Es ist Freitag, und wie jede Woche stelle ich mir die Frage: Was war und ist kulturell wichtig, und was wird in der kommenden Woche noch wichtig oder interessant sein, sodass es sich lohnt, hinzusehen, hinzuhören oder hinzugehen? Hier ist meine Auswahl aus den Bereichen Ausstellungen, Literatur, Filmen und Debatten, die ich für dich zusammengestellt habe. Passend zum Wochenende und zur kommenden Woche. Passend zu dir.
Eine Frage hat mich besonders beschäftigt. Sie gehört jetzt hier nicht direkt rein, weil sie so banal wie wichtig zugleich ist: Was ist eine gute Frage? Ich habe gemerkt, dass ich das nicht wirklich weiß. Ich habe mich damit auseinandergesetzt und darüber geschrieben. Vielleicht stellen wir ab jetzt alle bessere Fragen?
Ich glaube, genau dieser Impuls zieht sich durch die Woche: Warum besuchen wir Ausstellungen, gehen ins Kino oder auf Konzerte? Warum ist die Ausstellung von Yayoi Kusama so beliebt, dass seit Wochen alle Tickets ausverkauft sind? Welche Bedeutung hat Ingeborg Bachmann heute noch für uns? Und dann war da noch das ARD-Format „Was Deutschland verbindet“, das viele Fragen aufwarf.
Heute ist der kultur*letter Rückblick und Ausblick zugleich.
Ausstellungen: Kunst zwischen gesellschaftlichem Trend und ungenutzten Möglichkeiten
Wer Kulturveranstaltungen besucht, sucht in der Regel zunächst das ästhetische Erlebnis. Doch Kunst wirkt selten nur auf einer Ebene. Sie kann den Körper beruhigen, den Atem verlangsamen und Stress mildern. Sie bringt uns mit anderen Menschen in Kontakt und durchbricht die Vereinzelung, in die viele von uns im Alltag geraten. In immer mehr Ländern können Ärzt:innen Museumsbesuche inzwischen gezielt als Unterstützung für das psychische Wohlbefinden und die soziale Teilhabe verschreiben. Dies stützt sich auf aktuelle Forschungsergebnisse.
Kunst tut gut. Aber nicht, weil sie immer beruhigt. Manchmal öffnet sie auch Gefühle, die man lieber verdrängt hätte. Ein Bild erinnert plötzlich an etwas. Eine Szene macht wütend. Das ist keine Fehlfunktion. Wenn wir ein Werk betrachten, geht es nicht nur darum, es anzusehen, sondern auch darum, zu verstehen, warum es uns innerlich etwas angeht. Entstehungszeit, Biografie der Künstlerin bzw. des Künstlers, eigene Lebenserfahrung – all das fließt zusammen. In der Kunsttherapie nennt man das rezeptive Arbeit. Ich persönlich empfinde es als Erfahrungsraum.
Yayoi Kusama im Museum Ludwig Köln. Was sagt es über unsere Zeit aus, dass eine 96-jährige japanische Künstlerin, die seit Jahrzehnten in einer psychiatrischen Klinik lebt und von dort aus arbeitet, zum globalen Kunststar geworden ist? Die Retrospektive im Museum Ludwig ist mehr als nur ein Ausstellungstipp. Sie ist ein kulturpolitischer Moment.
Keine andere Ausstellung in Köln hat bisher einen solchen Hype erlebt. In einer fragmentierten, überreizten und digital beschleunigten Gegenwart bieten Kusamas Räume etwas sehr Direktes: Farbe, Wiederholung, Spiegelung und den Verlust des Maßstabs. Und es hat etwas unglaublich Spielerisches. Offenbar ist das genau das, was sehr viele Menschen gerade brauchen.
Ich habe wochenlang gewartet und tatsächlich noch ein Ticket für den 24. Juni bekommen. Die Ausstellung ist bis zum letzten Tag ausverkauft. Darauf antwortet das Museum Ludwig mit zwei langen Nächten am 1. und 2. August. Es lohnt sich, täglich reinzuschauen, denn immer wieder tauchen Tickets auf. Eine weitere Option ist die App TicketSwap. Am 2. August ist Schluss in Köln. Im September zieht die Ausstellung ins Stedelijk Museum Amsterdam weiter.
Sommerfestival
Das Tollwood Sommerfestival in München findet vom 19. Juni bis zum 19. Juli 2026 statt. Das Festival gibt es seit 1988, ich war bei den Anfängen dabei, noch zu Studienzeiten. Damals war es ein ökokulturelles Experiment im Olympiapark Süd: Konstantin Wecker, Biermösl Blosn, lokale Künstler. Eine Idee, die größer werden wollte. Das hat auch funktioniert. Vielleicht sogar zu gut.
Heute ist Tollwood ein multikulturelles Gesamtereignis mit 466 Veranstaltungen, einem Weltmarkt, Theater, Zirkus und einer Musik-Arena, in der Fat Freddy’s Drop, Joss Stone, ZAZ und Deep Purple spielen. Über 430 Veranstaltungen sind kostenlos. Der politische Anspruch ist noch da, der Flair von damals jedoch nur noch wenig.
Ein Besuch lohnt sich trotzdem. Wenn ich es schaffe, bald wieder nach München zurückzuziehen – hoffentlich bald –, dann wird das auch wieder ein beliebtes Programm für mich sein.
Literatur
Beim Münchner Buchfest präsentieren unabhängige bayerische Verlage ihre Bücher von Stadtgeschichte bis Belletristik, mit Lesungen und Livemusik. Nur einen Tag, am 20. Juni, 12 bis 18 Uhr, im Schleusenwärterhäuschen, Zentralländstraße 35. Wenn ich in München wäre, wäre das ein absolutes Must-See für mich. Klein, fein, ohne Flagship-Store-Logik. Mehr Infos: muenchnerbuchfest.de oder auf Instagram: @muenchner.buchfest

Bei Thalia habe ich etwas ganz Neues entdeckt: Shelfies. Dabei handelt es sich um eine neue Hörbuchform, die physisches Objekt und digitales Hören verbindet. Man hält das Shelfie ans Smartphone und das Hörbuch wird per NFC freigeschaltet. Und das Entscheidende ist: Die Nutzungsrechte sind übertragbar. Man kann das Shelfie verschenken, weiterreichen oder ins Regal stellen. In einer Zeit, in der Kultur meist nur noch als Stream oder unsichtbare Datei existiert, ist das ein kleines Gegenmodell. Es wirkt fast nostalgisch und ist gleichzeitig ziemlich zeitgemäß. Ein Shelfie kostet 16,99 Euro. Die Titelauswahl ist noch überschaubar, aber der Ansatz überzeugt mich.


Am 20. Juni startet Dussmann Berlin einen Online-Buchclub auf Instagram mit dem Buch „Weißer Sommer” von Eva Pramschüfer. Die Geschichte eines jungen Paares und die Frage: Hält die Liebe? Ich bin dabei, das Buch liegt schon bereit. Ob ein Buchgespräch auf Instagram funktioniert, weiß ich noch nicht. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt. Wer mitmachen möchte, findet den ersten Leseabschnitt bis Seite 64 und die Diskussion unter @dussmann.official.

„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ – Ingeborg Bachmann
Am 24. Juni hätte Ingeborg Bachmann ihren 100. Geburtstag gefeiert. Sie wurde 1926 in Klagenfurt geboren und starb 1973 in Rom. Dazwischen lag ein Leben auf Ischia, Modelarbeit in Wien und luxuriöse Wohnungen in Rom. Bohème, ja. Doch hinter dem Glamour stand eine Intellektuelle, die genau hinschaute, wo andere wegschauten.
1959 hielt sie im Bundeshaus in Bonn eine Rede mit dem Titel „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”. Das war keine Einladung. Es war eine Kampfansage an all jene, die sich im Schweigen der Nachkriegsjahre bequem eingerichtet hatten. Bachmann thematisierte das Verdrängte: Gewalt in der Sprache, in Beziehungen und in Strukturen. Ihr bekanntester Satz trifft das direkt: „Der Faschismus ist das Erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau.“ Erschreckend aktuell. Nicht als Zitat, sondern als Diagnose.
Anlässlich ihres 100. Geburtstags gibt es zwei Möglichkeiten, ihrem Werk neu zu begegnen. Das Arte-Porträt „100 Jahre Ingeborg Bachmann” wird am 24. Juni um 23:00 Uhr ausgestrahlt und ist anschließend bis März 2027 in der Mediathek verfügbar.
Im Kino läuft außerdem „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ mit der hervorragenden Sandra Hüller. Es ist kein klassischer Dokumentarfilm. Es ist ein Film über Sprache und eine Frau, die ihrer Zeit voraus war. Vorschau.
Miteinander reden – statt übereinander
In einem meiner Nachrichtenkanäle tauchte diese Woche ein Videobeitrag zu einem neuen Format der ARD auf. Dazu hatte ich bereits eine Pressemitteilung erhalten. Diese hatte ich jedoch nicht weiter beachtet. Es geht um das ARD-Dialogprojekt „Was Deutschland verbindet“: 84 Menschen, zwei Fernsehstudios, ein Wochenende, keine Handys. Gleichberechtigung, Migration, Demokratie. Fremde, die miteinander reden, statt aneinander vorbeizuscrollen.
Dann erschien dieser Videoclip in meinem Feed, Thema Gleichberechtigung: Ab Minute 13 schildert Janina ihre Situation. Sie ist eine gut ausgebildete Frau, die in Absprache mit ihrem Mann zu Hause geblieben ist, um die Kinder zu erziehen. Eine klare Vereinbarung. Er baut die Karriere aus, sie übernimmt die Care-Arbeit. Jetzt kommt die Trennung und sie zieht Bilanz: Gehaltsrückstand, Rentenrückstand und der Vorwurf, sie wolle sich nun an seinem Einkommen „bedienen”. Ihr Satz sitzt: „Wer sich dafür entscheidet, bei den Kindern zu bleiben, hat nach einer Trennung die Arschkarte gezogen.“ Mir geht es wie den anderen Zuhörern im Raum. Und Janinas Geschichte ist keine Ausnahme. Sie ist die Regel.
Was diese ARD-Dialog-Aktion zeigt: Wir brauchen mehr solcher Räume. Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen wirklich miteinander reden. Nicht, um zu überzeugen, sondern um gehört zu werden und zum Denken anzuregen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist Demokratiearbeit.
Die Dokumentation „Was Deutschland verbindet“ ist seit dem 30. Mai in der ARD-Mediathek verfügbar.
Auch diese Woche gab es wieder viele Informationen. Was nehmt ihr für euch mit? Ich hoffe, das eine oder andere ist dabei. Oder habt ihr Fragen?
Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende, das dir sowohl Fragen als auch Antworten gibt. Hoffentlich an einem schönen, kühlen Ort. Und einen guten Start in die kommende Woche! Wir lesen, sehen und hören uns nächste Woche wieder. Bleib neugierig. Bleib zugewandt.