Die Künstlerin Jeanne Mammen mit eineigen ihrer Skulpturen

„Nur ein Paar Augen sein“ – zum 50. Todestag von Jeanne Mammen

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„Eigentlich habe ich mir immer gewünscht: nur ein Paar Augen zu sein, ungesehen durch die Welt gehen, nur die anderen sehen.“ Jeanne Mammen hat sich diesen Satz irgendwann aufgeschrieben – und er klingt heute, fünfzig Jahre nach ihrem Tod, seltsam vertraut. Nicht weil er zeitlos wäre. Sondern weil er so präzise das Gegenteil von dem beschreibt, was wir gerade leben.

Wir existieren in einer Kultur, die Sichtbarkeit mit Relevanz verwechselt. Wer nicht gepostet, getaggt oder verlinkt wird, findet kaum statt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – stellt sich die Frage, die Mammen schon kannte: Will ich gesehen werden? Und wenn ja, wie? Und zu welchem Preis?

Gesehen zu werden ist kein neutraler Akt. Es ist auch ein Risiko. Man gibt etwas von sich preis. Man wird festgelegt. Man verliert den schützenden Abstand, aus dem heraus man überhaupt klar sehen kann.

„Eigentlich habe ich mir immer gewünscht: nur ein Paar Augen zu sein, ungesehen durch die Welt gehen, nur die anderen sehen.“ – Jeanne Mammen

Heute vor fünfzig Jahren starb Jeanne Mammen in Berlin – in demselben Atelier im Hinterhaus am Kurfürstendamm 29, in dem sie seit 1920 gelebt und gearbeitet hatte. Vier Stockwerke, 91 Stufen, Nordfenster. Kein Luxus, aber das richtige Licht.

Mammen gehört zu den schillerndsten und zugleich sperrigsten Figuren der deutschen Kunstgeschichte. Als Zeichnerin und Illustratorin der Weimarer Republik hielt sie das Berliner Großstadtleben der 1920er-Jahre mit unbestechlichem Blick fest: die Neue Frau, die schwul-lesbische Subkultur rund um den Nollendorfplatz, die Angestellte, die sich den Modebildern anzupassen versucht, der Vamp, der sich selbst inszeniert. Wer mehr über ihr Leben und Werk erfahren möchte, findet hier einen ausführlichen Beitrag, den ich anlässlich der großen Retrospektive 2017 in der Berlinischen Galerie geschrieben habe.

Was mich heute, an diesem Jahrestag, beschäftigt, ist jedoch etwas anderes. Nicht, was sie gemalt hat. Sondern wie sie es getan hat.

Sehen ohne gesehen werden

Mammen zeichnete, was sie sah – und sie sah viel, da sie selbst nicht auffiel. Sie tauchte in Kneipen und Kabaretts, in die schwul-lesbische Subkultur rund um den Nollendorfplatz sowie in die Tanzlokale und Cafés der Weimarer Republik ein. Nicht als Reporterin, nicht als Teilnehmerin. Sie war eine stille Beobachterin. Ihr Zeichenstift war präzise, ihr Blick unerbittlich – und genau das machte ihre Bilder so scharf.

Diese Haltung war keine Bescheidenheit. Es war eine Methode. Wer nicht gesehen werden will, muss nicht performen. Wer nicht im Mittelpunkt steht, kann den Mittelpunkt beobachten. Der schützende Abstand ist keine Schwäche, sondern die Voraussetzung für Klarheit.

Dabei hat Mammen ihre eigenen Werke erstaunlich gering geschätzt. Ihre Aquarelle aus den 1920er-Jahren bezeichnete sie abfällig als „Gebrauchsgrafik”. Die Werke, für die sie heute erinnert wird, betrachtete sie als Brotarbeit. Was sie wirklich für bedeutsam hielt – ihre späteren abstrakten Experimente, die Auseinandersetzung mit Picasso und dem Kubismus sowie die Rimbaud-Übersetzungen – blieb zu ihren Lebzeiten weitgehend unbeachtet. Auch das ist eine Form von Unsichtbarkeit: die Diskrepanz zwischen dem, womit man gesehen wird, und dem, was man selbst sehen möchte.

Gesehen werden als Risiko

Wir leben heute in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der Sichtbarkeit zur Währung geworden ist. Wer nicht sichtbar ist, zählt kaum. Das gilt für Marken und Institutionen – und längst auch für Menschen, die mit ihren Gedanken und Texten in die Welt wirken wollen. Der Reflex ist verständlich: Wenn du etwas zu sagen hast, musst du auch gesehen werden. Sonst sprichst du ins Leere.

Und trotzdem. Gesehen zu werden ist kein neutraler Akt. Es ist eine Entscheidung mit Konsequenzen. Wer sich zeigt, wird festgelegt. Wer ein Gesicht hat, wird darauf reduziert. Wer präsent ist, verliert den Abstand – jenen schützenden Abstand, aus dem heraus klares Denken überhaupt erst möglich ist. Sichtbarkeit kostet etwas, das sich nur schwer benennen lässt: die Freiheit, unbeobachtet zu beobachten.

Mammen hat das instinktiv gewusst. Sie hat sich dem Betrieb entzogen, nicht, weil sie nichts zu sagen hatte, sondern weil sie wusste, dass der Blick nach innen und der Blick nach außen nicht gleichzeitig möglich sind. Wer sich selbst inszeniert, sieht die anderen schlechter.

Das ist jedoch keine Absage an Sichtbarkeit. Es ist eine Frage nach ihrer Qualität: Wofür will ich gesehen werden? Womit will ich gesehen werden? Mit meinem Äußeren, meiner Präsenz, meiner Reichweite – oder mit dem, was ich denke?

„Auf einmal kümmerte sich alle Welt um mich, als wenn ich ein Genie wäre. Ich weiß nur nicht, wie ich mit diesem so stupid gewordenen Leben fertig werde.“
Jeanne Mammen, in einem Brief an den Maler Hans Thiemann, wenige Monate vor ihrem Tod

Mammen hat die Frage für sich beantwortet – still, konsequent und ein Leben lang. Sie entzog sich dem Blick der anderen und schärfte dafür ihren eigenen Blick. Was sie zurückließ, sind keine Selbstporträts. Es sind Porträts einer ganzen Epoche.

Manchmal denke ich auch darüber nach, ob ich ein Foto von mir beim Besuch einer Ausstellung oder einer Veranstaltung zeigen sollte. Nicht aus Scheu, sondern weil ich glaube, dass der Abstand etwas schützt, das wichtiger ist als Präsenz. Die Aufmerksamkeit soll darauf fallen, was ich darüber denke. Nicht darauf, wie ich dort gerade aussehe.

Vielleicht ist das eine alte Haltung. Vielleicht ist sie gerade deshalb so schwer aufrechtzuerhalten.

Jeanne Mammen wäre heute kein Profil, keine Marke, kein Content. Sie wäre das, was sie immer war: nur ein Paar Augen. Und sie würde sehen, was wir nicht mehr sehen, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, selbst gesehen zu werden.


Titelbild: Die Künstlerin mit ihren Gips- und Ton-Arbeiten in ihrem Atelier am Kurfürstendamm in Berlin um 1946-47. © Jeanne-Mammen-Stiftung | Foto: unbekannt