Am 28. Oktober ist die Freiheitsstatue 140 Jahre alt geworden. Bei ihrer Einweihung 1886 versprach Präsident Grover Cleveland: „We will not forget that Liberty has here made her home; nor shall her chosen altar be neglected.“ Man werde nicht vergessen, dass die Freiheit hier zu Hause sei, und ihren Altar nicht vernachlässigen.
Ich habe nach einer Feier für diesen Anlass gesucht. In den USA habe ich keine gefunden, und die Website des National Park Service zur Statue wurde zuletzt im Mai aktualisiert. In Paris dagegen zeigt das Musée d’Orsay bis Ende Januar eine große Ausstellung über ihren Bildhauer Auguste Bartholdi. Gefeiert wird das Geschenk also nur beim Schenkenden. Beim Beschenkten bleibt es still.
Die Freiheitsstatue gehört zu den Bildern, die man kennt, bevor man sie zum ersten Mal sieht. Ich habe Weihnachten 2012 mit meinen drei Kindern vor ihr gestanden. Sie waren damals 14, 12 und 9 Jahre alt. Mein ältestes Kind war damit genauso alt wie ich, als ich zum ersten Mal in die USA kam, für einige Monate an eine Highschool in Steamboat Springs, in Colorado. Später zog sogar noch mein Vater auf eine Ranch in Oregon. Und noch später zog es mich wieder in die USA, nach New York. Ich arbeitete dort als Marketingmanagerin für Estée Lauder. Amerika war für mich nie ein fernes Land. Es war ein Land, zu dem man aufschaute.
Heute, sechs Tage nach dem Jubiläum, wählen die Amerikanerinnen und Amerikaner ein neues Repräsentantenhaus und einen Teil des Senats. Und ich frage mich, was vom Versprechen der Statue noch übrig ist. Und für wen es noch gilt.

Ein Geschenk mit Vorgeschichte
Ihr offizieller Name lautet „Liberty Enlightening the World“, die Freiheit erhellt die Welt. Die Fackel steht für die Aufklärung, die den Menschen den Weg in Freiheit und Demokratie weist. Die Idee hatte 1865 der Jurist Édouard de Laboulaye, ein Kenner der amerikanischen Verfassung und Gegner der Sklaverei. Frankreich solle den Vereinigten Staaten zum hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit eine Statue der Freiheit schenken, schlug er vor. Der Bürgerkrieg war gerade gewonnen, die Sklaverei abgeschafft. Zu Füßen der Statue liegen deshalb zerbrochene Ketten.

Für Laboulaye, der unter Napoleon III. lebte, war das Geschenk auch eine leise Kritik am eigenen Kaiserreich. Seht her, so sieht eine Republik aus.
Die Figur selbst war allerdings nicht für Amerika erdacht. Bartholdi hatte dem Khediven von Ägypten einen Leuchtturm für den Suezkanal angeboten: eine Bäuerin mit erhobener Lampe, die den Namen „Ägypten bringt Asien das Licht“ tragen sollte. Der Khedive lehnte ab. Die Freiheit Amerikas ist also eine umgewidmete Figur.
Bezahlt haben beide Länder. Frankreich finanzierte die Statue, die USA den Sockel. Als dafür das Geld ausging, sammelte Joseph Pulitzer 1885 mit seiner Zeitung „The World“ Spenden bei mehr als 120.000 Menschen, die meisten gaben einen Dollar oder weniger. Pulitzer druckte jeden Namen ab. Es sei kein Geschenk der Millionäre Frankreichs an die Millionäre Amerikas, schrieb er, sondern ein Geschenk des ganzen französischen Volkes an das ganze amerikanische Volk.
Eine umgewidmete Figur auf einem Sockel aus Dollarspenden. Das klingt nicht nach einem reinen Ursprung. Doch Symbole entstehen selten aus dem Nichts. Man gibt ihnen eine Bedeutung und muss sie dann einlösen.
Mutter der Verbannten
Cleveland beendete seine Eröffnungsrede mit einem Bild. Ein Strom von Licht werde die Dunkelheit der Unwissenheit und der Unterdrückung durchdringen, „until Liberty enlightens the world“. Das ist Laboulayes Idee in einem Satz: die Republik als Vorbild für den Rest der Welt. Das Licht geht nach außen.
Drei Jahre zuvor hatte Emma Lazarus dieselbe Figur anders gelesen. Sie stammte aus einer jüdischen Familie in New York und kümmerte sich um russisch-jüdische Flüchtlinge. 1883 schrieb sie das Sonett „The New Colossus“, um der Aufforderung von Pulitzer zu folgen und Geld für den Sockel zu sammeln.
„Give me your tired, your poor,
Emma Lazarus
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!“
Bei Lazarus heißt die Statue „Mother of Exiles“, Mutter der Verbannten. Sie sagt: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure zusammengedrängten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.“ Ihre Lampe leuchtet nicht in die Welt hinaus. Sie steht neben der Tür, für die, die ankommen.
Das Gedicht geriet zunächst in Vergessenheit. Erst 1903 kam es auf einer Tafel an den Sockel. Die Einwandererstation auf Ellis Island gleich nebenan war da schon seit elf Jahren in Betrieb. Zwischen 1892 und 1954 kamen dort mehr als zwölf Millionen Menschen an. Für sie war die hochgereckte Fackel das erste sichtbare Zeichen von Amerika.
Für mich ist das die eigentliche Freiheitsstatue: nicht die, die Cleveland 1886 enthüllt hat, sondern die, die Lazarus beschrieben hat.
Die Statue hat nie beschrieben, was Amerika ist. Sie hat versprochen, was es sein könnte.
Ein Vierteljahrhundert nach der Einweihung schickte Franz Kafka seinen Romanhelden Karl Roßmann über den Atlantik. Kafka selbst war nie in Amerika. Der sechzehnjährige Karl wird von seinen Eltern fortgeschickt, weil ein Dienstmädchen ein Kind von ihm bekommen hat. Bei der Einfahrt in den Hafen von New York sieht er die Freiheitsgöttin „wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor“, Der Verschollene (1927).
Ein Schwert, keine Fackel. Dabei hatte Cleveland bei der Einweihung betont, man verneige sich hier nicht vor einem „fierce and warlike god“. Ob Kafka sich geirrt hat oder nur genauer hingesehen hat, weiß niemand. Sein unvollendeter Roman erschien 1927, nach seinem Tod, unter dem Titel „Amerika“.

Genauer hingesehen hatten andere schon vor ihm. Im Juni 1885, als Pulitzer noch für den Sockel sammelte, bekam der junge chinesische Einwanderer Saum Song Bo in New York einen Spendenaufruf. Drei Jahre zuvor hatte der Kongress mit dem Chinese Exclusion Act die Einwanderung aus China verboten und Chinesen die Einbürgerung verwehrt. Saum Song Bo antwortete in der „New York Sun“. Die Statue zeige die Freiheit mit einer Fackel, die den Menschen aller Nationen den Weg ins Land leuchte. „But are the Chinese allowed to come?“ Ob das Gesetz gegen die Chinesen oder die Statue der Freiheit das dauerhaftere Denkmal werde, schrieb er, wüssten erst künftige Generationen.
„American women have no liberty“
Am Tag der Einweihung waren auf die Insel nur zwei Frauen eingeladen. Die Frauenrechtlerin Lillie Devereux Blake charterte deshalb mit ihren Mitstreiterinnen ein eigenes Boot und hielt ein Plakat hoch: „American women have no liberty.“ In ihrer Erklärung heißt es sinngemäß, wer in einem Land, in dem keine Frau politische Freiheit besitze, die Freiheit als Frau darstelle, zeige eine reizende Inkonsequenz. Beim anderen Geschlecht könne sie nur Staunen und Bewunderung auslösen.
Einen Monat später schrieb die „Cleveland Gazette“, eine Zeitung schwarzer Amerikaner aus Ohio, man solle die Bartholdi-Statue samt Fackel ins Meer schieben. Und zwar so lange, bis die „Freiheit“ dieses Landes es einem friedlichen und fleißigen schwarzen Mann erlaube, sich und seine Familie anständig zu ernähren, ohne vom Ku-Klux-Klan überfallen zu werden.

Keiner von ihnen hat die Statue verworfen. Saum Song Bo schrieb, die Chinesen liebten die Freiheit. Wer sie ihnen verweigere, solle aber kein Götzenbild aus ihr machen, vor dem sie sich verneigen sollen. Selbst die Gazette wollte die Statue nur so lange versenken, bis das Land sie verdient. Sie alle haben das Land an der Statue gemessen und es zu leicht befunden.
Ein Gedicht wird umgeschrieben
Was aber, wenn nicht mehr das Land am Maßstab gemessen wird, sondern der Maßstab am Land? Im August 2019 zitierte Ken Cuccinelli, damals amtierender Chef der US-Einwanderungsbehörde, Emma Lazarus mit einem Zusatz: Gebt mir eure Müden und eure Armen, „die auf eigenen Füßen stehen können und dem Staat nicht zur Last fallen“. Das Gedicht beziehe sich ohnehin auf Europäer, erklärte er am Abend im Fernsehen.
„Give me your tired and your poor …
Ken Cuccinelli
who can stand on their own two feet and who will not become a public charge“
Mit diesem Zusatz kippt der Sinn. Lazarus wollte die Armen. Cuccinelli will Arme, die nicht arm sind. Das Versprechen gilt nur noch für die, die es nicht brauchen. Pulitzer hatte 1885 geschrieben, die Statue sei kein Geschenk der Millionäre an die Millionäre. Gut hundert Jahre später soll sie genau das werden.
Inzwischen steht der Zusatz in Zahlen fest. Für das Haushaltsjahr 2026 setzte die Regierung die Obergrenze für Flüchtlinge auf 7.500, so niedrig wie nie seit Beginn des Programms 1980, und reservierte die Plätze vorrangig für weiße Südafrikaner. Im Mai hob sie die Grenze auf 17.500 an. Aufgenommen wurden schließlich 16.292 Menschen, alle bis auf fünf aus Südafrika. 2024 waren es noch mehr als 100.000 Flüchtlinge aus Dutzenden Ländern gewesen. Für 2027 gilt wieder die Grenze von 17.500, wieder vor allem für Afrikaaner. Das Außenministerium schreibt dazu an den Kongress, die Afrikaaner würden sich so vollständig einfügen, dass die Steuergelder amerikanischer Bürger geschont würden. (Newsweek)
Cuccinellis Zusatz steht jetzt in einem Regierungsdokument.
Das Migration Policy Institute zählt rund 980.000 Abschiebungen zwischen dem 20. Januar 2025 und Ende Juli 2026.
migrationpolicy.org
Im März 2025 rief der französische Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann den Amerikanern zu: „Gebt uns die Freiheitsstatue zurück. Wir haben sie euch geschenkt, aber offenbar verachtet ihr sie.“ Die Pressesprecherin des Weißen Hauses antwortete, ohne die USA würden die Franzosen heute Deutsch sprechen. Eine Rückgabe komme „absolutely not“ in Frage.
Die Statue bleibt, wo sie ist. Gestritten wird darüber, wem sie gehört.
Was die Gerichte noch halten
Was die Statue heute verspricht, messen inzwischen auch Demokratieforscher. Das V-Dem-Institut an der Universität Göteborg führt die USA in seinem Bericht vom März 2026 zum ersten Mal seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr als liberale Demokratie, sondern nur noch als Wahldemokratie. Das Tempo des Abbaus nennt es beispiellos in der modernen Geschichte. Freedom House senkt die Punktzahl auf 81 von 100, so tief wie nie, die USA gelten dort aber weiter als „frei“. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen stehen sie auf Platz 64.
Und doch entscheiden Gerichte immer wieder gegen die Regierung. Im Dezember 2025 stoppte der Supreme Court den Einsatz der Nationalgarde in Chicago. Im September 2026 musste das Weiße Haus Reportern von CNN, MS NOW und Politico wieder Zutritt geben. Angeordnet hatte das Timothy Kelly, ein Bundesrichter, den Trump selbst ernannt hatte.
Hier liegt für mich die Grenze zwischen einer beschädigten Demokratie und einer Diktatur. In einer Diktatur gewinnt man vor Gericht nicht gegen die Regierung. In Amerika geschieht das noch. Wer heute klagt, steht in einer langen Reihe mit Saum Song Bo, Lillie Devereux Blake und der Redaktion der Cleveland Gazette. Das Versprechen wird weiter eingeklagt.
Den Präsidenten wählen die Amerikanerinnen und Amerikaner heute nicht neu. Es sind die Midterms. Zur Wahl stehen alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus, 35 Sitze im Senat und 36 Gouverneursämter. Das Ergebnis bestimmt aber mit, wie viel Spielraum Donald Trump in den kommenden zwei Jahren hat. Der Leiter des V-Dem-Berichts nennt diese Wahl einen entscheidenden Test für die amerikanische Demokratie. Wie unsicher selbst Fachleute sind, zeigt eine Umfrage von Bright Line Watch unter amerikanischen Politikwissenschaftlern vom Oktober: Die Wahrscheinlichkeit einer freien und fairen Wahl schätzen sie im Mittel auf 75 Prozent. Drei zu eins. Für das Land, das die Freiheit in seinen Hafen gestellt hat, ist das keine beruhigende Quote.
Ein Land, zu dem man aufschaute
Als ich mit vierzehn nach Colorado kam, war Amerika für mich etwas Besonderes, ein Land, das für Freiheit pur stand. Dieses Flair ist komplett verschwunden. Mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Nach der Pew-Umfrage vom Frühjahr 2026 haben nur noch 27 Prozent der Deutschen eine gute Meinung von den USA. Als verlässlichen Partner sehen sie nur noch 39 Prozent, 2022 waren es 83 Prozent. Ehrlicherweise lag die gute Meinung schon 2003, zur Zeit des Irakkriegs, und 2020 ähnlich tief und hat sich danach jeweils schnell erholt. Neu ist, wie wenige den USA noch vertrauen.
Wir Europäer haben lange gut damit gelebt, aufzuschauen. Der amerikanische Historiker Robert Kagan schrieb 2002, Europa trete in ein „nachhistorisches Paradies des Friedens und relativen Wohlstands“ ein, die Verwirklichung von Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“. Im selben Aufsatz steht ein Satz, der heute schwerer wiegt: Diese kantische Ordnung könne nur unter dem Schirm amerikanischer Macht gedeihen. Wer unter einem Schirm steht, schaut nach oben. Wen der Schirm nicht deckt, sieht er nicht.
Befreiung und Freiheit sind nicht dasselbe.
Hannah Arendt, „Über die Revolution“
Zu Füßen der Statue liegen die zerbrochenen Ketten. Das ist Befreiung. In der Hand hält sie die Fackel. Das ist Freiheit, und die ist nie fertig. Bei Arendt ist Befreiung nur die Voraussetzung. Freiheit muss erst gegründet werden und danach gehalten.
Das unterscheidet heute von meiner Jugend. Damals schien mir das Versprechen eingelöst, mit vierzehn an einer Highschool in Colorado. Heute sehe ich, dass es nie eingelöst war: nicht für die Frauen im Boot von 1886, nicht für die Redaktion der Cleveland Gazette, nicht für Saum Song Bo. Ich schaue nicht mehr zu Amerika auf. Ich sehe hin. Was ich sehe, ist keine Diktatur. Es ist ein Land, in dem die Fackel wieder vor allem denen leuchtet, die es sich leisten können. Solange das Versprechen eingeklagt wird, gehört die Statue nicht der Regierung, die gerade das Gedicht umschreibt.
Nachtrag, 4. November 2026
In der vergangenen Nacht hat Amerika gewählt, und die Demokraten haben gewonnen. Zum ersten Mal seit Langem lese ich amerikanische Nachrichten mit Hoffnung.
Mich interessiert daran weniger die Partei als der Vorgang. Genau darum geht es in diesem Text: Das Versprechen wurde eingeklagt, diesmal nicht vor Gericht, sondern an der Wahlurne. Eine Opposition, die gewinnen kann, ist der Unterschied zwischen einer beschädigten Demokratie und einer Diktatur. Gestern war das noch eine Frage. Heute ist es eine Antwort, zumindest für die nächsten zwei Jahre.
Eingelöst ist damit nichts. Wem die Fackel leuchtet, entscheidet sich nicht in einer Nacht. Aber Clevelands Altar ist nicht verlassen. Es stehen wieder Menschen davor.
