Der Name lebt heute in Amazons Plattform „Mechanical Turk“ weiter, auf der Menschen weltweit kleine digitale Aufgaben erledigen. Bilder werden verschlagwortet, Texte bewertet, Inhalte moderiert. Die Aufgaben erscheinen unscheinbar, sind für das Funktionieren von KI-Modellen aber unverzichtbar.

Turks“ (2021-2025)

Turks“ (2021-2025)
Besonders eindrucksvoll ist die Installation „Behind the Screens of Amazon Mechanical Turks“ des Kollektivs Meta Office. Die Künstlerinnen und Künstler haben mit Arbeiterinnen und Arbeitern gesprochen und ihre Arbeitsbedingungen dokumentiert. Sichtbar werden provisorische Arbeitsplätze, geringe Löhne, geografische Verteilung und die anonymisierende Logik der Plattform. Die Personen bleiben häufig hinter Nutzerkennungen verborgen.
Die Ausstellung macht überzeugend sichtbar, dass KI auf materieller Extraktion und unsichtbarer Arbeit aufbaut.
Die Ausstellung widerspricht damit dem Mythos der reibungslosen Automatisierung. Hinter jeder scheinbar selbstständigen Maschine stehen Menschen. Häufig sind es Menschen, deren Arbeit möglichst wenig sichtbar werden soll.
Auch die sogenannten „Computer Girls“ in einer der Zeitkapseln erinnern daran, dass die Geschichte der Digitalisierung keineswegs nur von genialen Männern und Maschinen erzählt werden sollte. Bereits im 19. Jahrhundert verrichteten die „Harvard Computers“, die überwiegend aus Frauen bestanden, anspruchsvolle astronomische Berechnungen für eine geringe Bezahlung und ohne öffentliche Anerkennung. In den 1960er-Jahren präsentierte die Zeitschrift Cosmopolitan die Programmiererinnen dann als „Computer Girls“. Die Schirn zieht die unbequeme Linie bis heute weiter: Hinter der vermeintlich autonomen KI arbeiten Datenlabelerinnen, Content-Moderatorinnen und Ghostworkerinnen, deren Arbeit unsichtbar bleibt, damit die Maschine intelligent erscheint.
Ist eine andere KI möglich?
Holly Herndon & Mat Dryhurst „xhairymutantx, Embedding Study 1 & 2“ (2024)
Koloniale Archive und neue Bilder
Für diesen Teil der Ausstellung geht es rüber in den zweiten Gebäudeteil, Halle 2.



Nora Al-Badris „Babylonian Vision“ gehört zu den Arbeiten, die besonders deutlich machen, dass Daten niemals neutrale Archive sind. Die Künstlerin trainierte ein generatives Modell mit Bildern mesopotamischer, assyrischer und neosumerischer Artefakte aus großen westlichen Museumssammlungen. Daraus entstanden neue, mögliche Artefakte, die zwischen Archäologie und Fantasie liegen.
Die Arbeit fragt, wer das kulturelle Erbe Babylons besitzt und wer es definieren darf. Viele der Sammlungen, auf denen westliche Museen beruhen, sind durch koloniale Grabungen, Ankäufe und Aneignungen geprägt. Wenn ein KI-Modell mit diesen Beständen trainiert wird, übernimmt es nicht einfach Geschichte. Es übernimmt einen bestimmten Blick auf Geschichte.

NORA AL-BADRI. Geboren 1984 in Marburg (Deutschland). Babylonian Vision – الروبة البابلي
(2020)

NOUF ALJOWAYSIRS. Salaf. 2021-2025.
Das Projekt Salaf (Vorfahren) hinterfragt die exotisierende und koloniale Wahrnehmung des Nahen Ostens durch den Westen – von den im 19. Jahrhundert zusammengestellten Fotosammlungen bis hin zu aktuellen KI-Systemen.
„The World Through AI“ ist keine Ausstellung über eine neue Maschine. Sie ist eine Ausstellung über die alte menschliche Versuchung, die Welt in berechenbare Einheiten zu zerlegen und diese Zerlegung für objektiv zu halten.
Auch Nouf Aljowaysirs Projekt „Salaf“ setzt bei kolonialen Bildarchiven an. Fotografien aus dem Umfeld Gertrude Bells zeigen Menschen und Landschaften des Nahen Ostens. Computer-Vision-Systeme ordnen den Bildern westliche Begriffe zu und erkennen in Aufnahmen von Beduinen etwa „Soldat“, „Armee“ oder „Militäruniform“. Die Fehler sind nicht bloß technische Missverständnisse. Sie zeigen, wie ein System die Welt mit Kategorien versieht, die aus seiner eigenen Geschichte stammen.
Das sind für mich mit die stärksten Einsichten der Ausstellung: KI sieht nicht voraussetzungslos. Sie sieht durch die Archive, mit denen sie trainiert wurde. Wenn diese Archive kolonial, rassistisch oder eurozentrisch geprägt sind, werden ihre Verzerrungen in neuer technischer Form fortgesetzt.
Am Ort des Geschehens
Die Ausstellung gewinnt noch mal eine besondere Dichte durch ihren Ort, der ehemalige Dondorf-Druckerei. Die polnische Künstlerin Ania Szczepanska hat dafür mit ihrem eigens für diese Ausstellung produzierten 23 Min.-Film „Reinscribing the Dondorf“ (2026) die Geschichte der deutsch-jüdische Gründerfamilie der Druckerei Dondorf, die vom Nazi-Regime enteignet und verfolgt wurde, nachgezeichnet und reflektiert zugleich darüber, was der Einsatz von KI im Kontext der Geschichts- und Archivforschung bedeutet. Lesenswert sind auch dazu die „3 Fragen an Ania Szczepańska“.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Foto: Norbert Miguletz
Ein Besuch, der nachwirkt
Die Ausstellung ist dicht „gehängt“ und inhaltlich anspruchsvoll. Viele der eindringlichsten Arbeiten erschließen sich erst durch lange Wandtexte und die Führung. „The World Through AI“ ist keine Ausstellung über künstliche Intelligenz im engeren Sinn. Sie ist eine Ausstellung über Macht. Über Bilder. Über Archive. Über die Frage, wer sehen darf und wer gesehen wird. Über menschliche Arbeit, die hinter automatisierten Abläufen verschwindet. Über die Rohstoffe, auf denen digitale Systeme beruhen. Und über die alten politischen Ordnungen, die in neuen technischen Formen weiterleben. Ihre beste Entscheidung besteht darin, die Zukunft ständig mit der Vergangenheit zu konfrontieren.
Wer die Ausstellung besucht, sollte sich Zeit nehmen. Für die Filme. Für die historischen Vitrinen. Für die unbequemen interaktiven Arbeiten. Und für ein anschließendes gemeinsames Gespräch im Café.
„The World Through AI“ ist bis zum 20. September 2026 in der ehemaligen Dondorf-Druckerei in Frankfurt zu sehen. Schirm Kunsthalle Frankfurt.
Themen, Recherche und Formulierung der Artikel stammen von mir, bei einzelnen Arbeitsschritten setze ich unterstützend KI ein. Mehr dazu in meinem KI-Transparenz-Hinweis.
