kultur*letter #15 – Zwischen Sichtbarkeit und Auswahl

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In dieser Ausgabe habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kunst und Stadtereignissen für dich zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir. Ich stelle nicht das Vollständige zusammen, sondern das, was für mich einen Unterschied macht.

Diese Woche ist eine Sonderausgabe – und sie hat einen klaren Mittelpunkt: Berlin. Das Gallery Weekend, der Gropius Bau, Marina Abramović. Ich bin selbst unterwegs und nehme dich mit – hier im kultur:letter und auf Instagram direkt aus der Stadt.

Georg Baselitz ist gestorben

Noch während ich diesen kultur*letter schrieb, erreichte mich die Nachricht von seinem Baselitz‘ Tod. Er war einer der eigenwilligsten und einflussreichsten Künstler und Maler der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er wurde 88 Jahre alt. Baselitz hat die Malerei buchstäblich auf den Kopf gestellt. Seine umgekehrten Figuren waren keine Stilmittel, sondern eine Haltung: Schaut nochmal hin! Schaut anders. Dass diese Nachricht ausgerechnet in eine Woche fällt, in der Berlin sein jährliches „Gallery Weekend“ feiert, hat etwas Stimmiges und zugleich Melancholisches. Der Betrieb geht weiter – und das irritiert mich. Wie schnell der Übergang gelingt, als wäre nichts gewesen.

Rückblick: Anish Kapoor im Lehmbruck Museum Duisburg

Letzte Woche stand NRW auf dem Programm: Düsseldorf mit dem Kunstpalast, Duisburg mit Anish Kapoor im Lehmbruck-Museum. Ich war dabei – Duisburg mit Führung, wie angekündigt. Die Führung war ordentlich und aufmerksam, aber ein bisschen zu nah am Werktext, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Was mich trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – mehr beschäftigt hat, ist das Haus selbst. Das Lehmbruck Museum ist eines der unterschätzten Juwele der deutschen Museumslandschaft: die Glashalle, die Architektur, das Licht. Kapoors Werke reagieren auf diese Räume, als wären sie eigens dafür gedacht. Und genau an diesem Punkt merke ich, dass mich jede Erklärung eher entfernt als näher bringt. Kunst, die mit ihrer Umgebung atmet, braucht keine Führung, sondern Zeit. Wer also in der Region ist, sollte unbedingt hingehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. August 2026.

Gallery Weekend Berlin 2026 – Mein persönlicher Besuchsplan

Das Gallery Weekend ist in seiner 22. Ausgabe so groß wie nie: 50 Galerien, 66 Standorte und über 80 internationale Positionen – bei freiem Eintritt. Diese Dichte ist kein Vorteil, sondern ein Problem, das eine klare Auswahl verlangt. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, möglichst viel zu sehen, sondern nur noch das, was mich bewegt und ein Gespräch auslöst. Hier ist mein Plan.

Gallery Weekend 2026

Freitagabend: Ankommen und Eröffnungsstimmung

Der Freitagabend gehört den Vernissagen, aber ich wähle bewusst aus. Mein erster Stopp ist BQ, dann gehe ich zu Ebensperger, wo Göksu Kunak ausgestellt wird. Kunaks Arbeit behandelt den Körper als „durational archive”, als ein Archiv, das sich in der Zeit selbst einschreibt. Dieser Gedanke lässt mich nicht los, seit ich ihn zum ersten Mal gelesen habe. Danach: Bis 22 Uhr bin ich im Hamburger Bahnhof, wo Lina Lapelytė ihre eigens für die Historische Halle konzipierte Installation zeigt. Ich verweigere dieses Hopping – ich will sehen, nicht abhaken.

Samstag: Neue Nationalgalerie, Beeple und Abramović

Der Samstag hat zwei klare Gravitationszentren. Vormittags bin ich in der Neuen Nationalgalerie. Beeple zeigt dort mit Regular Animals erstmals in Deutschland eine interaktive Installation mit autonomen Robotik-Hunden. Diese bildet ein Scharnier zwischen digitaler Bildkultur und Museumsraum. Intellektuell reizt mich diese Verbindung, gleichzeitig stößt sie mich aber auch ab. Genau diese Spannung interessiert mich. Die Art Talks in der Glashalle finden an allen drei Tagen statt und sind kostenlos. Ich plane den Talk gegen 12:30 Uhr ein und nehme dann eine echte Mittagspause.

Um 15 Uhr besuche ich den Gropius-Bau. Dort zeigt Marina Abramović ihre erste große Berliner Einzelausstellung seit den 1990er Jahren: Balkan Erotic Epic. The Exhibition. Erotik als Brücke zwischen Leben und Tod, Balkan-Folklore als kulturelles Schwerkraftfeld – und das alles ist der erste Teil eines zweiteiligen Formats: Im Oktober folgt im Haus der Berliner Festspiele die Bühnenproduktion. Bei Abramović entscheide ich nicht mehr – ich gehe einfach hin. Tickets bitte vorab buchen. Bis zum 23. August 2026.

Nachmittags geht es nach dem Gropius-Bau in einen Block an der Potsdamer Straße und dem Schöneberger Ufer. Dort zeigt Anne Duk Hee Jordan bei Alexander Levy mit „Riders on the Storm” eine Ausstellung, die sich zwischen organischen Zyklen und technologischen Apparaten bewegt.

Sonntag: Mitte, Charlottenburg und Lapelytė

Der Sonntag gehört Berlin-Mitte und Charlottenburg. In Mitte sind Esther Schipper mit Tauba Auerbach, Sprüth Magers und neugerriemschneider zu finden. In Charlottenburg, rund um die Fasanenstraße, befinden sich etablierte Galerien in Altbau-Etagen. Atmosphärisch bilden sie einen klaren Kontrast zu den rohen Räumen der Potsdamer Straße. Den Sonntag beende ich im Hamburger Bahnhof. Um 15 Uhr findet das Künstlerinnengespräch „In Conversation: Lina Lapelytė” statt, das von Museumsdirektor Sam Bardaouil moderiert wird. Der Eintritt ist frei und die Veranstaltung wird auf Englisch durchgeführt. Ein perfekter Schlusspunkt.
Die offizielle Gallery-Weekend-Karte hilft bei spontanen Abzweigungen.

Für die Zugfahrt – Lesen & Hören

Zwei Empfehlungen, die ich selbst im Gepäck habe – für die Fahrt nach Berlin und zurück. Sie gehören für mich genauso zum Wochenende wie die Galerien selbst.

Siri Hustvedts Essayband A Woman Looking at Men Looking at Women ist eine der klügsten Auseinandersetzungen mit Kunst, Wahrnehmung und dem Blick, die ich kenne – anspruchsvoll, aber nie akademisch verklemmt. Wer Kapoor gesehen hat oder Abramović sehen will, findet hier den Gedankenraum, der die Ausstellungen verlängert. Erschienen bei Simon & Schuster, Dezember 2017, 575 Seiten, 14,00 Euro.

Meine Zuglektüre auf der Fahrt nach Berlin

Wer lieber hört: Das Gallery Weekend hat einen eigenen Podcastdirekt auf der Website abrufbar, mit kuratorischen Einblicken direkt aus den Galerien. Und der Monopol-Podcast „Kunst und Leben“ bei detektor.fm hat in seiner Folge vom 27. April 2026 genau das geliefert, was ich vor einer solchen Reise brauche: Elke Buhr und Silke Hohmann geben ihre persönliche Watchlist fürs Gallery Weekend preis – keine Pressemitteilungen, sondern echte kuratorische Entscheidungen von zwei Frauen, die den Betrieb kennen und trotzdem noch neugierig sind. Direkt zur Folge.

Für alle, die nicht nach Berlin fahren: ARTMUC München

Die ARTMUC Frühlingsedition läuft vom 1. bis 3. Mai 2026 – Bayerns Messe für zeitgenössische Kunst mit über 180 Künstler:innen, Galerien und Projekten. Ein anderes Format als das Berliner Gallery Weekend: offener, zugänglicher, weniger kuratorisch verdichtet, aber gerade deshalb oft überraschend. Tageskarte 12 Euro, Wochenendkarte 18 Euro. Für alle, die sich fragen, ob zeitgenössische Kunst immer im White Cube stattfinden muss: hier nicht.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder – dann mit Eindrücken direkt aus Berlin. Wählt bewusst, wo ihr hinschaut – alles andere ist nur Lärm.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder – dann mit Eindrücken direkt aus Berlin. Wählt bewusst, wo ihr hinschaut – alles andere ist nur Lärm. Bleibt neugierig und bleibt zugewandt.