Seit Ostern versuche ich, Karten für die Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig zu bekommen. Jede Woche sind neue Zeitfenster ausverkauft, kaum dass sie freigeschaltet sind. Am 24. Juni stehe ich endlich davor, Slot 11 Uhr, draußen über dreißig Grad, drinnen angenehm kühl.
Die Eingangshalle ist fast leer. Wer einen Zeitslot gebucht hat, kommt mit dem QR Code sofort durch. Voll wird es erst in der Ausstellung selbst, logisch, das komplette Kartenkontingent dieser Stunde ist hier unterwegs. Zwischen den ersten Werken bin ich kurz etwas verloren. Wo fange ich an? Wer war diese Frau, bevor sie zu diesem Namen wurde, den inzwischen jede und jeder kennt?
Ich lade die Museums-App herunter, 2,99 Euro, die beste Entscheidung des Tages. Eine offizielle Führung gibt es nicht, aber jetzt kann ich mich Raum für Raum führen lassen, in meinem eigenen Tempo.
Kaum durch die ersten Stationen, merke ich, wie schmal mein Bild von Kusama bisher war. Die globale Pop-Ikone mit den unzähligen Punkten, eine Frau, die wegen ihrer psychischen Krankheit freiwillig in einer Klinik in Tokio lebt. Das alles soll sich heute ändern.

Frühe Jahre und Studium in Japan ( 1929-1957)
Kusama wird 1929 in Matsumoto geboren, in eine wohlhabende, konservative Familie, die eine große Samengärtnerei betreibt. Blüten, Samen und Ranken prägen von klein auf ihre Wahrnehmung, sie wachsen später in fast jedem ihrer Werke wieder auf. Das Verhältnis zu den Eltern ist schwierig. Die Mutter ist streng, der Vater notorisch untreu, und die junge Kusama wird von ihrer Mutter losgeschickt, um ihn bei seinen Affären zu beobachten.

Mit etwa zehn Jahren beginnen die Halluzinationen. Punkte und Blütenmuster überziehen für sie Möbel, Wände, den eigenen Körper. Sie hört Pflanzen sprechen, einmal, erzählt sie später, habe sie tatsächlich die Stimme eines Hundes gehabt. Um sich dieser Wirklichkeit zu vergewissern, beginnt sie zu zeichnen, was sie sieht und hört. Aus einer Angststörung wird eine Arbeitsweise.
1948 setzt sie gegen den erklärten Willen ihrer Familie ein Kunststudium durch, klassische japanische Malerei in Kyoto. Ihre Mutter erlaubt es nur unter der Bedingung, dass sie zusätzlich Etikette lernt. Kusama gehört damit zu den ersten Japanerinnen überhaupt, die Kunst studieren. Den akademischen Stil empfindet sie schnell als zu eng und wechselt zu abstrakter Ölmalerei.
1952 zeigt sie in Matsumoto über zweihundert eigene Arbeiten, ihre erste große Einzelausstellung. Ihr Psychiater bestärkt sie darin, sich von der Familie zu lösen. Drei Jahre später wagt sie einen zweiten, noch größeren Schritt. Sie schreibt an Georgia O’Keeffe, deren Malerei sie aus der Ferne bewundert, die sie aber nie getroffen hat, und legt dem Brief eigene Aquarelle bei. O’Keeffe antwortet, ermutigt Kusama, ihre Kunst in den USA zu zeigen, und bietet an, sie amerikanischen Händlern vorzustellen. Dieser Zuspruch gibt der jungen Künstlerin den Mut, zwei Jahre später nach Amerika aufzubrechen.
Eine Frau, kaum Mitte zwanzig, gegen die eigene Familie, gegen ein Land, das Frauen keine Kunstkarriere zutraut, und mit einem einzigen mutigen Brief an eine Fremde, das beeindruckt mich mehr als jedes ihrer späteren Werke mit den Punkten.
Herausforderung Amerika (1958 – 1972)
Im November 1957 verlässt Kusama Japan, über eine Zwischenstation in Seattle erreicht sie im Juni 1958 New York. Die Stadt hat Paris als Kunstmetropole längst abgelöst, und Kusama will dazugehören. Die Umstände sind hart. Miete, Material, selbst Essen kann sie sich kaum leisten, auf intensive Arbeitsphasen folgen Halluzinationen und Panikattacken. Trotzdem malt sie mit einer Ausdauer, die an Besessenheit grenzt, monumentale, fast monochrome Leinwände, die sie mit Tausenden winziger Bögen füllt. Der endlose Ozean unter ihr während des Flugs aus Japan wird zum Ausgangsbild: die Infinity Nets, Unendlichkeitsnetze, sind geboren.
1959 zeigt die Brata Gallery fünf dieser Bilder, und die New Yorker Kunstwelt reagiert sofort. Kritiker wie Donald Judd, der später zu einem engen Freund wird, feiern das Werk. 1962 verlässt Kusama die Leinwand und erobert den Raum, sie überzieht Möbel mit Hunderten selbst genähter, phallusartiger Stoffformen und verarbeitet damit ihre Angst vor Sexualität. 1963 folgt ihre erste raumfüllende Installation, ein Boot voller Phalli, tausendfach auf Böden, Wänden und Decke wiederholt. Für ein Foto lässt sie sich selbst nackt darin ablichten, mitten im Gerangel der New Yorker Szene um Aufmerksamkeit.
1965 baut sie den ersten Infinity Mirror Room der Kunstgeschichte. Ein Jahr später reist sie ohne Einladung zur Biennale von Venedig und installiert 1.500 Spiegelkugeln auf dem Rasen, Narcissus Garden. Bis man es ihr verbietet, verkauft sie die Kugeln wie eine Straßenhändlerin, zwei Dollar das Stück: Euer Narzissmus zum Verkauf. Sie nimmt sich, was ihr niemand angeboten hat.
Zwischen 1967 und 1969 organisiert sie mehr als siebzig Happenings an öffentlichen Orten, an der Wall Street, der Brooklyn Bridge, im Garten des MoMA. Nackte Körper, mit Punkten bemalt, protestieren gegen den Vietnamkrieg, gegen den Kapitalismus, für die Entkriminalisierung von Homosexualität. Die Presse ist immer vorab informiert. Das ist nicht die zurückhaltende Kusama aus Matsumoto. Das ist eine Frau, die sich nimmt, was sie will, und die genau weiß, wie man dafür sorgt, gesehen zu werden.
Rückkehr nach Japan und der Rückzug (1973–1977)
1973 kehrt Kusama nach fünfzehn Jahren New York endgültig nach Japan zurück. Sie ist erschöpft, ihre Gesundheit hat sich in den intensiven Schaffensjahren immer wieder verschlechtert, wiederholt folgen auf Ausstellungen Halluzinationen und Zusammenbrüche. Kurz vor ihrer Rückkehr stirbt ihr enger Freund und Förderer Joseph Cornell, später auch ihr Vater.
1977 entscheidet sie sich, in eine psychiatrische Klinik in Tokio zu ziehen, freiwillig, nach eigenem Wunsch. Ihr Atelier liegt direkt gegenüber, bis heute pendelt sie täglich zwischen beiden Orten. Was von außen wie Rückzug aussieht, beschreibt sie selbst eher als Schutz, einen festen, überschaubaren Rahmen für ein Leben, das sich sonst kaum ordnen lässt.
In dieser Zeit wird ihre Kunst leiser. Sie arbeitet mit Zeitschriftenausschnitten, die ihr Cornell hinterlassen hat, kombiniert Collage mit Malerei und Zeichnung, formt Keramik. Vor allem aber schreibt sie. 1978 erscheint ihr erster Roman, Manhattan Suicide Addict, in wenigen Wochen zu Papier gebracht. Darin ein Satz, der die Jahre davor in einem anderen Licht zeigt: Ich erinnere mich noch gut daran, wie oft ich an den Gleisen der Chūō-Linie stand und auf den einfahrenden Zug wartete, um meinem Leben ein Ende zu setzen. Davor bewahrt hat mich mein tastender Weg zur Kunst.
Hier beginnt für mich der Bruch. Die Frau, die eben noch nackt gegen die Wall Street protestierte, die sich ungefragt auf die Biennale einlud, verschwindet in einem Zimmer gegenüber ihrem Atelier. Was folgt, ist nicht mehr die Konfrontation mit der Welt, sondern die kontrollierte Verwaltung eines Werks.
Wiederentdeckung und die „Kürbisse“ (1989–2000er)
Nach Jahren der Stille beginnt Kusama Anfang der 1980er wieder auszustellen. 1982 zeigt die Fuji Television Gallery in Tokio ihre Einzelausstellung Obsession Yayoi Kusama. 1989 folgt in New York ihre erste internationale Retrospektive, 1993 vertritt sie als erste Solokünstlerin offiziell Japan im eigenen Pavillon der Biennale von Venedig. Nach den stillen Jahren in der Klinik ist das eine steile Rückkehr auf die große Bühne.
In diesen Jahren rückt ein Motiv in den Mittelpunkt, das in Wahrheit viel älter ist als der Hype, den es später auslösen wird: der Kürbis. Schon als Kind wächst Kusama in der Samengärtnerei ihrer Familie mit ihm auf, sie erzählt, wie einer der Kürbisse einmal wie ein Mensch mit ihr gesprochen habe. Als junge Frau malt sie morgens, auf dem roten Teppich sitzend, einen Monat lang an einem einzigen Kürbis, in einer Art Meditation. Jetzt, mit Anfang sechzig, kehrt sie zu diesem Motiv zurück und verbindet es mit der Technik der Wiederholung, die sie in New York entwickelt hat, Punkte, die dem Kürbis sein Volumen geben, gemalt in leuchtenden Acrylfarben, in immer neuen Größen und Formaten.
Der Kürbis ist echt, in ihrer Kindheit verwurzelt wie die Blüten und Netze davor. Was mich stört, ist nicht das Motiv selbst. Es ist, wie oft es sich von hier an wiederholt, bis es weniger nach Erinnerung klingt als nach Formel, die sich beliebig oft reproduzieren lässt.
Globale Pop-Ikone (2010er–Heute)
2012 beginnt eine bis heute andauernde Kooperation mit dem Modehaus Louis Vuitton, Kusamas Punkte ziehen über Schaufenster, Taschen, Kleider rund um den Globus. 2017 eröffnet in Tokio ihr eigenes Museum. Die Künstlerin, die einst nackt gegen die Wall Street protestierte, ist inzwischen selbst zur globalen Marke geworden, mit eigenem Haus, eigenem Merchandising, eigenem Publikum, das über Wochen auf ein Zeitfenster wartet.
Genau hier liegt für mich die eigentliche Volte. Der Ursprung der Punktmuster war die Selbstauslöschung, das Verschwinden des Ichs in einem größeren Ganzen, um die eigene Angst zu bewältigen. Mitten im Rundgang stehe ich selbst in einem der größten Räume der Ausstellung, ein Spiegelsaal voller gelber Tentakel, übersät mit schwarzen Punkten, Deckenhöhe wie in einer Kirche. Die meisten Menschen um mich herum sind, glaube ich, genau wegen dieses einen Raums gekommen, er sieht auf Instagram hervorragend aus. Mein Rock hat lustigerweise fast dieselbe gelbe Farbe wie die Tentakel. Der Raum ist hübsch anzusehen. Dem Leben und dem Werk dieser Frau wird er nicht im Entferntesten gerecht.
Das ist keine Verfälschung des Werks. Kusama hat den Verkauf von Anfang an mitgedacht – von den zwei Dollar für den Narzissmus in Venedig bis hin zur eigenen Boutique in den Sechzigern. Was sich geändert hat, ist der Maßstab. Aus einer Frau, die sich selbst zur Biennale einlud, ist eine Institution geworden, die man heute buchen muss.
Was bleibt …
Kurz vor dem Ausgang wartet noch ein letzter Raum, ganz in Blau getaucht, übersät mit fluoreszierenden Punkten. Von Weitem wirken sie wie Scheinwerfer, aus der Nähe sind es einzeln aufgeklebte Sticker. Der Raum kippt schnell von Staunen in Schwindel, so muss sich das für Kusama selbst oft angefühlt haben. Länger als eine knappe Minute darf niemand bleiben, danach wird man weitergeschickt, wahrscheinlich damit man einigermaßen bei Sinnen bleibt.
Für mich endet die Ausstellung draußen, auf der Dachterrasse. Dort stehen drei riesige, giftbunte Blumen aus Bronze, übersät mit Punkten, direkt vor den gotischen Türmen des Kölner Doms. Ich mache mein letztes Foto und verlasse das Museum mit einem anderen Bild von Kusama, als ich es mitgebracht hatte. Nicht mehr nur die Frau mit den Punkten, sondern das Mädchen aus Matsumoto, das mit zehn Jahren gegen seine eigenen Wahrnehmungen ankämpfte, die junge Frau, die sich gegen ihre Familie und ein ganzes Land durchsetzte, und die Künstlerin, die sich in New York ungefragt Gehör verschaffte, lange bevor daraus eine Marke wurde.
Die Ausstellung im Museum Ludwig läuft noch bis zum 2. August 2026. Sie ist Teil einer Kooperation dreier Häuser: Station davor war die Fondation Beyeler in Basel (12. Oktober 2025 bis 25. Januar 2026), Station danach ist das Stedelijk Museum Amsterdam (11. September 2026 bis 17. Januar 2027), das für diesen Anlass einen eigenen neuen Infinity Mirror Room zeigt. Yayoi Kusama, Stedelijk Museum.
Alles Fotos in diesem Artikel stammen von mir;
2026© Ruth-Janessa Funk