Vor einer Woche habe ich über Ingeborg Bachmann und den Bachmann-Preis geschrieben. Pünktlich kam dann auch die Nachricht: Lena Schätte gewinnt den Bachmann-Preis 2026. Für mich war Lena Schätte zunächst noch eine Unbekannte. Zu Unrecht, wie ich hier später feststellte. Mit ihrem Text „Was wir tragen” setzte sie sich in einem der sichtbarsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbe durch. Solche Auszeichnungen lenken die Aufmerksamkeit von der Marktlogik weg und richten sie auf die Frage: Wer ist diese Autorin, die von der Jury als eine „literarische Superkraft“ beschrieben wird?
Wer ist Lena Schätte?
Lena Schätte wurde 1993 in Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen geboren. Sie arbeitete zunächst als Krankenschwester in der Psychiatrie, bevor sie 2020 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufnahm. Diese biografische Herkunft ist für ihr Schreiben von Bedeutung, da ihre Texte immer wieder Menschen in den Blick nehmen, die in der Gesellschaft leicht übersehen, beschämt oder an den Rand gedrängt werden.
Ihr Debüt war der im Jahr 2014 erschienene Roman „Ruhrpottliebe“. Größere Aufmerksamkeit erhielt sie dann mit dem im Jahr 2025 bei S. Fischer erschienenen Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“. Der Roman handelt vom Aufwachsen mit einem alkoholkranken Vater. Dafür stand sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis sowie dem Förderpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.
Schättes Stärke liegt darin, soziale Fragen nicht abstrakt zu verhandeln, sondern sie in Körper, Beziehungen und konkrete Alltagsszenen einzuschreiben. Sie schreibt über Menschen, die zwar vorhanden, aber unsichtbar sind. Genau diese Spannung verleiht sowohl ihren Romanen als auch dem Bachmann-Text eine besondere Intensität.
„Eine literarische Superkraft“
Lena Schätte las am 2. Lesetag der „50. Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt, gleich zu Beginn. Das Jubiläum des Wettbewerbs fiel mit dem 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns zusammen. Der zweite Lesetag war tatsächlich auch ihr 100. Geburtstag. Und genau an diesem Tag präsentierte Lena Schätte ihren Beitrag zum Wettbewerb: „Was wir tragen”. Sie trat auf Einladung des Jurors Thomas Strässle an. Schon während der Veranstaltung machte im Publikum das Gerücht die Runde, dieser Text könnte der Gewinnertext werden. Eine Einschätzung, die sich bei der späteren Preisverleihung bestätigte.
Um mir ein besseres Bild von der Autorin und vor allem dem Text zu machen, habe ich mir die knapp 25-minütige Lesung in der 3sat-Mediathek angeschaut. Diese Aufnahmen sind sind übrigens noch bis August 2027 dort verfügbar.
Der Text behandelt ein gesellschaftlich hoch aufgeladenes Thema, jedoch nicht im Ton moralischer Ermahnung, sondern mittels literarischer Form, Bildkraft und präziser Beobachtung. Schon der erste Satz hat es in sich: „Wir finden einander, weil wir die dicksten Mädchen der Schule sind.“ – la Hitchcock – gleich voll rein in den Text.
Der Text erzählt die Freundschaft zweier übergewichtiger Hauptschülerinnen aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin. Er ist für mich zunächst einmal wahnsinnig berührend. Dabei hat er einen sehr detaillierten Blick, der sich in der Sprache widerspiegelt. Das Dicksein der beiden Freundinnen ist wie eine Art Coming-out-of-Age-Abenteuergeschichte mit Überlebenstraining. Gleichzeitig hat er auch etwas sehr Beklemmendes.

Dennoch sind die beiden keine Opfer, die sich ihrem Schicksal ergeben. Sie wehren sich mit sardonischem Witz und einer Zärtlichkeit füreinander, die sich gegen jede Dominanzgesellschaft richtet. Darin liegt auch der Grund, warum das Thema Body Positivity durch diesen Text erstmals eine literarische Öffentlichkeit erhält. Schätte selbst sagte dazu in Klagenfurt: „Ich finde es besonders schön, dass dieses Thema die Bühne und Aufmerksamkeit bekommt, weil es so viele Menschen betrifft. Diese Menschen leben isoliert und werden nicht so richtig gesehen, obwohl sie eigentlich so sichtbar sind. Und da fand ich die Aufmerksamkeit ganz besonders schön.“
Auch die Jury diskutierte selten so einhellig. Gelobt wurden der lakonische Tonfall und die extrem bildstarke Erzählweise. Außerdem wurde die Erzählökonomie des Textes gelobt, ein Begriff, den ich vorher nicht kannte. Zwischen den Zeilen passiert enorm viel. Auffällig ist außerdem die Erzählzeit. Der Text bleibt konsequent im Präsens, wodurch er unmittelbarer wirkt, näher am Erleben als am Erinnern.
Das Opfer schlägt zurück
An einer anderen Stelle der Diskussion wurde es spannend. Dort wurde eine schwierigere Frage verhandelt: Stimmt die Erzählstimme? Trägt sie über die ganzen 25 Minuten? Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive der Protagonistin erzählt wird, kam auch die Ambivalenz des Opfers zur Sprache. Wer geschlagen wird, kann selbst zuschlagen, manchmal mit ziemlicher Brutalität. Diese Doppelung – Opfer und Täterin zugleich – gibt der Geschichte eine Kante, die sie vor einfachen Lesarten schützt.
Die Jury diskutierte lange darüber, ob „Was wir tragen” aus eigenem Erleben stammt oder erfunden ist. Diese Art von Literatur erlebte ihre Blütezeit in den Siebzigern und Achtzigern, als plötzlich jeder über das eigene Leben schreiben durfte, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Damals diente das Schreiben oft auch der Selbstheilung – Literatur als Therapie.
Beim Zuhören hatte ich ständig das Gefühl, dass Lena Schätte in ihre Protagonistin hineinschlüpft und wieder heraus, je nachdem, wie nah eine Szene an sie selbst heranreicht. Genau das macht die Frage nach der Selbsterfahrung so schwer zu beantworten. Wo hört die Autorin auf, wo beginnt ihre Figur?
Für mich ist das keine offene Wunde im Text, sondern sein eigentliches Handwerk. Schätte beantwortet die Frage nicht, ob sie selbst eines der beiden Mädchen war. Sie hält sie in der Schwebe, Satz für Satz. Und genau diese Unschärfe hat Jury und Publikum gleichermaßen überzeugt. Die einen lesen einen Text mit klarer Konstruktion: Erzählökonomie, Präsens, eine Bildsprache, die nichts dem Zufall überlässt. Die anderen lesen ein Stück gelebtes Leben, ungefiltert und wahr. Beide haben recht. Darin liegt die literarische Superkraft, von der die Jury sprach.
Wer darf über Scham schreiben
Schättes Sieg ist kein Einzelfall. Der deutschsprachige Literaturbetrieb diskutiert derzeit neu darüber, wer über Körper und Scham schreiben darf und ob dafür ein Herkunftsnachweis verlangt wird. Bislang lautete die ungeschriebene Regel oft: Wer über Armut schreibt, muss sie selbst erlebt haben. Wer über einen kranken oder beschämten Körper schreibt, muss ihn selbst bewohnt haben. Schättes Text unterläuft diese Regel. Er beantwortet die Frage nicht, sondern lässt sie offen.
Im Dezember eröffnet das Städel in Frankfurt die Ausstellung „SurFace – Über Haut”. Auch dort geht es um den Körper als Fläche, auf der sich die Gesellschaft einschreibt, und um die Haut als Grenze zwischen Zeigen und Verbergen. Literatur und bildende Kunst greifen im selben Jahr zum selben Material. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines bestimmten kulturellen Klimas.
Für mich heißt das: Wir sind es leid, dass Kunst und Literatur uns erst einen Herkunftsnachweis liefern müssen, bevor wir eine Geschichte ernst nehmen. Darum gewinnt ein Text wie „Was wir tragen” gerade jetzt – nicht trotz, sondern wegen seiner Unschärfe.
Noch vor einer Woche war mir Lena Schätte völlig unbekannt. Das hat sich geändert. Am Ende bleibt keine Antwort auf die Frage, wo die Autorin aufhört und ihre Figur beginnt. Es bleibt nur die Ahnung, dass genau darin ihre Kunst liegt. In einer der stärksten Szenen des Textes lassen sich die beiden Freundinnen nachts im Fluss treiben, allein, ohne Blicke, ohne das Gewicht des Tages. Für einen Moment sind sie leicht. Dieses Gefühl hinterlässt auch der Text selbst. Er nimmt etwas ab, ohne zu erklären, was.
Titelbild von Amrei-Marie – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link