kultur*letter #13 – Wer wir waren und wen wir zurückließen

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In dieser Ausgabe des Kultur*letters habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino und Literatur für dich zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir.

Diese Woche hat der Deutsche Bundestag eine Frage gestellt, die längst überfällig war: Wie lebt es sich eigentlich als Künstlerin in diesem Land? Am Mittwoch, dem 15. April, lud der Ausschuss für Kultur und Medien zum öffentlichen Fachgespräch zur sozialen Lage von Künstlerinnen und Künstlern – mit besonderem Blick auf Soloselbstständige. Was dabei herauskam, ist ernüchternd, aber kaum überraschend: Die Einkommen sind seit Jahren strukturell zu niedrig, und Künstliche Intelligenz beschleunigt den Wegfall genau jener Brotjobs, die das künstlerische Risiko bisher querfinanziert haben. Die Dauerkrise hat jetzt einen parlamentarischen Namen.

Und im Hintergrund läuft eine Debatte, die damit zusammenhängt, aber anders klingt: Wenn Algorithmen als Kollaborateure gefeiert werden und Galerien KI-generierte Arbeiten zeigen, fragen sich immer mehr, was das für den Status des handwerklichen, des erlebten, des verkörperten Schaffens bedeutet. Keine neue Frage – aber eine, die gerade dringlicher wird.

So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick. Die Woche vom 17. April bis 24. April 2026 bietet ein dichtes Programm: Fotografinnen, die das Bauhaus neu sehen lassen, Deutschland im geteilten Blick, eine Messe, die Kunstmarkt und Haltung zusammenbringt, und ein Ort im Rheinland, der aus einem Ort der Abschreckung einen Ort der Aufmerksamkeit gemacht hat. Dazu Kino, das keine einfachen Antworten gibt – und ein Roman, der Herkunft nicht als Kulisse versteht, sondern als Spannungsfeld.

Ausstellungen – Blicke, die etwas verschieben

Diese Woche lohnt es sich, Museen und Galerien nicht nur als Orte des Schauens, sondern auch als Orte des Einordnens zu begreifen. Von den vergessenen Pionierinnen des Bauhauses bis zum verdichteten Kunstmarkt am Rhein (Düsseldorf, Neuss und Köln): Die Ausstellungstipps dieser Ausgabe fragen nicht nur nach Ästhetik, sondern auch nach Haltung.

Berlin – Gropius Bau: Marina Abramović, „Balkan Erotic Epic“. Mehr als 400 Meter Schlange vor dem Gropius Bau zur Eröffnung – das ist im Grunde schon eine Performance für sich. Ich hatte die Ausstellung bereits im letzten Kultur*letter #12 angekündigt. Jetzt ist sie da, und ich habe ihr auch noch einen eigenen Beitrag gewidmet.

Der Andrang zur Eröffnung der Ausstellung Marina Abramović, „Balkan Erotic Epic“ im Gropius Bau war groß. ©gropiusbau | Instagram.

Berlin – Museum für Fotografie: „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“. Ab dem 17. April sind im Bauhaus-Archiv rund 300 Werke zu sehen: Porträts, Architektur und abstrakte Experimentierkunst. Es sind die Frauen, die die Moderne mitgeprägt haben, ohne dass ihre Namen lange in Erinnerung geblieben sind. Die Schau wird durch zeitgenössische Positionen von Kalinka Gieseler, Caroline Kynast und Sinta Werner ergänzt. Wer die Verbindungslinie zwischen der damaligen Aufbruchsbewegung und der heutigen Bildsprache sucht, wird hier fündig. Die Ausstellung läuft bis zum 4. Oktober 2026.

Ausstellungsposter | Neue Frau, Neues Sehen | Bauhaus-Archiv GmbH

Köln – Museum Ludwig: „Zweimal Deutschland um 1980″. Ab dem 18. April in den Fotoräumen: Sieben Fotograf:innen – darunter Ute Mahler, Evelyn Richter und Derek Bennett – zeigen Alltag und Gesellschaft aus Ost und West jenseits von Mauersymbolik und Ikonografie des Kalten Kriegs. Ein Museum nah am Rhein, ein Thema, das uns noch immer beschäftigt. Die Ausstellung ist bis zum 11. Oktober 2026 zu sehen. Gleichzeitig läuft auch noch die sehr erfolgreiche Ausstellung von Yayoi Kusama. Mehr dazu im kultur*letter #8.

Düsseldorf – Art Düsseldorf, 17.–19. April. Auf dem Areal Böhler präsentieren sich 119 Galerien aus 22 Ländern mit kuratierten Themen wie „Fragile Realities” und „International Practices”. Wer wissen will, wohin sich der Kunstmarkt in der Rheinregion und darüber hinaus bewegt – und wer Markt, Haltung und ästhetische Orientierung lieber verdichtet als verteilt erlebt –, findet hier drei Tage lang eine Momentaufnahme des kulturellen Jetzt.

Neuss – Raketenstation Hombroich, Eröffnungssonntag 19. April. Ein Ort, der aus militärischer Logik einen Raum für Kontemplation und Produktion geschaffen hat: Die ehemalige NATO-Raketenstellung wurde 1994 von Karl-Heinrich Müller erworben und in den folgenden Jahren zu einem Ensemble aus Kunst, Architektur und Landschaft umgestaltet, zu dem die Langen Foundation, eine Skulpturenhalle, drei Kapellen und ein Gastatelier gehören. Der Eröffnungssonntag lädt bis 17 Uhr ein. Es ist kein schneller Programmpunkt, sondern ein Ort für Übergänge.

Kinotipps – Verlust, Ikone, Haltung

„Vier minus Drei“ – Ab 16. April im Kino. Barbara Pachl-Eberhart verlor im Jahr 2008 bei einem Verkehrsunfall ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder auf einen Schlag. Aus dieser kaum vorstellbaren Erfahrung ist ein Buch entstanden – und nun auch ein Film. Regisseur Adrian Goiginger zeigt mit Valerie Pachner in der Hauptrolle, wie Humor und ein unkonventioneller Blick auf das Leben dabei helfen können, selbst den härtesten Schicksalsschlag zu bewältigen. Als Mutter weiß ich: Man schaut sich diesen Film nicht unbeschadet an. Aber man schaut ihn sich an. Trailer

„Michael“ – Ab 23. April im Kino. Das Biopic über Michael Jackson mit Colman Domingo in der Hauptrolle versucht, den King of Pop als komplexe Figur zwischen Genie, Disziplin, Inszenierung und Schatten zu zeigen. In einer Zeit, in der Popikonen nicht nur bewundert, sondern auch historisch, moralisch und medial analysiert werden, ist dies ein Film, der nicht nur unterhält, sondern auch einordnet. Eine Frage, die mich dabei umtreibt, ist: Will man heutzutage eigentlich noch ein Superstar sein? Ist der Preis dafür noch zu rechtfertigen? Trailer

Und wer das Kino lieber auf dem Sofa genießt, findet in der ARD-Mediathek ein Porträt, das mehr ist als nur ein Jubiläumsfilm.

TV-Tipp mit Kinonähe: „Grönemeyer – Alles bleibt anders“. Seit dem 8. April in der ARD-Mediathek verfügbar: ein nahes Porträt zum 70. Geburtstag des Musikers, das sich so konzentriert erzählt, dass es sich wie ein Kinoporträt anfühlt. Es ist kein Heldenmythos, sondern zeigt einen Künstler mit Bruchstellen, Haltung und erstaunlicher Gegenwart. Ich habe dazu auch schon einen eigenen Beitrag mit passender Playlist veröffentlicht.

Buchtipp – Herkunft als Spannungsfeld

Manchmal braucht es einen Roman, der nicht tröstet, sondern reibt. „Die Riesinnen“ ist so ein Buch – eines, das Fragen stellt, die man noch Tage später mit sich trägt. Vielleicht ist das der schönste Abschluss für eine Woche, die so viel zu sehen, zu hören und einzuordnen gibt: mit einem Buch in der Hand, das einen nicht so leicht loslässt.

Hannah Häffner: „Die Riesinnen“. Drei Frauen, drei Zeiten, ein enger Ort im Schwarzwald: Zwischen Metzgerei, Wald und weiblicher Selbstbehauptung entfaltet sich diese Geschichte. Mit diesem Generationenroman legt Hannah Häffner einen Text vor, in dem Herkunft nicht als Kulisse, sondern als Kraftfeld dient. Wie viel Freiheit steckt in einem Leben, das von Familie, Ort und Erinnerung geprägt ist? Wie kann Heimkehr zur Bewegung werden? Das Buch spricht leise, aber mit Haltung über Rückkehr, das Nicht-kleinmachen-Lassen und die Frage, was Frauen von ihren Müttern erben und was sie ablegen. Es ist kein Buch für Leserinnen, die schnelle Auflösungen suchen. Ein starker Stoff für einen ehrlichen Book-Club-Abend mit Fragen zu Bindung, Freiheit und den Kosten von Zugehörigkeit. Hier ein Einblick von der Autorin selbst im Podcast von literaturcafe. Penguin Verlag, 416 Seiten, 24,00 Euro.

 

Ich wünsche dir ein spannendes Kunstwochenende und eine gute Woche. Wir sehen, hören und lesen uns nächsten Freitag wieder. Viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig und bleibt einander zugewandt!