Neben vielen goldenen Oscars sehen wir in der Mitte ein Liste der Nominierten Best Picture 2026

Oscar 2026: The Night Before

in CULTURE & PEOPLE/Kommentar by

Es ist Samstagabend. Irgendwo in einem Ballsaal in Beverly Hills läuft gerade Diplo auf. Fünfhundert Menschen in Couture trinken Champagner für einen guten Zweck und nennen es Fundraising. Draußen auf dem Rodeo Drive riecht es nach Armani und Ambition. In ein paar Stunden werden die Feeds voll sein mit Gewinnernamen, Dankesreden, Tränen auf der Bühne, Kleidern, die Karrieren definieren. Und überall dieselbe Frage, die jedes Jahr gestellt und nie wirklich beantwortet wird: Wer hat verdient gewonnen?

Ich finde diese Frage inzwischen die falsche.

Die interessantere lautet: Was müssen die Oscars heute eigentlich noch leisten – und für wen?

Mayer wusste es von Anfang an

Louis B. Mayer, MGM-Boss und Gründervater der Academy, war kein Romantiker. Als er 1927 eine „gemeinnützige Organisation zur Förderung der Filmindustrie“ ins Leben rief, wusste er sehr genau, was er tat. Sinngemäß soll er gesagt haben, er habe gemerkt, dass man Filmschaffende am besten steuern könne, indem man ihnen Medaillen umhängt – dann würden sie liefern, was er will.

Das ist keine Anekdote am Rand der Oscar-Geschichte. Das ist ihr Kern.

Die erste Verleihung 1929 dauerte fünfzehn Minuten. Die Gewinner standen Monate vorher fest, wurden per Telegramm informiert, etwa 250 Gäste saßen beim Dinner. Kein Glamour, keine Live-Übertragung – eher Betriebsfeier als Weltereignis. Und dennoch war die Grammatik von Anfang an gesetzt: Wer hier ausgezeichnet wird, schreibt Geschichte. Alle anderen sitzen im Saal.

Knapp hundert Jahre später, heute Nacht, 15. März 2026, werden im Dolby Theatre die 98. Academy Awards verliehen: 24 Kategorien, Conan O’Brien als Host, „Sinners“ mit 16 Nominierungen – ein Rekord, der „Titanic“ übertrifft. Die Show ist größer geworden. Die Logik darunter hat sich aber kaum verändert. Status als Steuerungsinstrument, Anerkennung als Währung, der geschlossene Kreis, der selbst definiert, was als bedeutend gilt.

Was sich verändert hat: die Welt drum herum.

Wer entscheidet – und nach welchen Regeln

Knapp 10.000 stimmberechtigte Mitglieder, organisiert in Branchensektionen. Wer Mitglied werden will, muss entweder selbst nominiert worden sein oder von zwei Mitgliedern der eigenen Sektion vorgeschlagen werden. So reproduziert sich ein Kreis, der selbst definiert, was als „preiswürdig“ gilt.

In dieser Saison hat die Academy eine neue Regel eingeführt, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: Wer abstimmt, muss den Film gesehen haben, für den er stimmt. Offiziell heißt es, es gehe um die „Integrität des Preises“. Inoffiziell ist diese Regel ein Eingeständnis: Jahrelang war es offenbar völlig akzeptiert, nicht alles gesehen zu haben und trotzdem eine Stimme abzugeben.

Wenn man 2026 vorschreiben muss, dass man den Film gesehen haben muss, impliziert das, dass es vorher normal war, es nicht zu tun?

Ob die Regel hält, was sie verspricht, wird sich zeigen. Regeln können Verhalten vorschreiben – Haltung nicht. Und vielleicht ist das die ehrlichere Erkenntnis: Eine Industrie, die Integrität per Satzung einführen muss, fragt sich damit auch, was Integrität in einem System bedeutet, das auf Kampagnen, Netzwerken und gegenseitiger Loyalität gebaut ist. Das ist keine Kritik – das ist die Bedingung, unter der hier Kunst bewertet wird.

Die eigentliche Frage ist eine andere: Reicht das noch? Reicht ein geschlossener Kreis aus Insidern, der sich einmal im Jahr selbst bewertet – in einer Welt, in der Algorithmen Aufmerksamkeit verwalten, soziale Medien Debatten in Stunden entscheiden und KI Autorschaft neu verhandelt?

Was einmal als kultureller Konsens galt, wirkt heute wie ein Insider-Votum. Und das Publikum draußen schaut zu – aber immer skeptischer.

Drei Dinge, die 2026 neu im Scheinwerferlicht stehen

Die Academy antwortet auf diese Fragen noch nicht. Aber sie beginnt, zumindest einige zu stellen – und das ist an dieser Nacht das eigentlich Bemerkenswerte.

Erstens: Die Casting-Kategorie. Erstmals seit 2001 wird in dieser Nacht „Best Casting“ vergeben. Das klingt nach einer technischen Ergänzung. Es ist mehr: die formale Anerkennung, dass ein Ensemble nicht aus dem Genius einer Einzelperson entsteht, sondern aus kollektiver, oft unsichtbarer Architektur. Casting-Direktoren wie Francine Maisler bei „Sinners“ oder Cassandra Kulukundis bei „One Battle After Another“ entscheiden über Erfolg oder Misserfolg eines Films – und wurden jahrzehntelang nicht einmal nominiert. Dass die Academy das jetzt ändert, sagt etwas darüber, welches Bild von Kreativität sie bisher gepflegt hat: das des einsamen Genies, nicht des kollektiven Handwerks.

Zweitens: Chalamet und der auseinanderfallende Diskurs. Timothée Chalamet sagte in einem Gespräch, niemand interessiere sich heute für Oper und Ballett. Die Kulturinstitutionen reagierten prompt, die Debatte explodierte – aber das Voting war längst vorbei. Diskurs und Entscheidung fallen zeitlich auseinander. Social Media simuliert demokratische Kontrolle, während die eigentliche Macht längst woanders liegt. Das ist kein Hollywood-Problem. Das ist ein Gegenwartsphänomen.

Drittens: KI als offene Rechnung. Nach Adrien Brodys Sieg für „The Brutalist“ – einem Film, bei dem KI-optimierte Dialoge im Gespräch waren – ist die Frage nicht verschwunden, nur vertagt. Wer hat einen Film gemacht, wenn Algorithmen mitschreiben? Die Academy hat dafür noch keine Kategorie, noch keine Sprache, noch keine Regel. Aber die Frage wartet. Und sie wird lauter werden.

Drei Korrekturen, drei offene Baustellen. Kein Durchbruch – aber vielleicht der Beginn einer Bewegung. Oder, wie Institutionen es gerne tun: Kosmetik, die Kontinuität als Wandel verkauft.

Oscars 2026: Mein Favorit für Best Picture bleibt Hamnet.

Ist Show noch genug?

Hier liegt die eigentliche Spannung dieser Nacht – und sie geht weit über Hollywood hinaus.

Was rechtfertigt heute noch eine Institution, die einmal im Jahr einen geschlossenen Kreis von Insidern abstimmen lässt und das Ergebnis als kulturellen Konsens der Welt präsentiert? Was leistet eine solche Show – für Kunst, für Repräsentation, für das Gespräch, das eine Gesellschaft über Kultur führt?

Glamour allein war einmal Antwort genug. Die Oscars als Traumfabrik der Traumfabrik, eine Nacht, in der Hollywood sich selbst als das größte Kino der Welt inszeniert und das Publikum draußen ehrfürchtig zuschaut. Aber das Publikum schaut anders hin als früher. Skeptischer. Informierter. Und mit dem Gefühl, dass die Show für jemand anderen gemacht wird – nicht für sie.

Eine Institution, die relevant bleiben will, braucht mehr als Glamour. Sie braucht eine Vision: Wofür steht sie? Was will sie für die Kultur leisten, die sie vorgibt zu ehren? Solange die Oscars diese Frage nicht stellen – geschweige denn beantworten – bleiben sie das, was Mayer 1927 entworfen hat: ein prächtiges Instrument der Selbstbeglaubigung.

„Eine Institution, die sich nicht mehr fragt, wofür sie steht, feiert nur noch sich selbst.“

Kate Winslet stellt ihren Oscar ins Badezimmer. Damit Gäste ihn in die Hand nehmen und vor dem Spiegel ihre Dankesrede üben können – ohne sich dabei albern zu fühlen. Vielleicht ist das die klügste Antwort auf Mayer: Das Statussymbol wird zum Spielzeug. Die Medaille, die binden sollte, landet im Bad. Und plötzlich gehört sie allen.

Der Motor läuft woanders

Der Vorabend, der sogenannte „Night Before“, ist das ehrlichere Dokument dieser Industrie. Während morgen die Pokale vergeben werden, laufen heute Nacht die eigentlichen Gespräche: beim MPTF-Dinner, wo Produzentinnen und Philanthropen unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit letzte Deals schmieden. Beim Armani-Cocktail auf dem Rodeo Drive, wo Mode-Scouts und Stylisten die Narrative des roten Teppichs vorbereiten. Beim inoffiziellen Dinner im Beverly Hills Hotel, wo die Stars, die morgen präsentieren, ihre Outfits und Strategien besprechen.

Partys als Infrastruktur. Philanthropy als Netzwerkpflege. Champagner als Währung.

Die Oscar-Maschinerie funktioniert nicht trotz dieser Abende, sondern wegen ihnen. Der rote Teppich ist die Oberfläche. Der Vorabend ist der Motor. Und Diplo legt auf.

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