Als ich sieben oder acht Jahre alt war, kam am Weltspartag die Städtische Sparkasse in unsere Schule. Wir durften unsere Sparschweine mitbringen, in denen die Geldgeschenke des letzten Jahres gelandet waren. Das Sparschwein gab es im Vorjahr als Geschenk der Sparkasse, mit einem kleinen Schloss und dem passenden Schlüssel. Und es gab ein Sparbuch, in das die Summe eingetragen wurde, die im Schwein angespart war. Alles daran ließ sich anfassen: das Sparschwein aus Porzellan, das Schloss, der Schlüssel, die Zahl im Buch.
Am Weltspartag wird normalerweise ans Sparen erinnert, an Geduld, an Vorsicht, an das kleine Vertrauen in die Zukunft. In diesem Jahr begann am Vorabend, Donnerstag, dem 29. Oktober, kurz nach neun Uhr, der Angriff auf Binance, die größte Kryptobörse der Welt.
Am Vorabend des Weltspartags
Ein Bankraub braucht in unserer Vorstellung gewisse Requisiten. Eine Maske. Einen Tresor. Ein Fluchtfahrzeug. Etwas, das Widerstand leistet. Dieser Raub kam ohne all das aus. Rund 6,3 Milliarden Dollar wurden entwendet, umgerechnet etwa 5,6 Milliarden Euro. Den Großteil bewegten die Angreifer nach Auswertung der Analysefirma TRM in etwa zwanzig Minuten. Es ist der größte bislang bekannte Kryptodiebstahl. Die Analysefirma Elliptic hält ihn sogar für den größten Diebstahl überhaupt.
Ich kann diese Zahl lesen. Vorstellen kann ich sie mir nicht.
Ein Raub ohne Tatort
Es gibt keinen Tatort, den man absperren könnte. Es gibt Transaktionen, die eine Software in der Nacht weiterreicht, im Mittel alle 96 Sekunden eine, so hat es Elliptic gezählt. Angefangen hat es nach der ersten Einschätzung von Binance womöglich mit dem gehackten Laptop eines Technikers. Inzwischen spricht die Börse von weiteren Einfallstellen. Analysefirmen schreiben den Angriff der nordkoreanischen Hackergruppe TraderTraitor zu, bestätigt hat das bisher keine Regierung.
Die Revolution des Geldes hat den Tresor nicht abgeschafft. Sie hat ihn nur in einen Laptop verwandelt.
Ein Versprechen ohne Adresse
Binance sperrte die Auszahlungen. Die Herausgeber sogenannter Stablecoins, an den Dollar gebundener Kryptowährungen, froren rund drei Milliarden Dollar ein. Und die Börse versprach, jeden Verlust aus eigenen Mitteln zu ersetzen. „Ihr Geld ist sicher, und wir ersetzen jeden Verlust“, sagte Co-Chef Richard Teng.
Ob das Versprechen hält, ist offen. Rechtlich bindend ist es nach Einschätzung von Fachleuten nicht. Einen offiziellen Hauptsitz nennt Binance bis heute nicht. Ein Hauptsitz sei „ein bisschen altmodisch“, erklärte ein Sprecher im Dezember 2025. Und die Einlagensicherung, die bei Banken bis zu 100.000 Euro pro Kundin schützt, gilt für Kryptowerte nicht.
Kryptogeld wurde lange als digitales Sparschwein für die Zukunft verkauft. Nur liegt dieses Schwein nicht unterm Bett, sondern in der Infrastruktur einer Börse, die keine Adresse hat.
„An electronic payment system based on cryptographic proof instead of trust“
Satoshi Nakamoto, Bitcoin Whitepaper, 2008
Ich hätte mir nie vorgestellt, dass man eine Kryptobörse überhaupt ausrauben kann. Die Blockchain galt mir als eine Art Panzerglas, fälschungssicher und unangreifbar. Ganz falsch lag ich damit nicht. Die Blockchain hielt. Geknackt wurde ein Laptop.
Bestohlen wurde ich auch schon einmal. Vor drei Jahren wartete ich auf meine neue Bankkarte der GLS Bank, und sie kam nicht. Die Bank versicherte mir, sie sei längst verschickt, und schickte eine neue, den Code wie üblich in einem separaten Brief. Auch diesmal kam weder die Karte noch der Code bei mir an. Dass schon die erste Karte gestohlen worden war, hatte ich nicht bemerkt. Mit etwas Glück meldete ich es noch rechtzeitig und ließ das Konto sperren. Da hatten die Diebe allerdings schon 2.000 Euro abgehoben. Innerhalb von 48 Stunden hatte ich das Geld von meiner Bank zurück.
Auch dieser Raub brauchte keine Maske und kein Fluchtauto, nur einen Briefkasten. Aber es gab jemanden, der für den Schaden einstand. Sicherheit heißt nicht, dass nichts gestohlen wird. Sicherheit heißt, dass jemand haftet, wenn es passiert.
Das Sparschwein meiner Kindheit war nur so sicher wie die Hand, die es bewachte. Ich wusste, wessen Hand das war. Wie sicher werden wir in Zukunft sein, wenn unser Geld in Systemen liegt, für die niemand einstehen muss?
