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Trouvaille 44: Heute ist Internationaler Museumstag!

in TROUVAILLES by
Internationaler Museumstag: Was leisten Institutionen des kulturellen Gedächtnisses in Zeiten, in denen das kollektive Gedächtnis selbst umkämpft ist?

Mein heutiges Trouvaille-Fundstück ist ein Tag mit einem Satz. Vier Wörter auf Englisch, ausgerufen vom International Council of Museums zum Internationalen Museumstag 2026: „Museums Uniting a Divided World.

Heute, am 17. Mai, öffnen in Deutschland Tausende Museen ihre Türen – viele davon kostenlos und mit  Sonderprogramm. Die deutsche Einladung lautet: „Museen entdecken.“ Das klingt nach einem schönen Sonntag, nach Familie, nach Kulturausflug. Und das ist es auch. Aber ICOM sagt etwas anderes. ICOM benennt eine gespaltene Welt und schreibt den Museen zu, ihr etwas entgegenzusetzen. Das ist kein freundlicher Claim auf einem Ausstellungsplakat. Das ist eine Positionierung.

Was leistet ein Museum eigentlich?

Die gültige ICOM-Definition von 2022 lautet wie folgt: Eine nicht gewinnorientierte Institution im Dienst der Gesellschaft, die Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Was auf den ersten Blick bürokratisch klingt, erweist sich bei näherer Betrachtung als kleines Politikum. In der älteren Definition kam dieses Wort noch nicht vor: Interpretation. Jetzt steht es neben Sammeln und Bewahren explizit drin. Das ist keine sprachliche Kleinigkeit. Es ist eine Haltungsentscheidung.

Lange war das Museum ein Tresor: Objekte rein, Staub drauf, Ehrfurcht bitte. Jetzt soll es ein Forum sein, manchmal sogar ein Schiedsrichter. Der Museumswissenschaftler Richard Sandell unterscheidet genau das: das Museum, das verschiedene Perspektiven nebeneinanderstellt und die Entscheidung dem Publikum überlässt — und das Museum, das zu Menschenrechtsfragen aktiv Position bezieht. Wenn ein Museum entscheidet, wie es eine Kolonialsammlung benennt, bezieht es Stellung. Ein Museum, das vorgibt, nur zu zeigen, lügt sich in die Tasche.

Und genau an diesem Punkt merke ich, dass mich das selbst betrifft. Ich besuche Museen häufig, mit meiner Familie, als Ausflug, als Genuss — als wäre es ein neutraler Ort. Aber das ist er nicht. Was gezeigt wird, wie es gerahmt wird, wessen Geschichte erzählt wird und wessen nicht, das sind alles Entscheidungen. Das Museum ist kein Archiv der Vergangenheit. Es ist eine ständig aktualisierte These darüber, was wir für bewahrenswert halten.

Der ICOM wurde 1946, kurz nach Kriegsende, gegründet. Vor diesem Hintergrund klingt das Motto 2026 weniger wie ein Wunsch und mehr wie eine Erinnerung: Dieser Ort war nie neutral. Er war immer auch eine Entscheidung über Bedeutung, Zugehörigkeit und das, was Bestand haben soll. Das kollektive Gedächtnis ist umkämpft – und das Museum ist einer der wenigen institutionellen Orte, an denen noch öffentlich darüber verhandelt wird.

Was bedeutet es also, heute ein Museum zu betreten? Vielleicht mehr, als wir denken, wenn wir einfach nur „entdecken“ wollen.

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