Diese Woche kuratiere ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kino und Debatten für dich. Passend zum Wochenende, passend zu dir.
Seit Montag läuft Sam Neill durch meinen Feed. In Gummistiefeln über sein Weingut, singend am Klavier mit Jeff Goldblum, lachend über sich selbst. Und jedes Mal dieselbe Reaktion: Erst Freude, dann der Stich der Erkenntnis, dass er tot ist.
Er starb am 13. Juli im Alter von 78 Jahren in Sydney, überraschend. Am Donnerstag nannte seine Familie den Grund: eine Lungenentzündung, nicht der Krebs. Zum Zeitpunkt seines Todes galt er als krebsfrei.
Die Nachricht hat mich betroffener gemacht, als ich es bei jemandem erwartet hätte, den ich nie getroffen habe. Ich glaube, das muss man nicht weiter ausführen. Wer ihm in den letzten Jahren auf Instagram gefolgt ist, hat den Mann hinter dem Schauspieler kennengelernt: charmant, selbstironisch, jemand, der seine Gedanken über das Leben teilte – auch geprägt von seiner Krebsdiagnose –, aber nie larmoyant. Dieses Gesicht, die frechen blauen Augen, das warme Lächeln. Da kann man schon sehr ins Schwärmen geraten.
In den Reaktionen der letzten Tage taucht immer wieder dasselbe Bild auf: „Gentleman, national treasure, beautiful man“. Ein Star, der nie laut sein musste, mit trockenem Humor und großer Güte. Toni Collette schreibt, er sei ein „big hearted king with a dry, hilarious wit“ gewesen, wenn sie an ihn denke, sehe sie ihn lachend. Karl Urban nennt ihn einen „national treasure“ und beschreibt, wie er anderen den Weg geebnet hat, ohne dafür laut zu werden. Sein Humor war offenbar kein Unterhaltungsprogramm für andere, sondern ein Schutzraum für ihn selbst: lakonisch, manchmal selbstironisch, nie zynisch.
Wenn einem der bekanntesten Schauspieler der Welt in einem Interview bei einer einfachen Frage nach dem besten Rat seiner Eltern die Tränen kommen, dann ist das kein Ausschnitt, den jemand für mich kuratiert hat. Das ist ein Mensch. Sam Neill trug eine besondere Nähe in sich: keine kluge Selbstinszenierung, sondern eine Nähe, die er offenbar auch über den Bildschirm herstellen konnte und die deshalb nicht weniger echt war. Die Trauer um jemanden, den man nur aus der Distanz kannte, ist deshalb kein kleineres Gefühl. R.I.P. Sir Sam Neill.
Meine Ausstellungs-Besuche
Diese Woche beginne ich mit den Ausstellungen, die ich vergangene Woche selbst gesehen habe. Danach geht es mit der Vorschau weiter nach Essen, Berlin und München.
Am Samstag war ich im Museum Küppersmühle in Duisburg bei der Ausstellung von Jaume Plensa. Seine Ausstellung „Invisible” ist noch bis zum 1. November zu sehen. Zu sehen sind über 50 Skulpturen, Papierarbeiten und Wandzeichnungen, die eigens für das Museum entstanden sind. Meinen ausführlichen Kommentar zur Ausstellung und zu meinem Besuch findest du hier: „Jaume Plensa im Museum Küppersmühle: Schönheit als Behauptung”. Vorab gibt es hier schon einen kleinen Überblick per Video.
Am Sonntag fand meine nächste Station der vergangenen Woche statt: der Sommerrundgang in der Kunstakademie Düsseldorf, der in diesem Jahr vom 8. bis 12. Juli stattfand. Gezeigt wurden die Abschlussarbeiten von 56 Absolventen. Für mich ist es nie nur ein neutraler Blick in eine kreative Werkstatt. Ich mag diese Rundgänge sehr. Es ist unprätentiös und offen, und oft ergibt sich die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit den Künstler:innen. Es ist auch dieses leise Kribbeln dabei, zu entdecken, was in Zukunft wohl noch lauter werden wird. Nur mit einem Bauchgefühl. Hier sind einige meiner Eindrücke vom Rundgang mit Fotos und Video.


„Beneath the Surface, Beyond the Trees“ von der Kunsthalle Düsseldorf. Es gibt Ausstellungen, die man anschaut. Und es gibt Orte, die einen zurück anschauen. Genau dieses Gefühl hatte ich am späten Mittwochnachmittag am Suitbertus-See in Kaiserswerth in Düsseldorf: Nicht die Kunst dominiert den Raum, sondern der Raum prägt die Kunst, mit Licht, Wind, Spiegelungen und einer Ruhe, die nie ganz still ist. Der See ist seit den Siebzigern ein abgeschirmtes Angelgewässer und nicht öffentlich zugänglich. Für die Ausstellung hat die Kunsthalle ihn zum ersten Mal geöffnet und zur Bühne für Kunst gemacht.
Die Stärke dieser Ausstellung liegt für mich darin, dass sie den See nicht bloß als Kulisse benutzt, sondern als eigenes Gefüge ernst nimmt, als empfindliches Verhältnis von Oberfläche und Tiefe, von Natur und Zugriff, von Sichtbarkeit und Entzug. Gerade weil der Ort normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist, wirkt die temporäre Öffnung wie ein deutlicher Eingriff: Kunst wird hier nicht einfach vom Museum ausgelagert, sondern in eine Landschaft gesetzt, die sich jeder Deutung widersetzt.
Besonders interessant ist, dass die Arbeiten nicht alle dieselbe Sprache sprechen. Daniel Hölzl und Abie Franklin beispielsweise arbeiten mit einem begehbaren, aufblasbaren Steg, der das Verhältnis von Schutz und Fragilität spürbar macht. Sofía Magdits Espinoza hingegen verwandelt die kleine Hütte in ein fast organisches Gegenwesen zum Ufer. Finnegan Shannon setzt mit seinen Bänken einen politischen Akzent auf Zugänglichkeit und Erschöpfung. Aljoschas schwebende Skulptur, die auf dem Wasser zu balancieren scheint, wirkt wie ein Sinnbild für Instabilität und Verwandlung.
Die eigentliche Qualität dieses Projekts besteht darin, dass es nicht zur schnellen Wirkung zwingt, sondern zur langsamen Wahrnehmung. Es verändert den Ort so präzise, dass man ihn nach dem Besuch nicht mehr ganz so wahrnimmt wie zuvor. Noch bis zum 9. August. Eintritt frei. Suitbertus-See, Kaiserswerth, Düsseldorf.
Skulptur ist die Kunst der Buckel und Höhlungen, die Kunst, die Formen im Spiel von Licht und Schatten darzustellen. – Auguste Rodin
Soviel zum Rückblick, beginnen wir mit dem Ausblick auf die kommende Woche von 17. bis zum 24. Juli.
Ausstellungen
Im K21 in Düsseldorf zeigt Jon Rafman mit „Main Stream Media“ seine bislang größte Museumsausstellung, und sie ist ganz anders als alles, was man bisher aus Museen kennt. Interaktive Computer, Pods und Matratzen: Man ist nicht nur Zuschauer, sondern wird Teil der Arbeit. Seit 2008 beschäftigt sich Rafman mit dem digitalen Zeitalter, mit Internet-Subkulturen, virtuellen Welten und KI-generierten Bildwelten. Seine raumfüllenden Installationen machen sichtbar, wie digitale Kultur unsere Identität prägt. In der Ausstellung lässt sich zudem nachvollziehen, wie sich seine visuelle Sprache über fast zwei Jahrzehnte verändert hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 27. September im K21, Ständehausstraße 1 in Düsseldorf zu sehen. Am Samstag schaue ich selbst vorbei und werde kommende Woche berichten.

Das Museum Folkwang in Essen zeigt mit „ICH, GUSTAVE COURBET. Maler und Rebell” eine große Retrospektive. Darauf bin ich schon sehr gespannt. Courbet erneuerte die Malerei des 19. Jahrhunderts, indem er sich gegen die idealisierten Bildwelten des Klassizismus und der Romantik stellte und die soziale Wirklichkeit zum Thema machte. Dabei provozierte er, ohne ein Provokateur zu sein. Die rund 90 Werke der Ausstellung behandeln Courbets Selbstbild und seine Beziehung zur Öffentlichkeit, das Leben einfacher Menschen, erotische Darstellungen, Landschaft und sein Exil. Sein politisches Engagement mündete 1873 in die Flucht aus Paris und ins Schweizer Exil. Er blieb bis zuletzt ein kompromissloser Erneuerer. Am Sonntag um 15 Uhr nehme ich selbst an einer Führung teil. Auch hierzu werde ich dann berichten. Bis zum 8. November im Museum Folkwang in Essen.
Ein Tipp für Berlin, leider derzeit für mich aus der Distanz: Im Bode-Museum zeigt die Ausstellung „Fotografie erzählt Skulptur“, wie stark unser heutiger Blick auf Skulpturen von der Fotografie geprägt ist, einem Medium, das das plastische Original zugleich lenkt und verändert. Mehr als sechzig Aufnahmen vom späten 19. Jahrhundert bis heute treten in einen Dialog mit sieben Skulpturen aus dem 11. bis 17. Jahrhundert. Neun Kapitel untersuchen, wie Licht, Ausschnitt und Perspektive Formen inszenieren und öffnen dabei das bislang wenig bekannte Fotoarchiv des Hauses. Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Oktober im Bode-Museum in Berlin zu sehen.
Und für alle Münchner:innen: Im Haus der Kunst eröffnet die Ausstellung von Tomás Saraceno mit „In Collaboration. Verwobene Welten”. Das Projekt verbindet Kunst, Architektur und Wissenschaft zu Entwürfen für ökosoziale Zukünfte. Im Zentrum stehen seine Forschungsprojekte „Aerocene” und „Arachnophilia” sowie eine neue Arbeit, die er mit indigenen Gemeinschaften von Las Salinas Grandes im Norden Argentiniens entwickelt hat. In dieser Arbeit wird der Widerstand der Gemeinschaften gegen den Lithiumabbau und die Schädigung ihrer Wasserkreisläufe sichtbar. Luftskulpturen, Habitate für verschiedene Spezies und raumgreifende Environments stellen Fragen nach neuen Formen des Zusammenlebens von Menschen und nichtmenschlichen Wesen sowie nach den ökologischen Kosten der globalen Energiewende. Bis zum 7. Februar 2027 im Haus der Kunst, München.

Credit: Ausstellungsansicht Haus der Kunst München, 2026. Foto: Agostino Osio © Haus der Kunst München, 2026
„Sei stark, spricht mein Herz; ich bin ein Soldat; ich habe Schlimmeres gesehen als dies.“ – „Odyssee“ von Homer
Kino mit Literaturanschluss
Diese Woche starten zwei Filme, die sich lohnen, nicht nur im Kino zu erleben, sondern auch das dazugehörige Buch davor oder danach zu lesen.
Seit dem 16. Juli läuft Christopher Nolans „Die Odyssee”, der bereits jetzt als das Kinospektakel des Jahres gehandelt wird. Für den Film wurde eigens eine neue IMAX-Kamera gebaut und der Schnitt erfolgte komplett von Hand – ein enormer Aufwand für ein Werk, das durchgehend auf IMAX-Film gedreht wurde. Dabei ist die Entscheidung nicht bloß technische Nostalgie, sondern ein Anspruch auf sinnliche Präsenz: Ein Bild, das in Auflösung, Körnung und räumlicher Tiefe anders wirkt als das digitale Kino.
Die antike Odyssee von Homer ist eines der ältesten und prägendsten Werke der Weltliteratur. Im Zentrum steht die zehnjährige Heimreise des griechischen Helden Odysseus nach dem Trojanischen Krieg, die geprägt ist von Prüfungen, Entbehrungen und seinem unbändigen Willen, nach Hause zu finden.
Wer „Die Odyssee” im originalen 70-mm-IMAX-Format sehen möchte, muss reisen. In der gesamten EU gibt es nur drei Kinos, die diesen Film im 70-mm-IMAX-Format zeigen: in Prag, Brüssel und Montpellier. Dazu kommt London außerhalb der EU. Der Zoo Palast in Berlin zeigt den Film zwar ebenfalls in IMAX, aber in der digitalen Variante und nicht im seltenen 70-mm-Format. Aufgrund des großen Aufwands und der Einzigartigkeit wäre es wahrscheinlich toll, den Film in dem Format zu sehen, für das Nolan ihn gemacht hat. Vielleicht erleben diese „altmodischen, analogen” Formate dadurch ein Comeback.
Wer hier noch tiefer einsteigen möchte, für den ist das Original von Homer natürlich immer die beste Begleitlektüre. Wer mehr über die Unterschiede zum Film erfahren möchte, kann dies mit dem neu erschienenen Buch „Odysseus. Mythos und Wahrheit” von Raimund Schulz tun. Das elegant geschriebene Buch bietet einen historisch fundierten Zugang zur Odyssee, jenseits moderner Mythen und Idealisierungen, und zeigt, dass Odysseus mehr mit uns zu tun hat, als wir glauben wollen. Es ist bei Klett-Cotta erschienen, hat 320 Seiten und kostet in der gebundenen Ausgabe 25,00 Euro.
Der zweite Tipp, ebenfalls Film gegen Buch: Helen Macdonalds „H wie Habicht“ kommt am 23. Juli in die deutschen Kinos, inszeniert von Philippa Lowthorpe, mit Claire Foy und Brendan Gleeson in den Hauptrollen. Im Zentrum steht Macdonald selbst: Nach dem Tod ihres Vaters verliert sie den Halt und beginnt, einen Habicht abzurichten. Der Vogel Mabel wird dabei nicht bloß zum Tier an ihrer Seite, sondern zur Gegenfigur, an der sie kontrollieren, loslassen und sich selbst neu wahrnehmen lernt. Videovorschau.
Das Buch erzählt Trauer nicht als sentimentale Auflösung, sondern als harte, körperliche und oft widersprüchliche Praxis. Macdonald verspricht keine schnelle Heilung, sondern eine Form der Aufmerksamkeit, die alles verändert. Die Verfilmung setzt sichtbar auf Bildkraft, ohne dabei diese Genauigkeit zu verlieren. Sie ist keine bloße Adaption, sondern eine Einladung, dieselbe Geschichte zweimal zu lesen: erst im Buch, dann im Kino.

Bei aller Nähe zum Ausgangstext bleiben beide Filme unterschiedlich treu. Nolan erzählt seine eigene Version der Odyssee und weicht in vielen Teilen bewusst von Homer ab. Das Epos dient ihm dabei als Material, nicht als Vorlage, die es zu illustrieren gilt. „H wie Habicht” schlägt den entgegengesetzten Weg ein. Gerade dafür, dass der Film mit der literarischen Vorlage mithalten kann, wird er gelobt. Es sind zwei Wege, mit einem Buch umzugehen, und zwei Ergebnisse, die es lohnen, gesehen zu werden.
„Hier wird nicht einfach mit Daten gearbeitet, sondern mit kulturellem Gedächtnis.“
Mein Diskurs-Thema der Woche
Seit Ende April kaufen kanadische und US-amerikanische Firmen deutschen Antiquariaten in großem Stil Bücher ab. Die Altbestände werden inzwischen offenbar auch in Lagerhäusern im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gesammelt. Bislang hat niemand offiziell bestätigt, wofür.
Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um KI-Training handelt, und dieser Verdacht kommt nicht aus dem Nichts. Bereits 2024 hat Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, unter dem Namen „Project Panama” Millionen physischer Bücher gekauft, gescannt und dabei zerschnitten. Anfang 2026 wurde dies durch entsiegelte Gerichtsakten öffentlich. Ein Gericht erklärte das destruktive Scannen selbst als „Fair Use”, die separate Klage wegen ursprünglich aus Piraterie-Quellen stammender Trainingsdaten kostete Anthropic im September 2025 eine Vergleichssumme von 1,5 Milliarden Dollar.
Die aktuelle Kaufwelle ist damit aber nicht automatisch dasselbe. Einer der großen Käufer, die kanadische Firma Zoom Books, bestreitet, die Bücher für das Training von KI zu kaufen. Ein inzwischen gelöschter Blogeintrag mit dem Titel „How to Source Used Books for AI Training: A Bulk Purchasing Guide” nährt den Verdacht dennoch. Ein bestätigter Zusammenhang zu Anthropic oder einer anderen KI-Firma besteht bislang nicht, nur ein sehr plausibler Verdacht.
Für Händler und Antiquariate klingt das trotzdem alarmierend. Es geht ihnen nicht nur um das Urheberrecht, sondern auch um die Sorge, dass seltene oder schwer ersetzbare Bücher aus dem Umlauf verschwinden, bevor überhaupt klar ist, wofür sie genutzt werden. In den sozialen Medien wird die Angelegenheit entsprechend zugespitzt diskutiert: „Sie haben Millionen von Büchern zerstört“ gegen „Die Bücher wurden gekauft, also ist das legal“. Es sind zwei Logiken, die aneinander vorbeireden: die ökonomisch-technische Logik der KI-Firmen und die kulturelle Logik des Buches als physisches, erinnerungstragendes Objekt.
Der eigentliche Streit ist für mich deshalb keine reine Rechtsfrage. Wenn Bücher nur noch als Rohstoff für Modelle gelten, verändert sich der Status von Literatur: Von einem geistigen Werk mit Autor:innenschaft und Materialität wird es zu einem austauschbaren Datenkörper. Genau da wird aus einem Tech-Thema ein kulturpolitisches. Hier wird schließlich nicht einfach mit Daten, sondern mit kulturellem Gedächtnis gearbeitet. Das macht mir ein mulmiges Gefühl. Wie geht es euch damit?
Kultur zeigt sich in dieser Woche als Frage, wer bestimmt, was bleibt, ob bei einem Nachruf im Feed oder bei einem Buch, das zu Trainingsdaten wird.
Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende und einen guten Start in die kommende Woche. Wir lesen, sehen und hören uns nächste Woche wieder. Bleib neugierig. Bleib zugewandt.