Die neue Pisa-Studie ist da. Image wurde mit ChatGPT generiert.

Pisa-Studie „Future-Ready Students“ – Schock oder Chaos?

Chaos bezeichnet alltagssprachlich einen Zustand vollständiger Unordnung, Verwirrung oder das Fehlen jeglicher Organisation. Genau das dokumentiert auch der erste Ergebnisband PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students für Deutschland.

Die OECD veröffentlichte am 8. September 2026 die ersten Ergebnisse des PISA-Erhebungszyklus 2025. Der Studien-Band hat zwei Ebenen: Der Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie gut 15-Jährige naturwissenschaftliche Probleme verstehen, Daten und Belege interpretieren und wissenschaftlich begründete Entscheidungen treffen können. Lesen und Mathematik werden ebenfalls international verglichen und im Zeitverlauf betrachtet. Der Bericht fragt also nicht nur: „Wie hoch ist der Durchschnittswert?“, sondern auch: Wie verteilen sich Kompetenzen innerhalb eines Bildungssystems? Volume I ist weniger ein reiner Leistungsbericht als ein Bericht über Zukunftsfähigkeit.

Und Deutschland nur eingeschränkt zukunftsfähig: Bei den grundlegenden Kompetenzen zeigt sich ein ernstes strukturelles Problem, zugleich gibt es beim modellbasierten Problemlösen eine ermutigende Stärke. Zukunftsfähigkeit ist also nicht pauschal „nicht vorhanden“ – sie ist ungleich verteilt und sozial stark abhängig.

Gut ein Fünftel der Schüler:innen in Deutschland verfügt nicht über grundlegende Kompetenzen. Diese Jugendlichen haben Schwierigkeiten, alltagsnahe naturwissenschaftliche und mathematische Probleme zu lösen oder relevante Informationen aus einfachen Texten zu entnehmen. Das ist für Zukunftsfähigkeit entscheidend.

Deutschlands Stärke: Problemlösen

Ein differenzierteres Bild ergibt sich beim erstmals erhobenen modellbasierten Problemlösen. Deutschland liegt hier im OECD-Durchschnitt und signifikant über dem EU-Durchschnitt. Der Anteil guter Problemlöser:innen ist vergleichsweise hoch.

Aus diesen Ergebnissen lässt sich nicht unmittelbar ableiten, dass digitale Medien, künstliche Intelligenz, Pandemieerfahrungen oder ein bestimmtes Unterrichtsmodell die Ursache sind. PISA zeigt Zusammenhänge und Leistungsstände, aber keine eindeutigen Kausalitäten.

Der Titel Future-Ready Students setzt einen deutlichen programmatischen Akzent: PISA fragt nicht nur nach schulischen Basiskompetenzen, sondern danach, ob Jugendliche für eine von Digitalisierung, technologischer Veränderung und komplexen gesellschaftlichen Problemen geprägte Zukunft gerüstet sind.

Deutschland verfügt über eine relevante Zukunftskompetenz im Problemlösen, doch diese Stärke steht auf einer brüchigen und sozial ungleich verteilten Basis. Für die Wirtschaft bedeutet das kurzfristig Resilienz, langfristig aber ein erhebliches Wachstums- und Innovationsrisiko.

Die ökonomische Frage lautet daher nicht nur: Wie gut sind die Besten?
Sie lautet auch: Wie groß ist der Anteil der Bevölkerung, der komplexe Arbeit überhaupt aufnehmen und sich weiterentwickeln kann?

Wenn wir unser Bildungssystem weiterhin so vernachlässigen wie bisher laufen wir Gefahr: Deutschland kann wahrscheinlich noch lange Probleme lösen – aber es riskiert, immer weniger Menschen dafür auszubilden. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Wirtschaft, die heute noch leistungsfähig ist, und einer Wirtschaft, die auch in zehn oder zwanzig Jahren innovationsfähig bleibt.

Deutschland besitzt Zukunftskompetenzen, aber kein ausreichend zukunftsfähiges Bildungssystem.

Allerdings! Und das möchte ich hier auch festhalten. Ich selbst unterrichte seit über 15 Jahren an Hochschulen und Akademien. Das sind zwar schon junge Erwachsenen, aber ich bemerke hier Schwierigkeit mit Lernengagement, Selbstregulation und Ausdauer. Motivation hängt nicht nur von attraktiven Inhalten oder guter Didaktik ab. Vielen fehlt auch ein eigene Lernfrage. Die OECD beschreibt Engagement als Zusammenspiel von Überzeugungen, Zielen und Emotionen. Motivierte Lernende bleiben eher dabei, erreichen mehr und erleben Lernen positiver.

Als Dozentin kann ich Lerngelegenheiten schaffen; Ich kann aber nicht stellvertretend für die Teilnehmenden deren Neugier, Ausdauer und Entscheidung zum Lernen übernehmen. Auch die Die PISA-Ergebnisse dürfen nicht als individuelles Versagen von Lehrer:innen gelesen werden. Sie zeigen ein Systemproblem, das im Klassenzimmer sichtbar wird, aber dort nicht allein gelöst werden kann. Eine Lehrkraft mit 30 Kindern kann weder fehlende sprachliche Förderung, soziale Ungleichheit, Personalmangel, familiäre Belastungen noch digitale Ablenkung im Alleingang kompensieren.

Lehrer:innen brauchen Bedingungen und notwendigen Ressourcen unter denen gute Pädagogik überhaupt möglich ist.

eine engagierte Lehrkraft kann eine Klasse inspirieren. Ein Bildungssystem muss jedoch dafür sorgen, dass nicht nur einzelne Klassen, sondern möglichst viele Kinder und Jugendliche verlässlich lernen können.

Ein nationale Berichtsband „PISA 2025 Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformationbietet eine umfassende Bestandsaufnahme der kognitiven Kompetenzen, sozial-emotionalen Merkmale und Lernkontexte 15-jähriger Jugendlicher in Deutschland. Das Taschenbuch gibt es beim Waxmann Verlag mit 236 Seiten für 39,90 Euro zu bestellen. Als Online-Ausgabe steht die Publikation als open access kostenfrei zum Download zur Verfügung.


KI-Transparenz-Hinweis

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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