In Oakland, Kalifornien, läuft seit Mitte August 2026 einer der wichtigsten Prozesse des digitalen Zeitalters: 29 US-Bundesstaaten haben Meta verklagt und behaupten, Instagram und Facebook seien bewusst so konzipiert worden, dass sie bei Kindern und Jugendlichen Suchtverhalten auslösen und deren psychische Gesundheit beeinträchtigen. Die Forderungen der Kläger sind weitreichend: bis zu 1,4 Millarden US-Dollar Schadenersatz sowie strukturelle Änderungen an den Plattformen – die Abschaffung des endlosen Scrollens, der «Like»-Funktion und Altersbeschränkungen.
Das Thema ist nicht neu
Die Debatte darüber, ob soziale Medien bei Kindern und Jugendlichen zu psychischen Problemen führen können, dauert schon seit Jahren an. Was derzeit in Oakland geschieht, ist nicht der Anfang der Geschichte – sondern möglicherweise ihr rechtlicher Höhepunkt.
Der wohl bekannteste Moment, in dem diese Debatte – insbesondere gegen Meta – in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, war im Oktober 2021: Frances Haugen, eine ehemalige Datenwissenschaftlerin bei Facebook, trat als Whistleblowerin an die Öffentlichkeit. Sie übergab dem «Wall Street Journal» und dem Kongress Tausende interner Dokumente. Darunter befand sich eine interne Instagram-Präsentation mit schockierenden Zahlen: 32 Prozent der Teenager-Mädchen gaben an, dass Instagram ihr Unwohlsein bezüglich ihres Körpers noch verschlimmert habe. 13,5 Prozent der Teenager-Mädchen berichteten, dass Instagram ihre Selbstmordgedanken verstärkt habe. 17 Prozent sagten, die Plattform habe zu Essstörungen beigetragen.

2021 enthüllte Frances Haugen, was Meta bereits lange wusste. Seitdem gab es Tausende von Klagen, Millionen von Schlagzeilen und Dutzende von Studien. Doch es ist kaum etwas geschehen – bis jetzt. Der Prozess in Oakland ist der Moment, in dem Empörung in Taten umgesetzt werden kann. Der Kernvorwurf lautet, dass Meta das Nutzerengagement über die Sicherheit gestellt habe, obwohl das Unternehmen wusste, dass Kinder unter 13 Jahren seine Plattformen nutzten – was gegen die eigenen Richtlinien verstösst.
Gleichzeitig zeichnen deutsche Daten ein alarmierendes Bild: Laut der jüngsten DAK-Mediensucht-Studie hat sich die pathologische Nutzung sozialer Medien bei 10- bis 17-Jährigen seit 2019 mehr als verdoppelt und ist von 3,2 Prozent auf 6,6 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Hochgerechnet sind davon in Deutschland mehr als 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche betroffen.
Die Mechanik der Abhängigkeit: Dopamin, Design, Algorithmen
Hinter den vertrauten Benutzeroberflächen von Instagram, TikTok und YouTube verbirgt sich ein äusserst komplexer Mechanismus, der darauf ausgelegt ist, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu fesseln. Forscher bezeichnen dies als «Dopamin-Scrolling»: Jeder Wisch bietet die Chance auf etwas Neues, Überraschendes oder Belohnendes. Es handelt sich um ein variables Belohnungssystem, das dem Prinzip von Spielautomaten folgt.
Die Plattformen nutzen diese Mechanismen gezielt aus: Endlos-Scrollen, Autoplay, «Pull-to-Refresh», personalisierte Newsfeeds – all dies sind Funktionen, die nachweislich die Verweildauer auf der Plattform erhöhen und damit die Werbeeinnahmen steigern. Meta verdient Geld, solange die Nutzer online bleiben. Die Logik ist einfach: mehr Zeit = mehr Daten = mehr Werbung = mehr Gewinn.
Die vergessene Fähigkeit: Langeweile aushalten
Damit kommt ein Aspekt ins Spiel, der in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird: Langeweile. Nicht als Makel, sondern als Raum. Als Ort, an dem Kinder lernen, ohne Ablenkung mit sich selbst zu sein.
Als meine Kinder im Kindergarten und in der Grundschule waren, gab es einen Vortrag für Eltern zum Thema Drogen. Der Drogenpräventionsbeauftragte, der den Vortrag hielt, sagte etwas, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Kinder müssen lernen, Langeweile zu ertragen. Genau diese Fähigkeit schützt vor Suchtverhalten – sei es bei Drogen oder bei digitalen Medien.
Die Forschung gibt ihm Recht. Boredom Proneness (Langeweileanfälligkeit) ist die Tendenz, sich leicht zu langweilen. Sie ist ein wichtiger Prädiktor für problematische Mediennutzung und Smartphone-Sucht. Und eine Längsschnittstudie mit chinesischen Studierenden zeigte, dass diejenigen, die zu Langeweile neigten, acht Monate später mit grösserer Wahrscheinlichkeit eine Handy-Sucht entwickelten. Die Anfälligkeit für Langeweile vermittelt den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Sucht – wer Langeweile nicht ertragen kann, sucht Zuflucht in der Ablenkung.
Das Paradoxon ist folgendes: Soziale Medien versprechen Unterhaltung, um Langeweile zu bekämpfen – doch sie berauben Kinder genau jener Übung, die sie brauchen, um mit Leere umzugehen. Anstatt zu lernen, eigene Gedanken zu denken, eigene Spiele zu erfinden oder ihren eigenen Weg zu gehen, wird jeder ruhige Moment mit „Content“ gefüllt.
Viele junge Menschen sind sich durchaus bewusst, wie süchtig diese Apps machen – aber sie haben keine Alternative, keinen Raum, um anders zu leben.
Das erinnert mich an ein Podcast-Interview im Hotel Matze mit Harald Welzer. Welzer spricht hier von „Guten Orten“ oder „dritten Orte“. Junge Menschen brauchen Räume, iin denen sie ausserhalb von Filterblasen und Konfliktarenen miteinander reden können. Dort entstehen Gespräche, die nicht von einem bestimmten Zweck getrieben sind, sondern einfach so passieren, scheinbar banaler Smalltalk, die jedoch ein Gefühl der Zugehörigkeit und des sozialen Zusammenhalts schaffen.
Die Forschung bestätigt dies. Junge Menschen nutzen öffentliche Räume als Orte des Ausprobierens, des Austauschs und der Identitätsbildung. Diese Räume bieten eine Handlungsfreiheit, die für die soziale, emotionale und kulturelle Entwicklung unerlässlich ist. Im Gegensatz zu Erwachsenen nutzen junge Menschen diese Räume weniger zweckorientiert . Sie sind Laboratorien für Selbstwirksamkeit und Autonomie.
Das Problem ist, dass diese Räume mittlerweile vor allem von den sozialen Medien eingenommen werden. Digitale Plattformen haben die Funktion der «dritten Orte» übernommen. Welzer sagt: «An guten Orten können Menschen ohne konkreten Anlass zusammenkommen, scheinbar belanglose Gespräche führen und unerwartete, ungeplante glückliche Momente erleben.» Genau dieses Element des Ungeplanten geht in den sozialen Medien verloren.
Eine gesellschaftliche Aufgabe
Ich glaube, es ist unsere gesellschaftliche Verantwortung, solche Räume wieder zu schaffen. Zum Beispiel in einer jugendfreundlichen Stadtentwicklung: Räume, die junge Menschen mitprägen können, nicht nur Räume für sie. Orte, an denen junge Menschen einfach sie selbst sein können, ohne am kommerziellen Konsum teilzunehmen. Räume, die nicht überoptimiert sind, die Raum für Überraschungen lassen. Meine Kinder hatten noch solche Räume. In München gab es „die städtische Schule der Phantasie“ oder es gab die „Hüttenstadt zum Selberbauen“. Für Teenager wird es jedoch immer schwieriger und gerade für sie werden «gute Orte» am dringendsten gebraucht. Schliesslich schaffen scheinbar belanglose Gespräche ein Gefühl der Zugehörigkeit und wirken dem Eindruck entgegen, dass die Welt nichts als Hass und Konflikte ist. Genau das fehlt einer Generation, deren Sozialisation heute hauptsächlich in algorithmisch kuratierten Newsfeeds stattfindet.
Haben wir zugelassen, dass eine Generation herangewachsen ist, in der ihre Aufmerksamkeit zu einer Ware geworden ist? Haben wir hier Türen geöffnet, deren Regeln wir selbst nicht verstehen?
Der Prozess in Oakland ist mehr als nur ein juristisches Verfahren. Er ist der erste große Testfall. Die Anklagen behauptet nicht, dass bestimmte Inhalte schuldhaft sind, sondern dass die Gestaltung der Plattformen selbst schädlich ist. Sollte Meta für schuldig befunden werden – was ich persönlich hoffe –, wäre dies nicht nur ein finanzieller Rückschlag für den Konzern, sondern würde auch einen Präzedenzfall für die längst überfällige weltweite Regulierung der sozialen Medien schaffen.
