„Love life“ – Was David Hockney der Kunstwelt hinterlässt

in CULTURE & PEOPLE/Kommentar/Kunst by

Ich saß im Museumscafé und war noch ganz vertieft in die Eindrücke der Uecker-Ausstellung, die ich mir gerade im Arp-Museum angesehen hatte. Uecker, der im letzten Jahr verstorben ist, seine weißen Nagelfelder, diese Geste der Erschütterung, des Schmerzes, des Erinnerns. Dann eine Push-Nachricht auf meinem Handy: David Hockney ist gestorben, am 11. Juni 2026, im Alter von 88 Jahren – kurz vor seinem nächsten Geburtstag.

Zwei Künstler, ein Nachmittag. Uecker, der aus dem Schmerz arbeitete. Und Hockney, der zeitlebens aus etwas völlig anderem schöpfte: aus Freude, aus Licht und aus einer Zuneigung zur Welt, die er nie verteidigen musste, weil sie in jedem Pinselstrich einfach vorhanden war.

Wer war dieser Künstler? Ich lade dich ein, mit mir durch eine imaginäre Retrospektive zu gehen.

Er war ein Optimist der Wahrnehmung und zeigte uns, dass das Naheliegende – sei es ein Swimmingpool, ein Freund oder ein Canyon – unendlich tief sein kann.

Bradford und London (1937-1964)

David Hockney wurde 1937 in Bradford geboren, einer grauen, von der Nachkriegsarmut gezeichneten Industriestadt in Yorkshire. Dass aus diesem Umfeld einer der farbenfreudigsten Maler des 20. Jahrhunderts hervorging, ist keine Randnotiz seiner Biografie, sondern vielleicht der erste Hinweis auf das, was ihn als Künstler ausmachte: die bewusste Entscheidung, anders zu sehen, als es die Umgebung nahelegt.

Er studierte am Royal College of Art in London, wurde Teil der britischen Pop-Art-Bewegung der 1960er Jahre und erregte früh Aufmerksamkeit. Der Kunsthändler John Kasmin nahm ihn 1961 in sein Programm auf. Doch London war nur eine Durchgangsstation. Was Hockney suchte, fand er woanders.

Los Angeles und das Licht (1964-1972)

1964 kam Hockney nach Kalifornien und erlebte, wie er selbst es beschreibt, eine Offenbarung. Nicht im spirituellen Sinne, sondern im ganz konkreten: das Licht. Ein Licht, das er in Bradford und London nicht kannte. Es war flach, weit und von einer Direktheit, die seine Malerei veränderte. Er kaufte sich ein Haus und ein Atelier in Los Angeles, nannte sich selbst „an English Los Angeleno” und blieb es auch, als er später in der Normandie lebte, in Yorkshire malte und zuletzt wieder in London war.

In dieser Zeit entstanden die Bilder, mit denen sein Name bis heute untrennbar verbunden ist: die Swimmingpool-Bilder. Das bekannteste ist „A Bigger Splash” aus dem Jahr 1967. Zu sehen ist ein Sprung ins Wasser, der Moment danach, die Stille, das aufgewühlte Wasser und im Hintergrund das Haus. Kein Drama, keine Geste. Und doch ist das Bild elektrisierend, weil Hockney dem Alltäglichen eine solche Präzision verleiht, dass es zu etwas Unausweichlichem wird.

Video: „A Bigger Splash“ von 1967.

Und dann „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)” aus dem Jahr 1972 – für mich eines der bewegendsten Werke seines gesamten Schaffens. Es entstand in einer Phase, in der seine Beziehung zu Peter Schlesinger zerbrach. Zu sehen ist ein junger Mann am Beckenrand, der auf einen Schwimmer im Pool hinabschaut. Zwei Figuren, die sich nicht berühren, nicht ansehen. Das Wasser liegt zwischen ihnen. Hockney soll das Bild in einem extremen Kraftakt innerhalb weniger Wochen fertiggestellt haben. Es ist eines der persönlichsten Werke, die er je geschaffen hat, obwohl es auf den ersten Blick kühl und kontrolliert wirkt. Genau das macht es so stark: Die Emotion ist vorhanden, wird aber nicht zur Schau gestellt.

David Hockney, Portrait of an Artist (Pool with Two Figures), 1972. © David Hockney Photo Art Gallery of New South Wales / Jenni Carter

Besonders bemerkenswert ist, dass dieses Werk es schaffte, noch zu Lebzeiten des Künstlers im November 2018 bei einer Auktion von Christie’s für 90,3 Millionen US-Dollar verkauft zu werden. Das Werk ist mit den Maßen 213,5 × 305 cm auch wegen seiner Größe bemerkenswert. Hockney lädt die Betrachter ein, in die ruhige Szenerie vor ihm einzutreten.

Was weniger oft gesagt wird: Viele dieser Pool-Bilder waren homoerotisch aufgeladen – und das in einer Zeit, in der Homosexualität in Großbritannien noch unter Strafe stand. Hockney malte homosexuelle Beziehungen ohne Manifest, ohne Empörung, mit einer Selbstverständlichkeit, die damals alles andere als selbstverständlich war. Bereits früher hatte er Werke wie „We Two Boys Together Clinging” oder „Two Men in a Shower” gezeigt. Das war kein Protest. Es war etwas Schwierigeres: Normalität behaupten, wo noch keine war.

Später zog er sich nach Santa Monica und Malibu zurück und suchte die unendlichen Aussichtspunkte des Grand Canyon: „A Bigger Grand Canyon“. Heute wird er vor allem mit stark farbiger Landschaftsmalerei in Verbindung gebracht. Die Landschaftsmalerei, die in der Gegenwartskunst eher ein Stiefkind ist, wird in den kommenden Jahren (2000er–2012) wieder ins Zentrum seines Schaffens rücken.

Die intime Welt: Porträts und Menschen (1970er-1980er)

Neben den Pool-Bildern entstand in den 1970er Jahren ein weiteres bedeutendes Werk: „Mr and Mrs Clark and Percy” (1971). Es zeigt das Doppelporträt des befreundeten Modedesigners Ossie Clark und seiner Frau Celia Birtwell mit ihrer Katze Percy. Die beiden stehen und sitzen in einem lichtdurchfluteten Londoner Apartment und schauen in verschiedene Richtungen. Das Bild steht für Nähe und Distanz zugleich, für das, was zwischen zwei Menschen steht, auch wenn sie zusammen sind.

Und dann „My Parents“ (1977). Hockneys Vater ist in ein Buch vertieft, während seine Mutter für das Gemälde posiert. Anmutig hat sie die Hände im Schoß gefaltet und blickt den Betrachter freundlich an. Zwischen den beiden steht ein kleiner Tisch mit einem Spiegel. Es ist eines der stillsten und präzisesten Werke seines gesamten Schaffens. Kein Pathos, keine Sentimentalität. Nur zwei Menschen, genau betrachtet.

David Hockney: My Parents, 1977, Tate, © David Hockney, Foto: Tate

Das war Hockneys Prinzip bei Porträts: Er malte fast ausschließlich Menschen aus seinem engsten Umfeld, Freunde, Geliebte, Familie. Keine Auftragsarbeiten, keine repräsentativen Bildnisse. Wer bei Hockney saß, war ihm wichtig. Das Porträt war für ihn kein Genre, sondern ein Akt der Zuwendung, was er in seinem Spätwerk noch vertiefte.

Das Sehen neu erfinden, immer wieder (1980er-2001)

Was Hockney von vielen Künstlern seiner Generation unterscheidet, ist: Er hörte nie auf, das Sehen selbst zu befragen. Nicht als gelöstes, sondern als offenes Problem. Das war keine akademische Übung, sondern eine echte Obsession, die sich durch sein gesamtes Lebenswerk zieht.

Hockney war stets für neue Techniken aufgeschlossen. So verwendete er früh für seine Arbeit Polaroid-Bilder oder nutzte Farbkopierer und Faxgeräte. In den 1980er Jahren entwickelte er die sogenannten „Joiners“: Fotocollagen aus Dutzenden von Einzelaufnahmen, die er zu einem Gesamtbild zusammensetzte. Das Ergebnis war jedoch kein Panorama, sondern etwas Fremdartigeres: ein Bild, das verschiedene Zeitmomente gleichzeitig zeigt, so wie das Auge tatsächlich sieht, wenn es einen Raum abtastet. Nicht der eine perfekte Blickpunkt der Zentralperspektive, sondern viele Blicke, die zu einer neuen Wahrheit zusammengesetzt sind.

David Hockney „Joiners“ Fotocollagen
David Hockney „Joiners – Janes Allan“

Diese Frage nach der Perspektive trieb ihn weiter. In seinem 2001 erschienenen Buch „Secret Knowledge” entwickelte er die These, dass die großen Meister der Renaissance optische Hilfsmittel wie Linsen und Spiegel verwendeten, um ihre verblüffend präzisen Darstellungen zu erzeugen. Die Kunstwelt reagierte skeptisch bis ablehnend. Aber darum ging es Hockney nicht. Ihn interessierte die grundsätzlichere Frage: Wie entsteht ein Bild? Was sehen wir wirklich, wenn wir sehen?

Secret Knowledge: Rediscovering the Lost Techniques of the Old Masters von David Hockney (2001)

„Der Ursprung aller Kunst, der Ursprung aller Kreativität, ist Liebe. Wenn jemand glaubt, es gebe etwas Wichtigeres, wüßte ich gern, was das sein sollte.“ – David Hockney

Dieses Zitat aus einem seiner letzten großen Interviews fasst zusammen, was hinter all seinen Experimenten stand. Für Hockney war das Sehen nie Selbstzweck. Es war für ihn stets ein Akt der Zuwendung.

Zurück zu den Wurzeln (2000er-2012)

Nach Jahrzehnten in Kalifornien kehrte David Hockney in die Landschaft seiner Kindheit in Yorkshire zurück. Was dort entstand, überraschte viele: großformatige, leuchtend farbige Landschaftsbilder der „Wolds”, die die Jahreszeiten, die Bäume und das Licht zu verschiedenen Tageszeiten zeigen. Keine Pools, keine Porträts. Und doch sind sie unverkennbar Hockney.

David Hockney, Bigger Trees Near Warter or ou Peinture en Plein Air pour l’age Post-Photographique (2007) aus 50 einzelnen Leinwänden.

Er hielt die Natur in all ihren Facetten fest, vom frischen Frühlingsgrün bis hin zu tiefen Winterlandschaften. Viele der Werke entstanden direkt in der Natur und wurden zu riesigen, mehrteiligen Leinwänden zusammengefügt. Das 4,6 mal 12,2 Meter große Werk „Bigger Trees Near Warter” (2007) auf 50 einzelnen Leinwänden schenkte er der Tate Britain. „The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire“ (2011) ging an das Centre Pompidou in Paris. Werke, die er verschenkte. Das sagt auch etwas aus.

David Hockney, Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire in 2011, oil on 32 canvases, Centre Pompidou, Musée national d’art moderne-Centre de création industrielle, Paris. Ebenfalls aus einzelnen (32) Leinwänden.

Spätwerk (2013-2023)

Zwischen 2013 und 2016 entstand die Porträtreihe „82 Portraits and 1 Still-life„: Freunde, Bekannte und Wegbegleiter sitzen auf einem gelben Stuhl vor einem einfarbigen Hintergrund und sind in Hockneys charakteristisch direktem Stil porträtiert. Kein Psychologisieren, keine Dramatik. Diese Bilder sagen schlicht: Dieser Mensch ist jetzt da. Das reicht.

Aus dem Buch: David Hockney, 82 Portraits and 1 Still-Life (2026). Gebundene Ausgabe.  Thames & Hudson, 176 Seiten.

Ab 2019 und auch während der Corona-Pandemie zog sich Hockney nach Rumesnil im Calvados in die Normandie zurück. „Ich bin in die Normandie gekommen, weil es hier mehr Blumen gibt”, sagte er. Dort entstand eines seiner ambitioniertesten Spätwerke: „A Year in Normandie“, ein Zyklus, der die Ankunft des Frühlings als narrativen Fries von beeindruckenden 90,75 Metern Länge festhält. Er wurde auf dem iPad gemalt und ist vom Wandteppich von Bayeux inspiriert. Das monumentale Werk wurde 2021 im Musée de l’Orangerie in Paris ausgestellt – in bewusster Nachbarschaft zu Monets „Nymphéas”. Ein 80-jähriger Mann, ein digitales Gerät, ein Blick aus dem Fenster auf den Garten – daraus wurde Weltkunst.

David Hockney: „A Year in Normandie“ Teile des Fries hier als Postcard Collection-Ansicht.

Für Hockney war das iPad weder ein Notbehelf noch eine Spielerei. Bereits ab 2008 hatte er, mit über 70 Jahren, auf dem iPhone mit der App „Brushes” gezeichnet und Freunden morgens vor dem Frühstück Blumenbilder geschickt. Sein Stil war derselbe geblieben. Nur das Medium hatte gewechselt. Für eine eigens für ihn entwickelte App wechselte er auf das iPad und legte dabei die technischen Anforderungen fest. Was ihn antrieb, war wahrscheinlich dieselbe Frage wie immer: Wie sehe ich das, was vor mir ist? Und wie bringe ich es auf die Fläche?

„Die meisten Maler bleiben ihrem Stil treu, den sie einmal gefunden haben. Für mich aber ist ständige Veränderung wichtig“, sagte er einmal. Das war keine Koketterie. Es war sein Programm. Bis zuletzt.

David Hockney auf der Frankfurter Buchmesse bei der Vorstellung des Buches „TASCHEN SUMO, A Bigger Book“. Ein Überblick über Hockneys Œuvre. Erschienen im TASCHEN Verlag. 2016.


Er malte das Licht. Er malte die Liebe. Er malte, was er sah — und lehrte uns, es auch zu sehen.

David Hockney hinterlässt seinen langjährigen Partner Jean-Pierre Gonçalves de Lima, seinen Großneffen und Studioassistenten Richard Hockney sowie seine Brüder Philip und John. König Charles III. würdigte ihn als „Giant of the world of art and painting“ und „einen echten Yorksmann“. Seine Werke sind in den bedeutendsten Museen weltweit vertreten. Er hat um die 2000 Bilder gemalt, von denen er viele dem Markt nie preisgegeben hat. Ich bin sehr gespannt auf die Retrospektiven, die uns in den nächsten Jahren zu Hockney erwarten.

Was David Hockney uns hinterlassen hat, ist kein Manifest, keine Schule, keine Bewegung. Er hat etwas Selteneres hinterlassen. Den Beweis, dass man ein Leben lang aus Freude heraus arbeiten kann, ohne seicht zu werden. Dass Optimismus keine Verweigerung von Tiefe ist, sondern manchmal ihre radikalste Form. Seine Agentin zitierte nach seinem Tod seinen Leitsatz: „Love life.”


Als Video-Tipp, die ARTE-Dokumentation zu David Hockney auf YouTube.

Titelbild: „Play within a Play within a Play and Me with a Cigarette“, 2024–25, © David Hockney. Ausschnitt aus dem Foto von Jonathan Wilkinson.