Littering – schon mal gehört?

in CULTURE & PEOPLE/Kommentar by

Es ist 7:30 Uhr morgens. Ich laufe mit meinem Hund durch den Olivaer Park in Berlin – einen Park, den die Stadt in den letzten Jahren wirklich liebevoll saniert hat. Neue Wege, gepflegte Rasenflächen, Bänke, die nach etwas aussehen. Man merkt, dass hier jemand Energie investiert hat. Dass jemand wollte, dass dieser Ort schön ist.

Und dann sehe ich es.

Vier aufgeklappte Burgerboxen auf dem Rasen, daneben die aufgerissene Tüte der Burgermeisterei, Servietten, Reste. Das vollständige Bild eines gemeinsamen Abendessens – zu viert, schätze ich. Jemand hat sich Essen geholt, einen schönen Fleck im Park gesucht, gegessen. Und dann sind alle vier aufgestanden und gegangen. Einfach so. Als wäre der Rasen ein Tisch, den jemand anderes abräumt.

Keine drei Meter entfernt steht ein Mülleimer.

Ich fotografiere es. Nicht aus Empörung – eher aus einem ungläubigen Reflex. Weil ich verstehen will, was in einem Menschen vorgeht, der genau das tut. Später stoße ich auf einen Begriff, den ich bis dahin nicht kannte: Littering. Das achtlose Liegenlassen von Abfällen im öffentlichen Raum. Es gibt einen Namen dafür. Es gibt Studien dazu. Es ist kein Randphänomen und kein Ausrutscher – sondern beschriebenes, gut erforschtes Massenverhalten. Das allein gibt schon zu denken.

7:30 Uhr, Olivaer Park, Berlin Foto ©Ruth-Janessa Funk

Was Littering wirklich ist

Die Forschung hat eine nüchterne Antwort auf die Frage, warum Menschen ihren Müll einfach liegenlassen – und sie ist weniger schmeichelhaft als die Erklärung, dass es Gedankenlosigkeit war. Eine Schweizer Studie zur Littering-Psychologie zeigt: Der häufigste Grund ist schlicht Bequemlichkeit. Nicht Bosheit, nicht Protest, nicht Gleichgültigkeit im großen Sinne. Bequemlichkeit. Der Impuls, den eigenen Komfort über den geteilten Raum zu stellen, läuft so automatisch ab, dass er kaum als Entscheidung wahrgenommen wird.

Dazu kommt ein sozialer Mechanismus, der noch tiefer sitzt: Menschen lesen ihre Umgebung. Liegt bereits Müll, sinkt die Hemmschwelle drastisch. Der schmutzige Raum signalisiert: Hier schaut niemand hin. Hier gibt es keine Norm, die gilt. Die Sozialpsychologie nennt das den Broken-Windows-Effekt – die Theorie, dass sichtbare kleine Zeichen von Unordnung weitere Regelübertretungen einladen. Der Mülleimer auf meinem Foto trägt ein Graffiti. Ein Detail, das in diesem Zusammenhang nicht zufällig wirkt.

Was die Forschung außerdem zeigt: Den meisten Menschen, die littern, ist nicht bewusst, dass ihr Verhalten das Verhalten anderer beeinflusst. Es fehlt nicht die Moral. Es fehlt das Bewusstsein für die soziale Kaskade – dafür, dass jede liegengelassene Tüte die nächste wahrscheinlicher macht.

Das ist der Moment, an dem ich aufhöre, mich nur zu ärgern – und anfange, mich selbst zu fragen.

Haben wir das so gelernt?

Und hier kommt der Moment, an dem ich nicht mehr nur Beobachterin bin.

Ich habe Kinder großgezogen. Und ich frage mich ernsthaft: Haben wir ihnen das beigebracht? Nicht absichtlich – aber vielleicht durch das, was wir ihnen nicht beigebracht haben. Durch die selbstverständliche Annahme, dass jemand anderes aufräumt. Die Stadt. Die Schule. Der Hausmeister. Der Reinigungsdienst. Sauberkeit als Dienstleistung, nicht als Haltung.

In Deutschland ist das tief strukturell verankert. Es gibt Institutionen, die sich kümmern – und das ist gut, das ist zivilisatorischer Fortschritt. Aber irgendwo auf dem Weg dorthin ist etwas verloren gegangen: das Gefühl, dass der öffentliche Raum mir gehört. Nicht im Sinne von Eigentum – sondern im Sinne von Mitverantwortung. Dass das, was ich dort hinterlasse, etwas über mein Verhältnis zu anderen Menschen aussagt.

Eine Berliner Umfrage aus dem Jahr 2021 bringt es auf den Punkt: 66 Prozent der Befragten stört vor allem, dass es so vielen Mitbürger:innen schlicht egal zu sein scheint, wie sich die Sauberkeit ihrer Stadt entwickelt. Nicht der Müll selbst ist das eigentliche Problem – sondern die Gleichgültigkeit, die er sichtbar macht. Das Gefühl, dass der gemeinsame Raum niemandem gehört, und deshalb auch niemanden etwas angeht.

Das war nicht immer so. Oder war es das doch – und wir haben es nur früher besser übersehen?

Japan – ein anderes Betriebssystem

In Japan gibt es deutlich weniger öffentliche Mülleimer als in deutschen Städten. Nach dem Sarin-Anschlag der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn 1995 wurden viele entfernt – sie galten als potenzielle Verstecke für Sprengsätze. Was als Sicherheitsmaßnahme begann, wurde kulturell absorbiert. Die Menschen fingen an, ihren Müll nach Hause zu tragen. Nicht als Zumutung. Als Selbstverständlichkeit.

Das ist erklärungsbedürftig.

Der Schlüssel heißt O-soji – die tägliche Reinigungsroutine an japanischen Schulen. Kein Hausmeister übernimmt das. Nach dem Mittagessen putzen Schülerinnen und Schüler etwa 15 bis 30 Minuten lang ihre Klassenzimmer, Flure, sogar Toiletten. Die Aufgaben rotieren. Jedes Kind kennt jede Art von Arbeit. Wer selbst geputzt hat, was danach jemand anderes verschmutzt, entwickelt ein körperlich verankertes Gefühl für kollektive Verantwortung. Es ist nicht Wissen über Sauberkeit. Es ist Erfahrung mit ihr.

Ich denke dabei an eine Szene, die ich vor eineinhalb Jahren in Nepal erlebt habe. Ein Mann trank seinen Kaffee, ließ den Becher danach fallen – nicht achtlos, sondern vollkommen selbstverständlich. Einfach so. Ich war fassungslos. Und gleichzeitig ratlos: Was sagt man dazu? Was denkt man? Der Becher lag da wie eine stille Aussage über das Verhältnis zwischen einem Menschen und dem Raum, den er mit anderen teilt.

Japan ist kein Gegenbild, das man einfach kopieren könnte. Die japanische Reinheitskultur ist eingebettet in ein gesellschaftliches System mit hohem Konformitätsdruck – wer Müll liegenlässt, riskiert, als jemand gesehen zu werden, der meiwaku macht: der stört, der dem Kollektiv schadet. Dieser soziale Druck ist kulturell nicht übertragbar.

Aber O-soji vielleicht schon. Die Idee, dass Kinder früh körperlich erfahren, dass der gemeinsame Raum Pflege braucht – und dass diese Pflege ihre Aufgabe ist. Keine Kampagne, keine Geldstrafe kann das replizieren. Es ist der Unterschied zwischen einer Regel, die man kennt – und einer Haltung, die man trägt.

Was bleibt

Der Olivaer Park wird im Laufe dea Tages wahrscheinlich wieder sauber sein. Irgendjemand vom städtischen Dienst wird vorbeigekommen sein, wird die Burgerboxen eingesammelt, die Tüte weggeworfen haben. Der Rasen sieht aus wie immer. Als wäre nichts gewesen.

Und genau das ist vielleicht das eigentliche Problem.

Eine Stadt kann sanieren, investieren, verschönern – und sie tut das, weil sie glaubt, dass schöne Orte etwas in Menschen auslösen. Eine Einladung. Ein Versprechen. Aber ein Versprechen braucht zwei Seiten. Und die andere Seite – das Gefühl, dass dieser Ort auch mir gehört, dass ich ihm etwas schulde, dass mein Verhalten hier zählt – die lässt sich nicht mit Pflastersteinen verlegen.

Ich weiß nicht, wo genau das verloren gegangen ist. Ob es je wirklich da war. Ob wir es unseren Kindern nicht beigebracht haben, weil wir es selbst nicht mehr wussten. Was ich weiß: Der Mülleimer stand daneben. Und die Tüte lag trotzdem auf dem Rasen.

Vielleicht ist das die präziseste kleine Ikone unserer Zeit, die ich mir vorstellen kann. Nicht Böswilligkeit. Nicht Protest. Einfach nur: die unsichtbar gewordene Schwelle zwischen dem, was mir gehört – und dem, wofür ich Verantwortung trage.

Foto: Ruth-Janessa Funk