Blick auf das Gebäude der Salzburger Festspiele

Kultur unter Aufsicht

in CULTURE & PEOPLE/Kommentar by

Die Salzburger Festspiele gelten als der Olymp der europäischen Hochkultur. Seit 1920 stehen sie für das Beste, was Oper, Schauspiel und Konzert zu bieten haben. Jährlich besuchen 250.000 Menschen die Festspiele, die damit zu einem globalen Leuchtturm und einer Weltmarke geworden sind. Doch jetzt dominiert ein Führungsstreit die Schlagzeilen. Das von Politiker:innen dominierte Kuratorium will Intendant Markus Hinterhäuser spätestens nach der Saison 2026 loswerden, dieser besteht jedoch auf seinem Vertrag bis 2031.
Am 22. März wurden Anwälte eingeschaltet. Eine Wohlverhaltensklausel als Waffe. Was wie ein Arbeitsrechtsstreit aussieht, ist in Wirklichkeit eine Grundsatzfrage, die weit über Salzburg hinausreicht.

Der Glanz als Schutzschild

Die Salzburger Festspiele mussten nie wirklich erklären, warum sie so viel dürfen. Ihr Prestige war Argument genug. Wer Herbert von Karajan auf dem Programm hat, wer Anna Netrebko auf die Bühne bringt und seit über hundert Jahren Maßstäbe setzt, der muss sich nicht fragen lassen, wem er eigentlich verpflichtet ist. Künstlerische Autonomie war kein erkämpftes Prinzip, sondern ein Luxus, den man genoss, solange niemand ihn infrage stellte. Das war komfortabel. Und es hat funktioniert – bis jetzt.

Salzburg ist kein Einzelfall

Wer in den letzten Monaten aufmerksam war, hat das Muster erkannt. Die Berlinale stand unter Druck, weil ihre Haltung zum Nahostkonflikt als politisch unbequem empfunden wurde. Der Leipziger Buchpreis, dessen Vergabe Gegenstand einer Debatte über politische Einflussnahme wurde. Und jetzt Salzburg. Es sind verschiedene Institutionen und Konflikte, aber die Grundstruktur ist dieselbe: Dort, wo Kultur öffentlich finanziert wird, wird neu verhandelt, wer das letzte Wort hat. Und dieser Verhandlungsdruck kommt nicht zufällig in einer Zeit, in der Populismus salonfähig geworden ist und Kulturinstitutionen als elitär gelten – als abgehobene Zirkel, die mit Steuergeldern ihre eigene Weltanschauung pflegen.

Das ist eine politische Erzählung. Aber sie verfängt, weil die Institutionen selbst so selten laut werden. Der Protest kommt von außen: von Künstler:innen, vom kulturaffinen Umfeld, von Menschen, die verstehen, was hier gerade auf dem Spiel steht. Die Institutionen schweigen. Oder sie kämpfen, wie Hinterhäuser, mit Anwälten.

Freiheit ohne Fundament

Künstlerische Freiheit ist kein Naturrecht. Sie muss immer wieder begründet werden – gegenüber der Gesellschaft, die sie trägt und finanziert. Genau das haben Kulturinstitutionen wie die Salzburger Festspiele versäumt. Nicht, weil sie es nicht wollten, sondern weil sie es nie mussten. Ihr Glanz war Legitimation genug. Dabei ging jedoch das argumentative Rüstzeug verloren: Warum braucht Kultur einen Schutzraum vor politischer Einflussnahme? Was rechtfertigt ihre Freiheit? Und wem ist sie verpflichtet – den Künstler:innen, dem Publikum oder der Gesellschaft? Diese Fragen wurden nie gestellt. Jetzt werden sie gestellt – von einer Politik, die keine Antworten sucht, sondern Kontrolle.

Die Verteidigung muss noch geschrieben werden

Kultur unter Aufsicht ist kein spezifisch Salzburger Problem. Es ist die Lage. Wer glaubt, dass ein Gerichtsurteil oder ein neuer Intendant das grundlegende Problem löst, irrt. Was Kulturinstitutionen jetzt brauchen, ist keine bessere Rechtsabteilung. Sie brauchen eine Antwort auf die Frage, die sie jahrzehntelang nicht stellen mussten: Warum ist kulturelle Freiheit schützenswert? Nicht als Privileg einer Elite, sondern als Bedingung einer offenen Gesellschaft. Diese Antwort muss die Kultur selbst formulieren – laut, präzise und ohne die Erwartung, dass der Glanz sie ersetzt.