Meine Tochter und ich saßen im Deutschen Theater Berlin. Auf der Bühne stand keine Schauspielerin, kein Schauspieler — nur Puppen. Und doch war dieser Abend einer der politisch dichtesten, den ich seit Langem erlebt hatte. Das Stück erzählt die Geschichte von Friedrich Zawrel, der als Kind im Nationalsozialismus auf dem Spiegelgrund entmenschlicht wurde und nach dem Krieg vom selben Arzt erneut weggesperrt. Keine Fiktion. Kein Kommentar. Es war lediglich die Rekonstruktion eines Lebens, bei dem die Gesellschaft zweimal wegschaute.
Mich traf nicht die Grausamkeit der Geschichte, sondern die Präzision, mit der das Stück zeigte, wie Gewalt funktioniert: medizinisch, bürokratisch, still. Die Puppe als Körper, der nicht zurückschlagen kann. Ich saß da und dachte: Das ist es. Das kann nur Kultur.
Erfahrungen, die uns berühren
Kultur zeigt nicht nur, was war. Sie zeigt auch, wie es möglich war. Sie macht sichtbar, was eine Gesellschaft verdrängt, schönredet oder schlicht nicht sehen will – und das nicht durch Argumente, sondern durch Erfahrung. Nach dem Abend mit Zawrel weiß ich etwas, das ich vorher nicht wusste, nicht als Information, sondern als Empfindung. Das ist ein grundlegend anderer Erkenntnisweg.
Im Januar dieses Jahres habe ich mir im Kino „Hamlet” angesehen, einen Film, der nichts erklären will. Er hat keine politische Botschaft und enthält keine gesellschaftliche Analyse (Regie: Chloé Zhao, Kinostart: 22. Januar 2026, basierend auf Maggie O’Farrells Roman). Er erzählt fiktiv vom Verlust von Shakespeares Sohn Hamnet an die Pest und davon, wie dieser Schmerz in Hamlet mündet – ohne Didaktik, rein durch Empfindung. Es ist ein eindrucksvolles, berührendes Werk, das die Themen Liebe, Verlust, Krise, Hoffnung und die heilende Kraft der Kunst aufgreift.
Zwei sehr verschiedene Erfahrungen. Beide sind unersetzlich. Beide sind Kultur. Aber sie leisten nicht dasselbe. Und genau hier beginnt die eigentliche Frage.
Einen Boden für gemeinsames Denken
Jürgen Habermas, der vor wenigen Wochen gestorben ist, hat sein Leben damit verbracht, eine scheinbar einfache Frage zu beantworten: Wie verständigt sich eine Gesellschaft über sich selbst? Seine Antwort war die deliberative Demokratie — die Idee, dass politische Legitimität nicht aus Macht entsteht, sondern aus dem besseren Argument. Dass Vernunft öffentlich sein muss, um wirksam zu sein.
Was dabei leicht übersehen wird: Habermas hat immer gewusst, dass dieser Prozess einen Boden braucht. Gemeinsame Räume, in denen Menschen nicht nur Meinungen austauschen, sondern lernen, miteinander zu denken. Räume, in denen Auseinandersetzung möglich ist — nicht als Konflikt, sondern als Erkenntnisform.
Dieser Boden ist nicht selbstverständlich. Er muss gebaut, gepflegt, verteidigt werden. Und Kulturinstitutionen — Theater, Museen, Konzerthäuser — waren lange genau das: Orte, an denen eine Gesellschaft sich selbst begegnet. Nicht harmonisch. Nicht immer angenehm. Aber gemeinsam.
Orientierung und Erneuerung
Kultur erfüllt in jeder Gesellschaft drei untrennbar miteinander verbundene Aufgaben. Sie ist ein Spiegel, der sichtbar macht, was ist: Konflikte, Stimmungen und Widersprüche, die anderswo unsichtbar bleiben. Zweitens ist sie Kompass: Sie schafft gemeinsame Bezugspunkte, aus denen heraus wir uns über die Welt verständigen und unsere Identität behaupten. Und sie ist Gestalterin – das ist ihr dynamischer Kern.
Man kann Kultur nicht machen, sie ist der Ausdruck des Handelns einer Gesellschaft. – T.S. Eliot
T. S. Eliots Satz klingt zunächst wie eine Einschränkung. Er ist das Gegenteil. Er bedeutet: Kultur entsteht dort, wo eine Gesellschaft bewusst, reflektiert und zukunftsorientiert handelt. Kultur ist kein Relikt und kein Refugium. Kultur ist ein lebendiger Prozess.
Ohne Erneuerung versteinert Kultur. Was gestern Zeremonien waren, um Unsicherheit zu bändigen, muss heute Klimanarrative kanalisieren, Polarisierung aushalten und neue Selbstbilder erproben. Erneuerung ist keine Option, sondern eine Überlebensbedingung. Für die Kultur. Und für die Gesellschaft, die sie trägt.
Den Boden halten oder räumen
In Europa wird Kultur zunehmend als demokratische Infrastruktur diskutiert – ein Begriff, der zwar wie ein Förderprogramm klingt, aber eine existenzielle Frage aufwirft: Wer entscheidet, welche Leistungen Kulturinstitutionen erbringen sollen? Und mit welchem Recht?
Was passiert, wenn diese Frage falsch beantwortet wird, sehen wir derzeit in den USA. Dort wurde der Boden nicht schleichend erodiert – er wurde entzogen. Bewusst, gezielt, schnell. Was bleibt, sind Institutionen, die schweigen müssen. Und eine Gesellschaft, der die Räume fehlen, in denen sie sich selbst begegnen könnte.
Europa steht noch vor derselben Entscheidung. Die Politik greift ein: durch Kürzungen, durch Bedingungen und durch den stillen Druck, der entsteht, wenn Subventionen an Wohlverhalten geknüpft werden. Wer die Finanzierung kontrolliert, kontrolliert mittelbar, welche Bilder entstehen und welche Selbstbilder einer Gesellschaft gefördert werden.
Kulturinstitutionen hatten lange eine komfortable Position. Staatlich finanziert, gesellschaftlich anerkannt und künstlerisch autonom — das schien kein Widerspruch zu sein. Heute ist es einer. Die Gegenwart der Kultur ist politischer geworden, als viele Häuser bislang eingestehen wollen. Neutralität ist keine Haltung mehr. Sie ist Kapitulation.
Was jetzt gefordert ist, ist unbequem: Position beziehen. Nicht parteipolitisch, sondern als Partei der Gesellschaft. Es geht darum, den Boden zu verteidigen, auf dem deliberative Demokratie erst möglich wird. Die Bilder schützen, die eine Gesellschaft für sich selbst entwerfen kann – plural, widersprüchlich, lebendig.
Friedrich Zawrel hatte keine Wahl. Eine Gesellschaft, die ihre Kulturinstitutionen verloren hat, ebenfalls nicht.