Kultur, Gesellschaft, Gedanken.

kultur*letter #9: Zwischen Freiheit und Kontrolle

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In dieser Ausgabe des Kultur:letters habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino, Konzerten und Literatur für dich zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir.

Die vergangene Woche ließ sich nicht ignorieren: Kurz vor Eröffnung der Leipziger Buchmesse strich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer drei Buchhandlungen – Golden Shop (Bremen), Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin) – wegen angeblich „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“ von der Nominierungsliste des Deutschen Buchhandlungspreises. Dann sagte er kurzerhand die gesamte Preisverleihung ab, die erstmals überhaupt auf einer Buchmesse – und zwar dieser hier – stattfinden sollte. Beim Eröffnungsfestakt im Gewandhaus wurde er ausgebuht. Was hier verhandelt wird, ist keine Jurydiskussion – es ist die Frage, ob der Staat mit Verfassungsschutzlogik in die Kulturförderung eingreifen darf. Doch das wäre Stoff für einen eigenen Artikel.

Und dennoch: Leipzig pulsiert. Shortlists, Debatten, LitPop, das Chaotische und Lebendige des literarischen Augenblicks – all das ist größer als ein Kulturstaatsminister, der sich beim eigenen Festakt nicht mehr blicken lässt. Die Frage bleibt trotzdem im Raum: Wer bestimmt, was Kultur darf? Und wer entscheidet, was sie kann?

So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick. Die Woche vom 20. bis 27. März 2026 ist voll: Ausstellungseröffnungen, Premieren, Festivals, Kinostarts. Das Rahmenthema dieser Ausgabe: Freiheit, die sich Material sucht – im Haar, im Körper, im Licht, auf der Leinwand. Hier meine Empfehlungen.

Ausstellungen – Körper, Materie, Identität

Diese Woche eröffnen gleich mehrere Ausstellungen, die einen gemeinsamen Nerv treffen: den Körper als politisches, biografisches und emotionales Terrain. Vom Haar bis zur Haut, von der Obsession bis zur Angst – wer jetzt ins Museum geht, findet keine dekorative Kunst, sondern Denk- und Gesprächsräume. Hier lohnt sich die Auswahl sehr bewusst.

„Haare“ in der Kunsthalle München (ab 20. März). 200 Exponate von der Antike bis heute erkunden, was Haare über Identität, Macht und Sinnlichkeit verraten. Herlinde Koelbls Punk-Porträts sind dabei kein dekoratives Element, sondern eine Provokation: Wessen Körper darf ungebändigt sein? Ein Besuch, der sich gut mit einem Gespräch über Schönheitsnormen und Alter verbinden lässt – und der zeigt, dass Körperpolitik kein Thema für Zwanzigjährige allein ist. (kunsthalle-muc.de/haar)

#HaarMachtLust #KunsthalleMuc

Peter Hujar „Eyes Open in the Dark“ in der Bundeskunsthalle, Bonn (bis 23. August 2026). Der Fotograf Peter Hujar (1934–1987) war eine der stillen Zentralfiguren der New Yorker Downtown-Szene, bevor die Welt ihn einholte. Die Ausstellung zeigt sein Werk als Reflexion über Beziehung, Blick und Zerbrechlichkeit – entstanden in einer Zeit, in der queeres Leben noch nicht salonfähig war, und trotzdem mit einer Würde fotografiert, die bis heute nachwirkt. Parallel dazu zeigt der Gropius Bau Berlin vom 19. März bis 28. Juni: Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision – ein Dialog über das Fortbestehen von Bildern.

Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, kurz Bundeskunsthalle

Maria Lassnig und Edvard Munch in der Hamburger Kunsthalle (ab 27. März, bis 30. August). „Malfluss = Lebensfluss“: Lassnigs radikale Körperbilder treffen auf Munchs Existenzangst. Das klingt nach einem schweren Abend – ist aber in Wirklichkeit einer der aufrichtigsten Dialoge über Malerei, der derzeit zu sehen ist. Rohe Unmittelbarkeit gegen symbolische Aufladung. Für alle, die Kunst nicht als Dekoration, sondern als Denkraum verstehen.

SPARK Art Fair Vienna (20.–22. März, Wiener Stadthalle). 50 Galerien, Fokus auf zeitgenössische Positionen, Entdeckungen jenseits des Etablierten. Wer über das Wochenende Richtung Wien fährt oder fliegt: Das ist eine der wenigen Messen, auf denen das Gespräch noch vor dem Preis kommt.

Festivals & Messe – Avantgarde und der Buchhandel im Ausnahmezustand

Zwei sehr unterschiedliche Veranstaltungsformate prägen diese Woche – und doch kreisen beide um dieselbe Grundfrage: Was darf Kunst, was darf Literatur, und wer setzt die Grenzen? In Berlin klingt das experimentell und akustisch, in Leipzig politisch und laut.

MaerzMusik (20.–29. März, Berlin). Das Festival für zeitgenössische Musik der Berliner Festspiele: Kontrastreiche Strömungen, internationale Künstler:innen, experimentelle Sounds. Von En)chanting Wood bis zu akustischen Provokationen, die kein Format fürchten. Wer sich in Berlin bewegt, sollte mindestens einen Abend investieren.

Leipziger Buchmesse (seit 19. März). Die Shortlist zeigt Anja Kampmann und Helene Bukowski unter den Nominierten – DDR-Geschichte, Donau-Fokus, literarische Positionen, die keine Bestsellerkalkulation kennen. Am Abend: LitPop-Party mit Judith Holofernes. Bücher und Haltung, das ist hier keine Formel, sondern Programm. Besonders in dieser Woche, nach dem Streit um den Buchhandlungspreis, ist Leipzig ein politischer Ort. www.leipziger-buchmesse.de

Rückblick – Die 98. Academy Awards

Bevor wir mit den Kinotipps starten, hier noch ein kurzer Rückblick auf das, was diese Woche nachhallt: Die Oscars 2026 liegen gerade einmal vier Tage zurück und doch wirken einige Momente dieser Nacht bereits jetzt nach. „One Battle After Another” von Paul Thomas Anderson räumte mit sechs Oscars ab: bester Film, beste Regie und bestes adaptiertes Drehbuch. Der Politthriller über militante Aktivistinnen geht Gesellschaftsfragen nicht aus dem Weg und zeigt, dass großes Kino keine Scheu vor Haltung braucht.

I would like to dedicate this [Oscar] to the beautiful chaos of a mother’s heart. We all come from a lineage of women who continue to create against all odds. (Jessie Burckley)

Der bewegendste Moment der Nacht war die emotionale Dankesrede von Jessie Buckley. Als erste irische Frau holte sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle als Agnes Shakespeare in Chloé Zhaos „Hamnet” – der Verfilmung von Maggie O’Farrells Roman über Shakespeares Frau und den Verlust ihres Sohnes. Für mich ist dies einer der berührendsten Filme seit langem. Ihre Rede war purer Herzschlag. Kunst als Trauerarbeit, Mütterlichkeit als Überlebensprinzip. Das war einer der seltenen Momente, in denen eine Oscar-Rede etwas Wahrhaftiges sagte.

Kinotipps – Scheidungen, Gnade und der Geist des Kabuki

Neben den Oscar-prämierten Filmen, die auch in deutschen Kinos laufen, gibt es diese Woche einige Neustarts, die sich lohnen. Das Angebot ist erfreulich ungemütlich: kein reines Wohlfühlprogramm, sondern Filme, die reiben, staunen lassen und nachklingen – von der Lebensmitte in New York bis zum Kabuki-Theater in Japan.

Neu im Kino ab dem 19. März.

„Is This Thing On?“ (ab dem 19. März). Bradley Cooper inszeniert das Scheitern einer New Yorker Ehe: Der Stand-up-Comedian Alex verarbeitet seine Trennung auf der Bühne, während seine Ex-Frau Tess zum Sport zurückfindet. Eine Komödie über Neuanfänge in der Lebensmitte – roh, lächerlich und in ihren besten Momenten erschreckend realitätsnah für all jene, die wissen, wie es ist, mehrere Identitäten gleichzeitig zu jonglieren. Kein Girlboss-Text, kein Empowerment-Kino, sondern ein ehrlicher Blick auf das Scheitern als Normalzustand.

„La Grazia“ (ebenfalls ab den 19. März). Paolo Sorrentino inszeniert mit Toni Servillo ein Drama über Gnade und Verlust vor neapolitanischer Kulisse. Der Film ist ästhetisch intensiv, introspektiv und einem Stück Seelenlandschaft verpflichtet, in dem Existenz und Erlösung nicht auseinandergehalten werden können. Ein Arthouse-Film für reflektierte Abende und ein Argument dafür, dass das Schöne und das Schwere oft dasselbe sind.

„Kokuho – Meister des Kabuki“. Ein japanisches Kulturdrama über den letzten großen Kabuki-Meister: Tradition gegen Moderne, Vermächtnis gegen Wandel. Der Film ist visuell atemberaubend und authentisch in seiner Darstellung einer Kunstform, die Identität als Performance begreift – lange bevor dies ein theoretisches Konzept wurde (ab dem 19. März).

„Hola Frida“ (ab dem 19. März). Kanadisch-französische Animation über Frida Kahlos Kindheit. Der Film ist fantasievoll, biografisch und wird besonders interessant, wenn er aufhört, Ikonenpflege zu betreiben, und anfängt, die Wurzeln einer Persönlichkeit zu erkunden, bevor sie zum Symbol wird.

Zu guter Letzt: „Horst Schlämmer sucht das Glück“ (ab dem 26. März). Hape Kerkeling als Satiriker des Alltags: Humor mit Biss, Komödie als Gesellschaftsanalyse. Ein Tipp für das Kino der übernächsten Woche – vormerken lohnt sich.

Literaturtipps & Book Club – Shortlists, die sich lohnen

Unsere Buchtipps der Woche

Bücher, die auf Shortlists stehen, werden dieser Tage doppelt gelesen – einmal als Literatur, einmal als politisches Signal. Das ist kein schlechter Rahmen für eine Leseempfehlung. Hier sind Texte, die beides verdienen: die genaue Lektüre und das Gespräch danach.

Anja Kampmann auf der Shortlist der Leipziger Buchmesse. Kampmanns Prosa gehört zu den wenigen, die sprachliche Präzision und emotionale Genauigkeit nicht gegeneinander ausspielen. Das ist Stoff für einen Book-Club-Abend, der länger dauert als geplant – mit Fragen nach Arbeit, Erschöpfung, dem, was man zurücklässt, und dem, was bleibt.

Helene Bukowski, ebenfalls auf der Shortlist. Ihr Schreiben kreist um DDR-Geschichte, Familiengedächtnis und die Frage, wie Gesellschaften vergessen und wie Individuen erinnern. Kein leichter Stoff – aber genau der richtige für Leserinnen, die mehr wollen als starke Heldinnen. Es sind Texte für Frauen, die wissen, dass Geschichte nicht vorbei ist, nur weil man nicht mehr darüber spricht.

Book-Club-Tipp des Monats: Wer Maggie O’Farrells „Hamnet“ noch nicht gelesen hat – jetzt ist der Moment. Der Oscar-Moment dieser Woche hat ihn wieder in die Gespräche gebracht: Ein Roman über Trauer, Mutterschaft und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn die Geschichte sich ein anderes Gesicht merkt. Piper Verlag, 368 Seiten, ca. 12 € als Taschenbuch. Ideal für einen ehrlichen Book-Club-Abend – mit Fragen über Verlust, Sichtbarkeit und das, was die Geschichte über uns entscheidet.

Debatten & Diskurse – Wer bestimmt, was Kultur darf?

Der Streit um den Deutschen Buchhandlungspreis ist dieser Tage überall – und er verdient mehr als eine schnelle Meinung. Was Kulturstaatsminister Weimers Eingriff sichtbar gemacht hat: Kulturförderung ist nie neutral. Sie ist immer auch eine Entscheidung darüber, wessen Kriterien gelten, wessen Urteil anerkannt wird – und wessen nicht. Das Misstrauen gegenüber unabhängigen Jurys ist kein neues Phänomen, aber es ist ein ernstes. Die Frage, die bleibt: Wie verteidigen wir kulturelle Autonomie, ohne in Besitzstandsdenken zu verfallen?

Auf der Leipziger Buchmesse wird diese Woche auch darüber gesprochen. Gut so. Bücher, die auf Shortlists stehen, weil sie unbequem sind, und Preise, die unter politischem Druck vergeben werden – das sind keine Zufälle, sondern Symptome. Du musst nicht überall dabei sein – aber du kannst sehr bewusst wählen, wo du dich zeigst, zuhörst und mitsprechen möchtest.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder – viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig und bleibt zugewandt!

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