KUBRA KHADEMI – Bilder gegen das Verschwinden

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Frauen, die sich zeigen. Frauen, die ihre Geschichten erzählen. Die afghanische Künstlerin Kubra Khademi setzt sich seit Jahren für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die öffentliche Präsenz von Frauen ein. Im Oktober 2026 führen zwei Berliner Ausstellungen ihre Arbeiten auf unterschiedliche Weise zusammen.


Vier Frauen, eine Hauswand, ein Fenster. Eine von ihnen steht nackt neben der Mauer und stützt die Hand in die Hüfte. Zu ihren Füßen liegt eine andere, den Kopf auf die Hand gestützt. Zwei weitere schauen aus einem Fenster. Von einer ist kaum mehr als der obere Teil des Kopfes zu sehen.

Es ist eine merkwürdige kleine Gesellschaft, die Kubra Khademi hier versammelt hat. Die Frauen scheinen einander nicht weiter zu beachten. Jede ist mit sich selbst beschäftigt. Niemand wirkt verlegen. Auch die Nacktheit scheint niemanden zu interessieren.

Die Szene könnte komisch sein. Vielleicht ist sie es sogar. Doch wer die Geschichte der afghanischen Künstlerin kennt, wird dieses Bild anders betrachten.

Wer entscheidet darüber, wie viel von einer Frau sichtbar sein darf? Und ob ihre Stimme gehört wird?

In Afghanistan dürfen Frauen seit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 immer weniger am öffentlichen Leben teilnehmen. Mädchen werden von weiterführenden Schulen ausgeschlossen und Frauen von zahlreichen Berufen. Ihre Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Das sogenannte Tugendgesetz von 2024 schreibt weitreichende Regeln für die Verhüllung vor und beschränkt auch die öffentliche Hörbarkeit weiblicher Stimmen.

Es geht um mehr als Kleidung. Ein Körper soll möglichst nicht gesehen, eine Stimme nicht gehört werden. Frauen wird somit die Möglichkeit genommen, selbstverständlich als eigenständige Personen in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Khademis Bilder erzählen von einer anderen Wirklichkeit. Eine, in der Frauen sich zeigen dürfen, ohne dafür eine Erklärung liefern zu müssen.

Im Oktober sind ihre Arbeiten gleich an zwei Berliner Orten zu sehen. Die Galerie Jarmuschek + Partner präsentiert unter dem Titel „Women in Simple Situations” eine Serie neuer Gouachen. Im HAU Hebbel am Ufer wird die Installation Afghan Women: A Desperate Vitality gezeigt, die von drei Frauen erzählt, die weiterhin in Afghanistan leben.

Ein Körper, der sich nicht versteckt

Kubra Khademi wurde 1989 in der afghanischen Provinz Ghor geboren. Sie gehört der ethnischen Minderheit der Hazara an und hat in Kabul und Lahore Bildende Kunst studiert. Bereits in ihren frühen künstlerischen Arbeiten beschäftigte sie sich mit der Stellung von Frauen in der afghanischen Gesellschaft.

Kubra Khademi, Foto: artistsatriskconnection.org

Im Jahr 2015 führte sie ihre Performance „Armor” in einer Straße in Kabul auf. Über ihrer Kleidung trug sie eine metallene Rüstung, die die weiblichen Körperformen überdeutlich hervorhob. Brust und Gesäß waren aus Metall nachgebildet. Ein Schutzpanzer, der ausgerechnet das betonte, was Frauen in ihrem Umfeld verbergen sollten.

Die Aktion dauerte nur wenige Minuten. Die Reaktionen darauf waren jedoch so bedrohlich, dass Khademi Afghanistan verlassen musste. Sie ging nach Frankreich, wo sie seither lebt und arbeitet.

In „An Armor” lässt sich etwas erkennen, das auch ihre späteren Arbeiten prägt. Khademi macht die Regeln sichtbar, indem sie gegen sie verstößt. Sie nimmt die gesellschaftlichen Vorstellungen vom weiblichen Körper wörtlich und überzeichnet sie so stark, dass ihre Absurdität offenkundig wird.

In ihren Gouachen benötigt sie dafür keine Rüstung mehr.

Frauen in ganz gewöhnlichen Situationen

Auf einem ovalen Teppich, dessen Blumenornamente in kräftigem Rot, Blau und Grün leuchten, liegt eine nackte Frau. Sie hat die Arme weit ausgebreitet, ein Bein ist ausgestreckt, das andere angewinkelt. Ihr dunkles Haar umgibt den Kopf wie ein schwarzer Kranz. Es wirkt, als habe sie sich einfach hingelegt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie sie dabei aussieht.

KUBRA KHADEMI – o. T. (Women in simple situations), 2026

Das Bild gehört zu Khademis neuer Serie „Women in Simple Situations”. Der Titel klingt beinahe beiläufig. Frauen in einfachen Situationen. Und tatsächlich zeigen die Arbeiten Beschäftigungen, die kaum der Rede wert sein müssten: Frauen liegen auf Teppichen, klettern auf Bäume oder trinken Tee. Andere beschäftigen sich mit ihren Körpern. Sie menstruieren, spucken oder flechten ihre Schambehaarung. Manche Szenen sind ausgesprochen komisch. Andere sind irritierend, weil Khademi Dinge zeigt, die gewöhnlich nicht gezeigt werden.

Die Nacktheit ist hier weder ein Versprechen noch eine Aufforderung an das Publikum. Die Frauen sind keine Modelle, die für jemanden posieren. Sie scheinen überhaupt nicht daran zu denken, dass sie betrachtet werden könnten.

Das unterscheidet Khademis Figuren von den weiblichen Akten der europäischen Kunstgeschichte. Dort wurde der nackte Frauenkörper über Jahrhunderte hinweg häufig für einen Blick inszeniert, der nicht der Frau selbst gehörte. Khademis Frauen hingegen bestimmen ihre Beschäftigungen, Bewegungen und Körper selbst.

Die Bilder erinnern mit ihren klaren Konturen, den flächigen Farben und den ornamentalen Details an die persische Miniaturmalerei. Khademi greift diese Bildtradition auf, verzichtet jedoch weitgehend auf die erzählerisch dicht gefüllten Räume historischer Miniaturen. Ihre Figuren stehen oft vor einem weißen Hintergrund. Ein Teppich, ein Baum oder eine Mauer genügen, um eine Szene entstehen zu lassen.

Dadurch erhalten die Frauen erstaunlich viel Platz.

Und vielleicht ist genau das der ungewöhnlichste Zug dieser Arbeiten. Khademi zeigt keine Heldinnen, die für ihre Freiheit kämpfen. Sie zeigt Frauen, die bereits so leben, als wäre diese Freiheit selbstverständlich.

Die politischen Verhältnisse in ihrem Herkunftsland machen aus solchen Bildern jedoch mehr als eine private Fantasie. Denn was Khademi darstellt, ist für viele Frauen in Afghanistan unerreichbar geworden.

Drei Frauen erzählen aus Kabul

Während die Gouachen eine Welt entwerfen, in der Frauen ihre Körper frei bewegen können, beschäftigt sich die Installation „Afghan Women: A Desperate Vitality” im HAU mit dem Leben unter den gegenwärtigen Bedingungen in Afghanistan.

Khademi hat diese gemeinsam mit dem Journalisten und Filmemacher Mortaza Behboudi sowie mit anonymen Kunstschaffenden aus Kabul entwickelt.

Im Mittelpunkt stehen drei Frauen: Laila hat eine geheime Schule für Mädchen gegründet. Souhaila ist Künstlerin und Sängerin. Narges war Lehrerin und setzt sich für die Freilassung ihres Ehemanns ein, der von den Taliban inhaftiert wurde.

„Alle Frauen, die ich kenne, haben ein gebrochenes Herz.“

Kubra Khademi (im Interview mit Petra Poelzl)

Ihre Geschichten werden in einem Raum erzählt, der einem afghanischen Wohnzimmer nachempfunden ist. Teppiche liegen auf dem Boden. Eine lange, weiß gedeckte Tafel ist mit Keramiken von Khademi bestückt. An den Wänden hängen Videobilder, die Ausblicke auf die Straßen Kabuls eröffnen.

Foto © Arthur Péquin

Das Wohnzimmer ist ein vertrauter Ort. Hier wird gegessen, gesprochen, gestritten und erzählt. Unter den gegenwärtigen Einschränkungen ist der private Raum für viele Frauen allerdings auch einer der wenigen Orte, an denen sie sich noch vergleichsweise frei bewegen können.

Die Installation macht sich diese widersprüchliche Bedeutung des häuslichen Raums zunutze. Das Publikum sitzt gewissermaßen mit am Tisch und hört den Frauen zu.

Sie erzählen von Einschränkungen, Angst und Verlust. Aber sie erzählen auch von Unterricht, Musik, künstlerischer Arbeit und dem Versuch, das eigene Leben weiterhin selbst zu gestalten.

Ihre Stimmen erreichen ein Publikum, vor dem sie in Kabul nicht ohne Weiteres sprechen könnten.

Laila unterrichtet beispielsweise Mädchen, obwohl ihnen der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt wird. Souhaila hält an ihrer Kunst fest, obwohl Frauen kaum noch öffentlich musizieren dürfen. Narges versucht, sich gegen die Inhaftierung ihres Mannes zur Wehr zu setzen.

Khademi stellt diese Frauen nicht stellvertretend dar. Sie lässt sie selbst erzählen. Dadurch verändert sich auch unsere Begegnung mit ihnen. So werden aus einer Nachricht über die Lage afghanischer Frauen drei Menschen mit Namen, Berufen und eigenen Entscheidungen.

Das Recht, da zu sein

Was verbindet die nackten Frauen auf Khademis Gouachen mit den Stimmen aus Kabul?
Auf den ersten Blick scheinen die Arbeiten wenig gemeinsam zu haben. Die Gouachen zeigen farbige, manchmal absurde Szenen einer erfundenen Welt. Die dokumentarischen Erzählungen von Frauen im HAU zeigen einen Alltag, der von Verboten und Einschränkungen geprägt ist.

Doch beide Werke beschäftigen sich mit einer Frage, die eigentlich gar nicht gestellt werden müsste: Darf eine Frau einfach da sein?
Mit ihrem Körper, ihrer Stimme, ihren Wünschen und Entscheidungen? Ohne dass andere darüber bestimmen, wie sie auszusehen hat, wohin sie gehen darf oder ob sie öffentlich sprechen kann.

Khademis Kunst führt uns vor Augen, wie weitreichend solche Eingriffe sind. Wer einer Frau vorschreibt, ihren Körper zu verbergen, entscheidet auch darüber, wie sie sich in der Welt bewegen kann. Wer ihre Stimme aus der Öffentlichkeit verdrängt, nimmt ihr die Möglichkeit, selbst an den Gesprächen teilzunehmen, in denen über ihr Leben entschieden wird.

Die Künstlerin begegnet dieser Realität mit zwei sehr unterschiedlichen Mitteln. Ihre Gouachen zeigen Frauen, die sich frei bewegen, als wäre das die gewöhnlichste Sache der Welt. In der Installation hören wir Frauen, die sich ihre Handlungsmöglichkeiten unter schwierigsten Bedingungen erhalten.

Keine der Frauen scheint auf jemanden zu warten, der ihr erlaubt, dort zu sein.

Auf dem Titelbild steht eine nackte Frau neben einer Mauer. Sie hat eine Hand in die Hüfte gestützt und schaut nach vorn. Neben ihr liegt eine andere Frau auf dem Boden. Hinter dem Fenster beobachten zwei weitere Frauen die Welt – und nichts daran sollte ungewöhnlich sein!


Kubra Khademi – Women in Simple Situations
9. Oktober bis 21. November 2026
Galerie Jarmuschek + Partner, Potsdamer Straße 81A, Berlin
Ausstellungsinformationen

Kubra Khademi & Mortaza Behboudi – Afghan Women: A Desperate Vitality
9. bis 11. Oktober 2026, acht Aufführungen
HAU3, Tempelhofer Ufer 10, Berlin
Programm und Termine

Folgender Beitrag auf Arte bietet einen Einblick in Kubra Khademis Arbeitsweise HIER →

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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