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Ernst Beyeler: Der Mann, der Basel zur Kunstweltstadt machte

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Noch bis Sonntag läuft die Art Basel 2026 – und wer dieser Tage durch die Messehallen geht, erlebt den Moment der Erstbegegnung, den der Markt gerade bewusst inszeniert. Unter dem Namen „Basel Exclusive” haben die vier mächtigsten Galerien der Welt ihre Hauptwerke bis zur VIP-Eröffnung zurückgehalten. Es gibt keinen Online-Viewing-Room und auch keine diskreten Vorab-E-Mails. Die Werke zeigen sich erst vor Ort, erst dem Körper, erst dem Auge.

Dies ist eine Reaktion auf eine stille Krise des Formats. In den letzten Jahren wechselten die bedeutendsten Arbeiten bereits den Besitzer, bevor die Messe überhaupt öffnete. Die Messe wurde zur Bestätigung bereits gefällter Entscheidungen. „Basel Exclusive” ist der Versuch, den physischen Augenblick zurückzuholen: das Stehen vor einem Werk, das man noch nicht kennt, das Innehalten, bevor das Urteil fällt.

Dass ausgerechnet Basel diesen Versuch unternimmt, ist kein Zufall. Diese Messe hat einen Gründer, der genau das wusste: dass Kunst einen Ort braucht. Einen Körper. Eine Begegnung. Sein Name war Ernst Beyeler.

„In order to find another good painting, I am still a hunter, which was my pleasure through all these years.“ – aus: Ernst Beyeler: Leidenschaftlich für die Kunst. Gespräche mit Christophe Mory, Zürich 2005.

Ein Buchantiquariat wird zum Visionär

Ernst Beyeler wurde 1921 in Basel in einfache Verhältnisse geboren. Er hatte weder ein kunsthistorisches Studium noch familiäres Kapital im Rücken. Was er mitbrachte, war ein Blick. Der Tagesspiegel nannte ihn später den „Mann mit der Nase“ für höchste Qualität. Das klingt nach Talent. Es war jedoch mehr: Es war ein Urteilsvermögen, das sich über Jahrzehnte an echten Werken schärfte.

Den Anfang machte ein Buch- und Kunstantiquariat an der Bäumleingasse 9 in Basel. 1952 benannte das Ehepaar Beyeler sein Geschäft um – aus dem Antiquariat wurde die Galerie Beyeler. Dieser Schritt war jedoch mehr als nur eine Umbenennung. Er markierte eine Entscheidung: für die Moderne, für Künstler, die damals noch nicht in jedem Museum hingen, deren Bedeutung Beyeler aber früh erkannte – Picasso, Matisse, Mondrian, Rothko, Klee. Namen, die heute wie ein Kanon klingen. Zur Zeit der Ankäufe war vieles davon jedoch noch umkämpftes Terrain.

Hildy Beyeler, seine Frau, war dabei keine Randfigur. Sie war eine mitdenkende Partnerin bei der Galerie, bei der Sammlung und bei allem, was folgte. Ihr Name steht gleichberechtigt auf dem Gründungsakt der Art Basel.

Sammlung als Argumentationsform

Beyeler kaufte nicht für den schnellen Weiterverkauf. Er kaufte mit dem Instinkt eines Sammlers, der ein Werk länger behalten will, als es der aktuelle Marktwert vorgibt. Das unterschied ihn von vielen Händlern seiner Generation. Ein Galerist, der so denkt, ist kein reiner Händler mehr. Er ist Kurator mit Eigenkapital.

Das wurde besonders deutlich in seiner Beziehung zu Pablo Picasso. Er besuchte ihn mehrfach persönlich und erwarb über Jahre hinweg so viele Werke, dass seine Picasso-Sammlung heute zu den weltweit bedeutendsten zählt. Das war keine rein kommerzielle Transaktion, sondern eine klare Haltung: Dieser Künstler ist wichtig, und ich belege das nicht mit Worten, sondern mit meinen Entscheidungen.

Hierdurch zeigte sich, was Beyeler von den meisten seiner Zeitgenossen unterschied. Ein Kunsthändler, der auf diese Art und Weise, stellt sich einer Frage, die der Markt so nicht stellt: Was bin ich dieser Kunst schuldig? Die Antwort, die Beyeler gab, war keine theoretische. Sie war institutionell.

Art Basel: Eine Idee gegen Köln

Die Entstehungsgeschichte der Art Basel beginnt nicht im Jahr 1970, sondern bereits zwei Jahre früher. Am 10. Juni 1968 trafen sich die Basler Galeristen Trudl Bruckner, Balz Hilt und Hildy sowie Ernst Beyeler. Die Idee, die an diesem Abend konkret wurde, war folgende: Basel braucht eine eigene Messe für moderne Kunst.

Der Hintergrund war ein Wettbewerb. In Köln war kurz zuvor die Art Cologne entstanden. Beyeler, dem der deutsche Kunstmarkt zu eng war, wollte ein Gegengewicht schaffen. Es sollte nicht provinziell, sondern liberal und weltoffen sein. Die Schweiz mit ihrer neutralen Stellung, ihrer starken Bankenwelt und ihrer langen Museumstradition schien der richtige Ort dafür zu sein.

Im Juni 1970 öffnete die erste Art Basel ihre Türen: 90 Galerien, 20 Verleger, zehn Länder. Beyeler blieb bis 1992 aktiver Mitorganisator. Bereits bei der vierten Ausgabe galt die Messe als die bedeutendste ihrer Art weltweit. Ein Tempo, das bis heute kein vergleichbares Format wiederholt hat.

Was Beyeler damals bewies, war dasselbe wie bei der Sammlung: Eine kommerzielle Idee trägt am weitesten, wenn sie über den Markt hinausdenkt. Die Art Basel war nie nur eine Verkaufsveranstaltung. Sie war von Beginn an ein Argument für Basel als Standort, für Europa als Kunstzentrum und für die Moderne als ernstzunehmendes kulturelles Erbe.

Art Basel 1973 | Foto © Art Basel

Fondation Beyeler: Kunst für alle

Im Jahr 1982 gründeten Ernst und Hildy Beyeler die Beyeler-Stiftung. Die dahinter stehende Entscheidung war ebenso einleuchtend wie ungewöhnlich: Die Sammlung sollte nicht privat vererbt, sondern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Für einen Kunsthändler, der sein Leben lang mit Kunst gearbeitet hatte, bedeutete dies eine grundlegende Neubestimmung seiner Rolle.

Den geeigneten Ort fand Beyeler in Riehen, im Schwarzwald, seinem Heimatort: ein Gelände mit einer Villa, eingebettet in eine offene Parklandschaft mit Seerosenteichen und Blick auf den Schwarzwald. Für den Bau des Museums beauftragte Beyeler Renzo Piano, ohne Wettbewerb, aus Überzeugung. Piano hatte zuvor das Centre Pompidou in Paris mitentworfen. Das gab Beyeler die Gewissheit, dass dieser Architekt versteht, wie Kunst und Raum in ein produktives Spannungsverhältnis treten können.

Am 18. Oktober 1997 wurde die Fondation Beyeler eröffnet. Licht fällt durch das Dach, Natur und Architektur kommunizieren miteinander. Es ist kein Kunsttempel, sondern ein Ort der Begegnung. Heute umfasst die Sammlung mehr als 400 Werke von 91 Künstlerinnen und Künstlern. Im Jahr 2024 verzeichnete das Museum knapp 400.000 Besucherinnen und Besucher.

Die Fondation ist nicht Beyelers Vermächtnis im biografischen Sinne. Sie ist sein stärkstes Argument, dass kultureller Besitz eine öffentliche Verantwortung trägt.

Die Fondation Beyeler, entworfen von Renzo Piano. Foto: Mark Niedermann (Beyeler Foundation)

„Wer die Chance hat, solch wundervolle Werke zu besitzen, der trägt auch die Verantwortung, sie unter angemessenen Bedingungen zu zeigen.“Ernst Beyeler (Aus Gesprächen, überliefert durch Annemarie Monteil)

Globaler Seismograf der Kunstwelt

Ernst Beyeler starb im Jahr 2010 im Alter von 89 Jahren, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Hildy. Was er hinterließ, ist kein Denkmal. Es ist eine Struktur, die weiterarbeitet.

Die Art Basel 2026 ist der beste Beleg dafür. Mit 290 Galerien aus 43 Ländern und rund 4.000 Kunstschaffenden ist sie die bislang größte Ausgabe. Basel Exclusive, der Parcours entlang der Clarastraße und der Sektor Unlimited mit gesellschaftlich positionierten Arbeiten von Isa Genzken, Bruce Nauman und Theaster Gates zeigen eine Messe, die nicht nur verkauft, sondern auch Fragen stellt. Was ist Kunst wert? Wer entscheidet das? Und wo?

Gleichzeitig wirkt die Biennale in Venedig nach. Viele der Künstlerinnen und Künstler, die dort vertreten waren, sind auch in Basel präsent: Lubaina Himid, Yto Barrada und Sung Tieu zum Beispiel. Die in Venedig angestoßenen Themen setzen sich in Basel fort. Die Kunstwelt denkt derzeit in Kontinua, nicht in Einzelereignissen. Wer die Biennale verfolgt hat, versteht die Art Basel besser. Wer Basel verfolgt, wird die nächste documenta anders lesen.

Das hat Beyeler früh verstanden: Kunst ist keine Abfolge isolierter Momente, sondern ein Gespräch, das über Generationen geführt wird. Die Fondation in Riehen, die Messe in Basel, die Sammlung – er behielt sie nicht für sich. Es war immer dasselbe Argument in drei verschiedenen Formen.


Titelbild: Das Kunstwerk von Katharina Grosse. Bild © Art Basel 2026

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