Robert Musils Vortrag „Über die Dummheit“

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Robert Musils Vortrag „Über die Dummheit“ entstand in einer politischen Zwischenzone: Er wurde am 11. März 1937 in Wien gehalten und am 17. März wiederholt – genau ein Jahr vor dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Musil sprach zwar nicht offen von Hitler, dem Nationalsozialismus oder dem Antisemitismus, analysierte jedoch jene geistigen Mechanismen, die autoritäre Gesellschaften ermöglichen. Dazu zählen Vereinfachung, Konformität, Affekt, Denkfaulheit und die Verwechslung von Tatkraft mit Wahrheit.

Wien im März 1937

Österreich war zu dieser Zeit kein freies, demokratisches Gemeinwesen mehr. Nach dem Bürgerkrieg von 1934 regierte der autoritäre Ständestaat unter Engelbert Dollfuß und später unter Kurt Schuschnigg. Zugleich wuchs der Druck des nationalsozialistischen Deutschlands. Die politische Öffentlichkeit war eingeschränkt, oppositionelle Kräfte wurden verfolgt und die nationalsozialistische Bewegung agierte auch in Österreich zunehmend offensiver.

Musil war jedoch alles andere als ein unbeteiligter Beobachter. Seine Bücher waren im nationalsozialistischen Deutschland verboten und seine Frau Martha war jüdischer Herkunft. 1936 hatte Musil einen Schlaganfall erlitten, von dem er sich gesundheitlich nie vollständig erholte. Unter diesen Bedingungen überhaupt öffentlich über ein so heikles Thema zu sprechen, war bereits ein politischer Akt. Dies wird auch in seinen Notizen zum Vortrag deutlich, in denen er vor möglichen Vorwürfen warnt, seine Rede störe die „zeitgenössische Entwicklung“ oder es mangele ihm an Patriotismus beziehungsweise „Völkertum“.

Was meint Musil mit Dummheit?

Musil beginnt mit einem paradoxen Problem: Wer über Dummheit spricht, muss voraussetzen, selbst nicht dumm zu sein. Damit stellt er den Sprecher jedoch sofort unter Verdacht. Denn sich für klug zu halten, gilt seinerseits als Zeichen von Dummheit.

Das war mehr als ein ironischer Einstieg. Musil verhindert damit, dass sein Vortrag zu einer bloßen Abrechnung mit „den Dummen” wird. Er schließt sich selbst in die Analyse ein. Dummheit ist kein Makel, den nur andere besitzen. Jeder Mensch kann gelegentlich dumm handeln. Entscheidend ist die Frage, wann aus einem begrenzten Fehler eine geistige Haltung oder sogar eine gesellschaftliche Ordnung wird.

Dummheit ist nicht einfach nur fehlende Intelligenz

Musil unterscheidet hier zwischen mehreren Formen: Einer einfachen oder „ehrlichen“ Dummheit, die aus Unwissenheit, Unfähigkeit oder situativem Versagen entsteht. Hannah Arendt bezeichnete diese Dummheit später auch als „Banaliät des Bösen“. Dann ist da noch die funktionale Dummheit, bei der jemand in einer bestimmten Situation nicht angemessen handeln kann. Und zuletzt gibt es noch eine Steigerung: die gefährlichere „höhere“ oder „anspruchsvolle“ Dummheit.

Diese ist nicht einfach ein Mangel an Verstand. Sie besteht vielmehr darin, dass Intelligenz überschätzt wird und Leistungen beansprucht werden, die sie nicht erbringen kann. Sie ist eine Art Bildungskrankheit, keine Unbildung im schlichten Sinn, sondern eine falsch geratene Bildung, bei der Wissen, Gefühl, Urteil und Verantwortung nicht mehr zusammenwirken.

Musils berühmtester Gedanke lautet sinngemäß: Es gibt kaum einen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht verwenden könnte. Die Dummheit kann sich als Wahrheit verkleiden. Gerade deshalb ist sie so gefährlich. Während die Wahrheit bei Musil etwas Genaues, Begrenztes und jeweils zu Prüfendes ist, kann die Dummheit „alle Kleider der Wahrheit anziehen“.

Damit meint Musil nicht nur falsche Aussagen. Er interessiert sich vielmehr für die Art und Weise, wie Ideen eingesetzt werden: als Schlagwort, als Identitätsmarker, als Waffe gegen andere oder als Ersatz für das eigene Denken.

Sprache, Affekt und politische Panik

Ein zentraler Teil des Vortrags befasst sich mit Wörtern wie „dumm“, „gemein“, „widerlich“ oder „Kitsch“. Musil zeigt, dass solche Wörter oft keine präzisen Urteile mehr sind. Sie bündeln vielmehr Gefühle, Absichten und Abwehrreaktionen. Wer etwas nur noch als „dumm“ oder „gemein“ bezeichnet, hat möglicherweise gespürt, dass etwas nicht stimmt, konnte das Problem jedoch noch nicht genau benennen.

Das Schimpfwort ist laut Musil ein sprachlicher Kurzschluss. Es beendet die Auseinandersetzung, bevor sie begonnen hat. Es ersetzt Analyse durch Affekt. Von dort aus gelangt Musil zur Panik. Panik ist für ihn jedoch nicht nur Angst. Es kann auch eine Panik der Wut, der Gier, der Tapferkeit oder sogar der Zärtlichkeit geben. Er beschreibt einen Zustand, in dem eine starke Erregung die Fähigkeit zu geordnetem Denken blockiert. An die Stelle angemessener Handlungen treten eine Vielzahl blinder Reaktionen.

Musil beschreibt damit eine politische Dynamik: Eine Gesellschaft, die sich in einer „Vertrauenskrise der Humanität“ befindet, kann ihre Angelegenheiten nicht mehr frei und vernünftig regeln. Freiheit und Vernunft seien bereits seit dem 19. Jahrhundert „außer Kurs“ geraten – nicht nur durch ihre Gegner, sondern auch durch ihre vermeintlichen Freunde, die sie verkürzt, routiniert oder dogmatisch verwendet hätten.

Hier liegt die zeitgeschichtliche Sprengkraft des Vortrags. Musil beschreibt, wie eine Gesellschaft ihre geistigen Maßstäbe verliert und dann nach Ersatz sucht: nach starken Gesten, eindeutigen Feinden, kollektiver Erregung und scheinbar einfachen Lösungen.

Handle so gut du kannst und so schlecht du musst – und bleibe dir dabei der Fehlergrenzen deines Handelns bewusst.

Robert Musil

Musil interessiert sich weniger für Dummheit als medizinische oder psychologische Eigenschaft eines Einzelnen. Sein eigentliches Thema ist das Verhältnis von Denken, Gefühl, Sprache, Kunst und Macht. Dabei sind ihm vier Fragen besonders wichtig:

1. Wie entsteht ein Urteil?

Musil misstraut schnellen Urteilen. Ein Urteil sollte nicht nur eine Reaktion ausdrücken, sondern auch Unterschiede wahrnehmen können. „Dumm“ und „gemein“ sind für ihn die unterste, noch ungegliederte Stufe der Kritik. Man spürt, dass etwas falsch ist, kann es aber nicht begründen.

2. Wie wird Intelligenz gefährlich?

Intelligenz schützt nicht automatisch vor Dummheit. Im Gegenteil: Sie kann Dummheit raffinierter machen. Ein gebildeter Mensch kann seine Kenntnisse nutzen, um Vorurteile zu rechtfertigen, Macht zu sichern oder sich selbst gegen Einwände zu immunisieren.

3. Was geschieht mit der Kunst?

Musil verbindet Dummheit mit einer Gesellschaft, die sich kunstfreundlich nennt, aber gegen Kunst und den „feineren Geist“ resistent ist. Kunst wird dann zwar dekorativ geehrt, ihre eigentliche Funktion, Wahrnehmungen zu irritieren und Selbstverständlichkeiten aufzubrechen, wird jedoch abgewehrt. In diesem Sinne kann Dummheit zugleich als Kultur, Bildung, Geschmack und offizieller Preis auftreten.

4. Wie kann man trotz Unsicherheit handeln?

Musil fordert keine vollständige Enthaltung. Niemand kann nur handeln, wenn er alles verstanden hat. Sein Gegenmittel heißt Bescheidung. Man soll urteilen und handeln, sich dabei aber der eigenen Fehlergrenzen bewusst bleiben.

Was können wir aktuell von Musil lernen?

Angesichts unserer heutigen gesellschaftlichen und politischen Situation trägt Dummheit oft nur ein modernes Gewand. Musils Vortrag führt vor, was er theoretisch fordert. Er liefert keine abschließende Definition der Dummheit. Er schreibt, dass Dummheit Fortschritt, Talent, Hoffnung und Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sehen kann. Sein Vortrag liefert uns ein Instrumentarium, mit dem wir gegenwärtige Denk- und Kommunikationsformen prüfen können.

Vielleicht besteht die Aktualität dieses Vortrags genau darin: Er lehrt uns nicht, wie wir die Dummen von den Klugen unterscheiden können. Er lehrt uns vielmehr, misstrauisch zu werden, wenn eine Gesellschaft diese Unterscheidung allzu sicher, allzu schnell und allzu gern auf andere anwendet.

Robert Musil: „ Über die Dummheit“. Vortrag auf Einladung des österreichischen Werkbunds, gehalten in Wien am 11. und wiederholt am 17. März 1937.


Buchempfehlung: Robert Musil: „Über die Dummheit“.
Reclam Universal-Bibliothek, 63 Seiten, 7,00 Euro.
Oder die Edition Holzinger auch als Taschenbuch in der Berliner Ausgabe von 2016, Erstdruck im Rahmen der Schriftenreihe »Ausblicke«, Bermann-Fischer Verlag, Wien, 1937, 30 Seiten, 4,90 Euro.


Das Titelbild wurde mit Hilfe von KI/ ChatGPT generiert.
Siehe auch KI-Transparenz-Hinweis.

Ruth-Janessa Funk

Ich schreibe über Kultur und Gesellschaft sowie die leisen Verschiebungen dazwischen – immer neugierig und mit eigener Haltung. Ich freue mich, dass du da bist.

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