kultur*letter #23: Wenn der Angriff billiger ist als das Argument

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Diese Woche beginne ich nicht mit Ausstellungen. Ich beginne mit einer Beobachtung, die mich seit Wochen beschäftigt und die ich nicht länger ignorieren möchte.

Draußen sind es mittlerweile 37 Grad. Ich sitze mit drei Ventilatoren und versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das gelingt mir mit dem Wetter besser als mit dem Blick auf das, was gerade in unseren digitalen Öffentlichkeiten passiert. Denn dort ist es auf eine andere Art hitzig — und die Temperatur steigt seit Jahren.

Wir beschimpfen uns. Wir bedrohen uns. Wir verbreiten Lügen und geben vor, das sei Meinungsfreiheit. Auf vielen Instagram-Kanälen, denen ich folge, berichten Content Creator:innen offen darüber, was täglich in ihren Kommentarspalten landet. Manche gehen damit klug um, andere sogar humorvoll. Das ändert jedoch nichts an dem, was dahintersteckt.

Die Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug” aus dem Jahr 2024 liefert dazu Zahlen, die zwar nicht überraschen, aber dennoch erschrecken: 49 Prozent der Befragten wurden schon einmal online beleidigt. 89 Prozent sagen, Hass im Netz habe zugenommen. Mehr als die Hälfte formuliert vorsichtiger oder beteiligt sich seltener an Diskussionen – aus Angst. Das ist kein individuelles Problem. Es ist ein schleichender Rückzug aus der öffentlichen Rede. Am häufigsten ziehen sich diejenigen zurück, die ohnehin häufiger angegriffen werden.

Ich habe lange überlegt, wie ich das einordnen soll. Hier ist meine Lesart: Menschen, die zufrieden sind, die etwas aufbauen und etwas zu geben haben, müssen nicht andere herabsetzen. Hasskommentare sind kein Ausdruck von Stärke. Sie sind ein Ausdruck von Leere. Das Problem ist nur: Plattformen belohnen genau das. Zuspitzung erzeugt Reaktion, Reaktion erzeugt Reichweite, Reichweite erzeugt Geld. Der Angriff ist ökonomisch verwertbar. Das Argument hingegen nicht.

Michelle Obama prägte 2016 den Satz „When they go low, we go high”, der seitdem nichts an Schärfe verloren hat. Was für ein großartiges Statement! Und was für eine wunderbare Haltung. Aber seien wir ehrlich: Eine solche Haltung kostet auch Kraft, ist aber die einzige, die langfristig etwas verändert.

Ist echte Kritik noch möglich, wenn der Angriff billiger ist als das Argument? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir aufhören müssen, so zu tun, als wäre das normal.

So viel zum Rückblick – jetzt folgt der Ausblick für die Woche vom 26 Juni bis 2 Juli 2026.

Ausstellungen

Drei Räume, drei ganz unterschiedliche Arten, wie Kunst das Unsichtbare sichtbar macht.

Haus der Kunst, München | Maria VMier. I follow the wind through the stone.
Das Haus der Kunst beauftragt jedes Jahr eine Künstlerin oder einen Künstler, das Gebäude selbst zum Thema zu machen. Maria VMier hat für diesen Auftrag mit Mitarbeiter:innen gesprochen, Routinen beobachtet und Oberflächen abgerieben. Entstanden ist eine dreiteilige Installation, die am Personaleingang beginnt, durch die Passage führt und in der Mittelhalle endet. Zu sehen sind verwitterte Fassadenbuchstaben, die neu angeordnet wurden, Frottagen auf Papier und kleine Aluminiumskulpturen, die auf die Fossilien im Saalburger Marmor reagieren. Das Haus wird zum lesbaren Archiv. Ein Besuch lohnt sich, weil man das Haus anders verlässt, als man es betreten hat. Zu sehen vom 26. Juni 2026 bis zum 7. Februar 2027.

K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf | Holly Herndon & Mat Dryhurst. Starmirror.
Holly Herndon und Mat Dryhurst machen KI gemeinsam hörbar und leibhaftig. Ihre immersive Klanginstallation im K21 ist weder ein Technikmuseum noch eine Warnung. Sie ist ein Experiment: Besucher:innen können mit lokalen Chören und einem Vokalensemble Gesangsaufnahmen machen, aus denen ein KI-Chor entsteht. Das Liederbuch dazu bezieht sich auf Hildegard von Bingens „Ordo virtutum”. Mittelalterliche Mystik trifft auf maschinelles Lernen und irgendwo dazwischen entsteht etwas, das man so nicht erwartet hätte. Zu sehen vom 27. Juni bis 11. Oktober 2026.

Haus am Waldsee, Berlin | „Wo ich wohne.“ Jubiläumsausstellung.
Anlässlich des 80-jährigen Bestehens des Hauses am Waldsee fragt die Ausstellung, was ein Ort mit uns macht. Der Titel der Ausstellung stammt von Ilse Aichinger, deren Kurzgeschichte von einer Wohnung handelt, die Stockwerk um Stockwerk absinkt, während alle so tun, als wäre nichts. Die Villa, in der das Haus am Waldsee 1945 seine Anfänge nahm, war zuvor im Besitz einer jüdischen Familie. In ihr lebten später auch Täter:innen des Nationalsozialismus. Die Ausstellung macht aus dieser Geschichte kein Mahnmal, sondern Material. Und das ist der Unterschied. Ab sofort.

„Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer. Ich will es nicht laut sagen, aber ich wohne tiefer.“ – Ilse Aichinger, Wo ich wohne, 1963

Villa Knobloch, heute Haus am Waldsee, Grundriss 1923

Literaturtipps:

Klagenfurt ist dieser Tage mehr als nur eine Stadt. Am Sonntag, dem 28. Juni, wird dort um 11 Uhr der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen – und das in einem Jahr, in dem Bachmann selbst 100 Jahre alt geworden wäre. Diese doppelte Öffentlichkeit ist jedoch kein Jubiläumseffekt. Sie zeigt, dass Bachmann nicht als Denkmal existiert, sondern als Autorin, die bis heute Maßstäbe setzt und Widerspruch auslöst. Wer genauer verstehen will, warum ich Bachmann für so gegenwärtig halte, findet meinen ausführlichen Essay hier: Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag.

  

Dann ist mir diese Woche ein Roman in die Hände gefallen, den ich so nicht erwartet hätte: „Alles wovor ich Angst habe, ist schon passiert“ (2025) von Wencke Mühleisen. Die Protagonistin ist Ende 60, frisch getrennt und nutzt Tinder und Dating-Apps. Das klingt nach leichter Sommerlektüre. Ist es aber nicht. Mühleisen thematisiert weibliche Sexualität im späteren Leben nicht als Randnotiz, sondern als Zentrum einer existenziellen Erfahrung. Die Hauptfigur ist keine Frau, die sich neu erfindet und dabei strahlt. Sie ist eine Frau mit Verletzungen, Widersprüchen und einem nicht verschwundenen Begehren, obwohl Körper und gesellschaftliche Blicke anderes behaupten. Genau diese Zwischenzone – nach der Ehe, vor dem nächsten Selbstentwurf, mitten im Ungewissen – macht den Roman lesenswert.

Lesetipp: „Alles wovor ich Angst habe, ist schon passiert“ von Wencke Mühleisen

Passend zu dem Buch von Mühleisen ist mir wieder die Novelle „Werde, die du bist” von Hedwig Dohm von 1894 eingefallen. Das kleine Büchlein liegt schon länger in meinem Regal, gelesen, mit Bleistift. Auch das Buch „Alte Frauen“ (2025) von Verena Lueken habe ich begonnen, aber noch nicht zu Ende gelesen. Dann kam Mühleisen, und plötzlich lagen alle drei Bücher gedanklich nebeneinander. Dohm liefert die frühe Sprache der Emanzipation, Mühleisen die Gegenwart des Begehrens. Lueken porträtiert Frauen, die dem Alter trotzen, Frauen, die dem Alter trotzen, auf beeindruckende Art und Weise. Drei Autorinnen, drei sehr verschiedene Zeiten, ein gemeinsamer Gedanke: dass Frauen im Alter nicht kleiner werden, sondern oft klarer.

Kinotipp:

Ab nächster Woche im Kino, und ich freue mich schon jetzt darauf: „The Piano Tuner“ startet am 2. Juli in den deutschen Arthouse-Kinos. Der Trailer hat mich sofort gepackt und der Film steht ganz oben auf meiner Liste.

Was macht eine Gabe mit einem Menschen, wenn sie ihn gleichzeitig verletzbar und begehrenswert macht?

Niki White (gespielt von Leo Woodall) war ein hochtalentierter Pianist, bis eine krankhafte Geräuschüberempfindlichkeit seine Karriere beendete. Seitdem trägt er Kopfhörer und stimmt Klaviere. In New York arbeitet er als Lehrling seines Mentors Harry Horowitz (Dustin Hoffman), der mit 88 Jahren immer noch charmant und witzig ist. Es ist schön, ihn wiederzusehen. Was Niki zum Außenseiter macht, macht ihn gleichzeitig zur begehrten Figur: Sein absolutes Gehör hört jede Note, jedes Klacken, jedes Schloss. Als Harry die Kombination seines Safes vergisst, öffnet Niki ihn mit dem Ohr. Osteuropäische Kriminelle werden aufmerksam. Parallel dazu verliebt er sich. All das dauert 108 Minuten, ist ab 12 Jahren freigegeben und wurde von Daniel Roher inszeniert, der 2023 den Oscar für „Nawalny“ gewann. Sein erster Spielfilm. Trailer.

Debatten & Diskurse: Kunst & KI — was Technikethik nicht kann

Mitte Juni hat die Kulturstiftung des Bundes ihr Programm „Kunst & KI“ vorgestellt. Bis 2028 stehen 3,68 Millionen Euro für Kunstprojekte bereit, die KI nicht nur nutzen, sondern auch kritisch hinterfragen. Dies ist ein Signal, dass die Kulturpolitik in Deutschland beginnt, KI als gesellschaftliches Aushandlungsfeld zu begreifen – und Kunstinstitutionen sind der richtige Ort dafür. Was kann Kunst über KI sagen, was Technikethik nicht kann?

Kunst macht sichtbar, wie KI-Modelle Wahrnehmung, Sprache und Bildsprache formen. Sie erzeugt Irritation, wo Ethikdebatten Kategorien bilden. Sie fragt nicht nur, was erlaubt ist, sondern auch, wie es sich anfühlt. Genau das fehlt in den meisten KI-Diskussionen: nicht die Regelung, sondern die Erfahrung.

Die oben schon empfohlene Ausstellung von Holly Herndon und Mat Dryhurst im K21 zeigt das konkret. KI wird dort nicht als abstrakte Bedrohung dargestellt, sondern als sozialer, mitgestalteter Prozess. Das ist der Unterschied zwischen Angst und Auseinandersetzung.

Zum Abschluss: ein Podcast, der politisch denkt

Wer über Kultur schreibt, kommt an Politik nicht vorbei. Beide beeinflussen, was wir als normal empfinden, was sichtbar wird und was in Vergessenheit gerät. Deshalb zum Abschluss eine Empfehlung, die nicht ins klassische Kulturressort gehört, hierher aber sehr gut passt: „Lage der Nation” ist ein Politik-Podcast, der komplexe politische Zusammenhänge klar und ohne Vereinfachung erklärt. Gerade hat er den Publikumspreis „Beste Information” des Deutschen Podcastpreises gewonnen. Reinhören lohnt sich – besonders, wenn man nicht nur mitlesen, sondern auch mitreden will.
lagedernation.org

Das war der kultur*letter für diese Woche. Draußen sind es immer noch 37 Grad. Ich hoffe, du findest ein schattiges Plätzchen für die eine oder andere Lektüre. Ob im Museum, im Kino, mit einem Buch oder mit einem guten Podcast im Ohr. Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende und einen guten Start in die kommende Woche. Es wird wieder kühler, versprochen! Wir lesen, sehen und hören uns nächste Woche wieder. Bleib neugierig. Bleib zugewandt.