Berlin liegt hinter mir. Ich merke, dass ich erst jetzt, ein paar Tage später, wirklich ankomme. Das ist ein gutes Zeichen. Gute Wochenenden brauchen Nachklang.
Was hängengeblieben ist, sind nicht die Galerien. Es ist ein Rettungshubschrauber, der ohne Ankündigung auf einer Wiese in Wilmersdorf landet und genauso ruhig wieder abhebt. Oder eine Frau, die neben mir vor einem Roboterhund mit Jeff-Bezos-Gesicht steht und fragt: „Wer ist denn der mit dem Glatzkopf?” Und 400 000 Holzwürfel auf dem Boden des Hamburger Bahnhofs, die man anfassen, umstapeln und umdenken darf. Manchmal passiert das Eindrücklichste ohne Einladungskarte. Den vollständigen Rückblick habe ich aufgeschrieben – ihr findet ihn hier.
Diese Woche verlagert sich der Blick. Weg vom Berliner Rausch, hin zu Orten, die weniger Lärm erzeugen und dafür mehr Resonanz. Die leisen Orte spielen diese Woche die eigentlichen Hauptrollen.
In dieser Ausgabe habe ich wieder das Beste aus Ausstellungen, Kunst und Stadtereignissen für dich zusammengestellt – passend zum Wochenende, passend zu dir.
Meine Must-See-Ausstellungen
Museum Küppersmühle, Duisburg | Gerhard Hoehme. Ich fahre dieses Wochenende selbst hin – Samstag oder Sonntag ist fest eingeplant. „Enträtsel nicht die Orte“ – so lautet das Thema der Ausstellung. Das klingt wie eine Aufforderung, die ich mir selbst manchmal geben müsste. Nicht alles aufzuschlüsseln. Auch das Ungelöste mals stehenzulassen. Hoehme gehört zu den prägenden Figuren des europäischen Informel und der Abstraktion. Seine Arbeiten öffnen keinen lauten Zugang. Sie verlangen Langsamkeit. Das MKM zeigt einen Überblick über sein Werk, ergänzt durch Leihgaben aus wichtigen Sammlungen. Wer sonntags um 15 Uhr kommt, kann an einer Überblicksführung durch Haus, Sammlung und Wechselausstellung teilnehmen. Das ist ein schöner Anlass, die Ausstellung nicht nur zu sehen, sondern auch im Zusammenhang zu erleben. Und wer heute Abend noch nichts vorhat: Am Freitag, 8. Mai um 16 Uhr gibt es eine kostenlose Führung – Kunst und Literatur im Dialog – über die Verbindungen zwischen Bildkunst und Literatur nach 1945. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Mai 2026.
Virtuelle Führung #2 | GERHARD RICHTER mit Walter Smerling | MKM Museum Küppersmühle Duisburg.
Von der Heydt-Museum, Wuppertal | Carl Grossberg. Auch diese Ausstellung steht am Wochenende auf meiner Liste. Das Von der Heydt-Museum ist eines dieser Museen, in die man hineingeht und drei Stunden später wieder herauskommt und sich fragt, warum man nicht schon viel früher hier gewesen ist. Seit dem 22. März läuft dort die erste Grossberg-Retrospektive seit über 30 Jahren – und allein das macht den Besuch lohnenswert. Grossberg ist Maler der Neuen Sachlichkeit. Aber er ist mehr als ein Chronist von Industrie und Architektur. Er ist ein präziser Beobachter einer Moderne, die ihre Verheißungen und Brüche gleichzeitig sichtbar macht. Dabei beschäftigt mich eine Frage, die ich nicht loswerde: Wie viel Fortschritt verträgt das Bild – und wie viel Unsicherheit steckt in seiner Ordnung? Wer nach Wuppertal fährt, sieht keine abgeschlossene Kunstgeschichte. Sondern eine sehr offene Gegenwartsfrage. Ich bin sehr gespannt!

Falls es noch für einen Abstecher nach Dortmund reicht: Ina Webers „Trümmerbahnen” im Museum Ostwall im Dortmunder U verwandeln Minigolf in einen Denkraum. Während man spielt, denkt man über Nachkriegsarchitektur, Stadtbild und unsere widersprüchliche Beziehung zu Beton nach. Die kluge Pointe steckt im Format selbst. Das Museum holt eine Arbeit aus dem öffentlichen Raum ins Haus und verschiebt damit den Blick auf Kunst, die sonst schnell als bloßer Spaß abgetan würde. Der Eintritt ist frei, sonntags um 15 Uhr finden Führungen statt. Bis zum 7. Juni 2026.
Neueröffnung in Wolfsburg
Kunstmuseum Wolfsburg | On Nervous Grounds – Zwischen Wahn und Wirklichkeit. Die Ausstellung wird heute Abend, am 8. Mai 2026 um 19 Uhr eröffnet und läuft bis zum 27. September 2026. „On Nervous Grounds” ist nicht nur ein Ausstellungstitel, sondern eine Zustandsbeschreibung. Zwischen Überforderung, Wahrnehmungskrise und Realitätsverlust wird Kunst hier zum Sensorium für eine nervöse Gesellschaft. Das steht bei mir – nicht fürs Wochenende, aber demnächst definitiv – auf meiner Must-See-Liste.

Ausflugtipp zum Muttertag oder Vatertag – für alle im Westen
Kröller-Müller-Museum in Otterlo, Niederlande. Muttertag ist am Sonntag und ich finde, das ist ein schöner Anlass für einen Ausflug – obwohl er eigentlich keinen Anlass braucht. Das Museum befindet sich mitten im Nationalpark De Hoge Veluwe. Es beherbergt die weltweit zweitgrößte Sammlung von Werken Vincent van Goghs sowie einen der größten Skulpturengärten Europas. Für mich ist das Kröller-Müller ein Gegenmodell zur urbanen Kulturüberreizung: bedeutende Sammlung, weitläufiger Skulpturenpark, Landschaft. Man kommt anders rein als in ein Stadtmuseum. Und man geht anders raus. Mein letzter Besuch liegt allerdings schon etwas zurück: Im November 2024 war ich mit der ganzen Familie dort.

Im Blick: 61. Venedig Biennale
Biennale di Venezia | Eröffnung: 9. Mai 2026. Die Biennale eröffnet morgen, und ich fahre im Juni hin. Was mich schon jetzt beschäftigt, ist nicht das Programm, sondern das Vorfeld. Die Jury ist zurückgetreten. Die Eröffnungsfeier wurde abgesagt. Die Preisvergabe wurde verschoben. Auslöser war die Ankündigung Russlands, erstmals seit Beginn der Vollinvasion in der Ukraine wieder teilzunehmen, was vom Biennale-Präsidenten als kulturelle Waffenruhe verteidigt wurde. Daraufhin strich die EU zwei Millionen Euro Zuschüsse. In einem offenen Brief forderten fast 200 Künstler:innen, Kurator:innen und Mitarbeiter:innen, Israel solle seinen Pavillon geschlossen halten. Südafrika zog das Werk von Gabrielle Goliath zurück – aus einem Land, das selbst eine Völkermordklage gegen Israel eingereicht hat. Die Konsequenz: Statt der Jury entscheidet dieses Jahr erstmals das Publikum. Die Preise werden im November vergeben.
Die Biennale war schon immer ein Spiegel – für Sichtbarkeitspolitik, nationale Repräsentation und den Zustand der Welt. Dieses Jahr hält sie uns diesen Spiegel sehr direkt hin. Ich werde das beobachten nd hier weiter darüber schreiben.
Hörtipp, Lesetipp und ein TV-Tipp
Mein Must-Hear-Tipp ist Hotel Matze mit Dr. Stephan Marks – über Scham. Ich habe diese Folge am Dienstag im Zug gehört und denke noch immer darüber nach. Das ist für mich das Zeichen eines guten Gesprächs: Wenn es nicht aufhört, nachzuwirken.
Stephan Marks ist Sozialwissenschaftler und einer der wenigen deutschen Forscher, die das Thema Scham als soziales, politisches und biografisches Phänomen wirklich ernst nehmen. Für ein Forschungsprojekt hat er Hitler-Anhänger interviewt, um zu verstehen, warum so viele Menschen ihm folgten. Die Antwort führt unter anderem zur Scham.
Am meisten bewegt mich die Frage, was Scham mit uns als Gesellschaft macht. Wie sie weitergegeben wird – von Generation zu Generation, fast lautlos. Wie viel von dem, was wir für Wut halten, eigentlich Scham ist. Marks unterscheidet klar zwischen Scham und Beschämung, spricht über Würde, Perfektionismus und Schuld, ohne zu psychologisieren. Er macht das Thema kulturfähig. Das ist selten.
Auf Spotify oder YouTube, erschienen 2. Mai 2026.
Mein Must-Read-Tipp für diese Woche ist ein ziemlich dicker Wälzer (960 Seiten) mit dem Titel „I Have a Dream – 250 Jahre Vereinigte Staaten von Amerika“, der gerade im Manesse Verlag erschienen ist. Die Presse schreibt dazu: „Ein epochenumspannendes Panorama des amerikanischen Geistes“ und „Ein Roadtrip in Storys, Gedichten, Songs, Essays, Reden, Briefen und Reportagen.“ Das sind 250 Jahre USA und es klingt nach Jubiläumsrhetorik. Dieses Buch tut jedoch das Gegenteil: Es macht den amerikanischen Mythos als kulturelles Spannungsfeld zwischen Versprechen und Wirklichkeit, zwischen Ideal und Bruch sichtbar. Gerade jetzt ist das kein historisches Thema. Es ist ein sehr aktuelles Thema. Gebundene Ausgabe, 40,00 Euro.

Hier noch mein Must-See-TV-Tipp auf Arte: TWIST: Liebe heute – Wie klappt das?
Der Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton betrachtet die Liebe nicht aus einer romantischen, sondern aus einer philosophischen Perspektive – als kulturelles und soziales Arrangement. Ein kluger Impuls für alle, die das Leben schon eine Weile kennen und keine einfachen Antworten mehr brauchen. Die Liebe als Thema, das ernst genommen werden will. Übrigens gründete Botton im Jahr 2008 in London die „The School of Life“ (TSOL), eine internationale Bildungseinrichtung und Content-Plattform, die sich der Förderung emotionaler Intelligenz widmet. Mittlerweile gibt es Ableger unter anderem in Berlin, Amsterdam, Paris und Melbourne sowie einen sehr populären YouTube-Kanal.
Zu guter Letzt …
Als Ausklang für heute, meine Entdeckung der Woche ist der Künstler „Pascal Monteil” mit seinen wunderschönen Stickarbeiten. Nicht der Künstler selbst ist mir aufgefallen, sondern die Tatsache, dass er jetzt eine eigene Ausstellung im Musée d’art Roger-Quilliot hat. Was für ein schöner Erfolg! Paris steht ja auch noch dringend auf meiner Besuchsliste.

Wir sehen, hören und lesen uns nächste Woche wieder. Ich habe ein volles Wochenende, die nächste Woche wird mit Feiertag und brückenfreiem Freitag eine kurze Arbeitswoche. Das passt gut. Bis dahin wünsche ich euch viel Freude im Kino, im Museum, mit Büchern oder im Gespräch mit anderen. Bleibt neugierig und zugewandt!