Ein Einblick in die Ausstellung "The Dome" in Dänemark von James Turrell

James Turrells 100. Skyspace im ARoS Aarhus

in Kommentar/KULTUR*SALON/Kunst by

Es gibt Kunstwerke, die man anschaut. Und es gibt Kunstwerke, die zurückschauen. James Turrell gehört zur zweiten Kategorie und er tut es mit einem Material, das sich nicht greifen lässt: Licht.

Ich bin ihm 2015 zum ersten Mal in Berlin begegnet, in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs. Einer der berühmtesten Friedhöfe der Stadt – hier liegen Hegel, Schinkel, Brecht und Helene Weigel. Die kleine Kapelle darin wirkt unscheinbar, bis man sie betritt. Ich war mit einer Führung dort, kurz vor der Abenddämmerung, als das Licht zu spielen begann. Der Altar, ein Kubus aus mattiertem Acrylglas mit eingelassenen Leuchtdioden, wechselte langsam seine Farbe. Das Licht definierte den Raum jedes Mal neu, während draußen die Dämmerung einsetzte. Man muss nichts „können“, um sich darauf einzulassen, man muss nur bleiben, schauen und Zeit mitbringen. Genau das ist das Anliegen von Turrell.

Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte

Die schrittweise Befreiung des Lichts

James Turrell wurde 1943 in Los Angeles geboren und wuchs in einer Quäker-Familie auf. Die Quäker praktizieren eine Form der Stille, in der das innere Licht keine Metapher, sondern eine gelebte Erfahrung ist. Dieser Hintergrund prägt sein Werk bis heute. Turrell studierte Wahrnehmungspsychologie und Astronomie, machte einen Pilotenschein und hat seitdem Tausende von Flugstunden gesammelt. Der Himmel ist für ihn kein Motiv, sondern ein Medium.

In den 1960er Jahren wurde er Teil der „California Light and Space“-Bewegung, einer Gruppe von Künstlern in Los Angeles, die Licht, Raum und Wahrnehmung als künstlerische Materialien erkundeten. Was Turrell von seinen Zeitgenossen unterschied, war die Konsequenz, mit der er das Licht vom Objekt löste. Werke wie Afrum-Proto und die Mendota Stoppages markieren solche Momente. Kein Scheinwerfer, kein Projektor, kein sichtbarer Apparat. Nur das Licht selbst und der Raum, den es verändert. So wie bei der Kapelle in Berlin.

James Turrell, Afrum (White), 1966

Der Übergang zum Raum

In den 1970er-Jahren verschiebt sich der Fokus von der Lichtprojektion zum architektonischen Raum. Mit den Skyspaces öffnet Turrell Räume nach oben, sodass der Himmel selbst Teil der Arbeit wird. Zugleich entstehen atmosphärische Installationen wie die Ganzfelder, in denen die Orientierung bewusst destabilisiert wird.

Diese Phase ist entscheidend, da Turrell nun nicht mehr nur mit Licht „arbeitet“, sondern Wahrnehmungsräume schafft. Das Publikum erlebt nicht einfach etwas, sondern wird Zeuge der engen Verbindung zwischen Raum und Bewusstsein.

„Roden Crater“ als Wendepunkt

Der ab 1977 entwickelte Roden Crater bildet den Höhepunkt seines Werks. Aus einem erloschenen Vulkankegel in Arizona wird eine Beobachtungslandschaft, in der Himmel, Sonne, Mond und Zeit nicht dargestellt, sondern durch ein begehbares astronomisches Observatorium direkt erfahrbar werden. Seit über fünfzig Jahren ist das Projekt noch immer unvollendet.

Das ist auch der Zeitpunkt, an dem Turrells Arbeit fast kosmologisch wird. Sie verlässt die Logik der Ausstellung und nähert sich einer dauerhaften, monumentalen Umwelt, in der Kunst, Natur und Wahrnehmung miteinander verschränkt sind.

Der „Roden Crater“ in Arizona. Eine Ansicht aus dem Jahr 2012.
„Roden Crater“ Innenansicht heute.

Später werden seine Arbeiten ruhiger, größer und zugleich institutioneller. Weltweit entstehen Skyspaces, die oft an spezifische Orte, Lichtverhältnisse und klimatische Bedingungen angepasst sind. Gleichzeitig arbeitet Turrell an Räumen, die nicht nur gesehen, sondern auch erfahren werden können.

In seiner jüngeren Entwicklung wird deutlich, dass Turrells Kunst nicht auf Spektakel, sondern auf Verdichtung abzielt. Das Werk entzieht sich der schnellen Lesbarkeit und macht das Sehen selbst zu einer Zeitform.

Turrell arbeitet nicht mit Licht, er arbeitet mit dem Sehen selbst. Das ist Wahrnehmung als aktiver, nicht passiver Akt.

Am 19. Juni 2026 wurde im ARoS Aarhus Kunstmuseum in Dänemark sein 100. Skyspace eröffnet: Das Werk heißt As Seen Below – The Dome. Turrell selbst bezeichnet es als sein ambitioniertestes. Es liegt unterirdisch, ist Teil der zehnjährigen Museumserweiterung „The Next Level” und steht einem breiten, städtischen Publikum offen. Eine runde Zahl in einem neuen Kontext.

Für das Verständnis seines Œuvres ist es nicht wichtig, ob sein Werk als „abstrakt“ oder „immersiv“ bezeichnet wird. Entscheidend ist die Entwicklung: von der projizierten Lichtfläche über die Raumintervention zum offenen Himmelsraum und schließlich zur Landschaft als Wahrnehmungsinstrument.

Ein Skyspace ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Raum mit einer Öffnung zum Himmel. As Seen Below in Aarhus ist kein isoliertes Großprojekt, sondern dielogische Zuspitzung eines langen künstlerischen Weges. Es ist die Konsequenz einer Karriere, die seit den 1960er-Jahren immer wieder dieselbe radikale Frage stellt: Was passiert, wenn Kunst nicht etwas zeigt, sondern die Art verändert, wie wir überhaupt sehen? Wer einen Skyspace betritt, dem wird nichts präsentiert. Keine Narration, kein Objekt, keine Erklärung. Nur Licht, Architektur und Zeit.

James Turrell „As Seen Below“ 2026. Photos: Adam Mørk

Turrells „As Seen Below” in Aarhus führt uns zunächst durch einen unterirdischen Zugang und damit buchstäblich aus dem Gewohnten heraus. Erst dann öffnet sich der große Kuppelraum, in dem der Himmel je nach Modus als offenes Farbfeld, als verschobene Lichtatmosphäre oder in den Übergängen von Tag und Nacht erscheint. Dadurch verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Außen ins Innere. Plötzlich registriert man nicht nur Wetter, Tageszeit oder Farbe, sondern auch die eigene Orientierung, die eigenen Erwartungen und die Geschwindigkeit des eigenen Blicks.

Turrell macht etwas radikal Unzeitgemäßes — er verlangsamt, entzieht, fordert Aufmerksamkeit ohne Gegenleistung.

Ein Turrell-Skyspace ist keine kurzfristige Wirkung, sondern eine langanhaltende Erfahrung. ARoS beschreibt sogar eigene „Twilight“-Erfahrungen von rund 60 Minuten Dauer. Der besondere Reiz liegt darin, dass sich Licht und Himmel fortlaufend verändern, ohne dass die Installation jemals „fertig“ wirkt. Zeit wird nicht mehr als etwas wahrgenommen, das vergeht, sondern als etwas, das sich im Raum verdichtet. Das Werk lässt die Stunde spürbar werden, macht die Dämmerung beinahe hörbar und verwandelt die Bewegung des Lichts in eine Form von Gegenwart.

Turrells Arbeit entzieht sich einer schnellen Lesbarkeit. Anstelle eines Bildes präsentiert sie eine Situation, die uns bewusst macht, dass wir die Welt nie neutral wahrnehmen, sondern dass unsere Wahrnehmung stets durch Licht, Erinnerung und körperliche Empfindungen gefiltert wird. Gerade darin liegt womöglich ihre Kraft: „As Seen Below“ ist kein Ort, an dem man etwas „anschaut“, sondern ein Ort, an dem sich der Blick verändert. Vielleicht ist die tiefste Erfahrung dort, dass das Sehen selbst nicht selbstverständlich ist, sondern formbar, verletzlich und überraschend offen. Das neue Skyspace in Aarhus ist der bislang zugänglichste Ort, um dies zu erfahren.

Wer James Turrells Kunstwerke bisher wirklich erleben wollte, musste reisen. Das James Turrell Museum in der Bodega Colomé liegt in Molinos in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens auf über 2.300 Metern Höhe. Aarhus ist näher. Das ARoS gehört zu den bedeutendsten Kunstmuseen Nordeuropas und integriert das Werk in einen öffentlich zugänglichen, städtischen Kontext. Es ist kein Pilgerort, sondern ein Museumsbesuch mit ungewöhnlichem Ausgang.

Das 100. Skyspace ist auch ein guter Zeitpunkt, um mit Turrell anzufangen – falls noch nicht geschehen. www.aros.dk