Es ist Freitag, und wie jede Woche habe ich das Beste aus Ausstellungen, Literatur, Theater und Debatten für dich zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir.
Was mich diese Woche nicht losgelassen hat, ist die Frage, wer eigentlich spricht und wer entscheidet, ob das Gesagte Bestand hat. Nicht als abstrakte Medienkritik, sondern ganz konkret: Heute haben wir uns in meinem Unterricht gefragt, wie wir selbst mit Macht und Ohnmacht umgehen. Ich habe dazu Stephen R. Coveys Theorie des „Circle of Influence“ erklärt, die besagt, dass nicht alles, was uns betrifft, auch von uns veränderbar ist und dass Energie oft dorthin fließt, wo sie gar nichts bewegt.
In den vergangenen Wochen war es Stephen Colbert, der diese Frage ungewollt aufwarf: Sein gestriger Abgang aus der US-amerikanischen Late-Night-Show wurde offiziell als wirtschaftliche Entscheidung von CBS begründet. Politisch brisant wurde die Entscheidung jedoch, weil sie zeitlich nah an Colberts scharfer Kritik an Paramounts Deal mit Donald Trump lag. Ob das ein Demokratieskandal ist, lässt sich nicht einfach behaupten. Wenn Satire jedoch aus dem Hauptstrom verschwindet, weil ein Konzern Konflikte lieber glattbügelt als aushält, lohnt sich eine genaue Beobachtung. Satire ist kein Luxus der Öffentlichkeit, sondern ihr Nerv. Wo sie verstummt, wird der Ton enger.
So viel zum Rückblick – jetzt beginnt der Ausblick für die kommende Woche vom 22. bis 29. Mai 2026.
Ausstellungen – Wer ins Bild gesetzt wird
Den schönsten Fund dieser Woche habe ich nicht in einer Galerie, sondern im Monopol-Newsletter gemacht: Wenhui Lim alias niceaunties verwandelt ihren Instagram-Feed in einen kuratierten Kunstraum. In ihrem „Auntieverse” stehen ältere Frauen nicht am Rand, sondern im Zentrum – als Figuren von Würde, Fantasie und Freiheit. Mit digitaler Kunst, KI und spekulativem Storytelling entwirft sie Bilder, die dem üblichen Hochglanzkanon der sozialen Medien direkt widersprechen. Für mich ist das mehr als ein hübscher Instagram-Fund: Es ist ein kluger Kommentar dazu, wer in digitalen Bildwelten überhaupt als modern, erzählenswert und sichtbar gilt – und wer nicht. Unbedingt reinschauen!

Ein persönliches Must-See ist für mich das Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee – schon allein wegen der Ausstellung „ZERO – Eine internationale Künstlerbewegung 1957–1966“, die das Jubiläumsjahr (60 Jahre Museum) begleitet. Besonders reizvoll finde ich die 2023 neu gestaltete Dauerausstellung, die Gulbranssons ambivalentes Verhalten in der NS-Zeit erstmals kritisch beleuchtet. Eine neue App rückt zudem Frauen und bisher übersehene Personen aus seinem Umfeld ins Licht. Das ist der Unterschied zwischen einem Museum, das sich selbst schützt, und einem, das seine eigene Erzählung mutig umbaut.
Theater – Gegenwart auf der Bühne
Diese Woche wird das Wetter sonnig und sehr warm. Trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt sich jetzt schon ein Blick auf die Autor*innenTheaterTage 2026 am Deutschen Theater Berlin (6.–20. Juni). Elf neue Stücke der deutschsprachigen Szene werden dort nicht einfach gespielt, sondern gesellschaftlich gelesen. Besonders empfehlenswert sind Barbi Markovićs „3 Schwestern”, eine dunkle Komödie über Schwesternschaft als Machtbeziehung, sowie Akın Emanuel Şipals „Der Zauberer von Öz”, das Mesut Özils Biografie als scharfes Stück über Deutschland, Projektionen und öffentliche Erzählungen interpretiert. Theater wird dort interessant, wo es aufhört, bloß Illustration zu sein, und zur Denkform wird. Im Vorfeld der ATT 2024 haben 52 Autor:innen aus 52 Ländern je eine Geschichte zu erzählen, die angesichts der globalen Krisen Mut macht. Ein Podcast als Geschichtengenerator im Dienste von Erfolg und Vernunft. Jetzt schon mal reinhören!
TV & Streaming – Wer das Publikum zum Produzenten macht
Diese Woche habe ich gleich drei sehr unterschiedliche Empfehlungen, die zeigen, wie breit das Spektrum gerade ist.
Ich schaue mir gerade auf Arte die sechsteilige Miniserie „Etty” an. Bisher habe ich zwei Teile geschafft, mehr war noch nicht drin. Die Serie, die von den Tagebüchern der jüdischen Intellektuellen Etty Hillesum inspiriert wurde, erzählt vom menschlichen Reifen und spirituellen Erwachen inmitten des erstarkenden Faschismus in Amsterdam – und von ihrer stürmischen Beziehung zu dem älteren Psychochirologen Julius Spier. Regie führt Hagai Levi, der dem deutschen Publikum durch das israelische Original von „In Therapie” bekannt ist. Die SZ schreibt: „aufwühlend, verstörend, langatmig, wunderbar.” Das kann ich nach zwei Folgen vorsichtig bestätigen. Es ist anspruchsvolles Fernsehen, das einen aber auch nicht einfach loslässt. Genau das reizt mich daran.
Auf Netflix startet die neue Staffel von „Haus des Geldes: Berlin” – diesmal mit einem Coup in Sevilla und einem Da-Vinci-Gemälde als Beute. Ich habe sie noch nicht gesehen, sie steht aber auf meiner Liste. Wer auf stilvolles Heist-Fernsehen mit europäischem Flair steht, wird hier fündig. Das könnte ein schöner Wochenendabend werden.
Und dann wäre da noch „Seeking Persephone”. Eine Miniserie, die derzeit leider noch nicht in Deutschland verfügbar ist. Für mich ist das Besondere an der Serie vor allem eines: Sie ist ein Hinweis darauf, dass das Fernsehen gerade neu verhandelt wird – nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell. Die Adaption von Sarah M. Edens Regency-Roman wurde über Kickstarter mitfinanziert, von mehreren Tausend Menschen getragen und außerhalb der üblichen Plattformlogik realisiert. Das Ergebnis ist ein Projekt, das weniger von Effekten als von Atmosphäre und Figurenbindung lebt. Man spürt, dass hier etwas außerhalb der Monokultur der Plattformen entsteht. „Seeking Persephone“ verzeichnet derzeit schon einen beachtlichen Erfolg. Crowdfunding als Gegenmodell: nicht nur ästhetisch, sondern auch ökonomisch eine Frage der Machtverteilung. Videovorschau
Literatur – Zwei Bücher, eine Frage
Zwei sehr gegensätzliche Lesetipps diese Woche – und doch erzählen sie zusammen etwas Präzises über die Gegenwart: Wir brauchen bessere Sprache. Und wir brauchen mehr Widerstand gegen die Bilder, die uns klein machen.
Ich gebe Schulz von Thuns Kommunikationsmodelle seit Jahren in meiner Lehre weiter, da sie keine Technik, sondern eine Haltung sind. In seinem Buch „Klar kommen mit sich selbst und anderen” denkt er Kommunikation als Form von Selbstklärung und sozialer Intelligenz. Es ist kein Ratgebertext im schlechten Sinne, sondern lehrt einen, wirklich zuzuhören, statt nur darauf zu warten, selbst wieder an der Reihe zu sein. Das fällt auch mir nicht immer leicht. Aber die Bereitschaft, sich im Gegenüber zu erkennen, statt nur die eigene Position zu verteidigen, ist wertvoller, als wir meistens denken. Rowohlt Taschenbuch, 272 Seiten, neu 31,00 Euro oder gebraucht schon ab 9,90 Euro.
Naomi Wolfs „The Beauty Myth” ist über dreißig Jahre alt – und es ist ärgerlich, wie aktuell das Buch geblieben ist. Wolf zeigt, wie Schönheitsnormen gegen Frauen wirken und gesellschaftliche Macht stabilisieren – nicht als oberflächliches Lifestyle-Thema, sondern als politisches Instrument, das bindet, diszipliniert und ablenkt. Ich bin auf einen Instagram-Beitrag von Elena Carrière gestoßen, in dem sie genau das beschreibt – aus der Perspektive einer jungen Frau, die zehn Jahre damit verbracht hat, ihren Körper umformen zu wollen. Und genau an diesem Punkt merke ich, dass mich das selbst betrifft: Dieser Mechanismus kennt kein Alter. Er verändert die Form, aber nicht die Logik. Je mehr Frauen an Einfluss gewinnen, desto enger werden die Schönheitsideale. Carrière formuliert es treffend: Das ist kein Zufall, sondern Konstruktion. „The Beauty Myth” erklärt, warum. Für Leser:innen 45+ ist das besonders eindrücklich: Man kennt die Muster inzwischen – und merkt trotzdem immer wieder, wie sie wirken. Harper Perennial, Englisch Ausgabe, 368 Seiten, gebundene Ausgabe 19,99 Euro.

Debatten & Diskurse – Macht, Einfluss und der eigene Kreis
In meinem Seminar habe ich heute den „Circle of Influence“ nach Covey erklärt und dabei selbst wieder gemerkt, wie produktiv diese einfache Idee ist. Nicht alles, was uns betrifft, ist veränderbar. Aber oft fließt Energie genau dorthin: in den äußeren Kreis der Sorge, in das, was uns beschäftigt, ohne dass wir etwas daran tun könnten. Diese Woche zeigt sehr schön, wie schmal der Grat zwischen Einfluss und Ohnmacht ist. Colberts Abgang, ein Museum, das seine eigene Erzählung umbaut, ein Theaterfestival, das die Gegenwart verdichtet, eine Instagram-Ausstellung und ein Crowdfunding-Projekt: All das sind Bereiche, in denen man etwas gestalten kann – und zugleich spürt, wie viel darüber hinausliegt.
Ich habe mich heute Nachmittag gefragt, ob das auch für uns als Kulturpublikum gilt. Und ich glaube: Ja. Wir entscheiden, welche Stimmen wir in den Vordergrund holen, welche Bilder wir zulassen und welche Debatten wir nicht nur beobachten, sondern mit Haltung rahmen. Das ist keine kleine Sache. Vielleicht ist das die eigentliche kulturelle Macht dieser Woche: nicht alles zu können, aber bewusst zu wählen, wo der eigene Einfluss beginnt.
Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Habt alle schöne Pfingsten! Ob mit Kulturprogramm oder einfach mal ruhig in der Natur. Bleib neugierig – und bleib zugewandt.