HERZLICH WILLKOMMEN …
liebe Kultur-Freund*innen, zur neusten Ausgabe des kultur*letter!
Für mich fühlt sich die vergangene Woche noch etwas „mau” an – nicht, weil sie zu Ende geht, sondern weil etwas in der Luft liegt, das schwerer ist als der übliche Kater nach einer Arbeitswoche. Sachsen-Anhalt hat gewählt. Das Ergebnis beschäftigt mich immer noch. Ob ein Verbotsverfahren gegen die AfD jetzt sinnvoll ist, kann ich mir auch noch nicht beantworten. Aber Nichtstun ist hier keine Lösung, für keinen von uns. Wir alle sind jetzt gefordert zu handeln. Wie geht es euch damit?
Am 8. September der nächste Schock! Die PISA-Studie. Ich bin allerdings weder überrascht noch schockiert, sondern lediglich enttäuscht und traurig. Als Mutter von drei Kindern, die selbst in der Lehre berufstätig ist, ist das seit Jahrzehnten ein schwieriges Thema für mich. Die OECD hat die ersten Ergebnisse des PISA-Erhebungszyklus 2025 veröffentlicht. Demnach ist Deutschland nur eingeschränkt zukunftsfähig. Bei den grundlegenden Kompetenzen der 15-Jährigen zeigt sich ein ernstes strukturelles Problem, zugleich gibt es bei der Kompetenz „Problemlösen” eine ermutigende Stärke. Zukunftsfähigkeit ist also nicht pauschal „nicht vorhanden“, sondern ungleich verteilt und sozial stark abhängig. Mehr dazu in meinem Artikel: Pisa-Studie „Future-Ready Students“ – Schock oder Chaos?
Was geht, was kommt …
Nun zurück zum eigentlichen Anlass des wöchentlichen kultur*letters: Kunst und Kultur. Die Kunst- und Kulturwelt ist in die neue Saison gestartet. Das merke ich auch an meinem E-Mail-Postfach. So viele Ankündigungen, Einladungen und Nachrichten! Letztes Wochenende war ich in Köln und Düsseldorf bei der DC-Open unterwegs. Nun ja, ich glaube, ich bin etwas zu sehr von Berlin verwöhnt. Meins war es nicht.
Berlin Art Week, vom 9-13 September in Berlin
Für mich steht an diesem Wochenende und in der kommenden Woche ganz klar die Berlin Art Week. im Mittelpunkt. Ich glaube, das ist die umfangreichste, die es je gab. Die vielen Angebote sind ein wenig überwältigend. Die Kuration ist dementsprechend schwierig, da man hier schnell den Überblick verlieren kann. Die ersten Bilder und Events sind jedoch toll und vielversprechend.
Mit mehr als 300 Veranstaltungen an über 125 Orten kann und muss man auch zur 15. Berlin Art Week nicht alles sehen. Spannender ist die Frage, was sich in dieser Fülle behauptet und was trotz Qualität unsichtbar bleibt. Meinen Überblick zur Restwoche findest du hier: Berlin Art Week 2026: Zwischen Sichtbarkeit und Entdeckung. Viele lesenswerte Beiträge zu einzelnen Events gibt es auch auf Tipp-Berlin.
Ausstellungen
Hier sind meine Favoriten für die Eröffnungen am Wochenende und in der kommenden Woche. Weitere Ausstellungs-Highlights im September findet ihr hier zusammengetragen: Ausstellungs-Highlight September 2026.
Düsseldorf: Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt (12.9.2026 – 24.1.2027)
Ab morgen ist sie zu sehen: „Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt im K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Franz Marc (1880–1916) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des deutschen Expressionismus und zu den zentralen Wegbereitern der Moderne. Die Schau versammelt mehr als 120 Werke, darunter Gemälde und Arbeiten auf Papier, und wird damit zur umfangreichsten Franz-Marc-Retrospektive im deutschsprachigen Raum seit über 20 Jahren.

Blaue Pferde. Rote Kühe. Katzen, Rehe, Hunde, Affen. Die ikonischen Tierbilder des Expressionisten sind da – aber sie sind nur ein Teil der Geschichte. Die Ausstellung verfolgt Marcs gesamten künstlerischen Weg: von seinen spätimpressionistischen Anfängen über seine leuchtenden Tierdarstellungen bis hin zu seinen kubistisch inspirierten, vollständig abstrakten Kompositionen, in denen die Tiere zunehmend in den Hintergrund treten.
K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf. Am besten online Zeitfenster-Tickets kaufen. Für mich ist die Ausstellung ein Must-go, mein Ticket habe ich mir schon gesichert.
Düsseldorf: Niki de Saint Phalle. Dream Machine (10.8.2026 – 7.2.2027)

Ebenfalls in Düsseldorf zeigt der Kunstpalast seit dem 10. September die groß angelegte Ausstellung „Niki de Saint Phalle. Dream Machine“. Mit mehr als 100 Werken beleuchtet die Schau über vier Jahrzehnte hinweg Niki de Saint Phalles Kampf gegen Strukturen, die Frauen das Recht auf Autonomie entziehen – insbesondere in Bezug auf den eigenen Körper.
Die Ausstellung präsentiert das gesamte Spektrum ihres Schaffens, von der Malerei, Assemblage, Performance, Skulptur, Architektur, Film, Grafik, Design und öffentliche Kunst, verteilt auf zwölf thematische Räume. Neben den Arbeiten von Niki de Saint Phalle sind auch Werke von Weggefährtinnen wie der kurzlich verstorbenen Yayoi Kusama und Dorothy Iannone zu sehen. Alles in allem ein Blick auf ein Werk, das verspielt und politisch zugleich ist.
Eine von der Schauspielerin Anna Schudt gesprochene Audio-Tour führt durch die Ausstellung und bietet faszinierende Hintergrundgeschichten zu ausgewählten Werken. Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4–5, 40479 Düsseldorf.
Frankfurt: Maria Magdalena. Sin. Pray. Love. (17. 8.2026 – 17. 1.2027)
Ab dem 17. September zeigt das Städel Museum in Frankfurt die Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, eine Ausstellung über eine der faszinierendsten Figuren der Kunstgeschichte.Wie kaum eine andere biblische Figur wurde sie über Jahrhunderte hinweg verehrt, vereinnahmt und neu interpretiert. Die Ausstellung zeigt mit mehr als 100 Gemälden, Skulpturen und Druckgrafiken vom Mittelalter bis in die Gegenwart, wie sich das Bild der Maria Magdalena im Laufe der Zeit verändert hat. Heilige. Sünderin. Apostelin. Verführerin. Büßerin. Gefährtin Christi und bis zur Modern eine selbstbestimmten Identifikationsfigur. Sie ist all das.
Diese erste umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum zeigt Maria Magdalenas verschiedenen Facetten. Ihre Darstellung in der Kunst spiegelt die Vorstellungen und Machtstrukturen der jeweiligen Epoche wider. Sie ist sowohl Projektionsfläche als auch eigenständige Figur.

Die Ausstellung zeigt Werke von Dürrer, Correggio, Artemisia Gentileschi, Georges de La Tour, Max Beckmann und Kiki Smith. Sie ist vom 17. September 2026 bis zum 17. Januar 2027 im Städel Museum am Schaumainkai 63 in Frankfurt am Main zu sehen. Begleitend dazu wird ein umfangreiches Vermittlungsprogramm mit Führungen und Online-Touren angeboten.
Am 25. September findet ein Special Event mit einer inhaltlichen Einführung und kreativen Workshops statt. Anschließend gibt es ein gemütliches Get-together und ein extra zur Ausstellung gestaltetes DJ-Set von @ggvybe. Das Community-Event richtet sich allerdings vor allem an Social-Media-Fans und Content-Creator. Was für eine coole Vermarktungsidee! Bis zum 17. September kann man eine Anfrage als Direktnachricht auf Instagram zusenden.
Bundesweit in Deutschland: Tag des offenen Denkmals (13. September 2026)

Am Sonntag, dem 13. September ist Tag des offenen Denkmals. Tausende historische Orte öffnen ihre Türen – viele davon sind sonst verschlossen, unsichtbar oder vergessen. Das Motto 2026 lautet: „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur”. Vielleicht brauchen wir nach dem letzten Wochenende in Sachsen-Anhalt Orte der Erinnerung. Orte, an denen wir innehalten können. Orte, an denen wir uns fragen: Was war vorher? Was kommt nachher? Und was bleibt? Wenn du auch unterwegs bist, wohin gehst du? Was nimmst du mit?
Das vollständige Programm findest du unter www.tag-des-offenen-denkmals.de/programm oder in der App zum Tag des offenen Denkmals.
Bühne: „20 Jahre Radialsystem“ — A Weekend For Every(Thing)One

Vom 12. bis 14. September feiert das Haus sein 20-jähriges Bestehen – mit einem langen Wochenende unter dem Titel „A Weekend For Every(Thing)One“. Es gibt ein Open House mit Picknick, Workshops, Performances, Konzerten und einer Party, die bis in die Nacht reicht. Wer sich neben der Berlin Art Week also noch Zeit freihält, um auf einen Geburtstag zu gehen, wird beim Open House des Radialsystems erfreut feststellen, dass dort ein geballtes Kulturprogramm an einem Ort stattfindet. Meine persönliche Geschichte mit dem Radialsystem und Sasha Waltz könnt ihr hier nachlesen: „20 Jahre Radialsystem“ — A Weekend For Every(Thing)One.

Das vollständige Programm findet ihr unter www.radialsystem.de. Für einzelne Veranstaltungen werden Zeitfenster-Tickets empfohlen.
Radialsystem, Holzmarktstraße 33, 10243 Berlin-Friedrichshain.
Neu im Kino: Bad Apples
„Bad Apples“ ist eine schwarzhumorige Thriller-Satire des schwedischen Regisseurs Jonatan Etzler und sein englischsprachiges Regiedebüt. Der Film basiert auf dem Roman „De Oönskade” von Rasmus Lindgren und erzählt die Geschichte einer überforderten Grundschullehrerin, die zu drastischen Mitteln greift.
Maria (gespielt von Saoirse Ronan), die Grundschullehrerin, hat alle Hände voll zu tun, ihre zehnjährigen Schüler*innen zu motivieren. Besonders ein unberechenbarer Junge bringt sie immer wieder an ihre Grenzen. Als Marias berufliche Existenz auf dem Spiel steht, trifft sie eine fatale Entscheidung: Sie nimmt den Jungen mit nach Hause und sperrt ihn im Keller ein. Während ihre Klasse plötzlich aufblüht und Maria für ihre Erfolge gefeiert wird, gerät sie jedoch immer tiefer in eine ausweglose Situation. Der Film stellt auch unbequeme Fragen: Wer sind hier eigentlich die „Bad Apples“? Und wie weit darf man gehen, wenn das System versagt? Ein Film für Freunde des schwarzen Humors.
Jetzt im Kino, ab 16 Jahren freigegeben. Laufzeit: 101 Minuten.
Literatur:
Manchmal kommen Bücher genau zur richtigen Zeit, manchmal waren sie auch überfällig. Mein Lesetipp für diese Woche ist „Die unverschämte Frau“ von Miriam Stein. Aber lassen wir doch die Autorin selbst etwas zu ihrem neuen Buch erzählen, sozusagen aus erster Hand Instagram @miriamyungmin „Die Scham muss nicht nur die Seite wechseln“, schreibt Stein. Sie muss verschwinden.
Miriam Stein: „Die unverschämte Frau“, Goldmann Verlag, 208 Seiten, 18,00 Euro, erschienen am 9. September 2026.
Literatur & Diskurs: Dua Lipas Manifesto Library
Nachdem es in den letzten Wochen in dieser Rubrik auch einige eher schwere Themen gab, gibt es heute mal eine „Good News” oder auch „softere News”.
Es gibt Popstars – und es gibt Popstars, die mehr tun, als nur Musik zu machen. Dua Lipa gehört zu Letzteren. Seit 2021 betreibt die britisch-albanische Sängerin den Service95 Book Club, eine literarische Plattform, die Bücher empfiehlt, die „die Welt lesen“. Ende Juni 2026 hat sie nun ihren ersten physischen Raum eröffnet: die Manifesto Library in Porto, Portugal. Die Bibliothek befindet sich im historischen Livraria Lello, einem der schönsten Buchläden der Welt, dessen neue Flügel vom Pritzker-Preisträger Álvaro Siza Vieira entworfen wurde. In einem neuen kulturellen Auditorium im Untergeschoss sind 100 Bücher versammelt, die allesamt irgendwo auf der Welt zensiert, verboten oder infrage gestellt wurden.
Warum brauchen wir einen „Schrein” für Bücher?
Weil Bücher verschwinden. Weil Machtstrukturen entscheiden, was gelesen werden darf und was nicht. Weil Zensur nicht nur in Diktaturen, sondern auch in Demokratien stattfindet. In den USA werden weiterhin Bücher aus Schulbibliotheken entfernt wegen Themen wie Race, LSBTIQ+ oder politischer Kritik. Das Taliban-Regime in Afghanistan verbietet Mädchen den Schulbesuch. Und auch in Europa schweigen wir oft, wenn anderswo die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Dua Lipas Manifesto Library ist eine Antwort darauf. Es ist ein physischer Ort für Bücher, die irgendwo auf der Welt zensiert oder verboten wurden. Ein „Schrein für verschwundene Bücher“, wie sie es nennt.
Den vollständigen Artikel mit Biografie, Hintergründen und Besuchsinformationen findest du hier: Dua Lipas „Manifesto Library“
Das war wieder ein prall gefüllter kultur*letter für diese Woche! Ich wünsche euch allen noch ein wunderbares Wochenende. Genießt die Kunst, die Bühne und die Literatur. Kommt gut in die nächste Woche! Wir lesen, sehen und hören uns dann wieder. Bleibt neugierig! Bleibt zugewandt.
