Trouvaille #38 Ein Baum, hundert Jahre, drei Menschen

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Mein heutiges Fundstück habe ich anlässlich des Tag der Wälder entdeckt: Silent Friend (2025) von Ildikó Enyedi ist ein leiser, hochkonzentrierter Film über unsere Beziehung zu Bäumen und die Frage, was Bäume eigentlich von uns wissen. Im Mittelpunkt steht ein Ginkgobaum im Botanischen Garten der Universität Marburg. Er ist über hundert Jahre alt – und er ist Zeuge. Nicht Kulisse, nicht Symbol. Zeuge. Beim Recherchieren habe ich noch etwas Überraschendes entdeckt: Der deutsche Filmtitel lautet „Stille Freundin”, da es sich um ein weibliches Exemplar handelt. Ich wusste nicht, dass es bei Ginkgos überhaupt einen Unterschied gibt.

„Alles ist Wechselwirkung.“ — Alexander von Humboldt, Reisetagebuch, 1803

Der Film erzählt auf drei Zeitebenen: Im Jahr 1908 folgt eine Studentin mit ihrer Kamera den verborgenen Mustern der Natur. 1972 durchläuft ein junger Mann eine innere Wandlung, als er eine schlichte Geranie beobachtet. Im Jahr 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong ein Experiment mit einem uralten Baum – mitten im Lockdown, in einer Welt, die den Atem anhält.

Wenn ich bei meinen Waldspaziergängen neben einem alten Baum stehe – diesen hohen, schweigsamen Wesen, die schon lange vor mir hier waren –, frage ich mich manchmal, was sie wohl schon alles gehört und gesehen haben. Silent Friend macht aus dieser privaten Intuition eine filmische Haltung: Bäume sind nicht der Hintergrund unserer Geschichte, sondern gleichberechtigte Akteure mit einer eigenen, uns fremden Zeitlichkeit.

Wälder und Bäume als Chronisten, die unsere Evolution beobachten und uns einladen, ihre Perspektive einzunehmen

Damit knüpft Enyedi an Diskurse an, die über das Kino hinaus von Bedeutung sind. Bruno Latour hat sich für ein „Parlament der Dinge” ausgesprochen – eine politische Ordnung, in der auch die Natur eine Stimme hat. „Silent Friend” ist das filmische Äquivalent: kein Naturfilm, sondern ein Experiment mit Perspektive. Die Kamera übernimmt den Blick des Baumes und macht uns zu Eindringlingen in seinem Raum.

Für jede Epoche wählt Enyedi ein anderes Bildmaterial – körniges Schwarzweiß, 16-mm-Farbe oder digitale Klarheit –, sodass sich die Zeit buchstäblich in der Textur des Bildes sedimentiert.

Ginkgos gehören übrigens zu meinen liebsten Bäumen. Sie sind lebende Fossilien: Ihre Art existiert seit über 300 Millionen Jahren, sie hat Eiszeiten, Kontinentalverschiebungen und das Kommen und Gehen ganzer Epochen überdauert. Der Baum im Botanischen Garten Marburg hat all das nicht erlebt, seine Art jedoch schon. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Silent Friend so nachwirkt: Er dreht die Perspektive um. Nicht wir beobachten den Wald. Der Wald beobachtet uns – seit sehr, sehr langer Zeit.


Silent Friend von Ildikó Enyedi feierte 2025 im Wettbewerb der 82. Filmfestspiele von Venedig Premiere. Seit 15. Januar in deutschen Kinos. Trailer