Kultur:letter #7 – Zwischen Sichtbarkeit und Widerspruch

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Mit der heutigen Ausgabe des Kultur:letter kuratiere ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino, Konzerten und Literatur. Passend zum Wochenende. Passend zu dir.

Die vergangene Woche war im Kulturbetrieb ein Lehrstück darüber, wie sehr Kultur heute zwischen Sichtbarkeitspolitik und Freiheitspathos eingespannt ist – und wie produktiv genau dieser Spannungsbogen sein kann, wenn man ihn bewusst betritt, statt ihn zu scheuen.

Das wurde besonders im Streit um den Deutschen Buchhandlungspreis sichtbar: Drei linke Buchläden wurden von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nach einem Hinweis des Verfassungsschutzes von der Preisliste gestrichen, ohne dass diese Häuser in offiziellen Berichten auftauchten, ohne Anhörung und ohne transparente Begründung.

So viel zum Rückblick, jetzt beginnt der Ausblick: In der Woche vom 6. bis 12. März verschiebt sich der Schwerpunkt von der abstrakten Grundsatzdebatte hinein in Räume, in denen Sichtbarkeit, Körper und Erinnerung ganz konkret verhandelt werden – in Ausstellungen und in Museen rund um den 8. März, den Internationalen Frauentag.

Ausstellungen – Räume, in denen Frauen sichtbar werden

Berlin wird mit WOMEN ART OPEN und Sonderprogrammen der Staatlichen Museen zur Stadt der Künstlerinnen. In München werden in der Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“ die Codes weiblicher Körper erforscht und in Weimar werden im Themenjahr „Öffnen 2026“ langsam die Türen zu einem erneuerten Stadtschloss geöffnet – einem Ort, an dem sich deutsche Geschichte und weibliche Salontradition auf engstem Raum begegnen.

Parallel dazu bereiten Kinos, Theater und Verlage den Frühling vor: Es gibt neue Filme, die Identität, Erinnern und Begehren thematisieren, Musical-Premieren, die mit Nostalgie und Popgeschichte spielen, sowie Bücher, die sich auf kluge Weise mit Liebe, Körpern und Geschichte auseinandersetzen. Zwischen Country-Festival, zeitgenössischer Musik, feministischen Führungen und literarischen Bestenlisten spannt sich ein dichtes Programm, das geradezu danach ruft, kuratiert und im Gespräch sortiert zu werden. Du musst nicht überall dabei sein – aber du kannst sehr bewusst wählen, wo du dich zeigen, zuhören und mitsprechen möchtest.

Kinotipps – Frauenbilder auf der Leinwand

Im Kino ist der 8. März weniger als „Thementag“ markiert, aber inhaltlich sehr präsent: Viele der aktuellen Starts legen den Fokus auf weibliche Biografien, Körperbilder und Beziehungsarbeit – von leisen Sozialdramen bis zu queeren Coming-of-Age-Geschichten. Wenn du das Wochenende nutzen willst, um die Debatten aus dem Feuilleton ins Dunkel des Kinosaals zu verlängern, lohnt sich ein Blick in dein lokales Programm: Alles, was sich explizit an Mütter, Töchter, Freundinnen, Liebhaberinnen in der Lebensmitte richtet, passt an diesem Wochenende besser denn je – und wird im Gespräch danach erst wirklich interessant.


Meine zwei persönlichen Tipps:
Der Dokumentarfilm „Ein Tag ohne Frauen“ (Pamela Hogan) über den historischen Frauenstreik 1975 in Island. Der Film erzählt, wie 90 Prozent der Isländerinnen an einem Tag ihre Lohn- und Care-Arbeit niederlegten und damit das Land stilllegten – ein starkes Bild für all das Unsichtbare, was Frauen auch 2026 noch täglich tragen.

Ebenfalls ein Dokumentarfilm: „Mein neues altes Ich – Eine Reise in das Mysterium der Menopause“ von der dänischenRegisseurin Louise Unmack Kjeldsen, der den Körper in der Lebensmitte ins Zentrum stellt – weit weg von Gesundheitsratgeber-Kitsch und sehr nah an den Fragen, die viele von uns jenseits der 45 tatsächlich beschäftigen.

Theater & Bühne – Berlin

Am Deutschen Theater Berlin kuratiert ein Team von Mitarbeiterinnen zum 7. März ein kompaktes Frauen*tags-Programm: Zuerst läuft „Ein Tag ohne Frauen“ in der Box, danach gibt es eine feministische Lesung und einen Live-Podcast der „Kantinengespräche“, in dem Kolleginnen aus verschiedenen Abteilungen über ihre Arbeit am Theater sprechen. Das ist im Grunde ein ganzer Salonabend im Theaterformat – ideal für Frauen, die seit Jahren Theater schauen, aber jetzt auch wissen wollen, wie die Strukturen dahinter funktionieren und wie Kolleginnen jenseits der 30, 40, 50 ihren Platz darin behaupten.

Theater & Bühne – München

In München übersetzt das Festival „We Won’t Shut Up!“ im Bürgerhaus Glockenbachwerkstatt, den Weltfrauentag in eine Reihe von Konzerten, Performances, Lesungen und Gesprächen, die sich ausdrücklich an Frauen aller Generationen richten. Ergänzt wird das Ganze durch ein März-Special zum Weltfrauentag an Orten wie Gans am Wasser, Gans Woanders oder Café Lozzi – kleine, stimmige Bühnen, auf denen du dich nicht als „zu alt für die Szene“, sondern als Teil einer vielstimmigen weiblichen Stadtöffentlichkeit erlebst

Literaturtipps: Lesen mit langem Atem

Zum Abschluss des heutigen „Kultur:letter“ möchte ich euch noch zwei tolle Bücher für einen Frauen-Book-Club vorstellen. Es sind Lektüren für Frauen, die mehr wollen als „starke Heldinnen“, nämlich Texte, die Biografie, Geschichte und Beziehungen ernst nehmen.


Judith Hermanns Roman „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, aktuell auf Platz eins der SWR-Bestenliste im März, folgt den Spuren ihres Großvaters, der im Zweiten Weltkrieg als SS-Angehöriger im besetzten Polen stationiert war. Hermann macht daraus jedoch keinen Historienroman, sondern einen sehr zeitgenössischen Text über Erinnerung, Schuld und das Altern, in dem sie Familiengeschichten verarbeitet, die weder „aufgearbeitet“ noch länger verdrängt werden können. Es ist ein Buch für Leserinnen, die wissen, dass Biografien ab 50 nicht leichter, sondern komplexer werden, und die trotzdem bereit sind, sich den eigenen Familienmythen noch einmal zu stellen.
Erschienen am 25. Februar 2026 im S. Fischer Verlag, 25,00 €, 192 Seiten. Wenn dich das Buch packt, lohnt sich ein Blick in die Lesetermine: Am 11. März 2026 liest Judith Hermann im Literaturhaus Frankfurt, am 13. März im Literaturhaus Darmstadt und am 14. März bei der lit.COLOGNE in Köln. Spätere Termine folgen in Bonn und Berlin (Heimathafen Neukölln) sowie in weiteren Städten.

Dazu passt als Gegenwartsroman Dana von Suffrins „Toxibaby“. Es ist ein schonungslos-zärtlicher Text über eine Liebesbeziehung, die an den eigenen Ansprüchen scheitert. Der Roman besticht durch viel Witz, einen analytischen Blick auf Macht und Abhängigkeit sowie ein sehr klares Gespür dafür, wie erschöpfend moderne Paar-Ideale gerade für Frauen sein können, die längst mitten im Leben stehen. Dies ist keine „Girlboss“-Prosa, sondern Stoff für einen ehrlichen Book-Club-Abend, an dem man auch einmal sagt: „So viel emotionale Arbeit mache ich nicht mehr – und genau deshalb lese ich diesen Roman jetzt anders als mit 30.“
Das Buch erscheint am 12. März im Kiepenheuer & Witsch Verlag, die gebundene Ausgabe kostet 23,00 €, das Taschenbuch 13,00 €, es hat 232 Seiten. Lesungstermine finden sich auf der Verlagsseite.

So, das war es für heute. Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder – ich freue mich auf euch! Bis dahin wünsche ich euch viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig und bleibt zugewandt!