Wie wollen wir schreiben? Diese Frage stellten sich zehn Autorinnen und Autoren. Sie fragten sich, was auf dem Spiel steht, wenn Schreiben nicht nur Ausdruck ist, sondern auch der Versuch, im Schreiben Glück zu finden. Was für eine spannende Frage.

Diese Frage hat mich heute persönlich bewegt, mein eigenes Schreiben mal zu erforschen: Warum schreibe ich eigentlich? Ich glaube, ich schreibe vor allem gegen mein eigenes Vergessen. Nicht weil mir das Schreiben als Tätigkeit immer leichtfällt, sondern weil das Aufschreiben mir hilft, Gedanken festzuhalten, sie zu ordnen und genauer zu verstehen. Erst wenn ich sie notiere, kann ich sie weiterdenken.
Schon als Kind habe ich damit begonnen, meine Welt auf diese Weise festzuhalten. Mit etwa zwölf Jahren führte ich mein erstes Journal – ein Notizbuch, das eher einem kleinen, persönlichen Magazin ähnelte als einem klassischen Tagebuch. Ich schrieb auf, was ich erlebt hatte, und notierte meine Gedanken dazu. Außerdem klebte ich Eintrittskarten, Bilder und Zeichnungen hinein. Das mache ich bis heute so.
Doch eigentlich begann diese Form des Festhaltens noch früher: Als Fünf- oder Sechsjährige bastelte ich aus den Modezeitschriften meiner Mutter meine eigenen kleinen Magazine. Ich schnitt Bilder aus, setzte sie neu zusammen, klebte, malte und erfand kleine Überschriften und Geschichten hierzu. Später kam dann noch die erste Brieffreundschaft dazu. Wir schrieben uns regelmäßig und tauschten Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken aus. Schreiben war für mich bereits damals eine Möglichkeit, Verbindung zu schaffen, mich zu erinnern und das Erlebte nicht einfach vorbeiziehen zu lassen.
„Schreiben ist für mich Teil des Verstehens.“
― Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus
Nach meinem Studium und verschiedenen Stationen in der Mode- und Kosmetikbranche sowie nach eigenen Unternehmensgründungen blieb das Aufschreiben zunächst etwas Privates. Ich schrieb weiter, aber nur für mich: in Notizbücher, Journals und kleine persönliche Archive. Der Schritt ins öffentliche Schreiben kam erst später – aus einer Marktlücke heraus. Als ich merkte, dass es für junge Modelabels und Kindermodedesigner keine wirklich brauchbaren B2B-Informationen gab, wurde aus meinem privaten Festhalten plötzlich ein publizistischer Impuls. Ich wollte etwas schaffen, das fehlte – etwas, das ich selbst gern gelesen hätte. So gründete ich 2010 mein erstes Magazin, KIDX, und zugleich meinen ersten Blog.
“When you reach the end of what you should know, you will be at the beginning of what you should sense.”
― Kahlil Gibrán, Sand and Foam
KIDX endete nicht einfach, es ging mir verloren. Mit ihm verschwand nicht nur ein Magazin, sondern auch ein Arbeitszusammenhang, in dem vieles von dem zusammenkam, was mir wichtig war: Blick, Präzision, Neugier und redaktionelle Lust. Solche Verluste reißen erst einmal ein Loch, besonders wenn ein Projekt mehr war als nur ein Projekt.
Gleichzeitig war genau dieser Bruch auch ein Wendepunkt. Denn was an KIDX wirklich wesentlich war, war nicht die einzelne Publikation, sondern die Einstellung dahinter: etwas sichtbar zu machen, das fehlt, und aus einer eigenen Wahrnehmung heraus eine Form zu entwickeln. Diese Haltung habe ich nicht aufgegeben. Sie hat nur einen neuen Raum gesucht und ihn später im Circus Magazine gefunden.
Beim Circus Magazine habe ich zunächst vieles ausprobiert. Es hat lange gedauert, bis ich meine heutige Stimme gefunden habe, und ich bin noch immer auf der Suche. Am Anfang war das Magazin noch eine Fortsetzung von KIDX – ein kleiner Protest gegen den Verlust –, zunächst mit Magazinen und Blogbeiträgen über Mode- und Trendthemen. Erst später wurde Circus Magazine zu dem Ort, an dem sich vieles bündelt, was mich schon lange begleitet: der Wunsch, etwas zu schaffen, das ich in der Medienlandschaft vermisse – einen kuratierten, unabhängigen Raum für Kultur, Gesellschaft und Gedanken. Der Wunsch, mit einer eigenen Stimme etwas in die Welt zu geben. Was früher im Privaten begann, fand hier eine öffentliche Form, die mir bis heute entspricht.
“Despite my pain, I felt not the regret of an ending, but the foreboding of a beginning.”
― Robin Hobb, Fool’s Errand
Wer bin ich also wenn ich schreibe und warum schreibe ich? Meine Antwort ist: Ich schreibe, um genauer zu sehen, was sich in unserer Gegenwart verändert, verschiebt und verdichtet, nicht weil ich das Schreiben als Kür beherrsche. Für mich ist Schreiben Schwerstarbeit. Es kostet mich Kraft, die richtige Sprache, den richtigen Satz und das richtige Wort zu finden. Gerade deshalb habe ich großen Respekt vor Menschen, denen das scheinbar mühelos gelingt. Mir geht es nicht um das Schreiben als Selbstzweck, sondern um die sorgfältige Suche nach einer Sprache, die dem Inhalt gerecht wird. Meine Stimme ist dabei suchend, aufmerksam um Gespräche zu eröffnen. Hannah Arendt formuliert es präzise: Das Bedürfnis nach Vernunft entsteht nicht aus dem Streben nach Wahrheit, sondern aus der Suche nach Sinn.
„To think and to be fully alive are the same.“
― Hannah Arendt, The Life of the Mind
Wenn ich schreibe, dann bin ich jemand, der aufmerksam festhält, ordnet und Zusammenhänge sichtbar machen will. Ich schreibe, um das, wasich wahrnehme, zu verstehen und in Sprache zu bringen. Für mich ist Schreiben somit eine Form des Denkens, Erinnerns und Gestaltens – und zugleich ein Weg, mir selbst und meiner Gegenwart näherzukommen.
Das Circus Magazine und die neuen Formate Kultur*Salon mit dem wöchentlichen kultur*letter sind für mich Orte, an denen ich das, was mich beschäftigt, weiterdenken kann, um es zu verstehen. Schreiben ist für mich heute Arbeit und Annäherung, ein Prozess des Sehens, Sortierens und Verdichtens. In diesem Prozess finde ich meine Stimme.
