Es gibt Wochenenden, die fühlen sich an, als hätte jemand zu viele Erzählstränge gleichzeitig aufgemacht. So war Berlin am vergangenen Wochenende: Gallery Weekend, 1. Mai, Demos, fast 30 Grad. Und mittendrin saß ich mit einer Freundin am Olivaer Platz in Wilmersdorf bei Kaffee und Kuchen, als plötzlich, in etwa 10 bis 15 Metern Entfernung, ein Rettungshubschrauber auf der Wiese landete. Er ist rot, laut und vollkommen unerwartet. Die Rotoren waren noch in Bewegung, da stieg schon ein Sanitäter aus.
Wir hatten ihn schon eine Weile über uns gehört. Es war der 1. Mai, Berlin, Demos überall – da denkt man sofort: Was ist passiert? Aber es war nichts passiert. Die Sanitäter stiegen in ein Polizeiauto, fuhren weg, kamen kurze Zeit später wieder, stiegen erneut in den Helikopter ein und hoben ab. Das war’s. Und doch hatte dieser Moment etwas von einem Happening. Unbestellbar, unangekündigt, mitten im Alltag. Berlin als Bühne – auch wenn niemand Regie geführt hat.
Das war der Freitag. Und irgendwie hat dieser Moment den Ton für das ganze Wochenende gesetzt: In einer Stadt, die gerade 50 Galerien an 66 Standorten gleichzeitig bespielt, passiert das Eindrücklichste manchmal einfach so. Zwischen den Terminen. Ohne Einladung.
Marina Abramović im Gropius Bau: Eine Ausstellung, die hallt
Ich mache das nicht gerne: Von einer Ausstellung zur nächsten hetzen, alles schnell abhaken und weiter. An diesem Samstag bin ich deshalb nur an einem Ort: dem Gropius-Bau. Ich nehme an einer Führung durch die Abramović-Retrospektive teil. Eine Stunde, die ich nicht bereue.

„All die Energie, die durch unsere Körper fließt, ist sexuelle Energie.” Wir können sie für kreative oder spirituelle Zwecke nutzen. Oder wir können sie unterdrücken – und dann führt sie zu Aggression, Krieg, Wut und Folter.“ – Marina Abramović
Das Zitat klingt beim ersten Hören vielleicht groß, fast pathetisch. Aber wenn man eine Stunde lang durch Räume gelaufen ist, in denen der Körper als Material, als Grenze und als politisches Argument auftaucht, dann sitzt dieser Satz anders. Er klingt dann nicht mehr wie ein Zitat, sondern wie eine Diagnose.
Abramović ist eine eigenwillige Frau – das zeigt diese Ausstellung ohne jede Beschönigung. Sie hat ihren Körper auf eine Art und Weise eingesetzt, die ich bewundere und gleichzeitig nicht ganz fassen kann. Die Führung hat mir dabei geholfen, alles zu sortieren. Sich das alles alleine zu erarbeiten, ohne Kontext und Einordnung, wäre schwierig gewesen. Nicht, weil die Arbeiten nicht sprechen würden, sondern weil sie so viel auf einmal sagen.
Diese Ausstellung lässt sich nicht schnell durchlaufen. Sie hallt lange nach. Ich empfehle: Führung buchen, sich Zeit lassen und danach nicht direkt in die nächste Galerie oder Ausstellung gehen.
(Gropius Bau, Berlin | bis 11. August 2026 | Führungen regelmäßig auf Deutschund Englisch)
Beeple in der Neuen Nationalgalerie
Der Sonntag beginnt gemütlich: Croissants, Cappuccino, kein Programm. Dann geht es mit Maurice und Hund Oscar einmal um den Grunewaldsee – auf halber Strecke eine Pause im Forsthaus, frische Mateo-Steinofenpizza, Familientradition, unverzichtbar. Maurice nannte das ganze Wochenende später ein „vorgezogenes Muttertagswochenende“. Ich fand das sehr schön.
Von dort aus geht es direkt weiter zur Neuen Nationalgalerie. Oscar muss draußen warten, wir wechseln uns ab. Beeple zeigt dort „Regular Animals“ – autonome Roboterhunde mit Silikonmasken von Tech-Milliardären und Diktatoren. Sie erzeugen per KI Fotos ihrer Umgebung und drucken sie aus. Macht, Algorithmen, digitale Wahrnehmung – hier buchstäblich verkörpert und auf Rädern.
Ich stehe dort, schaue auf eines dieser Tiere mit dem unverkennbar kahlen Schädel von Jeff Bezos, als mich eine Frau neben mir anspricht: „Wer ist denn der mit dem Glatzkopf?“ Ich war erst überrascht. Dann kurz irritiert. Dann – um ehrlich zu sein – erleichtert. Es gibt tatsächlich Menschen, die keine Ahnung haben, wer Jeff Bezos ist. Die seinen Kopf nicht sofort erkennen, wenn er aus einer Robotermaschine schaut. Das lässt hoffen. Wirklich.
Beeples Arbeit ist laut, spektakulär und manchmal überwältigend in ihrer digitalen Energie. Ob das Kunst ist oder ein ausgeklügeltes Tech-Spektakel, ist eine legitime Frage. Aber dieser eine Moment mit dieser einen Frau hat mir mehr gegeben als jede kuratorische Notiz: die Erinnerung daran, dass Bekanntheit keine universelle Kategorie ist. Dass nicht jeder diesen Mann kennen muss. Und dass Kunst manchmal ihren besten Moment hat, wenn jemand unbedarft fragt.
(Neue Nationalgalerie, Tiergarten | kostenlos | bis 10. Mai 2026)
Hamburger Bahnhof – Lina Lapelytė
Das Wochenende neigt sich dem Ende zu. Bevor Maurice sich mit dem Zug auf den Weg macht, schauen wir noch im Hamburger Bahnhof vorbei – ein letzter gemeinsamer Stopp, bevor wir uns verabschieden. Die historische Halle, in der einst Züge standen, ist heute ein Meer aus Holzklötzen. 400.000 Holzwürfel aus Fichten- und Kiefernholz mit den Maßen 10 x 10 x 10 cm bedecken den Boden, türmen sich auf und wandern durch die Hände von Performer:innen und Besucher:innen. Umgestapelt, umgebaut, neu geordnet. Lina Lapelytė hat für den Hamburger Bahnhof eine Installation konzipiert, die das Publikum nicht betrachten, sondern eingreifen lässt. Partizipation nicht als Konzept, sondern als Körpererfahrung: Man bückt sich, stapelt, entscheidet. Strukturen entstehen und verschwinden wieder. Für jede neue Form muss eine andere weichen.
Was mich fasziniert, ist nicht die konzeptuelle Rahmung, sondern das Spiel selbst. Die Unruhe, die Leichtigkeit, das stetige Verändern. Im Hintergrund ertönt Gesang: Texte, die auf Gedichten von 15 internationalen Autorinnen aus dem frühen 20. Jahrhundert bis heute basieren. Der Klang ist schön und angenehm – und er verändert sich ständig. Nichts steht still.
Der Titel „We Make Years Out of Hours” sagt es präzise. Aus Stunden werden Jahre, aus Einzelnen wird Gemeinschaft. Das Werk stellt die Frage, was bleibt und was vergeht – und wer eigentlich entscheidet, was gebaut wird und was weichen muss. Ein schöner letzter Moment für dieses wunderbare Wochenende.
Der Hamburger Bahnhof feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum und das wird natürlich gefeiert -mit Ausstellungen, Musik, Performances, Talks und ganz vielen Begegnungen im Zeichen von Partizipation und Kollektivität ein. Wer noch nicht dort war: Es lohnt sich.
(Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50–51 | Jubiläumsprogramm läuft das gesamte Jahr 2026)
Was das Gallery Weekend 2026 sonst noch war
Berlin war heiß, voll und politisch aufgeladen. Am 1. Mai, dem offiziellen Eröffnungstag des Gallery Weekends, demonstrierten überall Menschen – und das ist keine Randnotiz. Das FAD Magazine hat das Timing scharf kommentiert: Kunstarbeiter:innen, Praktikant:innen und Künstler:innen sich zwischen professioneller Vernetzung und politischer Teilhabe entscheiden. Das ist keine neutrale Entscheidung. Es ist eine strukturelle Entscheidung.
Ich war nicht überall. Bei der Hitze, den Demos und der schieren Dichte von 50 Galerien an 66 Standorten war das schlicht nicht möglich und es war auch nicht mein Anspruch. Aber hier sind die Momente, die in der internationalen Presse und in Gesprächen immer wieder auftauchten:
Candice Breitz bei KOW zeigte „HOT POTATO“ – Tafeln mit dem Satz I WILL NOT MAKE ANY MORE POLITICAL ART, während Breitz selbst im Bärenkostüm durch den Raum tanzte. Eine Arbeit über Selbstzensur, über die Grenzen künstlerischer Meinungsfreiheit in Deutschland, über pro-palästinensische Positionen und den institutionellen Druck, der auf Künstlerinnen lastet. Einer der meistdiskutierten Momente des Wochenendes.
Sophy Rickett bei Galerie Neu zeigte die fotografischen Serie „Pissing Women“ (1995): Frauen, die in öffentlichen Räumen Londons stehend urinieren, vor Symbolen institutioneller Macht. Was wie eine Provokation klingt, ist eine präzise Analyse von Zugang, Mobilität und der Kontrolle über weibliche Körper im öffentlichen Raum. Der Körper als politisches Argument – und damit direkt im Gespräch mit Abramović, auch wenn die beiden Künstlerinnen in verschiedenen Häusern ausgestellt wurden.
Sergej Jensen bei Galerie Neu – nicht in einem Galerienraum, sondern in einem schlichten Studioapartment im KW Institute installiert. Ein intimer, anti-spektakulärer Gegenentwurf zum Galerienrummel, der international als einer der frischesten Momente des Wochenendes beschrieben wurde.
Göksu Kunak bei Ebensperger mit „Remains“: keine klassische Ausstellung, sondern eine zeitliche Struktur aus Handlungen, Gesten und Gerüchen. „Durational art”, die sich über das ganze Wochenende schichtet. Man hätte mehrfach kommen müssen.
Das KaDeWe als Kunsthalle: Die zehn Schaufenster an der Tauentzienstraße wurden erneut ohne Waren bespielt – reine Kunst, beleuchtet, kostenlos, mitten in der teuersten Konsumzone der Stadt. Ich finde diese Verbindung produktiv widersprüchlich: die Demokratisierung von Kunst in einem Kaufhaus, das gerade erst seine Insolvenz hinter sich hat. Das ist keine Ironie, die sich auflöst. Sie bleibt.
Zum Schluss: Was bleibt
Berlin ist keine Stadt, die sich dosieren lässt. Das Gallery Weekend erst recht nicht. Man kann nicht alles sehen – und man sollte es auch nicht versuchen.
Was ich mitnehme, ist eine Ausstellung, die nachhallt. Eine Frau, die Jeff Bezos nicht kennt. Und einen Rettungshubschrauber, der vor mir auf dem Olivaer Platz landet und genauso ruhig wieder abhebt.
Manchmal passiert das Beste ohne Einladungskarte.