Menschen sitzen in einer Art Wohnzimmer zusammen und unterhalten sich.

kultur*letter #14 – Reden. Lesen. Nicht wegschauen.

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Es ist wieder Freitag. In der neuen Ausgabe des kultur*letters habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino und Literatur für dich und die kommende Woche zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir.

Diese Ausgabe ist aber auch ein wenig anders als sonst: Der Diskurs steht im Mittelpunkt, und er ist in dieser Woche so laut gewesen, dass er sich nicht einfach wegsortieren lässt.

Die Woche hatte mehrere Schauplätze gleichzeitig: die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 und eine Debatte über Gewalt im sozialen Nahbereich, die viral ging und noch immer nicht verklungen ist. Dazu: Autoren, die sich gegen die massenhafte Nutzung ihrer Texte als KI-Trainingsdaten wehren. Ein Kulturstaatsminister, der Förderung zunehmend als Regulierung versteht. Und in Amsterdam eine Jury, die entschied, welches Bild das Jahr 2026 definiert.

So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick: In der Woche vom 24. April bis 1. Mai reise ich selbst durch zwei Ausstellungen im Rheinland, und ich nehme dich mit. Außerdem: ein Kinotipp, der so klug und leicht ist wie ein gutes Glas Wein, Literatur, die das eben Gesagte ohne Kitsch verdichtet – und eine Debatte über Kulturpolitik, die still und folgenreich ist.

Ausstellungen – Gemeinschaft, Körper, Zeit

Dieses Wochenende bin ich selbst unterwegs — Samstag nach Düsseldorf und Sonntag nach Duisburg. Zwei sehr unterschiedliche Begegnungen mit Kunst, die beide auf ihre Weise fragen, was Körper, Material und Gemeinschaft miteinander zu tun haben. Berlin muss diesmal warten — aber die Ausstellung auf der Museumsinsel läuft noch bis Juli.

Kunstpalast Düsseldorf | PALASTBLÜHEN.  Sonntag ist der letzte Ausstellungstag. Ich werde am Wochenende noch schnell die Gelegenheit nutzen, die Ausstellung zu besuchen. Die Frühjahrsschau des Kunstpalasts ist Jahreszeiten-Poesie in Ausstellungsform: Blüte als Metapher, Natur als Argument, der Park als begehbares Bild. Wer es also noch nach Düsseldorf schafft, hat die Chance, einen dieser seltenen Ausstellungsmomente zu erleben, die man später nicht erklären, sondern nur noch erinnern kann.

Lehmbruck Museum Duisburg | Anish Kapoor. Hier bin ich am Sonntag, mit einer Führung. Kapoor zeigt 16 Werke aus fünf Jahrzehnten, darunter die mehr als drei Meter hohe Wachskugel „Past, Present, Future“ in tiefem Rot — ein Material, das Körperlichkeit, Vergänglichkeit und Wucht zugleich darstellt. Meine erste Begegnung mit Kapoors Werk war 2007 in München,  wo sein „Svayambh“ — ein 20 Tonnen schwerer Block aus rot eingefärbter Wachs-Vaseline-Mischung — im Millimetertempo durch den Ostflügel des Hauses der Kunst glitt. Nun gibt es ein Wiedersehen in Duisburg. Ich bin sehr gespannt und werde nächste Woche berichten. Die Ausstellung geht noch bis zum 30. August 2026. 

Anish Kapoor, Past, Present, Future, 2006, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Ole Hein Pedersen

James-Simon-Galerie, Berlin | Building/Built Community – Göbeklitepe, Taş Tepeler, and life 12,000 years ago. Diese archäologische Ausstellung ist inhaltlich erstaunlich aktuell: Sie fragt, wie Menschen begannen, sich als Gemeinschaft zu organisieren, bevor es Städte, Staaten und Schrift gab. Zu sehen sind monumentale Steinstrukturen aus Südostanatolien, Skulpturen und Alltagsobjekte, ergänzt durch zeitgenössische Fotografien der spanischen Künstlerin Isabel Muñoz. Der Titel „Community” lenkt die Aufmerksamkeit weg vom Monument und hin zum sozialen Gefüge – und genau dort wird Kultur politisch. Die Tatsache, dass viele Objekte erstmals außerhalb der Türkei gezeigt werden, wirft eine diskrete geopolitische Frage auf: Wer darf erzählen, woher wir kommen? Bis zum 19. Juli 2026.

Kino und Streaming – Leicht und klug

Meine Kinoempfehlung der Woche ist Paris Murder Mystery (seit 16. April im Kino). Jodie Foster spielt Lilian Steiner, eine Therapeutin, die nach dem Tod einer Patientin selbst zur Ermittlerin wird und quer durch Paris in eine Spurensuche gerät, die klüger ist als ihr Titel zunächst vermuten lässt. An ihrer Seite: Daniel Auteuil und Virginie Efira. Der Reiz liegt in der Tonlage — französische Leichtigkeit, schwarzer Humor, psychologische Spannung, und eine Besetzung, die sehr bewusst auf Klasse setzt. Ein Film, der unterhält und nicht belanglos ist. Für einen Abend, an dem du nach einer schweren Woche weder Kitsch noch Schwere willst. Vorschautrailer.

Hier noch noch ein Streaming-Tipp statt Kino: Eat Pray Bark (Netflix). Diese deutsche Komödie schafft es in 58 Ländern in die Netflix-Top-10. Das ist keine Feuilleton-Sensation, aber ein hübsches Zeichen: Humor, Timing und Algorithmus finden manchmal zusammen. Und es sagt etwas darüber, wie kulturelle Sichtbarkeit heute mitgeschrieben wird — nicht mehr allein durch Kritik und Kanon, sondern durch Plattformlogik und Klickverhalten. Das verdient einen kurzen Moment Aufmerksamkeit, bevor man weiterschaut. Es ist ein kleinen, aber bemerkenswerten Exporterfolg. Offizieller Trailer.

Literaturtipps – Stoff für ehrliche Gespräche

Die letzte Woche hatte einen Moment, der sich eingebrannt hat — und ein Buch, das dazu passt.

Am 20. April 2026 wurde die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2025 vom Bundeskriminalamt (BKA) und Innenminister Dobrindt (CSU) vorgelegt. Besonders der Anstieg von Gewalt gegen Frauen erhielt viel Aufmerksamkeit, da dieses Thema auch in den Medien zunehmend präsent ist.

Im ZDF-„heute journal“ fragte die Moderatorin Dunja Hayali den Kriminalbeamten Dirk Peglow: „Was raten Sie Frauen?“ (zum besseren Schutz). Peglow antwortete: „Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen.“ Peglow meinte diese Aussage als Zuspitzung, um das eigentliche Argument zu schärfen. Die Gefahr komme nicht vom Fremden hinter dem Busch, sondern aus dem sozialen Nahbereich. Jeden Tag werden in Deutschland mindestens zwei Frauen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdelikts. Sexualdelikte stiegen um 2,8 Prozent, Vergewaltigungen um 9 Prozent. 98,6 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich, meist (Ex-)Partner oder Bekannte. Die Reaktionen folgten prompt: Empörung, Zustimmung, ein viraler Aufruhr. Innenminister Dobrindt räumte immerhin ein, dass Frauen „nicht so sicher sind, wie sie sein sollten”. Was Peglow als Statistik benennt, erzählt Hera Lind als Leben.

Hera Lind verleiht mit ihrem neuen Buch „Die Löwenmutter” der PKS-Statistik ein Gesicht. Claudia Baumgartner brachte 1985 Fünflinge als Frühchen zur Welt, verlor zwei Babys, nahm ein Pflegekind auf und war jahrelang psychischer und physischer Gewalt durch ihren bipolar gestörten Mann ausgesetzt. Lind verdichtet Ohnmacht und Neuanfang, ohne kitschig zu werden oder eine Heldinnenpose einzunehmen. EEs ist weder ein Opferroman noch ein Feel-Good-Buch, sondern ein Spiegel über Verlustbewältigung, Kampfgeist und die Kraft einer Mutter. Und wie ein neues Leben gelingen kann. Hervorragender Stoff für Gespräche über Care-Arbeit, Partnergewalt und die Frage, was Frauen wirklich schützt. Taschenbuch, 512 Seiten, Droemer Knaur, 16,00 Euro.

Hans-Ulrich Treichel: „Das Karussell“. Nach allem, was diese Woche war, ist dies ein Buch, das atmen lässt. Ein siebzigjähriger Ruheständler in Süditalien und ein altes Karussell bringen den Alltag in Bewegung. Treichels lakonische Leichtigkeit ist das genaue Gegenteil von Schwere – klug, schön und humorvoll, wie nur wenige schreiben. Es ist kein Eskapismus, sondern eine andere Art, die Lebensmitte zu befragen: Was braucht es, damit das Leben wieder in Bewegung kommt? Gebunden, ca. 250 Seiten, Suhrkamp, 24,00 Euro.

Debatten & Diskurse – Was gerade verhandelt wird

Hier sind noch drei Debatten, die diese Woche im Hintergrund liefen – leise, aber mit langen Nachwirkungen. Es geht um die Frage, wem Kultur gehört: den Autoren, die sie erschaffen, den Institutionen, die sie fördern, oder den Algorithmen, die sie verwerten? Und um ein Bild, das stellvertretend dafür steht, was wir bereit sind zu sehen.

KI und Literatur – Autoren im Widerstand: Im Hintergrund des Buchmarkts brodelt eine Auseinandersetzung, die noch nicht laut genug ist: Autoren kämpfen gegen die massenhafte Nutzung ihrer Texte als KI-Trainingsdaten – ohne Vergütung und ohne Einwilligung. 51 Prozent der britischen Romanautoren fürchten, von KI verdrängt zu werden (Umfrage der University Cambridge). Die eigentliche Frage dahinter ist philosophischer Natur: Wer definiert menschliche Erzählung, wenn Algorithmen remixen? Das ist kein Tech-Streit. Es geht um den Wert von Stimme, Erfahrung und Authentizität – und diese Frage wird in den nächsten Jahren auch hierzulande lauter werden.

Weltpressefoto 2026: In Amsterdam hat die Jury das Weltpressefoto des Jahres gewählt. Der Fokus lag dabei auf den Themen Konflikt, Klima, Kultur und Resilienz. Es lohnt sich, das Bild zu suchen und einen Moment bei ihm zu verweilen. Bilder, die von Jurys gekürt werden, sind immer auch Diagnosen – nicht nur dessen, was war, sondern auch dessen, wozu eine Gesellschaft bereit ist, sich zu vergegenwärtigen. In einer Zeit, in der KI-generierte Bilder die Unterscheidung zwischen Dokumentation und Fiktion zunehmend erschweren, ist das Weltpressefoto auch ein Statement: Hier war jemand. Das ist passiert.

Kulturpolitik: Förderung als Regulierung. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verschärft seine Linie gegenüber Kunst und Kultur – unter anderem durch eine stärkere Kontrolle von Juryprozessen bei der Vergabe von Fördermitteln. Dies ist keine laute, sondern eine stille Verschiebung: Wenn Förderung nicht mehr Ermöglichung, sondern Regulierung von Haltung ist, verändert sich der Charakter des öffentlichen Kulturraums grundlegend. Die Trennlinie zwischen Förderung und politischer Formierung ist dünn geworden – und genau deshalb so aufschlussreich. Wir dürfen nicht aufhören, zuzuhören und hinzusehen.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Ich werde von Duisburg berichten. Bis dahin: viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig und bleibt zugewandt.