Es ist Samstag — einen Tag später als sonst für den wöchentlichen kultur*letter. Manchmal gewinnen Erlebnisse gegen den Redaktionsplan. So wie diese Woche.
Am Donnerstag war ich beim Grimme-Diskurs im NRW-Forum Düsseldorf, am Freitag folgte ein kurzer Ausflug ins Siebengebirge und nach Königswinter, um dann die Uecker-Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu besuchen, die am Sonntag schließt. Abends erreichte mich die Nachricht, dass David Hockney gestorben ist. Viel für zwei Tage.
Deshalb ist diese Woche anders strukturiert: mehr Rückblick, ein bisschen Ausblick. Es gibt heute keinen vollständigen Rubrik-Durchlauf, sondern nur das, was diese Tage für mich hinterlassen haben.
Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt — Arp Museum Bahnhof Rolandseck, letzte Möglichkeit: 14. Juni 2026.
Die Ausstellung ist weitaus mehr als eine klassische Werkschau. Sie präsentiert ein über Jahrzehnte gewachsenes Œuvre als konzentrierte Auseinandersetzung mit Verletzung, Widerstand, Schmerz und Heilung. Uecker, der im vergangenen Jahr im Alter von 95 Jahren starb, hat noch persönlich an der Ausstellung mitgewirkt. Das verleiht ihr eine besondere historische und emotionale Dichte – und das ist spürbar.

Was die Schau so stark macht, ist ihr doppelter Zugriff: Sie zeigt Uecker zwar als den Künstler der ikonischen Nagelreliefs, aber eben nicht nur als den Wiedererkennungswert seiner Marke. Die Ausstellung spannt einen Bogen über fast 70 Jahre und umfasst rund 45 Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensphasen, darunter Nagelobjekte, kinetische Arbeiten und späte Serien. Dadurch wird deutlich, dass Ueckers Werk nie nur formal war, sondern stets auch eine seelische und politische Dimension hatte. Es lässt das Zerstörte sichtbar werden und bringt es dennoch in eine Ordnung. Heilung, die nicht romantisiert wird. Das Zerstörte, das nicht versteckt wird.

Das Arp Museum setzt diese Perspektive klug um, da die Werkschau nicht in Ehrfurcht erstarrt, sondern Bewegungen zwischen Härte und Offenheit zeigt. Dadurch wird deutlich, dass Uecker den deutschen Nachkrieg nicht dekorativ überformt, sondern seine Bruchstellen ernst nimmt. Das macht die Ausstellung für Besucher:innen so relevant. Sie fragt nicht nur, was Kunst zeigt, sondern auch, was sie mit einer verletzlichen Gegenwart anfangen kann. Sonntag ist der letzte Tag. Die Kisten stehen bereit, um alles wieder sicher zu verpacken.

Für alle, die es nicht mehr schaffen: Ladet euch die App des Arp Museums herunter. Die Werke sind dort ausgezeichnet besprochen (mit Bildern) und ihr erhaltet auch ohne Besuch einen substanziellen Überblick über Ueckers Œuvre. ArpMuseum.org
Ich habe viel fotografiert und meine Gedanken dazu notiert. Das alles verarbeite ich gerade noch in einem ausführlicheren Artikel, der in den nächsten Tagen erscheint.
Er malte das Licht. Er malte die Liebe. Er malte, was er sah und lehrte uns, es auch zu sehen. —David Hockney (1937 -2026)
David Hockney ist gestern im Alter von 88 Jahren friedlich in seiner Londoner Wohnung gestorben, einen Monat vor seinem 89. Geburtstag. Er war ein britischer Maler, dessen Werke zu den berühmtesten der Welt gehören. „Farbe ist eine Quelle der Freude”, sagte er in einem Interview und fügte hinzu: „Ich möchte, dass meine Kunst Freude bereitet.” Und das tat sie auch. Er wechselte von Malerei und Zeichnung zu Fotocollagen und Videoarbeiten. Für seine digitale Kunst wurde sogar eine eigene App speziell für ihn entwickelt. Das ständige künstlerische Experimentieren faszinierte mich. Was er schuf, machte ihn zu einem der bedeutendsten Künstler. Eines seiner frühen Gemälde aus dem Jahr 1980 wurde für mehrere Millionen Pfund verkauft. Ein Rekord für die Kunst eines noch lebenden Künstlers.
Ein entscheidender Moment in seinem Leben war die Ankunft in Los Angeles im Jahr 1964: Hockney beschrieb Südkalifornien als Offenbarung, das Licht sei nirgendwo sonst so wie dort. Pools. Palmen. Flachheit und Weite. All dies findet sich in seinen Kunstwerken wieder. Hockney hat uns gezeigt, dass Schönheit kein Luxusproblem ist, sondern eine Form von Ernsthaftigkeit. Er malte homosexuelle Beziehungen in einer Zeit, in der Homosexualität in Großbritannien unter Strafe stand – ohne Manifest, ohne Empörung, sondern mit Selbstverständlichkeit. Genau das war revolutionär. Und dann, im Alter, entdeckte er das iPad und schickte Freunden morgens Blumenbilder, noch vor dem Frühstück. Seinen Stil hatte er nicht verloren. Er hatte ihn lediglich in ein neues Medium übertragen. Seine Agentin zitierte nach seinem Tod seinen Leitsatz: „Love life.” Ich finde, das ist genug. Vielleicht ist es sogar das Schwierigste, was man als Künstlerin oder Künstler sagen kann – und dann auch noch einzulösen. R.I.P.
Als Video-Tipp, die ARTE-Dokumentation auf YouTube.
Vorschau für die kommende Woche: Tollwood Sommerfestival in München
Vom 19. Juni bis 19. Juli 2026 findet das Tollwood Sommerfestival im Olympiapark Süd in München statt. Unter dem Motto „Mit Gefühl statt nur dabei – die Rückeroberung der Empathie” erwarten die Besucher 466 Veranstaltungen, davon über 430 mit freiem Eintritt. Dies ist nicht nur ein Konzertkalender, sondern mit 466 Veranstaltungen, davon über 430 mit freiem Eintritt, auch ein kulturpolitisches Statement. In der Musik-Arena spielen unter anderem Bosse am 21. Juni, Fat Freddy’s Drop am 22. Juni, Joss Stone am 13. Juli, ZAZ am 16. Juli und Deep Purple zum Abschluss am 19. Juli. tollwood.de
Das Motto regt zu Diskussionen an, die über das Festival selbst hinausgehen. Was bedeutet es eigentlich, kulturell anwesend zu sein – nicht nur körperlich präsent? Diese Frage beschäftigt derzeit nicht nur Tollwood. Diese Frage stellen sich Institutionen, Redaktionen und Leser:innen. Und anscheinend passt zur Eröffnung auch das Wetter: Sonnenschein und um die 30 Grad. Das klingt nach einer guten Entscheidung.
Art:walk Festival Düsseldorf — Premiere 13./14. Juni 2026
Das Art:walk Festival feiert dieses Wochenende seine allererste Ausgabe — und das ist bereits für sich ein erzählenswerter Moment. Es löst die langjährige Nacht der Museen ab und entwickelt das Format entschieden weiter: nicht mehr nur ein Abend, nicht mehr nur Museen, sondern ein ganzes Wochenende, das Museen, Bühnen, Performances im öffentlichen Raum und digitale Formate miteinander verknüpft. Düsseldorf versucht damit, Kulturformat und Stadtbild gleichzeitig neu zu denken — das ist mehr als Event-Kosmetik.
Samstag, 13. Juni — Museumsnacht (16–24 Uhr). Die Museen und Ausstellungshäuser öffnen abends ihre Türen, darunter der Kunstpalast mit musikalischen Acts, Ausstellungen und einer Atmosphäre zum Verweilen und Mittanzen. Über 50 Kulturorte beteiligen sich.
Sonntag, 14. Juni — Tag der Bühnen (12–17 Uhr). Düsseldorf wird zur offenen Bühne: Theater, Tanz, Musik, Performance und Mitmachformate an über 70 Orten in der Stadt. Die Oper am Rhein bietet stündlich wechselnde 20-Minuten-Kurzformate mit Opernarien, Tanzausschnitten und Blicken hinter die Kulissen. Die Robert Schumann Hochschule spielt auf der Hofgartenbühne. Das D’haus (Düsseldorfer Schauspielhaus) ist mit eigenem Programm am Worringer Platz vertreten.
Ticket & Logistik: 25 € Erwachsene, 20 € ermäßigt, 15 € für 13–18-Jährige, Kinder bis 12 frei. Das Ticket gilt für beide Tage und beinhaltet die kostenlose Nutzung des ÖPNV im VRR-Gebiet. Tickets vorab online oder in der Tourist-Information kaufen — spontaner Kauf vor Ort nur samstags bis 19 Uhr und am Infopoint Grabbeplatz (nur Karte). Ticketkauf.

Literaturtipp: Meinungsfreiheit neu verhandelt
Ronen Steinke: Meinungsfreiheit. Der Journalist und Jurist hat mit diesem Buch die Debatte um freie Rede und Ehrenschutz in Deutschland neu entfacht. Darin verteidigt er freie Rede auch gegenüber polemischen Äußerungen und diskutiert den Umgang mit Desinformation und Nazivergleichen kontrovers. Die ZEIT nennt es „überraschend klug”. Das Buch war für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 nominiert. Gewonnen hat diesen allerdings Konstantin Richters „Dreihundert Männer”.
Piper Verlag, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro, 304 Seiten.
Das Buch passt gut in diese Woche, in der ich beim Grimme-Diskurs saß und viel über Haltung, Objektivität und Deutungshoheit gehört habe. Steinke stellt die Fragen, die in diesen Debatten gerne umschifft werden. Als Ergänzung zum Podcast: Steinke war in mehreren Formaten zu Gast, unter anderem bei WDR und SWR Kultur. Eine kurze Suche liefert passende Episoden.

Debatten & Diskurse – Haltung ist keine Meinung
Ich war am Donnerstagvormittag beim Grimme-Diskurs im NRW-Forum Düsseldorf. Die Parkplatzsuche am Ehrenhof hat mich zwanzig Minuten gekostet. Ein kleines Symbol dafür, dass intellektuelle Veranstaltungen manchmal an ganz praktischen Dingen scheitern. Aber dann saß ich drin: „Journalismus: zwischen Objektivität, Aktivismus und Auszeichnung“.
Handwerk zuerst — Haltung danach: Darum ging es in der zweiten Keynote des Tages mit Jörg Schönenborn, dem Chefredakteur des WDR-Fernsehens, der als das Gesicht der ARD-Wahlabende bekannt ist. Seine These war klar und ohne Umschweife vorgetragen: Journalismus ist zuerst Handwerk und erst dann Haltung. Haltung sei etwas Persönliches, Individuelles, sagte er. Sie gehöre dem Menschen, nicht der Redaktion.
Danach kamen Zahlen, die ich so nicht erwartet hatte. Das Vertrauen der Gesellschaft in die Medien liegt bei rund 45 Prozent. Journalistinnen und Journalisten schätzen die eigene Branche hingegen mit über 90 Prozent als vertrauenswürdig ein. Das ist keine Lücke. Das ist ein Abgrund. Schönenborn macht dafür einen konkreten Wendepunkt verantwortlich: die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Eine harte Selbstkritik, die er öffentlich und namentlich formulierte. Das verdient Respekt.
Schönenborn brachte zwei weitere Konzepte in die Diskussion ein, die ich für analytisch besonders wertvoll halte: Zum einen den Wirklichkeitsindex, also die Frage, welche Themen die Medien in die Gesellschaft hineintragen, obwohl ihr tatsächliches Gewicht im Alltag der Menschen ein anderes ist (sein Beispiel ist das Deutschlandticket). Zum anderen den Rollenreflex, der dazu führt, dass Debatten fast reflexartig nur aus einer Perspektive geführt werden. Mehr dazu in meinem Nachbericht.
Bemerkenswert fand ich im Anschluss den Talk mit Maria Timtschenko (Wie Recht reden) und Céline Weimar-Dittmar (Brandmelder, Netzwerk Klimajournalismus Deutschland). Beide haben transparent gemacht, wie sie mit Objektivität umgehen, wenn sie gleichzeitig klare gesellschaftliche Ziele verfolgen. Das Ergebnis war kein Widerspruch, sondern ein ehrliches Bekenntnis: „Wir haben eine Haltung – und wir sagen, welche.” Das Newsletter-Format als journalistisches Instrument, das auch in der Nische tief graben kann, ohne die Glaubwürdigkeitsfrage zu umgehen, ist etwas, worüber die Branche noch viel zu wenig spricht.
Einen Punkt will ich nicht übergehen: die Debatte um Good News versus Bad News. Ich widerspreche laut und ohne Zögern der Vorstellung, Journalismus sei per se Problemberichterstattung. Dass unser Urgehirn stärker auf Bedrohungsreize reagiert als auf Gelingensnachrichten, ist evolutionäre Biologie – kein journalistisches Programm. Eine Branche, die das unkritisch bedient, befeuert News-Fatigue und gesellschaftliche Resignation. Wer im Jahr 2026 noch fragt, ob konstruktiver Journalismus seriös ist, hat die Entwicklung um mindestens zehn Jahre verschlafen.
Mein Fazit aus dem Diskursraum heraus: Kann ich ohne Haltung objektiv sein – oder muss ich haltungslos sein, um objektiv zu sein? Die Veranstaltung hat eine klare Tendenz ergeben. Haltungslosigkeit ist keine Objektivität. Sie ist lediglich eine gut versteckte Haltung. Wer das anerkennt und trotzdem um größtmögliche Präzision ringt, macht besseren Journalismus. Dazu habe ich mir letzte Woche schon einmal meine Gedanken gemacht. Das könnt ihr hier nachlesen: Verlieren Medien ihre Neutralitätserzählung?
Das ist mein kuratierter Ausblick für diese Woche. Es gibt weniger Rubriken als sonst, dafür aber mehr Tiefe. Das hat sich für mich diese Woche stimmiger angefühlt. Ich hoffe, es ist auch für euch so. Ich wünsche euch ein wunderbares Wochenende und einen guten Start in die kommende Woche. Wir lesen, sehen und hören uns nächste Woche wieder. Bleib neugierig. Bleib zugewandt.