Nachrichten im Radio, im Fernsehen und in der Tageszeitung waren für mich lange eine verlässliche Informationsquelle. Mindestens einmal am Tag habe ich Nachrichten gehört oder geschaut, dazu kam im Laufe des Tages Gedrucktes und Digitales. Ein System, dem ich über Jahre hinweg vertraut habe. Die Tagesschau um 20 Uhr oder die Tagesthemen um 22 Uhr. Die SZ und die ZEIT. Das war für mich der Standard und gab mir die nötige Informiertheit.
Und heute? Ich bin Journalistin, Autorin mehrerer Blogs und unterrichte Onlinejournalismus. Eigentlich sollte ich besser gerüstet sein als die meisten. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich eine Meldung aufrufe, kurz innehalte und anfange zu zweifeln. Nicht, weil ich dem Medium grundsätzlich misstraue, sondern weil ich gelernt habe, dass Zweifeln heute zur Pflicht gehört. Erst wenn drei oder vier unabhängige Quellen dasselbe berichten, lasse ich mich wieder fallen. Das ist kein Fortschritt. Das ist Erschöpfung.
Die Pose der Neutralität
Deutschland hat einen Pressekodex, in Österreich heißt er übrigens Ehrenkodex, was ich treffender finde. Es sind ernste Versprechen, an denen sich Leitmedien messen lassen müssen. Und sie bemühen sich redlich darum. Wer glaubt, Objektivität sei von Anfang an nur Fassade gewesen, macht es sich zu einfach.
Dieses Versprechen hat einen konkreten historischen Grund. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Medien in Deutschland neu geordnet wurden, war Objektivität keine abstrakte Berufsethik, sondern eine demokratische Entscheidung. Die Medien unter dem Nationalsozialismus waren ein Propagandainstrument und hatten alle demokratischen Strukturen mitvernichtet. Das sollte nie wieder möglich sein. Objektivität war die Antwort darauf: eine strukturelle Absicherung gegen den Missbrauch von Öffentlichkeit.
Die Information der Öffentlichkeit muss der Wahrheit entsprechen und gewissenhaft recherchiert sein. […] Erkennbare Fehler müssen von den Redaktionen umgehend und transparent richtiggestellt werden
(Ziffer 1, Deutscher Pressekodex)
Doch heute wirkt dieses Versprechen anders. Nicht, weil die Medien schlechter geworden sind, sondern weil sich die Bedingungen verändert haben, unter denen Objektivität erkennbar und vertrauenswürdig ist. In einem Informationsraum, in dem KI-generierte Inhalte, algorithmische Verbreitung und politische Erregung gleichzeitig zirkulieren, reicht es nicht mehr aus, sorgfältig zu arbeiten. Es muss auch sichtbar sein, dass und wie sorgfältig gearbeitet wurde.
Der Preis der Gegenprüfung
Heute vertraue ich einer Meldung erst, wenn drei oder vier unabhängige Quellen dasselbe berichten. Alternativ folge ich auf Instagram oder Substack Menschen, die nah an den Quellen sitzen und als Augen- oder Ohrenzeuge berichten. Das klingt nach vernünftiger Medienkompetenz – und das ist es auch. Aber es ist gleichzeitig auch anstrengend. Sehr anstrengend.
Und ich bin Fachfrau. Was bedeutet das dann für alle anderen?
Was ich beobachte, ist Folgendes: Viele Menschen haben keine Lust mehr, diese Arbeit zu leisten. Sie ziehen sich in kleine Blasen zurück und konsumieren nur noch sehr eingeschränkt oder gar keine Nachrichten mehr. Das ist kein Versagen dieser Menschen. Es ist eine rationale Reaktion auf eine Überforderung, die das System produziert.
Eine Gesellschaft, die das Hinschauen aufgibt, ist jedoch demokratisch gefährdet. Nicht, weil die Menschen böswillig sind, sondern weil Desinformation und Manipulation genau dort gedeihen, wo Erschöpfung den Platz räumt.
Was Journalismus heute leisten müsste
Es gibt Leitmedien, denen ich vertraue. Die ich respektiere. Die sorgfältig arbeiten und das auch zeigen. Sie sind nicht das Problem. Das Problem ist der Lärm drumherum. Denn neben diesen Medien zirkuliert sehr viel, das laut, schnell und unsorgfältig ist. Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr: nicht, dass die Leitmedien schlechter werden, sondern dass sie im Wettbewerb um Aufmerksamkeit beginnen, die Bedingungen dieses Lärms zu akzeptieren. Schneller sein. Zuspitzen. Reichweite sichern. Der Sog ist real.
Was Journalismus heute leisten müsste, ist deshalb keine Neutralität als Versprechen – das reicht nicht mehr aus. Es geht um sichtbare Sorgfalt: Quellen offenlegen, Unsicherheiten benennen, Korrekturen transparent machen und den Unterschied zwischen Nachricht und Einordnung erkennbar halten. Dies darf nicht als Kür, sondern muss als Grundbedingung für Vertrauen betrachtet werden.
Vor jeder Veröffentlichung sind Informationen mit der gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen müssen als solche gekennzeichnet werden.
(Ziffer 2, Deutscher Pressekodex)
Und Medienkompetenz darf nicht länger als Bürgeraufgabe abgeschoben werden. Sie ist eine strukturelle Anforderung an die Medien selbst.
Hier stoßen wir jedoch an eine unbequeme Grenze. Das Grundgesetz sichert Meinungsfreiheit zu – und das ist richtig so, denn es ist eine der wichtigsten demokratischen Errungenschaften. Doch dieselbe Freiheit schützt auch Desinformation, Manipulation und bewusste Verwirrung. Dagegen gibt es kein einfaches Mittel. Verbote wären gefährlicher als das Problem, das sie lösen sollen
Was bleibt, ist keine befriedigende Antwort, sondern eine Haltung: Wer sich nicht verwirren lassen will, muss lernen, mit Ungewissheit umzugehen. Das bedeutet, Quellen zu prüfen, Widersprüche auszuhalten und Komplexität nicht zu glätten. Das ist anstrengend. Aber es ist die einzige Form von Mündigkeit, die in diesem Informationsraum noch trägt. Sie muss früh beginnen – am besten in der Schule, lange bevor der Algorithmus das Denken übernimmt.
Ja, ich bin nachrichtenmüder geworden, aber ich weiß auch, dass Wegschauen keine Option ist. Weder als Journalistin noch als Bürgerin. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Medien noch neutral sind. Die Frage ist, was mit einer Gesellschaft passiert, die auf Nachrichten verzichtet. Das Ideal wäre eine Demokratie mit perfekten Medien, aber das haben wir nicht. Was wir dringend brauchen, sind mündige Menschen, die wissen, was um sie herum passiert. Menschen, die aufgeweckt werden und sich dann selbst bewegen.