Auch diese Woche habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Theater, Literatur und kulturellen Debatten für dich kuratiert – passend zum Wochenende und zu dir.
Leider kann ich nicht gleichzeitig in Berlin, Düsseldorf oder München sein. Was ich dir hier vorschlage, ist deshalb keine Liste von allem, was gerade läuft, sondern das, was ich mir selbst ansehen würde, wenn ich vor Ort wäre. So war ich letzte Woche endlich in der Kusama-Ausstellung. Mehr dazu habe ich in meinem Kommentar „Kusama – Eine Reise in die Unendlichkeit” festgehalten. Für das kommende Wochenende ist die neu eröffnete Ausstellung von Jaume Plensa im MKM in Duisburg eingeplant. Aufgrund der Hitze der letzten Woche bin ich kulturell kürzer getreten. Mir war es einfach zu heiß!
Apropos Hitze: Die vergangene Woche hat gezeigt, wie direkt Kultur auf Realität reagiert und wie unterschiedlich diese sein kann. Extreme Hitze veranlasste ein Berliner Orchester, seinen Dresscode zu lockern, und mich, das Wochenende lieber drinnen zu verbringen als unterwegs zu sein. Plötzlich wird die Klimakrise sehr konkret. Auch bei Konzertbesuchen, Bühnenarbeit und öffentlicher Mobilität wird sie sichtbar. Es geht nicht um ein abstraktes Klimathema, sondern um eine sehr konkrete Frage nach Komfort, Zugänglichkeit und der Zukunft öffentlicher Kulturorte bei Temperaturen über 30 Grad.
Die Elbphilharmonie in Hamburg musste nach einem Wasserrohrbruch den Spielbetrieb kurzzeitig einstellen. Inzwischen sind Konzerte und die Plaza wieder zugänglich. Ein Wasserrohrbruch – das kennen wir alle. Unangenehm, aber reparabel. Anders beim Brand im Freilichtmuseum Molfsee: Eine historische Kate aus dem Jahr 1765 wurde vollständig zerstört. Weg, für immer. So wie im Krieg oder bei Erdbebenkatastrophen Unwiederbringliches verschwindet.
Kultur zeigt sich in dieser Ausgabe als Belastungsprobe für Räume, Strukturen und Selbstbilder. So viel zum Rückblick, jetzt beginnt der Ausblick für die kommende Woche und das Wochenende.
Ausstellungen
Für mich ist eine Ausstellung kein Programmpunkt. Für mich ist sie immer ein Moment, in dem ich meinen eigenen Blick überprüfe und Neues dazulerne. Wo ich Kunst und Geschichte hautnah erleben kann. So ging es mir letzte Woche in der Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig in Köln und hoffentlich auch am Samstag, wenn ich die neueste Ausstellung im MKM in Duisburg besuche.

Die Yayoi-Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig ist noch bis zum 2.8.2026 zusehen. Dann zieht die Ausstellung weiter nach Amsterdam. Ich war letzte Woche endlich da und konnte mir selbst ein Bild machen. Der Besuch hat sich genau dafür gelohnt, nicht weil mich die Ausstellung überwältigt hätte. Meinen ausführlichen Kommentar dazu findest du hier: „Kusama – Eine Reise in die Unendlichkeit”.

Das Museum Küppersmühle zeigt Jaume Plensa. Seit dem 26. Juni bis zum 1. November 2026 sind über 50 Skulpturen, Papierarbeiten und eigens für das Museum entstandene Wandzeichnungen zu sehen. Es ist seine bislang umfassendste Einzelausstellung in einem deutschen Museum seit rund zehn Jahren. Der Titel der Austellung lautet „Invisible“. Plensa arbeitet mit Gesichtern, Körpern und Abwesenheit, mit Motiven, die nicht laut auftreten, aber lange nachhallen. Am Samstag fahre ich hin, nach Duisburg.
Und wer Kunst lieber im Entstehungsprozess sehen möchte, statt das fertige Werk zu betrachten, für den ist die Ausstellung „DIE GROSSE 2026” im Kunstpalast Düsseldorf bis zum 9. August interessant. Es handelt sich um die älteste von Künstlerinnen und Künstlern selbst organisierte Verkaufsausstellung Deutschlands. Interessant ist dabei weniger der Verkaufsmodus als die dahinterstehende Frage. Was passiert, wenn Kunst sich selbst kuratiert, ohne Museumsdirektion, ohne institutionelle Handschrift?
Diese Frage nach Sichtbarkeit stellt sich diese Woche noch an einem weiteren Ort, der jedoch deutlich unruhiger ist: dem Bode-Museum in Berlin. Dort wurde das offizielle Porträt der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel enthüllt. Mehr dazu unten bei den Debatten.
Bleiben wir aber noch ein bisschen im Norden und werfen einen Blick nach Potsdam. Das Museum Barberini zeigt ab dem 4. Juli die Ausstellung „Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus” die erste umfassende Signac-Schau in Deutschland seit 30 Jahren. Über 90 Werke versammeln sich dort und zeigen Signac nicht als hübschen Küstenmaler, sondern als Theoretiker und Organisator einer ganzen Bewegung. Der Neoimpressionismus zerlegt Licht und ordnet Wahrnehmung fast systematisch. In einer Zeit, in der viel Lautstärke produziert wird, hat eine Ausstellung, die auf Konzentration statt auf Effekte setzt, einen eigenen Wert.
Theater & Bühne
Ein Klassiker unter freiem Himmel – das ist für mich jedes Jahr im Sommer ein kleines Versprechen. Diesen Sommer löst München es ein.
Im Englischen Garten spielt das Münchner Sommertheater ab dem 2. Juli Shakespeares „Was ihr wollt“, frei zugänglich im Amphitheater. Bei schlechtem Wetter wird die Vorstellung in die Mohr-Villa verlegt. In Sebastian Bergaus Inszenierung wird Violas Verkleidung als Mann ernst genommen, nicht als Kostümscherz. Wer sich als jemand anderes ausgibt, verändert nicht nur die Wahrnehmung der anderen, sondern auch die eigene. Im Grunde ist es ein ganzer Salonabend im Theaterformat, nur eben unter Bäumen statt unter Kronleuchtern. Und die kostenlose Eintrittspolitik ist schon eine kleine Position für sich: Gutes Theater braucht keinen Ticketpreis, um ernst genommen zu werden. Vielleicht schaffe ich es ja noch rechtzeitig nach München.
Literaturtipps
Ein Preis kann für den Kulturbetrieb mehr sein als nur ein Ereignis. Er kann aufzeigen, welche Stimmen aktuell als literarisch relevant gelten.
Lena Schätte hat mit ihrem Text „Was wir tragen” den Hauptpreis beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewonnen. Der Bachmannpreis ist einer der sichtbarsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbe und gewissermaßen ein Seismograf dafür, welche Erzählweisen gerade Gehör finden. Ich habe mir die Lesung bei den „50. Tagen der deutschsprachigen Literatur” in der 3sat-Mediathek angeschaut und meine Gedanken dazu in einen Artikel festgehalten, mit Einordnung: „Der Bachmann-Preis 2026 geht an … Lena Schätte”.
Ein Popkultur-Update am Rande: NDR Kultur meldet eine neue Hörbuchreihe der Harry-Potter-Romane mit prominenten deutschen Stimmen. Noch spannender finde ich allerdings die Besetzung der englischen Stimmen. In der englischen Full-Cast-Ausgabe spricht Hugh Laurie Albus Dumbledore, Matthew Macfadyen Lord Voldemort und Riz Ahmed Severus Snape.
Kino
Ich gehe sehr gerne ins Kino. Es ist ein viel intensiveres Gesamterlebnis als das Fernsehen, das bei mir oft eher nebenbei läuft. Ein Kinofilm lässt mich emotional tiefer in eine Geschichte eintauchen. Ohne Handy, ohne Alltagsablenkung kann ich für ein bis zwei Stunden völlig abschalten.
In diesem Zusammenhang ist der Erfolg von „Backrooms“ (Trailer) und „Obsession“ (Trailer) interessant, weil er eine Rückkehr ins Kino markiert, ausgerechnet ausgelöst von Künstlern, die aus dem Internet kommen.
Der scheinbare Kulturgewinn besteht darin, dass junge Leute wieder ins Kino gehen. Der Widerspruch besteht jedoch darin, dass der Inhalt dieser Rückkehr bereits aus der Logik des Internets stammt. Das Kino wird dadurch nicht ersetzt, sondern umcodiert, zum physischen Endpunkt digitaler Erzählungen. Man kann darin auch einen Verlust sehen. Wenn das Kino nur noch verstärkt, was online längst zirkuliert, schrumpft sein eigener ästhetischer Wert. Ich sehe das nicht ganz so pessimistisch. Ein Saal voller Menschen, die gemeinsam erschrecken oder gemeinsam weinen (wie bei Hamet), ist schließlich etwas anderes als ein Feed, durch den man allein scrollt.
Musik
Sting ist einer der wenigen Künstler, bei denen ich nie zögere, ein Konzert zu besuchen – sofern ich noch Karten bekomme. Ich war schon mehrfach live dabei, leider nicht in Amsterdam.

Sein neues Album „The Night Watch: Live at the Rijksmuseum” ist jetzt erhältlich. Es wurde bei einem Konzert direkt vor Rembrandts „Nachtwache” im Rijksmuseum aufgenommen. Dieses Konzert hätte ich wirklich gern gesehen. Wahrscheinlich waren die Tickets schon lange vorher ausverkauft. Die Idee, ein Museum für eine Nacht zur Bühne zu machen, finde ich inspirierend. Kunst und Musik im selben Raum, ohne dass die eine zur Kulisse der anderen wird. Wer schon einmal reinhören möchte, findet hier den Link zum Album auf Spotify.
Debatten & Diskurse
Auch der heutige kultur*letter schließt ab mit Diskussionen, die aktuell debattiert werden.
Im Bode-Museum wurde das offizielle Porträt der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel enthüllt. Es stammt von dem 28-jährigen deutsch-französischen Künstler Jérémie Queyras, der sich mit einem handschriftlichen Brief selbst beworben hatte. Es handelte sich also nicht um eine protokollarische Routine, sondern um eine überraschend persönliche Wahl. Bis zum 4. Oktober ist das Bild im Französischen Saal zu sehen, was beabsichtigt ist und zur französischen Abstammung des Künstlers passt. Anschließend erhält es einen festen Platz in der Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt. Merkel selbst wollte es zuerst dort zeigen, denn sie schätzt das Museum eigenen Angaben zufolge seit ihrer Jugend.
Seither hagelt es Kritik. Es sei zu untypisch, ohne die Raute, zu kühl, zu dunkel und nicht repräsentativ genug für eine Ahnengalerie. Daneben gibt es eine zweite, eigentlich ältere Kritiklinie: Manche nutzen das Bild nur als Vorwand, um Merkels politische Bilanz noch einmal abzurechnen. Das Porträt wird so zur Projektionsfläche für Debatten, die mit Malerei nichts zu tun haben.
Ich finde, nicht alles muss zerpflückt werden, nur weil es Diskussionen erzeugt. Eine gestandene Frau wie Merkel, unsere ehemalige Bundeskanzlerin, kann doch bitte selbst bestimmen, wie sie erinnert werden möchte. Sie kann auch den Künstler auswählen, mit dem sie sich gut sieht, einen jungen, noch unbekannten statt eines routinierten Staatsmalers. Ob einem das Bild gefällt, mir gefällt es, ist eine andere Frage als die, ob Merkel das Recht hatte, so zu wählen, wie sie gewählt hat.
Auch die documenta 16 in Kassel, die vom 12. Juni bis zum 19. September 2027 stattfindet, wird bereits jetzt kulturpolitisch aufgeladen. Naomi Beckwith, stellvertretende Direktorin des Guggenheim-Museums, wurde einstimmig zur künstlerischen Leiterin gewählt. Sie ist damit die erste schwarze Frau in dieser Position. Großartig! Das ist eine Richtungsentscheidung für eine Institution, die nach den antisemitischen Vorfällen bei der documenta 15 unter enormem Druck steht. Das kam für mich nicht ganz unerwartet. Eine Institution, die über Jahre mit Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und der Benachteiligung von Frauen zu kämpfen hatte, trifft jetzt eine Wahl, die davon ablenken kann. Ob es sich dabei um echten Wandel oder kluges Krisenmanagement handelt, wird sich erst noch zeigen.

Am Rande, aber nicht unwichtig: Der Weizenbaum-Report 2026 zeigt eine steigende politische Partizipation in Deutschland bei gleichzeitig wachsender Sorge um die demokratische Kultur im Land. Das ist kein Kulturthema im engeren Sinne. Aber genau dort, wo Kultur und Gesellschaft sich berühren, entsteht der Resonanzraum, um den es in diesem Newsletter jede Woche geht.
In diesem Sinne, ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende und einen guten Start in die kommende Woche! Wir lesen, sehen und hören uns nächste Woche wieder. Bleib neugierig. Bleib zugewandt.
Das Titelbild ist KI-generiert.