Das klingt zunächst wie eine merkwürdige Modewahl. Der Begriff weckt Assoziationen mit Wolle, vielleicht sogar mit unbequemem Schuhwerk und einem Wort, das heute fast vollständig aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist. „Blaustrumpf“ gehört zu den alten Schimpfwörtern gegen Frauen, die in den Giftschrank gehören. Es wurde verwendet, um eine Frau zu beschreiben, die zu viel las, zu viel wusste und zu viel nachdachte. Eine Frau also, die sich nicht damit zufrieden gab, lediglich schön, liebenswürdig und praktisch zu sein. Eine Frau wie mich.
Bevor der Begriff „Blaustrumpf” zum Schimpfwort wurde, bezeichnete er einen Kreis von Frauen, die sich zu literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Themen austauschten. Es war ein Raum, an dem Frauen über Literatur, Kunst und Wissenschaft diskutierten. Ein Ort, an dem Bildung nicht als weibliche Zierde, sondern als gemeinsames Unterfangen betrachtet wurde. Der „Blaustrumpf” war ursprünglich keine Karikatur. Er war eine Einladung.
Ein Strumpf für die Aufklärung
Die Geschichte beginnt in den 1750er Jahren in London. Elizabeth Montagu, Elizabeth Vesey und Frances Boscawen veranstalteten in ihren Häusern Treffen, zu denen sie sowohl Frauen als auch Männer einluden. Sie diskutierten über Literatur, Geschichte, Kunst, Naturwissenschaften und Politik. Zu den Gästen zählten Samuel Johnson, Joshua Reynolds, David Garrick, Fanny Burney, Hannah More und die Übersetzerin Elizabeth Carter.
Der Name „Bluestockings” soll der Legende nach auf den Botaniker Benjamin Stillingfleet zurückgehen. Er trug keine eleganten Seidenstrümpfe, wie sie bei solchen Zusammenkünften üblich waren, sondern blaue Wollstrümpfe, wie man sie im Alltag üblicherweise trug. Daraufhin soll Elizabeth West ihn eingeladen haben, trotzdem zu kommen: „In his blue stocking.“ So wurde der beiläufige Kleidungsunterschied zum Namen einer intellektuellen Gesellschaft, der Bluestocking Society.
Das ist eine schöne Herkunftsgeschichte, vielleicht sogar ein bisschen zu schön. Historische Begriffe haben selten nur eine einzige Quelle. In diesem Fall passt die Anekdote jedoch, denn sie fängt den Geist dieser intellektuellen Zusammenkünfte ein. Die Blaustrümpfe wollten keine verstaubte, steife Angelegenheit sein. Sie wollten einen Raum sein, in dem Ideen wichtiger waren als die angemessene Kleidung.


Diese gesellschaftlichen Treffen waren keineswegs revolutionär im modernen Sinne. Die ersten „Blue Stockings” stammten größtenteils aus privilegierten Kreisen. Sie waren wohlhabend, gebildet und in der Gesellschaft gut vernetzt. Elizabeth Montagu selbst war eine reiche Erbin, Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Gastgeberin. Samuel Johnson nannte sie die „Queen of the Blues”. In ihren Salons sollten Frauen sichtbar sein und an intellektuellen Aktivitäten teilnehmen können, ohne dadurch aus der respektablen Gesellschaft auszugleiten.
Im 18. Jahrhundert durfte eine Frau durchaus gebildet sein, allerdings nur, wenn dies rein dekorative Zwecke erfüllte: Sie durfte Klavier spielen, Sprachen lernen und Gedichte lesen. Doch was, wenn sie ihre Bildung nutzte, um ihre eigene Stimme zu entwickeln? Was, wenn sie offen schrieb? Was, wenn sie ihre Meinung äußerte? Was, wenn sie nicht mehr nur intelligenter wirken, sondern tatsächlich mitreden wollte? Dann wurde aus einer gebildeten Frau schnell eine bedrohliche Frau.
„Die Frauen, die schreiben, sind keine Frauen mehr. Das sind Blaustrümpfe. Blaustrumpf ist männlich.“
Barbey d’Aurevilly
Die National Portrait Gallery beschreibt, wie sich die Bezeichnung ab den 1770er-Jahren von einer intellektuellen Londoner Gruppe, der sowohl Männer als auch Frauen angehörten, zunehmend auf gebildete Frauen im Allgemeinen ausweitete und und schließlich zu einem Spottnamen wurde. Eine Frau, die las, schrieb und debattierte, entzog sich der traditionellen Rollenzuweisung. Sie war nicht mehr nur Tochter, Ehefrau, Mutter oder Gastgeberin. Sie besaß eine eigene geistige Existenz. Genau das war der eigentliche Skandal. Die männliche Fantasie stilisierte solche Frauen zur mahnenden Warnung. Eine Blaustrumpf-Frau vernachlässigte angeblich ihren Haushalt, ihre Kinder und ihren Mann. Sie war schlampig gekleidet, ungepflegt, verbittert und selbstverständlich sexuell uninteressant. Bildung musste ihr Gesicht entstellen. Schreiben musste ihren Körper verunstalten. Denken musste sie unweiblich machen.

Bis heute erkennen wir noch diese Logik. Frauen werden nicht einfach dafür kritisiert, dass sie etwas sagen. Sie werden dafür kritisiert, wie sie dabei aussehen, klingen oder wirken. Zu laut. Zu streng. Zu ehrgeizig. Zu wenig attraktiv. Zu wenig freundlich. Zu akademisch. Zu kompliziert. Zu viel. Hier fällt mir auch gleich diese wunderbare Szene der Filmfigur Gloria in dem Film „Barbie“ (2023) ein. Der „alte Blaustrumpf” ist eine besonders plumpe Form dieses Mechanismus: Eine Frau muss sich entscheiden, ob sie begehrenswert oder klug sein möchte. Beides zusammen scheint nicht erwünscht zu sein.
Karikatur als Schreckensbild
Diese Furcht wird besonders deutlich in den Karikaturen des 19. Jahrhunderts. Honoré Daumier veröffentlichte 1844 in der französischen Satirezeitschrift Le Charivari die Serie Les Bas-Bleus („Die Blaustrümpfe“). Sie umfasste 40 Blätter, die zwischen Januar und August erschienen. In den Karikaturen wird weibliche geistige Freiheit vor allem als Hässlichkeit inszeniert und als Qual für den Mann. Daumier war ein bekannter Künstler. Das macht die Sache jedoch nicht harmloser. Im Gegenteil: Kunst kann Vorurteile so präzise und einprägsam formulieren, dass sie länger überdauern als die politischen Systeme, in denen sie entstanden sind.





Eine gebildete Frau war ein Schreckensbild, denn Bildung versprach Unabhängigkeit. Wer lesen kann, ist nicht mehr vollständig auf die Erklärungen anderer angewiesen. Wer schreiben kann, hinterlässt seine eigene Version der Welt. Wer Geschichte versteht, erkennt, dass gesellschaftliche Regeln von Menschen gemacht wurden und deshalb auch verändert werden können. Wer argumentiert, kann Autorität hinterfragen. Eine „Blaustrumpf” beharrt darauf, die Welt selbst beurteilen zu können.
Im 20. Jahrhundert verlor der alte Begriff an Wirkung. In Deutschland wurde stattdessen „Emanze” zum gängigeren Schimpfwort. Ich mag diesen neuzeitlichen Begriff nicht besonders. Er klingt nach einem weiblichen Wesen, das von einer sachlich und vernünftig denkenden Frau abweicht. Es klingt nach jemandem, der zu laut, zu aggressiv und zu wenig charmant ist – also wieder eine disqualifizierende Bezeichnung. Der Blaustrumpf gefällt mir besser. Vielleicht, weil in ihm noch ein Gegenstand steckt. Ein Kleidungsstück. Etwas Sichtbares, Alltägliches. Und vielleicht gefällt mir der Blaustrumpf auch besser, weil er eine Geschichte der Aneignung enthält. Ich lese. Ich denke. Ich schreibe.
Ich möchte den Teil der Geschichte bewahren, in dem sich Frauen treffen, um miteinander zu sprechen, zu diskutieren und sich auszutauschen. Frauen wie Elizabeth Carter, die Epiktet übersetzte. Oder Fanny Burney, deren Roman „Evelina” 1778 erschien. Oder Hannah More, die 1786 in ihrem Gedicht The Blue Stockings die geistige Gemeinschaft der Frauen feierte. Alles Blaustrümpfe.
Ich wäre gerne genau so ein „Blaustrumpf”. Vielleicht bin ich ja schon einer.
