Wir sehen Herbert Grönemeyer liegend und uns ansehend

Trouvaille 41: Der Mann, der das Pathos nicht versteckt

in CULTURE & PEOPLE/TROUVAILLES by

Mein heutiges Fundstück könnte ein Geburtstag sein. Es handelt sich jedoch um eine ARD-Dokumentation, die diesen Geburtstag zum Anlass nimmt, um viel mehr aufzudecken: „Grönemeyer – Alles bleibt anders“ porträtiert in 90 Minuten einen Künstler, der sich seit vier Jahrzehnten weigert, seinen Ton zu mäßigen – und genau deshalb bis heute relevant ist.

Hitster, Kult und eine Stimme, die sofort sitzt

Ein paar Abende vorher hatte ich mit meinen Kindern „Hitster“ gespielt, dieses Musikratespiel, bei dem man in Sekunden entscheiden muss, ob man einen Song und seinen Interpreten kennt. Bei Grönemeyer war die Frage nie eine. „Männer“, „Bochum“, „Kinder an die Macht“ – sofort, jedes Mal, ohne Zögern. Diese Lieder brauchen keine Ansage. Sie sitzen im Körper, bevor der Verstand sie einordnet. Das ist kein Nostalgie-Reflex. Das ist Kulturgeschichte in Echtzeit.

Die Doku nimmt genau das ernst. In 90 Minuten wird nachgezeichnet, wie aus dem Schauspieler aus „Das Boot” dieser eigensinnige Stadion-Humanist wurde, der Verlust, Wut und Zärtlichkeit so miteinander verknüpft, dass ganze Generationen darin ihre eigene Biografie gespiegelt finden. Toni Kroos, Nina Hoss und Anke Engelke erzählen. Am stärksten sind jedoch die Archivbilder: ein junger Grönemeyer, der noch nicht weiß, wie groß das alles werden wird – und schon genauso klingt.

Pathos als Haltung, nicht als Pose

Was mich an diesem Jubiläum beschäftigt, ist die merkwürdige Zeitgemäßheit, die Grönemeyer gerade jetzt ausstrahlt. In einer Gegenwart, die wieder hart, laut und polarisiert ist, wirkt sein Pathos nicht überholt – im Gegenteil. Seine Lieder sind keine ironischen Angebote. Sie nehmen Gefühle ernst, ohne sie aufzulösen. Sie zumuten etwas. Und vielleicht braucht eine Zeit, die zwischen Zynismus und Hysterie pendelt, genau das: eine Stimme, die nicht ironisch gebrochen ist, sondern einfach meint, was sie singt.

Ist das eine Form von Mut – oder einfach eine konsequente Weigerung, sich dem Zeitgeist anzupassen?Und was sagt es über uns aus, dass wir diese Stimme auch nach vierzig Jahren noch immer brauchen?


Und falls du nach der Doku noch nicht genug hast: Ich habe eine Begleit-Playlist für dich zusammengestellt – eine kuratierte Reise durch 40 Jahre Grönemeyer, von „Bochum“ bis „Zeit, dass sich was dreht“. Einfach reinhören, mitsingen und sich erinnern. Die Playlist findest du hier verlinkt.