Es ist Freitag, und wie jede Woche kuratiere ich hier wieder das Beste aus Ausstellungen, Literatur, Theater, Kino und kulturellen Debatten für dich – passend zum Wochenende, passend zu dir.
Diese Woche bin ich auf Instagram auf eine Frage gestoßen, die mich sofort neugierig gemacht hat. Was ist der Anfang des Wissens? Es ist das Staunen. Seit jeher haben Menschen durch das Staunen angefangen zu philosophieren, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Thaumazein ist das griechische Wort für jenes Innehalten, das entsteht, wenn die Welt kurz größer ist als das eigene Verstehen.
Was passiert jedoch, wenn wir dieses Staunen verhindern? Was, wenn die Räume dafür verschwinden – oder gar nicht erst entstehen? Wo wird dann gedacht? Wo bleibt dann Platz für das Unfertige, das Offene, das Unbehagliche? Genau diese Räume sind es, die gerade unter Druck geraten – in den beiden ostdeutschen Bundesländern Sachsen und Sachsen-Anhalt auf sehr verschiedenen Wegen mit demselben Ergebnis.
„Thaumazein – das Staunen – braucht Räume. Und genau diese Räume verschwinden gerade.“
Wenn Kulturetats gekürzt werden oder Kulturpolitik zum Identitätskampf wird, dann wird genau das gestrichen: die institutionellen Räume des Staunens. Das sind die Orte, an denen Menschen innehalten dürfen, ohne sofort eine Antwort liefern zu müssen. In Sachsen-Anhalt arbeitet sich die AfD mit dem Programm einer „neuen, patriotischen Kulturpolitik” an Theatern und Museen ab – Kultur als Schlachtfeld der Identitätspolitik. In Sachsen ist es stiller: Haushaltszwang, Sparauflagen, Ensembles in Existenznot. Kein Kulturkampf – nur Mathematik, so lautet die offizielle Version. Aber hier liegt die entscheidende Verwechslung: Ideologie und Austerität sind keine Gegensätze. Sie produzieren dasselbe Ergebnis: weniger Vielfalt, weniger Risiko, weniger Stimmen, die den Mainstream stören. Wer diese beiden Prozesse gleichsetzt, versteht nicht, wie Kultur verteidigt werden müsste. Wer sie verwechselt, wird auf beiden Wegen verlieren.
Ein Beispiel dafür, wie dieser Prozess aussieht, hat dieser Tage Arne Semsrott auf Instagram beschrieben. Semsrott, Autor des Buchs „Gegenmacht – die Zivilgesellschaft schlägt zurück“, sollte in der Stadtbibliothek Magdeburg lesen. Die Lesung wurde abgesagt. Der Grund: Sein Buch über Demokratie sei zu provokant, nicht politisch neutral. Kein Verbot, kein Gerichtsurteil, kein neues Gesetz. Nur eine interne Prüfung der Oberbürgermeisterin – und dann die Absage. Semsrott nennt das, was hier passiert, beim Namen: Vorauseilendes Einknicken. Die AfD stellt parlamentarische Anfragen als Warnsignal, und Institutionen reagieren – nicht weil sie müssen, sondern aus Angst. So stirbt Demokratie nicht mit einem lauten Knall, sondern in tausend kleinen Schritten.
Das ist der Mechanismus, den ich sehr irritierend finde und der uns wachsam machen sollte. Nicht die große Geste der Zensur, sondern die leise Selbstzensur, die entsteht, bevor irgendjemand etwas verboten hat.
So viel zum Rückblick – nun folgt der kulturelle Ausblick für die Woche vom 28. Mai bis zum 4. Juni 2026.
Ausstellungen – Räume, die niemand streichen kann, solange wir hingehen
Das sage und schreibe ich hier jedes Mal und meine es auch jedes Mal genauso:: Die besten Ausstellungen findet man nicht durch Algorithmen, sondern durch Entscheidungen. Hier sind die Ausstellungen, die diese Woche eine Entscheidung verdienen. Ich bin diese Woche in Berlin – und habe gleich zwei Ausflugsziele fest eingeplant: Tempelhof und Potsdam. Beide stehen diese Woche auf meiner Liste, und beide lohnen sich aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Seit dem 28. Mai im THF Tower, Berlin-Tempelhof. Im ehemaligen Flughafengebäude wird die Ausstellung „Lufthansa. Berlin-Tempelhof 1926–1945 – Zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt“. Die Ausstellung wird genau 100 Jahre nach der Gründung der Lufthansa eröffnet. Dies ist jedoch kein Nostalgie-Spektakel. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Moment, in dem zivile Infrastruktur und Militärmacht ununterscheidbar werden. Ein Thema, das heute kaum aktueller sein könnte.
Letzter Aufruf: Museum Barberini, Potsdam – noch bis zum 7. Juni. Die Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland” schließt in knapp zwei Wochen. Mit über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen wird der deutsche Impressionismus in seiner ganzen Bandbreite dargestellt – eine Schau, die weit über Liebermann hinausgeht. Wer in der Gegend ist und noch nicht in Potsdam war, sollte jetzt hinfahren.
Aber Berlin ist nicht alles – und diese Woche beweisen Düsseldorf und Frankfurt das eindrücklich.
Düsseldorf, Kunstpalast – bis 9. August 2026. „Monet – Cézanne – Matisse. The Scharf Collection“ macht erstmals eine bedeutende Privatsammlung öffentlich zugänglich. Was mich daran kulturpolitisch interessiert: Privatsammlung trifft öffentliches Museum – eine Konstellation, die zeigt, wie Mäzenatentum Lücken füllt, die eigentlich öffentliche Verantwortung wären. Der Eintritt kostet ab 16 Euro, Kinder haben freien Eintritt.
Frankfurt, Städel – bis Januar 2027. Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset interveniert seit dem 20. Mai unter dem lakonischen Titel „Stillleben mit Gemüse“ in der über 700 Jahre alten Sammlung des Hauses. Kein Zeitdruck – aber thematisch ein klarer Gesprächsstarter: Was bedeutet Stille im Museum? Was bedeutet Gemüse in einem Kunsttempel? Solche Fragen lohnen sich. Eintritt kostet 19 Euro, ermäßigt 17 Euro oder zum Dienstag-Special sind es 10 Euro.
Konzerte – Kulturelle Dichte abseits der großen Häuser
Nicht jedes Konzert braucht eine Hauptstadt-Bühne. Das Klavier-Festival Ruhr ist der beste Gegenbeweis. Es verteilt sich vom 7. Mai bis zum 21. Juli 2026 nicht auf eine Metropole, sondern auf Spielorte in der gesamten Ruhrregion. Genau das macht es für mich zu einem Modell, wie Kulturpolitik aussehen sollte: nah, zugänglich und flächendeckend. Auf dem Programm stehen unter anderem Igor Levit (Tonhalle Düsseldorf, 10. Juni), Rudolf Buchbinder in Wuppertal, Diana Krall in Essen und Krystian Zimerman in Duisburg. Für alle Leser:innen in NRW und den angrenzenden Bundesländern: Das ist ein Programm, das sich über Wochen verteilen lässt.
Theater & Bühne – Regional und radikal
Interessantes Theater findet nicht nur in den großen Häusern statt – diese Woche beweisen Stuttgart und Berlin das auf je eigene Weise: Stuttgart durch bewusste Regionalität und Berlin durch formale Radikalität.
Vom 5. bis 20. Juni 2026 zeigt das Forum Theater Stuttgart die Produktion „mittendrin” mit drei Stücken, die sich dezidiert mit aktueller gesellschaftlicher Wirklichkeit auseinandersetzen. Sie werden von Ensembles aus dem Flächenland Baden-Württemberg produziert. Kein Hauptstadtklischee, keine importierte Ästhetik. Das Format ist bewusst regional, und das ist seine Stärke. Festivalpässe sind über das Forum Theater Stuttgart erhältlich.
Berliner Festspiele – Theatertreffen der Jugend: 30. Mai bis 6. Juni 2026. Wer nach meiner Ankündigung im kultur*letter #18 letzte Woche keine Karten bekommen oder gekauft hat: Es lohnt sich, den Webshop im Auge zu behalten, da ausverkaufte Vorstellungen kurzfristig wieder Tickets freigeben können und es an der Abendkasse gelegentlich Restkarten gibt. Das Festival startet am Samstag und zählt auch dieses Jahr wieder zu den aufregendsten Theaterkontexten. Nicht, weil es „jung” ist, sondern weil hier Inszenierungen aufeinandertreffen, die noch nicht institutionalisiert sind und deshalb formal oft radikaler sind als das Repertoire der Stadttheater.
Kino – Eine gesellschaftliche Frage im All-Format
Was würde passieren, wenn acht Milliarden Menschen gleichzeitig erfahren würden, dass wir nicht allein im Universum sind? Das ist keine philosophische Übung, sondern die Ausgangsfrage von Steven Spielbergs neuem Film, einem der meist erwarteten Blockbuster des Sommers: Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit.
Die Fernsehmeteorologin Margaret Fairchild (Emily Blunt) spricht live auf Sendung, als plötzlich Laute aus ihrem Mund kommen, die keiner menschlichen Sprache zuzuordnen sind. Während die Behörden die Sache vertuschen und schweigen, will der Aktivist Daniel Kellner (Josh O’Connor) die Wahrheit global und ohne Filter weitergeben. Das Drehbuch stammt von David Koepp, der bereits „Jurassic Park” und „Krieg der Welten” für Spielberg geschrieben hat. Das Ensemble wird ergänzt durch Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo und Wyatt Russell.
Was den Film für mich interessant macht, ist weniger das Science-Fiction-Genre als die gesellschaftliche Frage dahinter: Wie geht eine Öffentlichkeit mit einer Wahrheit um, die sie nicht bestellt hat? Transparenz gegen institutionelle Kontrolle, Aktivismus gegen Staatsräson. Und genau hier schlägt er eine Brücke zur Debatte dieser Woche: Offenlegung als politischer Akt und die Frage, wer darüber entscheidet, was wir erfahren dürfen.
Literaturtipps und die Frage: Was ist ein Buch eigentlich wert?
Stell dir vor, du schreibst ein Buch. Du recherchierst, ringst um die richtigen Worte und gibst etwas von dir selbst preis. Und dann fragt dich jemand: „Was ist das wert?” Nicht als Frage nach dem Inhalt, sondern als Frage nach dem Preis.
In der Buchbranche wird diese Frage oft schon beantwortet, bevor das Buch überhaupt erschienen ist. Der Vorschuss, also das Honorar, das ein Verlag zahlt, bevor auch nur eine Seite verkauft ist, ist die eigentliche Bewertung. Nicht die Kritik, nicht die Leser:innen, nicht die Zeit. Der Vorschuss ist das erste Urteil. Und er fällt sehr unterschiedlich aus – je nachdem, wer schreibt.
Das ist kein neues Thema. Aber es ist eines, über das in Deutschland auffallend selten offen gesprochen wird. Honorare sind privat. Vorschüsse sind Betriebsgeheimnis. Wer nachfragt, gilt als indiskret. Wer vergleicht, gilt als neidisch. Die Buchbranche gehört zu den konservativsten Branchen überhaupt – und das sage ich nicht aus der Distanz. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Wer als Frau schreibt, weiß sehr genau, dass die Frage „Was ist das wert?” nicht immer dieselbe Antwort erhält.
Und dann kam die re:publica.
Am 18. Mai 2026 schlug Mareice Kaiser auf der Bühne in Berlin vor, die Buchvorschüsse zu vergleichen. Hanno Sauer, promovierter Philosoph und Autor des Buchs „Klasse”, nannte zunächst 160.000 Euro. Kaiser nannte 15.000 Euro.
Der Moment war seltsam und aufschlussreich zugleich – und ich sage bewusst: seltsam. Denn ich fand das Gespräch insgesamt schwierig. Der angreifende Unterton von Kaiser und Moderatorin Geraldine de Bastion verhinderte eine echte Auseinandersetzung eher, als dass er sie ermöglichte. Was trotzdem blieb, war ein seltener Moment der Sichtbarkeit: In Deutschland wurde öffentlich über Geld gesprochen. Und dieser Moment hat etwas freigelegt, das sonst unsichtbar bleibt. Videoaufzeichnung.
Denn Honorare machen die Lücke der Gleichberechtigung messbar. Das ist ihr eigentlicher Sprengstoff – nicht die Zahl selbst, sondern die Tatsache, dass sie sichtbar wird. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Männer das Honorar ihrer Frauen als ihr Eigentum betrachteten und darüber allein bestimmten. Das kenne ich nicht nur aus Büchern. Irgendwann habe ich mir wieder mein eigenes Konto geholt. Manchmal ist das der erste politische Akt.
„In Deutschland gilt es als indiskret, über Geld zu sprechen. Dabei ist es das Wirksamste, um Ungleichheit sichtbar zu machen.“
Der Moment auf der re:publica-Bühne war der Auslöser für meine Recherche nach Literaturtipps. Ich habe gezielt nach Büchern gesucht, die dasselbe Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, und bin auf vier gestoßen, die ich heute nebeneinanderstelle. Vier Autorinnen, vier sehr unterschiedliche Methoden, eine gemeinsame Frage: Warum wurden Frauen und ihre Leistungen so systematisch unsichtbar gemacht – und wie lässt sich das erklären? Zusammen sagen sie mehr als jedes für sich.
Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen (2020). Dieses Buch ist das einzige der vier Bücher, das keine Geschichte erzählt, sondern Daten auswertet. Criado-Perez Kernthese lautet: Männer sind die statistische Norm – im Crashtest-Dummy, in der Medikamentendosierung, in der Bürotemperatur. Das Problem liegt dabei nicht in bösen Absichten, sondern im Erhebungsdesign. Es handelt sich um eine systemtheoretische Diagnose, keine historische, und ist deshalb methodisch von allen anderen Büchern am stärksten abgegrenzt. Wer verstehen will, wie Unsichtbarkeit gebaut wird, bevor sie überhaupt entsteht, beginnt hier. Als Taschenbuch, 496 Seiten, 20 Euro.
Vera Weidenbach: Unerhörte Frauen (2022). Weidenbach schreibt Geschichte als Gegengeschichte – chronologisch, von Ada Lovelace bis ins 20. Jahrhundert. Ihre Antwort auf die Frage „Warum kennen wir sie nicht?“ lautet: Weil niemand ihre Geschichten aufgeschrieben hat. Ihr Buch ist ehrenhaft und wichtig, erklärt aber nicht, warum das Schweigen entstand. Es ist ein Akt der Wiedergutmachung, weil es die Frauen sichtbar macht, und ein guter Einstieg für alle, die sich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt haben. Taschenbuch, 352 Seiten, 22,00 Euro.
Aurélie Palomere – 91 Frauen, die die Welt veränderten (2025). Die Autorin präsentiert das Thema als inspirierendes Format mit 91 kompakten und zugänglichen Porträts. Etwas leichtfüßiger als Vera Weidenbach. Wer motivierende Heldinnengeschichten sucht, ist hier richtig. Wer verstehen will, was das System am Laufen hält, wird hier keine Antwort finden – aber nicht jedes Buch muss systemkritisch sein. Rowolth Taschenbuch, 108 Seiten, 15,99 Euro.
Leonie Schöler – Beklaute Frauen (2026) Das ist das unbequemste und für mich das stärkste der vier Bücher. Schöler benutzt das Wort „beklauen“ und das ist keine Metapher, sondern eine Anklage. Sie beschreibt keine passive Unsichtbarkeit oder ein bloßes Vergessen, sondern einen aktiven Entzug: Entdeckungen wurden unter männlichen Namen publiziert, Manuskripte gestohlen und Karrieren von Frauen institutionell blockiert. Damit verschiebt sie die Verantwortung: Es war kein Versehen der Geschichte, sondern das Kalkül einzelner Akteure. Und genau das erklärt, warum Sichtbarmachung allein nicht reicht. Penguin Verlag, 416 Seiten, gebundene Ausgabe kostet 23,00 Euro, Taschenbuch 16,00 Euro.

Wenn ich die vier Bücher nebeneinanderstelle, entscheide ich mich für Schölers Version der Wahrheit, weil sie die unbequemere ist. Beklauen war schon immer systemisch, nie individuell. Deshalb ist der Begriff richtig. Und deshalb ist er so unbequem. Für euren Book Club eignet sich Leonie Schölers „Beklaute Frauen” hervorragend für eine Diskussionsrunde. Nicht, weil es sich um leichte Lektüre handelt, sondern weil es unbequeme Fragen stellt, die über das Buch hinausreichen. Welcher Mann hat von mir profitiert, ohne es zu benennen? Wann habe ich zum ersten Mal verstanden, dass bestimmte Räume nicht für uns Frauen gebaut wurden? Wo habe ich eine Struktur verteidigt, die mir selbst geschadet hat? Wann oder wo spüre ich diese Ungerechtigkeit am meisten?
Und damit sind wir wieder am Anfang. Beim Staunen. Beim Innehalten. Bei der Frage, was passiert, wenn die Räume dafür verschwinden – in Bibliotheken, auf Bühnen, in Verlagsverträgen, in den stillen Momenten, in denen jemand entscheidet, nicht zu fragen.
Thaumazein beginnt nicht mit großen Gesten. Es beginnt damit, dass jemand eine unbequeme Zahl nennt. Dass eine Lesung nicht einfach abgesagt wird, ohne dass darüber gesprochen wird. Dass vier Bücher nebeneinandergestellt werden und plötzlich ein Muster sichtbar wird, das vorher keinen Namen hatte.
Kultur wird nicht dadurch gerettet, dass wir sie verteidigen. Sie wird gerettet, indem wir aufhören, sie für selbstverständlich zu halten, und anfangen, die richtigen Fragen zu stellen.
Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Habt ein schönes Wochenende und ein gute Woche, ob mit Kulturprogramm oder einfach mal ruhig in der Natur. Bleib neugierig, bleibt unbequem – und bleib zugewandt.