Fünf Masken, ein flächiger, blaugrüner Hintergrund und dicke, vertikale Pinselstriche. Wer Nolde kennt, erkennt sofort, was hier passiert. Farbe nicht als Beschreibung, sondern als Zustand. Die rote Maske links zieht das Auge des Betrachters ins Bild, die gelbe Maske in der Mitte grinst mit einer Offenheit, die nicht freundlich wirkt, und die Maske unten starrt mit leeren Augenhöhlen. Für dieses Bild aus dem Jahr 1911 kombinierte Nolde europäische Karnevalsmasken mit Artefakten aus dem Berliner Museum für Völkerkunde, darunter ein Kanuzier aus den Salomonen und ein Schrumpfkopf aus Brasilien.
Heute, siebzig Jahre nach dem Tod des Künstlers, ist die Frage, die dieses Bild stellt, nicht kleiner geworden. Wie gehen wir – oder in diesem Fall auch ich – mit Künstlern um, deren Werk uns etwas gibt und deren Person uns etwas wegnimmt?
Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichsten
Nolde (1867–1956) war nicht der Einzige, der damals in fremden Kulturen nach dem suchte, was die eigene nicht mehr hergab. Gauguin war nach Tahiti gegangen, Picasso hatte afrikanische Masken im Pariser Trocadéro studiert und die Brücke-Maler ließen sich von außereuropäischen Objekten in den Völkerkundemuseen inspirieren. Der Expressionismus war zu einem erheblichen Teil ein Projekt der Sehnsucht: nach Ursprünglichkeit, nach unverbrauchtem Ausdruck und nach einer Intensität, die das bürgerliche Europa nicht mehr zu bieten hatte. Nolde teilte diese Sehnsucht, aber er interpretierte sie anders. Für ihn war Farbe kein stilistisches, sondern ein metaphysisches Mittel. Jede Farbe trage eine Seele in sich, die ihn anziehe oder abstoße, schrieb er. Für Menschen ohne Kunst blieben Farben bloß Farben. In den Masken verdichtet sich diese Überzeugung. Die Objekte aus dem Berliner Völkerkundemuseum interessierten ihn nicht als ethnografische Dokumente, sondern als Träger einer rohen, ungebrochenen Ausdruckskraft – einer Kraft, die er dem zivilisierten Europa längst abhanden gekommen glaubte.
Von denen geächtet, denen er folgte
Über 1.000 seiner Werke wurden 1937 beschlagnahmt und in der Ausstellung „Entartete Kunst” diffamiert. 1941 wurde er aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Das klang nach Verfolgung. Und so wurde es auch erzählt. Nach 1945 stabilisierte sich das Bild des verkannten Expressionisten, dem das Regime seine Kunst genommen hatte. Es folgten Ehrungen, große Ausstellungen und ein Professorentitel. Die Bundesrepublik brauchte Künstler, die auf der richtigen Seite gestanden hatten – und Nolde schien einer zu sein.
Was dabei übersehen wurde – oder übersehen werden wollte: Nolde war überzeugter Nationalsozialist. Er trat 1933 der NSDAP bei und hoffte auf Anerkennung als deutscher Staatskünstler. Er entwickelte einen sogenannten „Entjudungsplan”, den er Hitler vorlegen wollte, und denunzierte Kollegen. Die Diffamierung seiner Kunst durch das Regime verstand er nie als Grund zur Distanzierung. Er blieb loyal – auch als seine Hoffnungen längst enttäuscht waren.
Was bleibt, wenn die Maske fällt
Im Jahr 2019 zeigte der Hamburger Bahnhof erstmals systematisch, was die Forschung bereits seit Jahren wusste: Nolde war kein verfolgtes Genie, sondern ein überzeugter Nationalsozialist, dessen Werk und Weltbild eng miteinander verbunden waren. Angela Merkel ließ daraufhin zwei Nolde-Gemälde aus dem Kanzleramt entfernen. Die folgende Debatte war laut – und ziemlich schnell wieder vorbei. Was blieb, war die eigentlich schwierige Frage, die niemand gerne stellt: Was machen wir jetzt mit den Bildern?
Das ist keine neue Frage. Sie stellt sich bei Heidegger, dessen Schwarze Hefte seine Nähe zum Nationalsozialismus dokumentieren – und der trotzdem einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts bleibt. Sie stellt sich bei Wagner, bei Céline und vielen anderen. Die unbequeme Wahrheit lautet: Größe und Abgrund schließen sich nicht aus. Sie können in einer Person, in einem Werk oder sogar in einem einzigen Pinselstrich gleichzeitig vorhanden sein.
Bei Nolde ist diese Spannung besonders schwer auszuhalten, weil sein Werk nicht trotz, sondern mit seiner Weltanschauung entstand. Die Suche nach dem Elementaren, dem Ursprünglichen, dem Völkischen – das war kein Widerspruch in seinem Denken. Es war dasselbe Denken.
Schönheit ohne Unschuld
Heute betrachte ich die Masken aus dem Jahr 1911 anders als früher. Nicht, weil sich das Bild verändert hätte, sondern weil ich heute weiß, was ich weiß. Die Farbe hat noch dieselbe Kraft. Die leeren Augenhöhlen starren noch genauso. Doch mein Blick, mit dem ich davorstehe, ist ein anderer geworden – und das, glaube ich, ist genau das, was Kunst manchmal von uns verlangt.
Noldes Erbe ist ambivalent. Unabhängig von seiner Person bleiben sein expressiver Umgang mit Farbe und sein Beitrag zum Expressionismus von Bedeutung. Seine Landschaften, Meere, Blumen und biblischen Szenen gehören zu den intensivsten Bildfindungen der deutschen Moderne. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber es lässt sich auch nicht mehr unschuldig betrachten.
Siebzig Jahre nach seinem Tod bleibt die Frage offen: Ist eine Trennung von Werk und Person überhaupt noch möglich? Und wenn nicht – was verlangt das von uns als Betrachtende? Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung, die Nolde uns heute stellt. Nicht die historische Einordnung. Sondern der Blick, den wir von uns selbst verlangen müssen.
Anlässlich des 70. Todestags von Emil Nolde hat die Nolde Stiftung Seebüll eine Jubiläumsausstellung kuratiert. Auch der NDR zeigt aus diesem Anlass mehrere Beiträge über „Emil Nolde: Der Maler und das Meer”. Vielleicht sind beide ein Anlass, den eigenen Blick noch einmal zu schärfen — und diesmal genauer hinzuschauen.